Wirtschaft

Nachhaltiges Wachstum zu gesunden Konditionen

Der Flughafen Stuttgart ist mächtig im Aufwind und kann sich Jahr für Jahr über neue Passagierzuwächse und Umsatzsteigerungen freuen. Daran dürfte sich auch in Zukunft nicht viel ändern, denn in den nächsten Jahren wird kräftig in die Infrastruktur investiert. Was alles geplant ist, darüber sprach top magazin mit Walter Schoefer, Sprecher der Geschäftsführung der Flughafen Stuttgart GmbH.


 

Beim Interview (v.li.): Matthias Gaul, Karin Endress, Walter Schoefer und Pressesprecher Johannes Schumm

 

top: Herr Schoefer, knapp 11 Millionen Passagiere und rund 280 Millionen Euro Umsatz im Jahr 2017 bedeuten neue Rekordmarken. Worauf führen Sie den mehr oder weniger seit Jahren anhaltenden Aufwärtstrend des Stuttgarter Flughafens zurück?

Schoefer: Die positive Entwicklung hat eine ganze Reihe von Gründen. Die Region Stuttgart ist ein exzellenter Wirtschaftsstandort, außerdem reisen die Schwaben gerne – und sie haben hierfür auch das nötige Geld. Dazu kommt, dass wir von den Fluggesellschaften als Standort sehr geschätzt werden, weil wir ihnen durch unsere Strategie der „Operational Excellence“ ein hohes Maß an Qualität, Verlässlichkeit und Pünktlichkeit bieten. Last but not least streben wir eine nachhaltige Marktentwicklung an, wir bieten unsere Dienstleistungen nicht zu Dumpingpreisen an. Der hiesige Airport ist für die Fluggesellschaften also kein günstiger Standort, dafür aber äußerst leistungsfähig. Das wiederum sorgt für eine hohe Kundenzufriedenheit.

top: National steht Stuttgart in Bezug auf die Fluggastzahlen hinter Frankfurt, München, Berlin, Düsseldorf, Hamburg und Köln/Bonn an siebter Stelle. Ist da in Zukunft noch mehr drin?

Schoefer: Wir schauen nicht so sehr auf diese Rangliste sondern sind vielmehr stolz darauf, in Sachen Profitabilität bei den Airports in Deutschland vorne mit dabei zu sein. Verkehrliche Entwicklung und wirtschaftliche Entwicklung gehen bei uns Hand in Hand. Wir bleiben daher bei unserem Prinzip des nachhaltigen Wachstums zu gesunden Konditionen. Das ist für uns zugleich eine gute Grundlage, um die geplanten Investitionen der nächsten Jahre zu stemmen.

top: Das Streckennetz ist seit Jahren mit wenigen Ausnahmen stark national beziehungsweise europäisch orientiert. Ist geplant, das Angebot noch mehr in Richtung USA und Asien auszubauen?

Schoefer: Zunächst einmal bieten wir seit 30 Jahren täglich mit Delta Airlines einen Direktflug nach Atlanta an. Aber selbstverständlich würden wir uns punktuell durchaus noch mehr interkontinentale Destinationen wünschen. Was den amerikanischen Markt anbelangt, müsste man dies aber zuvor mit den Marktforschungen der verschiedenen Fluggesellschaften diskutieren. Mit New York haben wir zum Beispiel schon vor Jahren die Erfahrung gemacht, dass von Stuttgart aus überwiegend touristische Tickets und kaum Business-Tickets gebucht wurden. Von New York nach Stuttgart wurden noch weniger Business-Tickets gebucht. Deshalb wurde die Verbindung auch wieder eingestellt, weil es für die Fluggesellschaften nicht wirtschaftlich war. Sollte es in der Zukunft verbrauchsärmere Flugzeuge geben, die diese Strecke bewältigen können, ändert sich die Sachlage vielleicht auch wieder. Ich denke hier etwa an Boeings Dreamliner, den Airbus 350 oder den Airbus 321 neo. Bei anderen Fernverbindungen etwa nach China oder an den Persischen Golf haben wir das Problem der fehlenden Verkehrsrechte. Die Entscheidung liegt in diesem Punkt auf Seiten der Politik. Die Landesregierung von Baden-Württemberg unterstützt diese Thematik seit Jahren, die Bundesregierung dagegen nicht in dem von uns eigentlich erhofften Maße.

