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Ich habe ein Spiel, das die Gegnerinnen ärgert

Stuttgarts prominenteste Top-Tennisspielerin Laura Siegemund hat nach dem Kreuzbandriss im Frühjahr 2017 vor wenigen Wochen ihr Comeback gestartet. Mit top magazin sprach die 30-jährige Spitzensportlerin, studierte Psychologin und gebürtige Filderstädterin unter anderem darüber, was sie in den letzten Monaten auf dem Weg zurück auf die Tour alles unternommen hat und welche ihre Leidenschaften auf und neben dem Platz sind.


 

top: Frau Siegemund, mit Titelgewinn beim Porsche Grand Prix in Stuttgart und kurze Zeit später dem verletzungsbedingten Aus auf der Tour war 2017 ein Jahr mit Hochs und Tiefs. Nun ist die Reha gut verlaufen und das Training auf dem Platz läuft wieder an. Wie sah Ihr Tag heute aus?

Siegemund: Heute war kein „normaler“ Tag. Ich bin von einer Woche Training in Rom zurückgekommen und habe gerade erst meine Koffer wieder ausgepackt.

top: Spielen Sie am liebsten auf Sand?

Siegemund: Definitiv. Und die ganzen Turniere, die erst einmal kommen, werden auch auf Sand sein. Es ist vorteilhaft, unter den Bedingungen zu trainieren, die man dann auch bei den Wettkämpfen antrifft.

top: Sie sind seit 2006 Profi und haben von Ende 2012 bis Anfang 2015 bewusst eine Auszeit genommen, um unter anderem Ihren Bachelor in Psychologie zu machen. Dann begann eine ungeheuer leistungsstarke Phase, die Sie bis auf Platz 27 der Weltrangliste geführt hat. Das erneute Aus kam daher sehr unerwartet. Hat Sie das hart getroffen?

Siegemund: Klar, wenn man so eine schwerwiegende Verletzung hat, ist das schon ein Schock. Aber ich bin in kein Loch gefallen, sondern habe schnell eine analytische Blickweise eingenommen und das ganze positiv angenommen. Ich war perplex, denn mir ging es nach dem Sieg in Stuttgart bombig, ich war körperlich absolut fit.

top: Wann war klar, dass Sie weiter im Pro-fitennis bleiben wollen?

 


„Ich lebe ein Stück weit von meiner Physis“.


 

Siegemund: Sofort. Es war zwar bitter, dass die Saison gelaufen war und Paris für mich ausfallen würde. Das habe ich sofort gespürt. Aber niemals dachte ich ans Aufhören. Im Gegenteil. Ich war ziemlich sauer, als mich im Krankenhaus eine SMS erreichte mit der Anfrage, ob ich jetzt aufhören würde.

top: Was haben Sie in den letzten Monaten ohne Sand unter den Füßen alles gemacht, um nicht unterfordert zu sein?

Siegemund: Ich habe die Zeit sehr vielseitig verbracht mit dem, was mir während des Spielbetriebs nicht möglich ist. Zum einen habe ich im privaten Bereich viel bewegt, wofür mir sonst die Zeit fehlt. Und dann hat die Reha schon eine straffe Organisation und großen Einsatz verlangt, ähnlich wie im normalen Trainingsalltag. Wem vertraue ich, mit wem mache ich was? Pläne aufstellen, Höhen und Tiefen durchstehen. Außerdem habe ich erneut viel gelesen und studiert im Fachbereich Psychologie. Darüber hinaus hatte ich mehrfach die Gelegenheit, als Gastrednerin zum Thema „Umgang mit Niederlagen“, aber auch zum Thema Motivation bei Firmen Vorträge zu halten. Es war eine tolle Erfahrung, mein Wissen für ganz andere berufliche Bereiche nutzbar zu machen.

top: Sie haben einmal gesagt, dass das Spannende am Sport seine vielen Facetten seien: die Athletik, die Technik und der mentale Bereich. Hat man nur Erfolg im Tennis, wenn man in allen drei Bereichen „in Form“ ist?

Siegemund: Auf jeden Fall. Mit Sicherheit ist man im einen Bereich besser als im anderen, aber letztlich müssen alle drei Bereiche gut abgedeckt sein. Das Niveau in der Weltspitze, auch unter den Top 100, ist mittlerweile so hoch, dass auch eine 70 locker eine 30 schlagen kann. Das liegt alles nah beieinander. Die Technik muss gut sein, keine Frage. Bei der Physis ist es allerdings auch eine Frage, welcher Spielertyp man ist. Ich lebe ein Stück weit von meiner Physis. Da gibt es schon auch große Unterschiede.

top: Können Sie aus Ihrem Studium Wertvolles ins Profitennis einbringen?

