Lebensart

„In Sachen Umwelt- und Klimaschutz ist es eigentlich schon fünf nach zwölf“

Claus-Peter Hutter ist nicht nur Leiter der Akademie für Natur- und Umweltschutz Baden-Württemberg, sondern setzt sich auch als Präsident der Stiftung NatureLife-International für nachhaltige Entwicklung und Umweltmanagement ein. top magazin sprach mit dem gebürtigen Marbacher über aktuelle Projekte, Forderungen und Ziele, die er damit verfolgt.


Zur Person

Claus-Peter Hutter wurde 1955 in Marbach a. N. geboren und studierte Verwaltungswirtschaft. Haupt-beruflich befasst er sich als Leiter der Umweltakademie des Landes Baden-Württemberg mit der Suche nach neuen Wegen für eine breite Umweltbildung als Basis für die nachhaltige Sicherung von Umwelt- und Lebensqualität. Arbeitsschwerpunkte seines ehrenamtlichen Engagements als Präsident der Umweltstiftung NatureLife-International sowie als Lehrbeauftragter der Universität Stuttgart sind unter anderem die Rehabilitation zerstörter Regenwaldflächen und die Verknüpfung von Armutsbekämpfung, Klimaschutz und nachhaltiger Entwicklung unter anderem in Kooperation mit der Help Alliance der Deutschen Lufthansa, Allianz Deutschland und Wolff & Müller. Claus-Peter Hutter initiierte die ersten Umwelt-Städtepartnerschaften in Europa und konzipierte nationale sowie internationale Umwelt- und Naturschutz-Kampagnen. Für sein Engagement bei der Verknüpfung von Wissenschaft und Praxis wurde ihm von der Visayas State University, Philippinen, die Ehrendoktorwürde (2003) und von der Universität Hohenheim die Ehrensenatorwürde (2006) verliehen. Darüber hinaus erhielt er für sein außergewöhnliches Engagement 2008 den B.A.U.M.-Umweltpreis (Bundesdeutscher Arbeitskreis für Umweltbewusstes Management e.V.), 2012 die Ludwig-Eberhard-Verdienstmedaille des Landkreises Ludwigsburg und 2018 das Bundesverdienstkreuz.

 


 

top: Herr Hutter, Umwelt- und Klimakatastrophen, Artensterben und vieles mehr: Wie schlimm ist es denn um die Erde bestimmt?

Hutter: Etwas überspitzt gesagt: Wir leben noch – aber viel zu sorglos. Auch für Menschen, die nicht auf den zahlreichen Umweltkonferenzen herumsitzen, sind die massiven Klimaveränderungen längst im Alltag angekommen. Tatsache ist: Der Klimawandel steht uns nicht bevor, er ist bereits da. Es ist also Zeit zu handeln, statt immer weiter zu verhandeln.

top: Wie handelt denn die von Ihnen vertretene Stiftung NatureLife-International?

Hutter: Wir handeln, indem wir regelmäßig neue Projekte auf die Beine stellen und diese mit großem Engagement verfolgen. Schon seit einigen Jahren engagiert sich unsere Stiftung zum Beispiel für das Projekt „Rainforestation Farming“. Bei dieser Methode werden Elemente umweltgerechter Landwirtschaft mit denen eines naturgemäßen Waldbaus verbunden. Abgeholzte, ehemalige Regenwaldflächen werden nicht für immer als verloren betrachtet, sondern als Chance für Natur aus zweiter Hand gesehen und nachhaltig aufgeforstet. Das hat sich bereits auf den Philippinen, auf Sri Lanka, auf Java, in Vietnam sowie in den Bulang-Bergen im Grenzgebiet zwischen China und Laos bewährt. Ein konkreter Beitrag, um Klimaschutz, Armutsbekämpfung und Biodiversitätsschutz voranzubringen, ist auch der interkontinentale Nachhaltigkeitsdialog zwischen dem Landkreis Reutlingen und Ulundi in Kwa-Zulu Natal (Südafrika), den unsere Stiftung auf den Weg gebracht hat. Die Zusammenarbeit zwischen den beiden Regionen umfasst hierbei verschiedene Lebensbereiche der nachhaltigen Entwicklung – neben Umwelt- und Naturschutz sowie Landschaftsentwicklung etwa auch die medizinische Versorgung und Bildung.

