Wirtschaft

Quo vadis Elektromobilität

Die Hersteller sind aufgewacht und arbeiten intensiv an neuen Elektroautos. Doch wie schaut es aus mit der Ladeinfrastruktur? Eine Bestandsaufnahme.


Ganz langsam kommt die Elektromobilität in Fahrt. So wurden im vergangenen Jahr in Deutschland rund Fahrzeuge mit Elektroantrieb neu zugelassen. Das schaut bei insgesamt rund Millionen Pkw-Neuzulassungen auf den ersten Blick zwar recht mager aus. Wirft man jedoch einen Blick auf die Zahlen von, stellt man fest, dass sich die Anzahl der E-Neuzulassungen im letzten Jahr verdoppelt hat. Nicht schlecht, trotzdem müsste auch in Deutschland viel mehr gehen. Woran liegt es also, dass Autokäufer hierzulande noch recht zögerlich sind?

Für die einen liegt es ganz klar an der mangelnden Reichweite der aktuellen Elektroautos. Wer täglich auf dem Weg zur Arbeit 80 Kilometer zurücklegen muss, wird sich wohl kaum mit einer Reichweite von 100 bis 120 Kilometern begnügen wollen. Schon gar nicht in der kalten Jahreszeit oder wenn die Klimaanlage auf Hochtouren arbeitet. Noch immer grassiert die Reichweitenangst.

Wenn die Automobilbranche und ihre Zulieferer aber jetzt tatsächlich Fahrzeuge und Akkus herstellen, die bis zu 600 Kilometer elektrisches Fahren ermöglichen, sieht die Sache doch schon ganz anders aus. Etliche aktuelle E-Autos wie Nissan Leaf oder Renault Zoe bekamen im Laufe der

Produktion immer leistungsfähigere Akkus. Und natürlich arbeiten alle Hersteller mit Hochdruck an rein elektrischen Modellen mit hohen Reichweiten. BMW beispielsweise will bis 2025 zwölf Modelle auf den Markt bringen. Wettbewerber Daimler hofft, bereits in zwei Jahren den ersten Stromer der Marke EQ präsentieren zu können. Danach soll es Schlag auf Schlag gehen: Der Konzern plant insgesamt zehn neue Elektromodelle bis 2022.

Von Porsche kommt bereits Ende 2019 der Mission E, ein viertüriger Sportwagen mit E-Antrieb und direkter Tesla-Konkurrent. Und was macht Volkswagen? Deutschlands Platzhirsch hat nichts Geringeres angekündigt, als sich bis spätestens 2025 zum Weltmarktführer im Bereich der Elektromobilität aufzustellen. Noch hat man nur elektrische Ableger von Golf und Up im Programm, doch bereits 2018 soll der erste von Grund auf als E-Auto entwickelte VW auf den Markt kommen. Auch bei Audi sollen rund 30 Prozent des Modellangebotes einen Plug-in-Hybrid-antrieb oder einen reinen Elektroantrieb haben.

Ehrgeizige Pläne für das Flächenland Baden-Württemberg

Das Angebot stimmt also und auch mit der Reichweite künftiger Autos sollte man leben können. Woran aber liegt es denn, dass die Deutschen noch so verhalten auf Elektrofahrzeuge anspringen? Wer nachfragt, kommt bald auf die vielerorts fehlenden Ladesäulen zu sprechen. Für Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann ist klar, dass da „Bund, Land und Kommunen gemeinsam ran müssen“. Man könne nicht sagen, erst müssen die Autos da sein, dann die Ladestationen. „Das muss Hand in Hand gehen“, sagt der grüne Verkehrsminister.
Aber es tut sich endlich etwas. Mittlerweile haben auch die deutschen Hersteller erkannt, dass sie selbst – ähnlich wie Wettbewerber Tesla – in die Ladeinfrastruktur investieren müssen. Das Gemeinschaftsunternehmen Ionity von Daimler, dem VW-Konzern, BMW und dem amerikanischen Hersteller Ford etwa will bis 2020 rund 400 Schnellladestationen entlang der Hauptverkehrsachsen in Europa errichten und selbst betreiben.