Siegemund: Das Studium dient ja mehr dazu, zu verstehen, wie Prozesse im Gehirn ablaufen und wie sie wirken. Das, was ich auf dem Platz konkret anwende, basiert mehr auf meiner Erfahrung als Spielerin und auf dem sportpsychologischen Training und weniger auf meinem Studium der Psychologie. Allerdings habe ich beim Erstellen meiner Bachelorarbeit zum Thema „Versagen unter Druck“ schon viel gelernt, was ich tatsächlich konkret auf dem Platz anwende.

top: War der Punktabzug im Finale des Porsche Grand Prix im letzten Jahr gegen Mladenovic so ein Fall, wo Sie dank mentaler Stärke gut damit umgehen konnten?

Siegemund: Das war eine Extremsituation, wie sie auch andere Sportler in anderen Sportarten immer mal wieder haben. Diesen selbst erlebten Punktabzug nehme ich gerne bei mei-nen Vorträgen als Fallbeispiel, um aufzugzeigen, was dahinter steht. Also, wie man sich entsprechend vorbereiten kann, um dann in einem solchen Moment mental stark zu sein.

top: Der Weg für 2018 heißt klar: zurück auf die Tour. Die Erwartungen Ihrer Fans sind groß, speziell die Stuttgarter hoffen auf Ihre Teilnahme am Porsche Grand Prix im April. Wie sieht’s aus?

Siegemund: Mein Turnierplan steht. Mitte März fange ich mit kleineren Turnieren an. Für mich ist es wichtig, dass ich erst mal meinen Groove wieder finde, um wirklich mit Freude bei der Sache zu sein. Wenn man so lange raus war, dann kann man auch nicht erwarten, dass man einfach wieder loslegt und alles wie vorher ist. Am Ende muss ich selbstverständlich schauen, wie das Knie mitmacht und dann entsprechend reagieren.

top: Reisen Sie also mit Physiotherapeut?

Siegemund: Klar. Mein Freund ist ja auch mein Physiotherapeut. Dann sind mein Trainer, Markus Gentner, und mein Sparringspartner mit dabei. Ich bin also rundum gut betreut.

top: Und wie sieht es mit dem Porsche Grand Prix aus?

Siegemund: Der ist natürlich auf dem Plan. Ich habe aufgrund der Verletzung ja ein „Protected Ranking“, weil ich mit dem normalen Ranking gar nicht ins Feld reinkäme. Ich spiele auf jeden Fall sehr gerne hier, weil das Publikum in Stuttgart super ist und auch viele Fans live dabei sein können. Das ist immer etwas Besonderes für mich.

top: Sie bezeichnen selbst Ihr Spiel als sehr taktisch. Wie kann man Taktik trainieren? Haben Sie sich viele Spiele angeschaut? Analysieren Sie auch eigene Spiele?

 

Gabriela Rothmund im Gespräch mit Laura Siegemund

 

Siegemund: Sowohl als auch. Klar muss man ein taktisches Verständnis haben. Es gibt Spielerinnen, die spielen einfach ihr Spiel und sind dabei so stark, dass es völlig egal ist, was die andere Spielerin macht. Ich passe mich eher der Gegnerin an, analysiere Spiele von ihr. Dann macht man einen Plan, und im Idealfall hat man dann auch die Fähigkeiten, das umzusetzen, was der anderen wehtut. Man muss eine Mischung finden aus dem, was man selber gut kann und was der anderen gar nicht liegt, das ist Taktik.

top: Ist Taktik auch etwas, was einen lange oder länger im Tennis hält? Man denke an Roger Federer, der gerade als älteste Nummer eins gekürt wurde und dessen Spiel auch viel von Flexibilität und Variabilität, also von Taktik lebt.

Siegemund: Das sehe ich auf jeden Fall auch so. Das Analysieren von Spielen ist für mich eine wichtige Voraussetzung, um mich spielerisch weiterzuentwickeln. Das ist meine Motivation. Wer vor fünf Jahren gegen mich gespielt hat, der wird erstaunt sein, wenn er jetzt gegen mich spielt, weil auch technische Veränderungen stattgefunden haben. Ich freue mich auch darauf, die Sachen nun anzuwenden, die wir in letzter Zeit erneuert haben. Wenn das klappt, dann kommt auch der Erfolg.

 


„Auf dem Platz muss man schauen, wie man im jeweiligen Moment die Gegnerin in den Griff bekommt“.


 

top: Für den Zuschau-er ist es interessanter und spannender ein Spiel anzuschauen, das von Variabilität und Abwechslung
geprägt ist. Eine Zeit lang dominierte unter den Top-Spielerinnen und -Spielern die reine Kraft und Härte. Hat sich das wieder verändert?