 

Dialog in Sachen umweltschonender Weinbau: Claus-Peter Hutter zusammen mit seiner Königlichen Hoheit Prince Charles und Winzer Gert Aldinger

 

top: Insbesondere das Thema Bildung in Bezug auf Umwelt und Klima sollte sicher auch bei uns in Deutschland noch mehr an Bedeutung gewinnen.

Hutter: Auf jeden Fall, denn nur wer versucht, die Natur mit all ihrer Vielfalt und ihren Phänomenen zu verstehen, ist letztlich in der Lage, die natürlichen Lebensgrundlagen zu erhalten. Doch zum Verständnis der Natur gehört auch das Verständnis für die Menschen. Schließlich sind wir alle ein Teil der Natur. Auch hier setzt deswegen unsere Arbeit an. Empathie als Basis für mehr Ökologie und nachhaltige Ökonomie ist Teil unserer Strategie im Sinne gerechter, nachhaltiger Entwicklung. Bei mir heißt das Bildungs-Empathie. Wenn wir nicht wirklich verstehen, warum Menschen in den ärmeren Regionen aus purer Not in Natur eingreifen, wird es uns nie gelingen, faszinierende Tiere, wunderbare Pflanzen und erstaunliche Ökosysteme zu bewahren. Armutsbekämpfung durch nachhaltige Entwicklung und das Einbeziehen der Menschen der jeweiligen Regionen ist der Schlüssel für Natur- und Umweltbewahrung schlechthin.

top: Stichwort Artenschutz: In Ihrem gemeinsam mit Volker Angres, Leiter der ZDF-Umweltredaktion verfassten Buch „Das Verstummen der Natur“ beklagen Sie den ökologischen Staatsbankrott und fordern eine radikale Wende in der Agrarpolitik. Was hat es damit auf sich?

Hutter: Wir haben in Deutschland und Europa binnen 50 Jahren die Schöpfung quasi halbiert und mehr Arten an den Rand der Ausrottung gedrängt als dies in 50.000 Jahren zuvor der Fall war. Doch es wird weiter gewurstelt als wäre nichts passiert. Zwar hat Bundesumweltministerin Svenja Schulze unter dem Druck etlicher jüngerer Studien zum Insekten- und Artensterben ein 100 Millionen Euro schweres Rettungsprogramm vorgeschlagen, vorwiegend zur Finanzierung von Forschung und Monitoring. Doch dieses Programm ist nicht zielführend, um den ökologischen Staatsbankrott abzuwenden. Wer so lange forscht, bis keine Insekten mehr vorhanden sind, hat den Ernst der Lage nicht erkannt.

 

„Die Politik muss sich endlich aus den Fangarmen der diversen Lobby-Kraken befreien.“

 

top: Worauf führen Sie denn das Artensterben zurück?

Hutter: Eine der wesentlichen Ursachen ist längst bekannt: die durchindustrialisierte Landwirtschaft. Alle Bemühungen der EU, die Agrarwirtschaft „grüner“ zu gestalten, sind weitgehend ins Leere gelaufen. Noch immer werden Subventionen nach Größe der Flächen beziehungsweise Größe der Viehbestände bezahlt. Das Ausnehmen kleiner Grünstreifen an den Feldrändern ist nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Und den 100 Millionen Euro für den angeblichen Insektenschutz stehen viele Milliarden falsch eingesetzter, die biologische Vielfalt immer mehr vernichtenden Agrarsubventionen gegenüber. Was wir dringend brauchen – und das fordert auch mein Mitautor Volker Angres –, ist ein neuer „Vertrag“ zwischen den Bauern und der Gesellschaft. Zweifelsohne wollen die Landwirte wie alle anderen Berufstätigen auch ein gesichertes Einkommen. Wenn aber ein erheblich größerer Teil davon künftig für Leistungen bezahlt wird, die der Natur und dem Artenschutz zugutekommen, dürften die allermeisten Landwirte nichts dagegen haben. Doch alle Bemühungen in Brüssel, die gemeinsame europäische Agrarpolitik entsprechend auszurichten, sind bisher am Widerstand der konservativen Bauernverbände gescheitert. Als Beispiel nenne ich hier nur die Neuregelung der Vorschriften zum Ausbringen von Dünger. Es hat mehr als ein Vierteljahrhundert gedauert, bis die aktuelle verschärfte Verordnung in Kraft treten konnte. Denn immer wieder haben die Funktionäre des Deutschen Bauernverbandes durch geschicktes politisches Taktieren einen Aufschub erreicht.

top: Sie sehen also vor allem auch die Bundesregierung verstärkt in der Pflicht?

