Menschen

Ein Ballett ist kein Museum

Zeitenwende beim Stuttgarter Ballett: Tamas Detrich tritt im Herbst die Nachfolge von Reid Anderson als Intendant an. top magazin sprach mit den beiden Künstlern über den bevorstehenden Wechsel und dessen Bedeutung für die Compagnie.


Jerome Robbins trifft auf John Cranko
Im Rahmen des bei der Premiere im Januar 2018 stürmisch gefeierten Ballettabends „Begegnungen“ vereint das Stuttgarter Ballett zwei choreographische Kostbarkeiten seines Repertoires von unvergänglicher Aktualität. In „Dances at a Gathering“ und „Initialen R.B.M.E.“ bringen Jerome Robbins und John Cranko auf geniale Weise zwischenmenschliche Themen wie menschliche Verbundenheit im Tanz zum Ausdruck und haben zugleich ein Stück Zeitgeschichte eingefangen. Mit Frédéric Chopins gefühlvollen Klavierstücken und dem 2. Klavierkonzert von Johannes Brahms bietet der Ballettabend sowohl tänzerisch als auch musikalisch zwei hochkarätige Stücke. 1969 in New York uraufgeführt, zählt das Stück von Jerome Robbins bis heute zu den bedeutendsten Ballettschöpfungen des 20. Jahrhunderts und gilt als Antwort auf die Unruhen infolge des Vietnamkriegs sowie die Attentate auf Martin Luther King und John F. Kennedy. John Crankos „Initialen R.B.M.E.“, eines der brillantesten Werke des Choreographen, ist eine Widmung an Richard Cragun, Birgit Keil, Marcia Haydée und Egon Madsen. In dieser Spielzeit gibt es noch eine Vorstellung, und zwar am 19. Juli 2018.

 

Matthias Gaul, Tamas Detrich, Karin Endress und Reid Anderson

top: Herr Anderson, im Juli 2018 endet nach 22 Jahren ihr Vertrag als Intendant der Stuttgarter Balletts, dem Haus selbst sind Sie seit fast 50 Jahren verbunden. Mit welchen Gefühlen gehen Sie in die letzten Wochen und Monate Ihrer Amtszeit?

Anderson: Mir geht es sehr gut! Das Fundament für die Zukunft ist mit der Übernahme der Intendanz durch Tamas Detrich gesichert. Es liegt nun in seinen Händen, die Compagnie weiterzuentwickeln. Ich kann jetzt loslassen, muss nicht mehr an deren Zukunft denken und habe nicht mehr die Verantwortung für so viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, der Druck ist raus. Ich bin also ganz entspannt.

top: Ein bisschen Wehmut dürfte aber doch nach so erfolgreicher und langer Zeit mitschwingen.

Anderson: Auf jeden Fall. Ich werde die Tänzerinnen und Tänzer ebenso vermissen wie das ganze Haus und die tolle Atmosphäre. Auf der anderen Seite habe ich in Zukunft wieder viel Zeit zum Reisen. Das habe ich echt vermisst. Vor allem kann ich selbst entscheiden, wohin ich reise und was ich mir anschaue. Es hängt also nicht mehr vom Tourneeplan der Compagnie ab, ob es nach Moskau, Paris oder New York geht, sondern ich habe es selbst in der Hand. Darauf freue ich mich ungemein.

top: Ruhestand ist also nicht angesagt?

Anderson: Keineswegs, dazu bin ich auch nicht der Typ. Darüber hinaus habe ich zahlreiche Einladungen zu den verschie-densten Projekten von Compagnien in aller Welt auf dem Tisch. Das Schöne daran ist: Ich kann diese Projekte machen, muss es aber nicht. Ich bleibe aber auf jeden Fall in Stuttgart wohnen. Diese Stadt ist mein Zuhause.

top: Die Nachfolge steht seit Juli 2015 fest. War von vornherein klar, dass der Nachfolger aus dem Haus kommt oder wäre auch eine externe Lösung denkbar gewesen?

Anderson: Für mich war schon lange klar, dass die hausinterne Lösung die Beste wäre. Tamas Detrich hat alle Stufen hier im Haus durchlaufen – vom herausragenden Tänzer über den Ballettmeister und den stellvertretenden künstlerischen Leiter des Stuttgarter Balletts bis hin zum stellvertretenden Ballettintendanten. Aus meiner Sicht kann es keinen besseren Nachfolger geben, keiner kennt die Geschichte des Stuttgarter Balletts, das Haus und die mit der Intendanz verbundenen Aufgaben so gut wie Tamas. Er hat sich immer in den Dienst der Compagnie gestellt und die Veränderungen am Haus auch zu Beginn meiner Amtszeit souverän mitgetragen. Er war seinerzeit als Tänzer ein Star im Haus, hatte aber nie Probleme damit, ins zweite Glied zu treten, als ich neue Tänzer nach Stuttgart gebracht habe. Das ist wahre Größe.

top: Wie stellt sich das aus Ihrer Sicht dar, Herr Detrich?