Siegemund: Das ist natürlich eine Zuschauerperspektive. Auf dem Platz kräht kein Hahn danach, wie man den Punkt macht. Man muss ihn einfach machen. Wenn ich mit meinen Schlägen und meiner Variabilität nichts ausrichten kann, dann bringt sie mir auch nichts. Dann kann es schon mal sein, dass meine Gegnerin zwar nur zwei gute Schläge hat, mit denen aber ihre Punkte holt. Das ist für den anderen vielleicht frustrierend, aber das gehört halt auch zum Tennis.

top: Haben Sie denn eine Lieblingsgegnerin?

Siegemund: Ja klar, die hat jeder. Man hat zehn Prozent, die gar nicht gehen, zehn Prozent, die man liebt, und der Rest liegt in der Mitte. Jeder hat auch sein Spiel, das er gerne spielt. Und ich gehöre zu denjenigen, die dann für die andere genau das, was sie mag, nicht spielt. Ich habe ein Spiel, das die Gegnerinnen ärgert. Mir persönlich liegt sehr das Spiel von Simona Halep, der aktuellen Nummer eins im Damentennis. Ich sehe aber nie die Ranglistenposition meiner Gegnerin, wenn ich auf den Platz gehe. Denn oft ist es ja auch eine Frage der Tagesform, wie man gegen hohe Positionen spielt. Die Info ist zwar „nice to have“. Aber auf dem Platz muss man schauen, wie man im jeweiligen Moment die Gegnerin in den Griff bekommt.

top: Sie spielen auch gerne Mixed und haben bei den US-Open 2016 mit Mate Pavić den Titel geholt. Was ist für Sie der besondere Reiz an dieser Besetzung?

Siegemund: Einzel, Doppel und Mixed sind eigentlich wie drei unterschiedliche Sportarten. Die physische Komponente spielt im Mixed und im Doppel fast keine Rolle. Es geht um Schnelligkeit, um ein gutes Auge und ein gutes „Näschen“. Und im Mixed impliziert die Zusammensetzung von Mann und Frau eine psychologische Komponente, die mir sehr gefällt. Schon allein die Tatsache, dass das Gefälle im eigenen Team zwischen Mann und Frau sehr groß ist und dann die damit zusammenhängende weitere Überlegung, welche Rolle die Frau im Team einnimmt, ist total spannend. Bei Mate fand ich gut, dass er sehr schnell meine Fähigkeiten am Netz erkannt hat. Deshalb haben wir uns immer besprochen, was wir als nächstes tun, und auch meine Ideen wur-den mal umgesetzt. Klar, die Männer sind schneller, haben mehr Kraft, eine größere Reichweite. Aber das heißt nicht, dass sie alles alleine machen sollen. So macht Mixed einfach Spaß: die eigene Unterschiedlich-keit gut nutzen, damit es fürs Spiel und im Spiel ein erfolgreiches Package gibt.

top: Stichwort gesunde oder richtige Ernährung: Für Sie kein Problem, auch jetzt in der vergangenen Zeit der Reha? Wie macht man sich auch dank der Ernährung wieder fit?

Siegemund: Mit der Ernährung ist das so eine Sache. Wenn man zehn Leute fragt, bekommt man zehn verschiedene Antworten. Ich habe schon seit Jahren eine Ernährungsberaterin, die ich konsultiere. Andererseits höre ich auch auf meinen Körper, denn ich bin überzeugt, dass man auch merkt, was einem guttut und was nicht. Ich gehe grundsätzlich nicht in die Extreme. Zweifelsohne ist die Ernährung für die Leistung schon elementar wichtig. Aber man sollte das auch kombinieren können mit dem sozialen Aspekt von Essen, also auch mal mit anderen ins Restaurant gehen. Vor Wettkämpfen habe ich einen klaren Ernährungsplan, den ich auch streng einhalte. Aber danach gönne ich mir auch mal was.

top: Und auf der Tour ist das Essen kein Problem?

Siegemund: Auf der großen Tour ist die Versorgung sehr gut. Da gibt es die unterschiedlichsten Angebote, von asiatischer Ausrichtung über Pizza und Pasta, dann Salate, einfach für jeden Ernährungsstil. Bei den kleinen Turnieren ist das leider anders.


 

Laura Siegemunds größte sportliche Erfolge

 

• Drei WTA-Doppeltitel im Jahr 2015 mit drei unterschiedlichen Partnerinnen auf drei verschiedenen Belägen (s’Hertogenbosch, Florianopolis, Luxembourg)
• Sieg ITF Biarritz, Frankreich, 2015
• 3. Runde Australian Open 2016 (Sieg über Jelena Jankovic, ehemalige Nr.1)
• Finale Porsche Grand Prix Stuttgart 2016 (Siege über drei Top-10-Spielerinnen)
• WTA-Einzeltitel Ericsson Open (Schweden), Juli 2016
• Olympiateilnahme in Rio 2016 (Viertelfinale)
• US-Open Mixed-Doubles-Champion 2016 mit Mate Pavić
• WTA-Einzeltitel Porsche Grand Prix, Stuttgart, April 2017
Artikel von www.top-magazin.de/stuttgart