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„Ich werde wie ein Löwe für die Kunst kämpfen“

Alles auf Anfang: Erstmals in der Geschichte der Württembergischen Staatstheater starten in diesem Herbst alle drei künstlerischen Sparten gleichzeitig in eine neue Intendanz. Chef der Staatsoper ist nun Viktor Schoner, der sich vorgenommen hat, viel Neues zu wagen und gleichzeitig an bestehende Traditionen anzuknüpfen. top magazin sprach mit dem gebürtigen Aschaffenburger über sein Zukunftskonzept für das Haus.


 

top: Herr Schoner, Sie waren in den letzten Jahren als künstlerischer Betriebsdirektor an der Bayerischen Staatsoper tätig, Stuttgart ist Ihre erste Intendanz. Mit welchen Erwartungen gehen Sie an die neue Aufgabe heran?

Schoner: Ich betrachte die Intendanz in Stuttgart als große künstlerische und persönliche Herausforderung. Ich freue mich sehr auf die neue Aufgabe und bin denke ich gut gewappnet, um die zahlreichen und so verschiedenen Mosaiksteinchen dieses Opernbetriebs zu einem stimmigen Gesamtkonzept zusammenzufügen.

top: Was meinen Sie mit „gewappnet“?

Schoner: Als Intendant trage ich die letzte Verantwortung für das künstlerische Konzept. Dafür muss man gewappnet sein. Es ist vielleicht wie bei einem Umzug: Obwohl man alles akribisch geplant und vorbereitet hat, geschehen dann immer wieder unvorhersehbare Dinge und es wird möglicherweise doch anstrengender als gedacht.

top: Welche Erfahrungen können Sie aus München in Stuttgart einbringen?

Schoner: Eine ganze Menge. Der gesamte Betrieb ist bei aller Verschiedenheit der beiden Repertoire-Häuser doch vergleichbar. In der Außendarstellung sehe ich dagegen schon größere Unterschiede. Stuttgart hat ein anderes Selbstverständnis als München. Mein Eindruck ist, dass man in Stuttgart extrem gründlich zur Sache geht, tief schürft und vieles hinterfragt – mehr als an anderen Opernhäusern. Davon profitiert die Kunst ungemein. Das kommt mir sehr entgegen, weil es auch meinem Anspruch an ein hochkarätiges Musiktheater des 21. Jahrhunderts entspricht. Die einzigartige Stärke der Staatsoper Stuttgart sehe ich in der gewachsenen Balance aus dramaturgisch konsequent durchdrungenen, innovativen Inszenierungen, herausragender musikalischer Qualität ohne Star-Allüre und nicht zuletzt einem neugierigen, kenntnisreichen Publikum, das zu seinem Ensemble- und Repertoirehaus steht. Intern gibt es einen Ensemblegedanken, der die künstlerischen Kollektive, die verschiedenen Gewerke und die Werkstätten ganz selbstverständlich einschließt und der eine unschlagbare Kraft darstellt, wenn alle am gleichen Strang ziehen. Das gibt es in dieser Form kein zweites Mal auf der Welt. Diese Balance zu pflegen ist eine meiner wichtigsten Aufgaben.

 

Mit einer Neuinszenierung von Richard Wagners „Lohengrin“ startet die Staatsoper Stuttgart in die Opernsaison 2018/19 unter der neuen Intendanz von Viktor Schoner. Cornelius Meister dirigiert, Árpád Schilling führt Regie.

 

top: Ihren Vorgänger Jossi Wieler hat man regelmäßig auch als Regisseur erlebt. Sie selbst inszenieren nicht?

Schoner: Nein, ich bin kein Regisseur. Ich sehe meine Aufgabe als Intendant darin, in den hochkomplexen Produktionsabläufen des Opernbetriebs hinter den Kulissen die dabei wirkenden Kräfte so ausbalanciert wie möglich zu moderieren. Manchmal kann es da sogar hilfreich sein, wenn man selbst nicht Teil dieser Kräfte ist. Wir haben ein sehr gutes Team und ich freue mich speziell auch auf die Zusammenarbeit mit Cornelius Meister als neuem Generalmusikdirektor.

top: Cornelius Meister haben Sie mit ins Boot geholt, weil Sie der Überzeugung sind, gemeinsam mit ihm Ihre Idee von Oper am besten umsetzen zu können?

