Kultur

Theater muss verführen

Mit Axel Preuß haben die Schauspielbühnen ab der kommenden Spielzeit einen neuen Intendanten. Im Gespräch mit top magazin erläutert der Nachfolger von Manfred Langner sein Konzept für die nächsten Jahre.


Axel Preuß, designierter Intendant der Schauspielbühnen Stuttgart ab der Spielzeit 2018/2019

 

top: Herr Preuß, Sie haben kürzlich Ihr erstes Programm hier in Stuttgart prä­sentiert. Wie geht man als Intendant an eine solche „Premiere“ ran? Es ist ja schon eine besondere Visitenkarte, die man da­mit abgibt.

Preuß: Es war in der Tat eine große, aber auch sehr schöne Herausforderung, schließlich hatten wir seit meiner Ernen­nung zum neuen Intendanten der Schau­spielbühnen gerade mal etwas mehr als sieben Monate Zeit, ein Programm auf die Beine zu stellen, das unseren Ansprüchen und den Ansprüchen an dieses Haus ge­recht wird. Normalerweise plant man mit längerem Vorlauf.

top: Wie würden Sie denn die abgegebene Visitenkarte charakterisieren?

Preuß: Wir wollen einfach gutes Theater machen! Das gelingt uns, wenn wir unser Publikum erreichen und begeistern kön­nen. In diesem Sinne wollen wir populär sein, mit Themen, die alle bewegen und mit einer sinnlichen Theatersprache, die alle verstehen. Und das Tolle ist, dass wir dafür zwei Bühnen haben, jeweils mit einem eigenen Profil. Das Alte Schau­spielhaus steht meiner Auffassung nach für beste Bühnenliteratur und fabelhafte Schauspielerinnen und Schauspieler. Hier soll das sprachlich präzise, ausdrucks­starke Schauspiel zu Hause sein. Und in der Komödie im Marquardt möchten wir Unterhaltungstheater in all seiner Viel­falt und auf höchstem Niveau zeigen. Bei allem was wir tun, wollen wir anspruchs­voll und sinnlich sein. Unser Publikum soll sich stets bei uns willkommen und zuhause fühlen.

 

„Wir wollen immer Theater zum Genießen bieten“

 

Alina Rank (li.) spielt im Alten Schauspielhaus die Titelrolle in Friedrich Schillers „Maria Stuart“, Franziska Beyer übernimmt die Partie der Königin Elisabeth

top: Wo sehen Sie die Schauspielbühnen in der Stuttgarter Theaterszene?

Preuß: Stuttgart verfügt über eine Thea­ter­ und Kulturlandschaft, die in die­ser Vielfalt kaum eine zweite Stadt in Deutschland zu bieten hat. Die Schau­spielbühnen haben ein sehr großes und treues Publikum. Deutschlandweit gehö­ren sie mit ihren beiden Hauptspielstät­ten Altes Schauspielhaus und Komödie im Marquardt zu den erfolgreichsten Sprech­bühnen überhaupt. Hier wird von einer kleinen, hoch motivierten Belegschaft Unglaubliches geleistet. Insofern genie­ßen sie einen besonderen Stellenwert. Im Herzen Stuttgarts gelegen, sind die Schauspielbühnen das Publikumstheater der Stadt. Das empfinde ich als Auftrag und Verpflichtung. Wir spielen für unser Publikum, für die Menschen dieser Stadt und der Region.

top: Bedeutet das im Umkehrschluss also keine intellektuell zu abgehobenen Stücke?

Preuß: Theater ist etwas ungemein Sinn­liches und muss verführen. Das Publi­kum muss eine Freude daran haben, den Schauspielerinnen und Schauspielern bei ihrem Spiel zuzuschauen. Theater ist Poesie und Zauber der Verwandlung. Wir wollen selbstverständlich kluge und gut inszenierte Stücke zeigen, hierbei aber immer Theater zum Genießen bieten.

top: Bei der Präsentation des neuen Pro­gramms haben Sie den berühmten Satz des Komponisten Gustav Mahler zitiert, wonach Tradition nicht Anbetung der Asche, sondern Weitergabe des Feuers sei. Wie spiegelt sich das in Ihrem Spielplan wider?