top: Um die Kapazitäten zu erweitern, will der Airport Stuttgart mehrere hundert Millionen Euro in die Infrastruktur investieren. In welche Maßnahmen soll das Geld fließen?

Schoefer: Ein großes Projekt ist der Neubau des Terminals 4. Das jetzige Gebäude wurde 1955 als Flugzeughangar erstellt und um die Jahrtausendwende provisorisch zum Terminal umgerüstet. Steigende Passagierzahlen und erhöhte Anforderungen an Sicherheit und Nachhaltigkeit machen die sen Neubau erforderlich. Sowohl bei der Fluggastkontrolle als auch bei der automatisierten Reisegepäckkontrolle kommen wir langsam an unsere Grenzen. Zu den Peak-Zeiten halten sich bei uns über 4.000 Passagiere gleichzeitig in den Terminals auf. Wir brauchen daher dringend mehr Platz. 2019 wollen wir einen internationalen Architektenwettbewerb starten. Das neue Terminal soll im Sinne unseres fairportKonzepts ein Höchstmaß an Energiestandards erfüllen. Zusammen mit den Architekten, Planern und Gebäudetechnikern stehen wir vor einer großen Aufgabe, um mit dem neuen Terminal einen Beitrag in Richtung unserer Klimaschutzziele zu leisten – im Idealfall als EnergiePlus-Haus. 2025 soll das Gebäude nach Möglichkeit fertig sein.

top: Gibt es bereits weitere Investitionsprojekte?

Schoefer: Im Früh jahr 2020 wird am Flughafen Stuttgart die Betondecke der Start- und Landebahn teilweise erneuert. Von Ende April bis Mitte Juni 2020 wird der östliche Teil der Piste, der Anfang der 1990er-Jahre erstellt wurde, auf rund 1.200 Metern erneuert. Der Flugbetrieb kann dabei auf der verkürzten Start- und Landebahn fortgesetzt werden. Die Anbindung an die wichtigsten Drehkreuze ist während der Bauzeit immer gewährleistet. Darüber hinaus wollen wir weitere Büro- und Servicegebäude errichten, 80 Millionen Euro werden in weitere Parkhäuser fließen. Ebenso ist geplant, weitere Vorfeld-Fahrzeuge auf Elektromobilität umstellen. Und wir planen den Bau einer Verbindungspipeline zum zentraleuropäischen Pipelinesystem, die eine sichere, umweltfreundliche und wirtschaftliche Kerosinversorgung gewährleisten soll. Insgesamt beläuft sich unser Investitionsplan für die nächsten zehn Jahre auf rund 650 Millionen Euro. Dabei darf nicht vergessen werden, dass allein für die Instandhaltung der laufenden Betriebsmittel 10 bis 15 Millionen Euro pro Jahr anfallen.

top: Der Flughafen Stuttgart ist auch Projektpartner von „Stuttgart 21“ und mit insgesamt rund 360 Millionen Euro kräftig investiert. Wie gehen Sie mit den ständig neuen Verzögerungen um?