Schoner: Unbedingt. Die klare Entscheidung für ihn fiel in enger Abstimmung mit dem Orchester. Wir haben uns gefragt, was wir hier in Stuttgart in den kommenden Jahren gemeinsam realisieren wollen. Daraufhin wurde ein Profil erstellt, um so die optimale Besetzung dieser Stelle finden zu können.

top: Die Stuttgarter Oper steht angesichts der geplanten Sanierungs- und Erweiterungsmaßnahmen vor immensen Herausforderungen. Wie lässt es sich in einem solchen Umfeld arbeiten?

Schoner: Sehr gut. Die Stuttgarterinnen und Stuttgarter werden mich als jemanden kennenlernen, der wie ein Löwe für die Kunst kämpft. Wir müssen zuallererst über die Kunst reden und nicht über die Steine, in denen die Kunst stattfindet. Die Debatte um die geplanten Maßnahmen ist für Stuttgart zweifelsohne aufregend, weil der Littmann-Bau für die ganze Stadt einen zentralen Identifikationsort darstellt. Insofern steht außer Frage, dass es diesen Bau zu erhalten gilt. Da es dabei um sehr viel Geld geht, müssen wir für eine hohe Akzeptanz in der Stadtgesellschaft sehr transparent agieren.

top: Wie bewerten Sie die Diskussionen um den Interimsstandort? Sie haben ja selbst schon eine Inszenierung für das ehemalige Paketpostamt im Programm angekündigt. Dieser Standort scheint ja nun vom Tisch zu sein.

Schoner: Vom Tisch ist dieser Standort meines Wissens noch nicht. Wir haben „Herzog Blaubarts Burg“ von Béla Bartók zu einer Zeit geplant, als das ehemalige Paketpostamt die einzige Möglichkeit für eine Ausweichspielstätte schien. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Sicherlich kann man einwenden, dass die notwendige Sanierung dieses Standorts sehr teuer ist – erst recht, wenn man bedenkt, dass das Gebäude nach unserer Zwischennutzung abgerissen werden soll. Vielleicht ist die Sanierung des Paketpostamts aber auch günstiger zu bewerkstelligen als bislang angenommen, ohne die wesentlichen Anforderungen für die Kunst vernachlässigen zu müssen? Oder vielleicht muss das Gebäude hinterher gar nicht abgerissen werden, weil sich noch eine andere Nutzungsmöglichkeit ergibt? Vielleicht hängt die berechtigte Forderung nach „Nachhaltigkeit“ aber auch gar nicht ausschließlich an der Frage, ob das Gebäude hinterher abgerissen wird oder nicht. Unser im Paketpostamt geplantes Projekt „Herzog Blaubarts Burg“ ist ein Versuch, diesen Standort unter ganz verschiedenen Aspekten nochmals zu hinterfragen. Bartóks Oper ist allerdings auch rein inhaltlich das ideale Stück für das ehemalige Paketpostamt: Blaubarts neue Ehefrau Judith will mit ihrer Liebe zum Herzog die düsteren Hallen von dessen Burg erhellen und die Türen aufreißen, hinter denen sich Blaubarts Geheimnisse verbergen.

 

„Faszinierend ist für mich auch, wie viel und wie schön die Stuttgarter zu feiern wissen.“

 

top: In Ihrem ersten Stuttgarter Spielplan stellen Sie viele Fragen. Fragen wie „Woher kommst Du?“, „Wohin gehst Du“? „Wem glaubst Du“? Welche Antworten hat man zu erwarten und wie stehen sie in Verbindung mit Werken wie Lohengrin, Requiem für L. oder Nixon in China?