Hutter: Unbedingt, die Politik muss sich endlich aus den Fangarmen der diversen Lobby-Kraken befreien. Nur eine an den fachlichen Erkenntnissen orientierte Politik mit klaren Ansagen, Fristsetzungen und strafbewehrten Sanktionen kann die notwendigen Korrekturen herbeiführen und das völlige Verstummen der Natur aufhalten. Jeder Tag, an dem in diesem Punkt nichts geschieht, ist ein verlorener Tag.

top: Muss beim internationalen Artenschutz nicht auch verstärkt die lokale und regionale Bevölkerung in Schutzprojekte einbezogen werden?

Hutter: Das würde auf jeden Fall Sinn machen. Denn nur wenn die Menschen auch Vorteile für sich sehen, bringen sie Akzeptanz auf.

 

Beobachtungsturm Storchennest in Ludwigsburg-Poppenweiler: Die Umweltstiftung NatureLife hat hier in Partnerschaft mit der Stadt Ludwigsburg Naturerlebnis und Umweltbildung zusammengebracht

 

top: Was die Projekte von NatureLife-International anbelangt, sind Sie ja auch regional sehr aktiv.

Hutter: Ja, die eigene Heimat ist mir wichtig. Eines der ersten Neckar-Projekte konnten wir bereits im Jahr 1997 mit anstoßen und erfolgreich umsetzen: Auf der Gemarkung Benningen schräg gegenüber dem Schillermuseum Marbach, wurde ein 400 Meter langer Neckararm angelegt, der schnell zur Heimat für verschiedene Fischarten und zum Brut- und Rastplatz für zahlreiche Vögel wie Eisvogel und Gänsesäger wurde. Noch in den späten 1960er-Jahren war der Neckar eine stinkende Brühe, die an den Schleusen meterhohe Schaumberge bildete. Heute – über 50 Jahre später – präsentiert sich der Fluss glücklicherweise in einem anderen Bild.
Mit dem Bau von Kläranlagen hat sich die Wasserqualität merklich verbessert. Und auch die Bevölkerung zeigt immer mehr Interesse am Neckar, der mittlerweile nicht mehr nur als Wirtschafts- und Verkehrsachse, sondern auch als grüner Lebens- und Erholungsraum wahrgenommen wird. Auch das Projekt „Neckarbiotop Zugwiesen“ in Ludwigsburg-Poppenweiler direkt am Landesradweg ist ein tolles Beispiel dafür, was umgesetzt werden kann, wenn Stadt, Region, Land, Ämter und Förderer an einem Strang ziehen. Nach einer mehrjährigen Planungs- und Bauphase konnte im Juni 2012 in direkter Nachbarschaft zum Neckar das rund 18 Hektar große Gelände geflutet werden. Seither erobern sich Wasservögel, Amphibien, Fische und Pflanzen Stück für Stück ihren Lebensraum zurück.

top: Naturbewahrung und Klimaschutz ist also immer und überall machbar.

Hutter: Auf jeden Fall – selbst auf dem Cannstatter Wasen in Stuttgart, dem zweitgrößten Volksfest der Welt. In Grandls Hofbräu-Zelt zeigt Festwirt Hans-Peter Grandl, mit dem uns eine Umwelt- und Klimaallianz verbindet, dass er sich dem leiblichen Wohl seiner Gäste ebenso verpflichtet fühlt wie der Umwelt. Dementsprechend sorgfältig werden Lieferanten und Partner ausgewählt. Die knusprig zubereiteten Enten stammen aus Freilandhaltung aus Hohenlohe, sämtliche Biertreber-Brötchen werden aus regional produziertem Biomehl in einer Bäckerei gebacken, die sich gerade einmal neun Kilometer vom Festzelt entfernt befindet. Die Bäuerliche Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall mit ihren rund 1.500 Familienbetrieben liefert nachhaltig und ökologisch produzierte Fleischwaren wie das Bœuf de Hohenlohe und das Schwäbisch-Hällische-Qualitätsschweinefleisch sowie Ökogewürze. Erzielt werden auf diese Weise kurze Lieferwege, die durch ihre Emissionsvermeidung ein wichtiger Beitrag zum Klimaschutz sind. Und mit Spenden von Hans-Peter Grandl forsten wir ehemalige Regenwaldflächen wieder auf. Dabei unterstützt uns auch die Wolff & Müller-Gruppe.