Detrich: Reid und mich verbindet eine große Freundschaft, das ist ungemein wertvoll. Die Nachfolge-Entscheidung war auch für mich ein langer Prozess. Vor zahlreichen Gremien und Kommissionen musste ich über viele Monate meine Vorstellungen und Ideen zur Zukunft des Stuttgarter Balletts präsentieren. Ich war ja schließlich auch nicht der einzige, der sich um die Nachfolge von Reid Anderson beworben hatte. Es waren rund 20 Konkurrenten mit im Spiel, darunter große Namen der Ballettszene. Daher bin ich umso glücklicher, dass es am Ende geklappt hat. Die Entscheidung für mich fiel übrigens einstimmig aus. Offensichtlich war mein Konzept sehr überzeugend.

Elisa Badenes, Jason Reilly in John Crankos Initialen R.B.M.E.

top: Was bedeutet es für Sie, die Nachfolge von Reid Anderson anzutreten?

Detrich: Ich trete ein wahrlich großes Erbe an, das ist eine riesige Ehre für mich. Reid hat die Compagnie enorm weiterentwickelt. Ich möchte, diese Entwicklung weiter vorantreiben. Ich werde selbstverständlich an die Cranko-Tradition anknüpfen, John Cranko ist und bleibt ein wichtiger Teil der Stuttgarter Compagnie. Ein Ballett ist aber kein Museum, daher wird es selbstverständlich auch jede Menge Neues zu entdecken geben.

top: Wie sieht die erste Spielzeit unter Ihrer Regie aus?

Detrich: Unter dem Titel „Shades of White“ geht es los mit einem Abend, der ganz im Zeichen des klassischen Balletts steht. Zu sehen sind das „Konzert für Flöte und Harfe“ von John Cranko, „Das Königreich der Schatten“ aus „La Bayadère“ von Natalia Makarowa und die „Symphony in C“ von George Balanchine. Freuen darf man sich auch auf Jirí Kyliáns „One of a kind“, eine Erstaufführunge dieses herausragenden Stückes. Darüber hinaus entsteht als Koproduktion mit dem von Hasko Weber geleiteten Deutschen Nationaltheater Weimar ein Abend zum 100. Geburtstag des Bauhauses mit Uraufführungen von Katarzyna Kozielska, Edward Clug und Nanine Linning. In einer neuen Ausstattung von Jürgen Rose wird dann Kenneth Mac-Millans „Mayerling“ den Habsburger Kronprinzen Rudolf in Stuttgart zum Tanzen bringen. Der letzte Ballettabend der Saison heißt „Atem-Beraubend“ – er zeigt Johan Ingers „Out of Breath“ und Akram Khans „Kaash“ als Erstaufführungen und nimmt außerdem Itzik Galilis Perkussionsballett „Hikarizatto“ wieder auf. Eine Kooperation mit dem Kunstmuseum Stuttgart im Rahmen der Ausstellung „Ekstase in Kunst, Musik und Tanz“ im Herbst sowie eine Koproduktion mit Oper und Schauspiel, die Louis Stiens choreografisch verantworten soll, sind noch in der Planung.

top: Was würden Sie, Herr Anderson, sich wünschen, als Erbe aus Ihrer Zeit mit in die Zukunft genommen zu werden?

Anderson: Ich sage erst mal lieber, was ich nicht wollte: Jemanden, der von außen kommt und mit gestemmten Ellenbogen alles umkrempelt, ohne zu wissen und zu verstehen, was hier über Jahrzehnte aufgebaut worden ist – von John Cranko, von Marcia Haydée und von mir. Innerhalb kürzester Zeit könnte dadurch sehr viel sehr schnell kaputt gemacht werden. Ich bin mir sicher, dass Tamas Detrich die so wichtige menschliche Tradition hier im Haus fortsetzen wird: den Mitgliedern der Compagnie das Gefühl zu geben, dass alle in gleichem Maß für den Erfolg wichtig sind – egal, welche Position sie innehaben.

top: In der jüngeren Zeit haben einige Startänzer die Compagnie verlassen. Ist das in Ihren Augen ein normaler Prozess oder hängt es mit den Veränderungen am Haus zusammen?