Preuß: Der traditionelle Aspekt liegt darin, dass wir herausragende Stücke aus den verschiedensten Epochen zeigen. Das tun wir – und darin sehe ich den modernen Aspekt – mit Schauspielerinnen und Schauspielern sowie Regisseuren auf der Höhe der Zeit. Der Zugriff soll zugänglich und gleichzeitig in Form und Sprache zeitgenössisch sein.

 

„Wir wollen immer Theater zum Genießen bieten“

 

top: Stichwort Zugang: Sie legen großen Wert auf Kulturvermittlung und wollen mit Stückeinführungen, Künstlergesprächen oder Premierenfrühstücken noch näher ans Publikum ran.

Lutz Reichert, Katarina Schmidt und Joachim H. Luger (v.li.) werden in der Komödie im Marquardt in „Wir sind die Neuen“ zu sehen sein

Preuß: Das stimmt. Theater ist traditionell eine Unterhaltungskunst für alle. An unseren beiden Häusern zeigt sich, dass das Bedürfnis nach Theater, das auf kluge Weise unterhält und ins Herz trifft, in allen Bevölkerungsschichten vorhanden ist. Ich möchte ein Theater leiten, das für alle Menschen offen ist. Mit den kostenfreien Einführungen und Gesprächen wollen wir einerseits unserem Stammpublikum noch tiefere Einsichten und Hintergründe bieten. Auf der anderen Seiten wollen wir all jenen, die das Theater als Kunstform noch nicht in dem Maße für sich entdeckt haben, Lust machen, sich darauf einzulassen und zu uns hereinzuschauen. Wir werden das Angebot mit Sicherheit ausbauen und verstärkt auch Schulen ansprechen. Kultur ist der Kitt, der eine Gesellschaft zusammenhält. In diesem Kontext ist auch ein programmatischer Schwerpunkt unserer zukünftigen Arbeit zu sehen, dem wir unter dem Begriff „Theater und Familie“ eine eigene Rubrik widmen. Mit Stuttgarter Bürgerinnen und Bürgern, die Lust haben, selbst Theater zu spielen, wollen wir zum Beispiel erkunden, wie Familien leben und zusammenleben. Zu diesem Zweck begeben wir uns mit dem interkulturellen Projekt „Familienbande – denen Du nicht entkommst“ auf Spurensuche.

top: Sie haben auch angekündigt, die Zusammenarbeit mit anderen Kulturinstitutionen zu verstärken. Wie könnte das aussehen?

Familienstück zur Weihnachtszeit: Ottfried Preußlers „Der Räuber Hotzenplotz“ mit Andreas Klaue in der Titelrolle

Preuß: Für ein Theater ist es heutzutage wichtig, ein aktiver Player in der modernen Stadtgesellschaft zu sein. Dazu gehört über die eigentliche Aufgabe des Theatermachens hinaus, dass man sich mit anderen Akteuren vernetzt. Und zwar nicht zum Selbstzweck, sondern zum Vorteil des Publikums. Denn aus einer solchen Zusammenarbeit können sich immer wieder neue Stoffe, Themen und Synergien ergeben. Vernetzung und Dialog sind in ihrer Bedeutung gar nicht hoch genug einzuschätzen – erst recht in einer heterogenen Stadt wie Stuttgart. Im Rahmen unseres neuen Projekts „Theater-on-Demand“ machen wir deshalb die Stadt zur Bühne und spielen an ungewöhnlichen Orten Theater – und zwar auch auf Bestellung. Mit unseren mobilen Produktionen spielen wir zukünftig dort, wo Menschen sonst zusammenkommen, um zu feiern oder zu beten, ihre Freizeit zu verbringen oder über Politik und Gesellschaft zu diskutieren. Also zum Beispiel in Kirchen, Vereinsheimen, soziokulturellen Zentren, Gemeindehäusern oder Unternehmen. Der daraus entstehende Dialog wird mit Sicherheit sehr bereichernd für alle Beteiligten.