Schoefer: Trotz der Verzögerungen haben wir plangerecht unsere finanziellen Vertragsleistungen erfüllt – im vergangenen Jahr waren es rund 72 Millionen Euro, dieses Jahr wird die letzte Rate in Höhe von circa 42 Millionen Euro überwiesen. Insofern erwarten wir, dass die Bahn sich uns gegenüber genauso konstruktiv verhält wie wir. Ich bin aber sehr zuversichtlich, dass wir miteinander auf einem sehr guten Weg sind.

top: In Hochglanzbroschüren hatte die Deutsche Bahn zum Projekt Stuttgart-Ulm behauptet, der Flughafen erhalte „einen direkten Anschluss an das Hochgeschwindigkeitsnetz“. Nun wurde bekannt, dass am Fernbahnhof statt der laut Finanzierungsvertrag von 2009 vorgesehenen 100 Fernverkehrszüge pro Tag gerade mal sechs Züge halten werden. Ist das für Sie als Projektpartner nicht ein Schlag ins Gesicht?

Schoefer: Das kann man so nicht sagen. Denn Tatsache ist, dass es bis heute keine feste Zusage über das Zugangebot gibt. Die Bahn hat uns gegenüber erklärt, dass sich der Fahrplan erst im Jahr 2023, also zwei Jahre vor der Inbetriebnahme von „Stuttgart 21“, abzeichnen wird. Für uns hat oberste Priorität, dass hier am Flughafen die Intercity- und vor allem auch die Interregiozüge halten. Denn die bringen uns die Erschließung in die Fläche. Pro Jahr dürfte das für uns ein Plus von bis zu 1,2 Millionen Passagieren bedeuten.

top: Ein von Ihnen in Auftrag gegebenes Gutachten auf Basis des Bundesverkehrswegeplans prognostiziert bis 2030 für Stuttgart sogar rund 14,5 Millionen Flughafenpassagiere pro Jahr. Das dürfte Sie sicherlich noch optimistischer stimmen.

Schoefer: Auf jeden Fall, dafür muss aber dann auch eine gute Erreichbarkeit des Flughafens gewährleistet sein. Denn die Zunahme bedeutet auch 88 Prozent mehr Personenfahrten. Immerhin soll bis dahin ein Großteil des Verkehrszuwachses über den ÖPNV abgedeckt werden. Wir schauen also positiv in die Zukunft, heben aber deswegen nicht ab und verlieren auch nicht die Bodenhaftung. Die wahre Kunst besteht darin, alles in der Balance zu halten.

 

Zur Person
Nach dem Jura-Studium in Tübingen und Kiel war Walter Schoefer als Rechtsanwalt und ab 1986 als Dezernent beim Landratsamt Main-Tauber-Kreis tätig. Ab 1989 war er Persönlicher Referent des Ministers für Kultus und Sport und wechselte 1991 mit dem Minister ins Finanzministerium Baden-Württemberg. Seit 1. September 1999 ist Walter Schoefer Geschäftsführer der Flughafen Stuttgart GmbH für den Bereich Non-Aviation, der Immobilien, Infrastruktur sowie die Unternehmenskommunikation umfasst. Seit 2017 ist er Sprecher der Geschäftsführung. 2001 wurde Walter Schoefer als Mitglied in den Aufsichtsrat der Baden-Airpark GmbH am Flughafen Karlsruhe/Baden-Baden berufen, seit 2007 ist er Vorsitzender des Aufsichtsrats der HSG Flughafen Stuttgart Handels- und Service GmbH und bereits seit 2002 Geschäftsführer der Projektgesellschaft Neue Messe GmbH & Co. KG.

Zur Person
Nach dem Studium der Volkswirtschaftslehre und Promotion an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz war Dr. Arina Freitag ab 1998 bei der Bank of Tokyo-Mitsubishi als Economist tätig. 2001 startete sie bei der Fraport AG als Leiterin der Finanzkommunikation, es folgten verschiedene Managementpositionen im Unternehmen. Ab 2011 war sie als Senior Vice President Commercial Affairs – Aviation der Fraport AG verantwortlich. 2015 wechselte sie als Senior Vice President Marketing und Vertrieb zur DB Netz AG. Seit 1. September 2017 ist Dr. Arina Freitag Geschäftsführerin der Flughafen Stuttgart GmbH. Sie ist für den Bereich Aviation und damit für den Luftverkehr, das Controlling und die Finanzen des Landesairports zuständig.