 

„Kurze Lieferwege sind durch ihre Emissionsvermeidung ein wichtiger Beitrag zum Klimaschutz.“

 

top: Ist der Klimawandel tatsächlich aufzuhalten?

Hutter: Das kann niemand beantworten. Wer behauptet, er könne das, handelt unredlich. Aber wir sollten alles dafür tun, um die nicht mehr übersehbaren Folgen zu mildern. Es gibt ja auch ein paar wenige, die sagen, der Klimawandel sei naturgegeben. Aber selbst wenn dem so ist, dürfen wir als Mensch nicht noch eins draufzusetzen. In Sachen Umwelt- und Klimaschutz ist es eigentlich schon fünf nach zwölf.

 

Naturschutz mit und nicht gegen die Menschen: So lautet das Motto von Claus-Peter Hutter, hier in einem Projektgebiet in Laos

 

top: Was kann denn jeder Einzelne tun?

Hutter: Zum Beispiel im eigenen Haus Strom sparen und regional einkaufen, um lange Transportwege zu vermeiden. Der Garten sollte naturnah als Lebensraum und natürliche Klimaanlage rund um das Haus gestaltet sein; denn wir werden noch viel mehr Hitzesommer bekommen. Und wer internationale Kontakte hat, sollte Umwelt- und Klimaschutz nicht sektiererisch oder pseudoalternativ darstellen, sondern als so sexy, dass die Meinung sich breit macht: Umweltschutz gehört zum guten und positiven Lifestyle genauso dazu wie ein gesundes Essen. Außerdem müssen wir daran arbeiten, dass der Wissensverlust in Sachen Heimat, Natur, Landschaft, Ernährung nicht weiter um sich greift. Vielmehr müssen wir unser Wissen weitergeben an die Jugend. Denn wir haben hier eine dramatische Wissens-Erosion, viele junge Menschen können eine Amsel nicht mehr von einem Spatz unterscheiden.

top: Letzte Frage: Wie finanziert sich die Stiftung NatureLife-International?

Hutter: Überwiegend über Spenden und Projekte oder darüber – und das kann jeder tun –, seinen nicht vermeidbaren CO2-Ausstoß zu kompensieren. Auf unserer Homepage findet sich unter www.naturelife-international.org. ein Klimarechner namens „GlobeClimate“. Damit kann jeder den CO2-Ausstoß seiner Autofahrten oder seiner Flüge berechnen, in Euro umrechnen und diesen Betrag dann als Spende an NatureLife überweisen. Dieses Geld wird dann zu 100 Prozent für die Wiederaufforstung von Wäldern eingesetzt oder auch – als Aktion für unsere Heimat – zur Renaturierung unserer Moore und anderer Feuchtgebiete. Natürlich sind es bei einem einzelnen, der seine gefahrenen Kilometer auf diese Weise kompensieren möchte, vielleicht nur 50 Euro. Doch schon zehn davon machen zusammen 500 Euro. Und mit 5.000 Euro kann man zweieinhalb Hektar Regenwald aufforsten – nutzbaren Regenwald, der den Menschen vor Ort ein Auskommen gibt, die Landflucht stoppt und auch den Boden fixiert. Das ist wichtig, denn wenn es vor Ort keine Hilfe gibt, bleibt als Ausweg oft nur die Flucht in andere Teile der Welt wie etwa nach Europa.

Die Fragen stellte Matthias Gaul

 


 

Buchtipps

 

Volker Angres, Claus-Peter Hutter: Das Verstummen der Natur. Das unheimliche Verschwinden der Insekten, Vögel, Pflanzen – und wie wir es noch aufhalten können
Ludwig Verlag, 336 Seiten, 20 Euro

Claus-Peter Hutter: Die Erde rechnet ab. Wie der Klimawandel unser tägliches Leben verändert – und was wir noch tun können
Ludwig Verlag, 304 Seiten, 17 Euro
Artikel von www.top-magazin.de/stuttgart