 

 


 

Zur Person

Axel Preuß studierte zunächst Philosophie, Neuere deutsche Literatur und Kunstgeschichte in Hamburg und Berlin. Von 2002 bis 2005 war der gebürtige Hamburger Chefdramaturg am Landestheater Tübingen (LTT), von 2005 bis 2009 Schauspieldirektor und stellvertretender Intendant am Theater Heidelberg, daneben von 2005 bis 2009 außerdem künstlerischer Leiter des Heidelberger Stückemarkts. Von 2010 bis 2016 war Preuß Chefdramaturg und Stellvertretender Generalintendant in künstlerischen Fragen am Staatstheater Braunschweig, wo er auch die „Themenwoche Interkultur“ initiierte und leitete – ein zehntägiges Festival für Vielfalt und kulturelle Teilhabe, das von 2011 bis 2016 jährlich im Frühling stattfand. Im Herbst 2016 erfolgte der Wechsel als Schauspieldirektor ans Badische Staatstheater Karlsruhe, mit Beginn der Spielzeit 2018/2019 übernimmt Axel Preuß die Intendanz der Schauspielbühnen in Stuttgart.

 

 


 

Anspruchsvolle Spielzeit an den Schauspielbühnen

Altes Schauspielhaus

14. September bis 20. Oktober 2018
MARIA STUART – Trauerspiel von Friedrich Schiller

22. September 2018
THEATERFEST – Für Groß und Klein

30. September 2018
DER POETISCHE SONNTAG – Hermann Beil präsentiert und rezitiert große Literatur

ab September 2018
FAMILIENBANDE – DENEN DU NICHT ENTKOMMST – Interkulturelles Theater zum Mitspielen

26. Oktober bis 1. Dezember 2018
WILLKOMMEN – Komödie von Lutz Hübner und Sarah Nemitz, Stuttgarter Fassung

7. Dezember 2018 bis 19. Januar 2019
HAIR – The American Tribal Love Rock-Musical, Buch und Text von Gerome Ragni und James Rado, Musik von Galt MacDermot Die Originalproduktion fand in New York unter der Leitung von Michael Butler statt

25. Januar bis 9. März 2019
DER GOTT DES GEMETZELS – Schauspiel von Yasmina Reza

6. März 2019
JUDAS – Theater-on-Demand (Stadt als Bühne)

15. März bis 20. April 2019
TABU – Uraufführung nach dem Roman von Ferdinand von Schirach Bühnenfassung von Eva Hosemann

18. März 2019
CROOKED LETTER, CROOKED LETTER von Tom Franklin, Abi-Thema! Gastspiel der American Drama Group Europe und des TNT Theatre in englischer Sprache

26. April bis 1. Juni 2019
WIE ES EUCH GEFÄLLT – Komödie von William Shakespeare Erstaufführung der Fassung und Übersetzung von Carl Philip von Maldeghem

7. Juni bis 13. Juli 2019
DIE KATZE AUF DEM HEISSEN BLECHDACH – Schauspiel von Tennessee Williams

 

Komödie im Marquardt

21. September bis 11. November 2018
MONSIEUR CLAUDE UND SEINE TÖCHTER – Komödie nach dem gleichnamigen Film von Philippe de Chauveron und Guy Laurent

20. Oktober 2018
CHECKER TOBI UND SEINE FREUNDE – Die Live-Wissensshow für Kinder ab 6 Jahren und die ganze Familie

15. November 2018 bis 13. Januar 2019
TRATSCH EM TREPPAHAUS – Komödie in vier Akten von Jens Exler Ins Schwäbische übertragen von Monika Hirschle

29. November 2018 bis 6. Januar 2019
DER RÄUBER HOTZENPLOTZ – Familienstück zur Weihnachtszeit für Kinder ab 5 Jahren von Otfried Preußler

17. Januar bis 10. März 2019
FÜR MICH SOLL’S ROTE ROSEN REGNEN – Ein musikalisch-seelisches Portrait über Hildegard Knef von James Edward Lyons und William Ward Murta

16. März bis 5. Mai 2019
EHE WÄHRT FÜR IMMER – Eine Tour de Farce von Philip LaZebnik und Kingsley Day

9. Mai bis 30. Juni 2019
WIR SIND DIE NEUEN – Komödie nach dem gleichnamigen Film von Ralf Westhoff

5. bis 21. Juli 2019
SPANISCH FÜR ANFÄNGERINNEN – Musik-Comedy von Enrique Keil

 

Weitere Infos, Abos und Tickets:
www.schauspielbuehnen.de

Artikel von www.top-magazin.de/stuttgart