Zwar gibt es bundesweit über 10.800 öff entliche Ladestationen, doch nur 560 davon können ein E-Auto auch wirklich schnell laden. Über ein 300 Millionen Euro-starkes Förderprogramm des Bundes wird sich ihre Zahl allerdings noch in diesem Jahr auf gut 30.000 Stationen verdreifachen. Damit ist das Wunschziel der Nationalen Plattform Elektromobilität allerdings längst noch nicht erreicht. Sie sieht einen Bedarf von 70.000 öffentlichen Ladepunkten und 7.100 Schnellladestationen.

Auch in der Region tut sich etwas. Allein im Stuttgarter Stadtgebiet soll der Elektrofahrer künftig nicht nur drei, sondern 30 Schnelllader vorfinden. Außerdem gibt es momentan in der Landeshauptstadt 205 öffentliche Normallade-Stationen mit 371 Ladepunkten. Sie stammen aus einem Modellprojekt mit der EnBW. Hinzu kommen rund weitere 30 öffentlich nutzbare Ladepunkte bei Kauf-, Park- und Autohäusern. Den Weg zu ihnen weisen verschiedene Apps.

Verkehrsminister Hermann hat auch ehrgeizige Pläne für das Flächenland Baden-Württemberg. Noch Ende 2017 schrieb sein Ministerium die flächendeckende Versorgung aus. Bis spätestens 2025 sollen Fahrer von elektrifizierten Autos alle zehn Kilometer eine Ladestation finden, alle 20 Kilometer gar eine Schnellladestation. Das Land beteiligt sich finanziell am Aufbau, mit welchen Summen wird nicht verraten. „So wollen wir endlich die Reichweitenangst in den Griff bekommen“, betont der Minister.

Noch gibt es viele Hürden zu nehmen

Doch aufs öffentliche Netz mögen sich die wenigsten Elektromobilisten verlassen. Für sie bleibt die beste Option das Laden in der eigenen Garage. Wohl dem, der glücklicher Besitzer eines Einfamilienhauses ist. Denn dann steht dem Einbau einer Wallbox nichts im Wege. Anders schaut es dagegen bei Mehrfamilienhäusern aus. Bereits ein Eigentümer kann den nachträglichen Einbau einer Ladestation verhindern. Deshalb würde Winfried Hermann gerne die Landesbauordnung dahingehend novellieren, dass bei Neubauten von Mehrfamilienhäusern künftig immer auch eine Ladeinfrastruktur vorgesehen wird. Kritische Stimmen sagen dazu aber, dass sich das Bauen in Stuttgart und der Region dadurch noch mehr verteuern würde. Es bleibt daher wohl nur ein Wunschgedanke.

Ebenfalls noch sehr auf die Zukunft ausgelegt ist das Thema „Induktives Laden“. Beim Induktionsladen lädt sich die Batterie über ein magnetisches Wechselfeld von selbst auf. Dabei befindet sich eine sogenannte Primärspule in einem speziellen Abschnitt auf einem Parkplatz, während die Gegenspule direkt unter dem Fahrzeug hängt. Diese Art des Ladungsvorgangs könnte für einen Quantensprung bei der Elektromobilität sorgen, denn kein Ladekabel müsste mehr angeschlossen werden. Noch gibt es allerdings viele Hürden zu nehmen. So müssen beispielsweise beide Spulen wirklich exakt übereinander liegen, um den Wirkungsgrad und die Ladeleistung nicht zu schmälern. Und wer einen Herzschrittmacher trägt, braucht erst gar nicht in die Nähe des Fahrzeugs kommen.

Auf lange Sicht aber scheint das induktive Laden recht vielversprechend zu sein. Autonom fahrende Elektroautos könnten sich beispielsweise im Parkhaus selbstständig zu einer Ladefläche begeben. Ist der Akku voll, sucht sich das Fahrzeug selbstständig einen freien Platz im Parkhaus und gibt so die Ladestelle frei für andere Fahrzeuge. Fazit: Die letzten Monate haben viel Bewegung in das Thema „Elektromobilität“ gebracht. Jetzt muss nur noch der Autokäufer mitziehen und sich überzeugen lassen, dass sich die Mehrinvestitionen in ein E-Mobil tatsächlich lohnen.

Artikel von www.top-magazin.de/stuttgart