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Glanzvolle Gala zum Ende einer beeindruckenden Karriere

Mit einer großen Festwoche feierte das Stuttgarter Ballett seinen scheidenden Intendanten Reid Anderson.


Bye bye Reid Anderson

 

Staufermedaille in Gold: Eine höhere Auszeichnung gibt es seitens des Landes Baden-Württemberg nicht. Zur Riege der Träger der selten verliehenen goldenen Variante darf sich nun auch Reid Anderson zählen. Der bisherige Stuttgarter Ballettchef bekam die Medaille zum Auftakt der feierlichen Abschiedsgala von Winfried Kretschmann höchstpersönlich überreicht. Der Ministerpräsident gehörte ebenso zu den Festrednern wie Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn – beide lobten Anderson über alle Maßen für seine Verdienste um die hiesige Compagnie wie auch für seine Hartnäckigkeit in Bezug auf die Realisierung der John-Cranko-Schule.

 

 

Überaus unterhaltsam geriet die Laudatio von Marcia Haydée in Form eines Dialogs mit Anderson. Auf zwei Stühlen sitzend tauschten die beiden prägenden Gestalten des Stuttgarter Balletts zahlreiche Anekdoten über die guten alten Zeiten aus. „Reid war immer ein Perfektionist und hatte im mer ein offenes Ohr, man konnte ihn zu jeder Tages- und Nachtzeit anrufen, er lebte einfach für die Compagnie“, blickte die langjährige Primaballerina auf das 39-jährige Wirken des gebürtigen Kanadiers zurück, der in Stuttgart 17 Jahre als Tänzer und 22 Jahre als Ballettintendant gewirkt hat. Danach kamen die Gäste im Opernhaus sowie draußen im Park in den Genuss eines von Andersons Nachfolger Tamas Detrich konzipierten Programms im XXL-Format, bei dem ein Highlight auf das nächste folgte – angefangen bei den „Etüden“ der Schüler der John-Cranko-Schule bis hin zu den Darbietungen der Compagnie sowie von Ballettstars wie Alicia Amatriain, Hyo-Jung Kang, Jason Reilly, Friedemann Vogel und vielen mehr. Ausschnitte aus nicht weniger als 22 Choreographien, die Andersons Intendantenära prägten, sorgten für ganz besondere Momente. Tosender Applaus, viele Blumen und unzählige Ballons standen am Ende eines denkwürdigen Abends.

Herausragende Errungenschaften als Tänzer und Intendant

Die Abschiedsgala war der Höhepunkt einer Festwoche, die auch die Filmpremiere von John Crankos „Romeo und Julia“, eine One-Man-Show von und mit Reid Anderson, drei Ballettabende sowie John Crankos Onegin“ umfasste. Geehrt wurde damit ein Mann, dessen Wirken in Stuttgart gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Anderson, in Kanada geboren und sowohl dort als auch an der Royal Ballet School ausgebildet, wurde im Februar 1969 von John Cranko beim Stuttgarter Ballett engagiert. Während seiner 17 Jahre als Tänzer bei der Compagnie inspirierte er einige der führenden Choreographen des 20. Jahrhunderts zu eigens für ihn kreierten Solorollen – darunter John Cranko, Glen Tetley, Kenneth MacMillan, John Neumeier und William Forsythe. Sein Repertoire umfasste 87 Rollen, er tanzte außerdem in 34 Uraufführungen und begleitete die Compagnie auf über 100 Gastspiele in aller Welt.

Nach zehn Jahren als Direktor des Ballet British Columbia und des National Ballet of Canada kehrte Anderson im Herbst 1996 als Ballettdirektor zum Stuttgarter Ballett zurück. Seine Repertoirepolitik stützte sich auf drei Säulen: die Werke von John Cranko, Werke von internationalen Choreographen sowie komplett neue Stücke, die oft von noch unbekannten Choreographen kreiert wurden, die Stuttgart als Startrampe für ihre internationale Karriere benutzen. Unter Andersons Direktion tanzte die Compagnie nicht nur Crankos Klassiker, sondern nahm auch weniger bekannte Stücke ihres Gründers wieder in den Spielplan auf. 107 Erstaufführungen erweiterten das Repertoire der Compagnie maßgeblich, darunter Werke von gefeierten Choreographen wie George Balanchine, Frederick Ashton, Hans van Manen, William Forsythe und insbesondere Jerome Robbins, der dem Stuttgarter Ballett als erster deutschen Compagnie Werke wie „Afternoon of a Faun“, „The Cage“, „The Concert“ und „Dances at a Gathering“ anvertraute. Das wahrscheinlich größte Erbe hinsichtlich des Repertoires ist aber Andersons unermüdliche Verfechtung neuer Arbeiten. Über die letzten 22 Jahre hat das Stuttgarter Ballett 128 Uraufführungen getanzt, die Liste der eingeladenen Choreographen liest sich wie ein Who’s Who der Tanzwelt. Insbesondere entdeckte und förderte Anderson die choreographischen Talente Christian Spuck, Marco Goecke und Demis Volpi.

 

 

Erfolgreich auf dem Weg in die Zukunft

Eine weitere von Andersons großen Errungenschaften ist der Neubau der bereits erwähnten John-Cranko-Schule. Fast 20 Jahre lang hat er sich unermüdlich für adäquate Räumlichkeiten mit hohen internationalen Standards eingesetzt. 2015 folgte endlich die Grundsteinlegung des über 50 Millionen teuren Neubaus.

Andersons bemerkenswerter Erfolg schlägt sich vor allem auch in den Zuschauerzahlen nieder: Zwischen 1996 und 2018 haben circa 2,5 Millionen Ballettfans einer Vorstellung der Stuttgarter Compagnie beigewohnt. Die durchschnittliche Auslastung über die letzten 22 Jahre liegt bei 94 Prozent. Damit hat Anderson das hiesige Ballett nicht nur erfolgreich ins 21. Jahrhundert geführt, sondern auch seine unbestrittene Relevanz in der Stadt gefestigt

Artikel von www.top-magazin.de/stuttgart