Wirtschaft

Am Puls der Zeit

Die Eßlinger Zeitung feierte mit 400 Gästen im Neckar Forum ihren 150. Geburtstag. Zu den Festrednern gehörten neben Herausgeberin Christine Bechtle-Kobarg unter anderem auch Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Mathias Döpfner, Vorstandschef der Axel Springer SE.


Richard Rebmann, Winfried Kretschmann, Christine Bechtle-Kobarg und Andreas Heinkel

 

„Von vielen Seiten oft und immer entlebhaft durchdrungen von dem Gefühle des nothwendigen Bedürfnisses einer weitern Zeitung für unsere Stadt und Umgegend haben wir uns entschlossen, eine solche unter dem Namen ‚Eßlinger Zeitung‘ herauszugeben“: Mit diesen Worten präsentierten am 25. April 1868 Ferdinand Schreiber und Otto Bechtle die „Probe-Nummer“ ihrer neu gegründeten Zeitung. Gleichzeitig versprachen sie „mit Muth und Vertrauen“, die Leser künftig über „die Verhandlungen des städtischen Stiftungs- und Gemeinderaths“, über Wichtiges in Stadt und auf dem Land sowie über die „telegraphischen Nachrichten des Auslandes“ auf dem Laufenden zu halten.

Ihr Projekt war gleich von Erfolg gekrönt: Bereits eine Woche später verzeichneten sie 1.000 Abonnenten, nach zunächst drei Ausgaben pro Woche erschien die „Eßlinger Zeitung“ (EZ) dann ab dem 1. Juli werktäglich. Bis heute ist die EZ stets am Puls der Zeit und hat sich über die letzten 15 Jahrzehnte – parallel zu Gesellschaft und Wirtschaft – konsequent weiterentwickelt. Grund genug für einen großen Festakt, der Ende April mit 400 geladenen Gästen im Neckar Forum gefeiert wurde.

In ihrer Begrüßung blickte EZ-Herausgeberin Dr. Christine Bechtle-Kobarg, Urenkelin von Otto Bechtle, auf die lange Tradition des Hauses zurück und betonte, dass die vergangenen 150 Jahre für die Zeitung ein „steiniger Weg mit vielen Hindernissen“ gewesen sei. „Die Gründung des Unternehmens, der Weg zum Erfolg, der Neuaufbau nach dem Krieg und später verlangt.“ Sie selbst sei diesen Weg anlässlich des Gesellschafterwechsels Mitte der 1990er-Jahre gerne weitergegangen. Den Verlag und die Zeitung hätte sie gerne auch der fünften Generation anvertraut, aber nachdem sich leider keine familieninterne Nachfolge abgezeichnet hat, sah sie sich verpflichtet, eine andere Lösung für eine erfolgreiche Zukunft des Hauses zu finden. Seit Anfang 2017 gehören Verlag und EZ mehrheitlich zum Zeitungsverbund der Südwestdeutschen Medienholding (SWMH).

Beim musikalisch von dem renommierten Münchner Vokalsolisten-Ensemble Singphoniker begleiteten Festakt erfuhren die Gäste übrigens auch, dass sich Ministerpräsident Winfried Kretschmann in Esslingen als Student mal als Zeitungsverkäufer versucht hat – rund 100 Jahre nach Gründung der EZ. Die „Kommunistische Volkszeitung“ wollte aber, wie Kretschmann beim Festakt erzählte, partout keiner haben. „Die Esslinger legen eben Wert auf Qualität“, so der Grünen-Politiker, der ansonsten in seiner Rede ein flammendes Plädoyer für eine starke und freie Presse hielt.

 

Das alte Gebäude der Eßlinger Zeitung und die Schriftsetzerei

Dualismus von digitalem Aufbruch und journalistischer Tradition

Gespannt waren die Festgäste auch auf die Ansprache von Dr. Mathias Döpfner, Vorstandschef der Axel Springer SE, deren Südwestausgaben der Bild-Zeitung und der Bild am Sonntag seit über 50 Jahren bei Bechtle gedruckt werden. „Zeitung der Zukunft – Zukunft der Zeitung“ lautete der Titel seines Vortrags, in dem er ausführte, angesichts des digitalen Wandels keinesfalls schwarz für die Medienbranche zu sehen. Vielmehr hätten die Verlage eine großartige Zukunft, sofern sie den Leserinnen und Lesern Angebote machen, die glaubwürdig, authentisch, überzeugend und relevant sind. „Dessen ungeachtet müssen wir stets selbstkritisch sein und manches besser machen“, gab Döpfner, seines Zeichens auch Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Zeitungsverleger, zu bedenken. Es gebe zu viel Mainstream in den Medien, zu viel Herdentrieb, zu viel „political correctness“ und zu wenig Lust, sich auf abweichende Haltungen und Unangepasstheit einzulassen.