Schoner: Hinter den Fragen steckt der Versuch, die komplexen Zusammenhänge unserer Gegenwart mit der wunderbaren Kunstform Oper zu erforschen. Es ist der Versuch einer Differenzierung – auch als Reaktion auf vereinfachende Antworten. Wir werden uns die Antworten auf die Fragen sehr ernsthaft erarbeiten. Mit den Fragestellungen haben wir gleichzeitig ein wenig Zeit gewonnen, da wir im ersten Jahr als Team zunächst einmal in die Stadt hineinhören und ankommen wollen. Viele unserer Opern im neuen Spielplan waren zu ihrer Zeit übrigens Reformopern und haben den Blick gerade auch in ihrer Handlung nach vorne gerichtet.

top: Vor dem großen Umzug der Oper haben Sie bereits ein neues Opernhaus gegründet: JOiN – Junge Oper im Nord. Worauf darf man sich dabei freuen?

Schoner: Der Umzug der Jungen Oper in ein eigenes Opernhaus auf eigenem Campus ist der konsequente und notwendige Schritt, damit sich dieses Juwel der Staatsoper weiter entfalten und seine Erfolgsgeschichte fortschreiben kann. Die Spielstätte am Löwentor bietet beste Bedingungen dafür, unsere Arbeit zu intensivieren und auszuweiten. Hier werden wir unsere Vermittlungsstrategie weiterentwickeln, unser Repertoire kontinuierlich vergrößern und zugleich mit mehr Vorstellungen auf den Bedarf unseres Publikums reagieren können. Außerdem wollen wir mit dem JOiN eine gläserne Opernwerkstatt erschaffen, in der eine vielfältige Gesellschaft die Prozesshaftigkeit künstlerischen Arbeitens in jedem Stadium der Produktion miterleben kann – bei offenen Proben, partizipativen Projekten oder im digitalen Raum. Los geht es im Dezember.

top: Hatten Sie auch schon Zeit, in das Stuttgarter Kulturleben einzutauchen?

Schoner: Natürlich! Wo soll ich bei dem unglaublichen Angebot in dieser Stadt anfangen? Kunstmuseum, JES, Literaturarchiv – Stuttgart bietet kulturell eine fantastische Vielfalt und Fülle. Faszinierend ist für mich aber auch, wie viel und wie schön die Stuttgarter zu feiern wissen. Hier jagt ein Fest das nächste, das ist schon einmalig.

top: Fußballfan sind Sie auch?

Schoner: Als Vater von drei Jungs bleibt einem da fast nichts anderes übrig. Mein Herz hat in den letzten Jahren für die Bayern geschlagen, aber wer weiß – vielleicht ändert sich das ja? Sympathischer ist mir der VfB schon jetzt.

 

Viktor Schoner im Gespräch mit Karin Endress und Matthias Gaul

 

 


Zur Person

Viktor Schoner, Jahrgang 1974, ist in Aschaffenburg aufgewachsen. Er studierte Bratsche an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ und Musikwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin. Von 1999 bis 2001 war er Fellow an der Graduate School of Arts and Science der New York University. Gemeinsam mit Titus Engel gründete er die Akademie Musiktheater Heute, die seit 2001 als Initiative der Deutschen Bank fortgeführt wird. Im Frühjahr 2001 begann er als persönlicher Referent des Intendanten Gerard Mortier und dramaturgischer Mitarbeiter bei den Salzburger Festspielen. In gleicher Funktion wechselte er mit an die Ruhr, um dort von 2002 bis 2004 gemeinsam mit Mortier die erste RuhrTriennale in den Industriekathedralen der Region zu entwickeln. Von 2004 bis 2008 war Viktor Schoner an der Opéra national de Paris als Künstlerischer Betriebsdirektor tätig. Anschließend erfolgte der Wechsel an die Bayerische Staatsoper nach München, wo er bis 2017 den Posten des Künstlerischen Betriebsdirektors bekleidete. Als rechte Hand des Staatsintendanten Nikolaus Bachler war Viktor Schoner in diesen Jahren verantwortlich für die operative Umsetzung des Programms, das international profilierte Sängerstars mit innovativen Regisseuren des avancierten Musiktheaters zusammenbrachte.

Artikel von www.top-magazin.de/stuttgart