 

 


 

Reisen bleibt trendy

Erneuter Rekord: Im vergangenen Jahr flogen so viele Passagiere über den Flughafen Stuttgart wie noch nie zuvor. In welchen Maschinen sie abhoben und was die gefragtesten Ziele waren, verrät die Statistik des Landesairports.

 

Passagiere

• 10.975.639
Fast elf Millionen Fluggäste – so viele wie 2017 gab es am STR noch nie.

• 30.070 Passagiere täglich.
Herrenberg oder Crailsheim: In diesen Städten wohnen etwa so viele Menschen, wie am STR täglich starteten und landeten.

• August …
… ist der beliebteste Reisemonat. Knapp 1,2 Millionen Passagiere waren alleine in diesem Zeitraum unterwegs. Danach folgen der September und der Juli.

• Der 29. September 2017…
… war der Spitzentag: 46.446 Passagiere starteten und landeten am STR. Rechnet man die rund 11.000 Beschäftigten hinzu, waren an diesem Tag circa so viele Menschen am Flughafen, wie in die ausverkaufte Mercedes-Benz-Arena des VfB Stuttgart passen.


Destinationen

• Berlin, Berlin, von Stuttgart nach Berlin!
9,5 Prozent aller Fluggäste reisten 2017 in die deutsche Hauptstadt, mehr als zu jedem anderen Ziel. Auf Platz zwei landete Hamburg (6,3 Prozent aller Passagiere), gefolgt von Palma de Mallorca (6,1 Prozent), Istanbul (5,8 Prozent) und London (4,8 Prozent).

• Final Destination
10,5 Prozent aller Stuttgarter Reisenden flogen auf einen anderen Kontinent, 21,5 Prozent bewegten sich innerhalb Deutschlands. Die meisten Passagiere (68 Prozent) zog es zu europäischen Zielen außerhalb der Bundesrepublik.

• Sonnige Länder im Trend
Auf Strecken von und nach Griechenland (+24,4 Prozent), Portugal (+32,7 Prozent) und Afrika (+58,8 Prozent) gab es im vergangenen Jahr die größten Zuwächse.


Flugzeuge

• 100.682
Flugbewegungen zählte der STR 2017.

• -1,5 Prozent
Die Passagiere sitzen in weniger Maschinen mit mehr Sitzplätzen: Im vergangenen Jahr gab es fast 2.000 Bewegungen weniger als 2016.

• 35,8 Prozent …
… der Stuttgarter Jets flogen im Auftrag von Eurowings/Germanwings. Danach kamen die Airberlin mit 7,9 Prozent und Lufthansa mit 6,5 Prozent; gefolgt von Tuifly (4,7 Prozent), Turkish Airlines (3,4 Prozent) und Swiss (3,4 Prozent).

Airbus hat die flache Nase vorn
Sie sind weniger spitz als Modelle des Hauptkonkurrenten Boeing – die Nasen der Maschinen vom größten europäischen Flugzeugbauer. Insgesamt waren sie 60.782 Mal am STR unterwegs. Am häufigsten reisten Passagiere in Jets des Typs A319. Die spitznasigen Modelle der Boeing starteten und landeten 15.662 Mal und rangieren damit auf Platz zwei, gefolgt von Embraer mit 8.626 Einsätzen.


Fracht

• Fast 10.000 Tonnen Luftpost wurden versandt.
• Etwas mehr als 27.000 Tonnen Fracht waren ebenfalls vom Landesflughafen aus unterwegs. Bewegte Bilder dazu gibt es im Airport-Video „Luftfracht am Stuttgarter Flughafen“.
• Circa 1.000 Autos machten sich auf den Luft-Weg – sogenannte Premium-Fracht.

Artikel von www.top-magazin.de/stuttgart