 

Die Singphoniker

 

Nicole Hoffmeister-Kraut, Roger Kehle und Silke Walter

Zu den Gratulanten gehörten auch Esslingens Oberbürgermeister Dr. Jürgen Zieger sowie Landrat Heinz Eininger. Zieger lobte die EZ als kritische und engagierte Begleiterin des öffentlichen Lebens in Esslingen, Eininger zeigte sich dankbar, dass die Verantwortlichen der EZ trotz der veränderten Eigentümerstrukturen die kommunale Berichterstattung nicht einschränken, sondern im Gegenteil ausdehnen wollten. In diesem Zusammenhang versprach Dr. Richard Rebmann von der SWMH, alles dafür zu tun, „die Erfolgsgeschichte der EZ als unabhängige und kritische Stimme dieser Stadt fortzuschreiben“.

Christine Bechtle-Kobarg zusammen mit Friede Springer und Mathias Döpfner

 

Zwar habe das Internet die „alte Zeitungswelt“ sehr verändert. „Aber ich sehe vor allem die Chancen für unser Geschäft.“ Dem konnte Andreas Heinkel, Geschäftsführer des Bechtle-Verlags und der EZ, nur zustimmen. Er verwies in seinem Grußwort auf den Dualismus von digitalem Aufbruch und journalistischer Tradition: „Genau diese Herausforderungen der Digitalisierung und der Wahrung des Qualitätsjournalismus sind es, die uns in unserem Medienhaus so begeistern, herausfordern und jeden Tag aufs Neue inspirieren.“

 

Valdo Lehari jr., Winfried Kretschmann, Erwin Teufel, Christine Bechtle-Kobarg, Jürgen Zieger, Heinz Eininger, Richard Rebmann und Andreas Heinkel

 


 

Meilensteine in der Geschichte der EZ

1868: Am 25. April erscheint die erste Ausgabe der EZ. Vom Verleger Ferdinand Schreiber wird Otto Bechtle zum ersten und zunächst einzigen Redakteur ernannt.

1872: Otto Bechtle wird alleiniger Inhaber der EZ.

1874: Ab dem 12. Juni trägt die Firma den Namen „Buchdruckerei Otto Bechtle – Verlag der Eßlinger Zeitung“.

1886: Am 15. März bezieht der Bechtle- Verlag sein Domizil in der damaligen Mettinger Straße (später Marktplatz), Sitz des Unternehmens bis 1963.

1920: Otto Bechtles Sohn Richard übernimmt den väterlichen Betrieb.

1933: Die Nazis erteilen Richard Bechtle Berufsverbot. Die EZ wird der NS-Presse unterstellt, die Mehrheit der Verlagsanteile enteignet.

1949: Zum 1. Februar erteilen die Besatzungsbehörden eine Lizenz für eine Esslinger Tageszeitung, sie erscheint unter dem Titel Neckarpost. Vier Monate später nimmt sie unter der Leitung von Otto Wolfgang Bechtle, dem Sohn des 1944 verstorbenen Richard Bechtle, wieder den Namen „Eßlinger Zeitung“ an.

1960: Mit dem Erwerb des Cannstatter Rotenberg Verlags werden die Canstatter und die Untertürkheimer Zeitung Partnerblätter der EZ.

1963: Umzug ins neue Verlagszentrum im Industriegebiet Oberesslingen/Zell. Ab 16. August wird dort auch die südwestdeutsche Ausgabe der Bild-Zeitung gedruckt.

1978: Bechtle hält Schritt mit der technischen Innovation im Zeitungsdruck und stellt auf Fotosatz um. Es bedeutet das Ende der herkömmlichen Setzerei. Ab 1989 werden die Seiten vollständig am Bildschirm erstellt.

1995: Die Stuttgarter Zeitung Verlagsgesellschaft und der Verlag des Kirchheimer Teckboten werden Mitgesellschafter. Christine Bechtle-Kobarg übernimmt die Leitung des Unternehmens von ihrem Vater Otto Wolfgang.

1997: Die Medienproduktion wird vollständig digitalisiert.

2017: Für den Bechtle-Verlag endet am 1. J anuar die Ära als Familienunternehmen. Die Stuttgarter Zeitung Verlagsgesellschaft, ein Tochterunternehmen der Südwestdeutschen Medienholding, übernimmt die Mehrheitsanteile. Die Geschäftsführung des Bechtle-Verlags und der EZ hat seitdem Andreas Heinkel inne, Herausgeberin der EZ ist nach wie vor Christine Bechtle-Kobarg.

Artikel von www.top-magazin.de/stuttgart