Anderson: Das hat eher mit Veränderungen in der Ballettwelt allgemein zu tun. Viele junge Tänzerinnen und Tänzer wollen sich eine ganze Karriere lang nicht an eine Compagnie binden. Durch die mediale Vernetzung verändert sich die Ballettwelt genauso rasant wie unser ganzes Leben. Veränderungen sind aber immer auch die Chance, Neues zu entwickeln. Darüber hinaus haben wir in der John-Cranko-Schule für die Entwicklung neuer Stars der Ballettszene die beste Plattform, die man sich nur wünschen kann.

top: Welchen Stellenwert messen Sie, Herr Detrich, dem Neubau der John-Cranko-Schule bei?

Detrich: Der Neubau ist in seiner Bedeutung für unsere Institution gar nicht hoch genug einzuschätzen. Die Verzahnung mit der Compagnie ist heute um ein Vielfaches enger als vor 20 Jahren. Mittlerweile sind über 60 Prozent der Tänzer des Stuttgarter Balletts Absolventen der Schule. Wenn wir weiterhin die besten Talente nach Stuttgart holen wollen, müssen wir ihnen auch optimale Bedingungen bieten. Das ist mit dem heutigen Status quo schon seit Jahren nicht mehr so gewährleistet, wie es eigentlich wünschenswert wäre. Die John-Cranko-Schule spielt heute in der Champions League – und für junge Menschen, die eine Karriere als Tänzerin oder Tänzer anstreben, sind wir eine der weltweit gefragtesten Adressen. Diesem erstklassigen Standing müssen wir aber auch in Form zeitgemäßer Räumlichkeiten gerecht werden. Und die werden in der neuen Schule haben.

top: Und Sie, Herr Anderson, verfolgen das weitere Geschehen ganz relaxt von außen?

Anderson: Wie eingangs schon angedeutet: Ich bin dann mal weg. Und ich werde mich auch nicht einmischen. Das hat Marcia Haydée auch nicht getan, als ich hier am Haus als Intendant angefangen habe. Aber Tamas hat meine Telefonnummer. Wenn er für anstehende Entscheidungen einen Rat braucht, stehe ich immer zur Verfügung. Ich habe während meiner Amtszeit unter anderem auch immer wieder mit Intendanten anderer Häuser über meine Pläne gesprochen. Das finde ich völlig in Ordnung.

 


 

Zur Person

Reid Anderson blickt auf eine lange und erfolgreiche Karriere als Tänzer, Lehrer, Trainer, Produzent und Ballettdirektor zurück. Anderson wurde 1949 im kanadischen New Westminster, British Columbia, geboren und begann seine Tanzausbildung an der Dolores Kirkwood Academy in Burnaby, B.C. Im Alter von 17 Jahren erhielt er ein Stipendium für ein Studium an der Royal Ballet School in London, England. Ein Jahr später wurde er Mitglied beim Stuttgarter Ballett, das zu jener Zeit John Cranko als Ballettdirektor leitete.

Während seiner 17-jährigen Karriere am Stuttgarter Ballett tanzte Reid Anderson, der 1974 zum Solisten und 1978 zum Ersten Solisten befördert wurde, in vielen klassischen und zeitgenössischen Stücken und arbeitete mit führenden Choreographen des 20. Jahrhunderts – unter ihnen John Cranko, Sir Kenneth MacMillan, Glen Tetley, John Neumeier, Jirí Kylián und William Forsythe. Von August 1987 bis Juni 1989 war Reid Anderson Ballettdirektor des Ballet British Columbia in Vancouver und wurde im Juli 1989 zum Ballettdirektor des National Ballet of Canada in Toronto ernannt. 1996 kehrte Reid Anderson als Künstlerischer Direktor zum Stuttgarter Ballett zurück und wurde am Ende dieser Spielzeit zum Ballettintendanten ernannt. Von Anfang an verfolgte er hier eine Repertoiregestaltung, bei der neben der Pflege des Cranko-Erbes und der hohen Schule des klassischen Balletts die Entdeckung und Förderung junger Talente breiten Raum einnimmt und die Werke etablierter zeitgenössischer Meister einen weiteren Schwerpunkt bilden. Der Vertrag von Reid Anderson, der 2006 mit dem Deutschen Tanzpreis und 2009 mit der Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet wurde, endet im Juli 2018. Sein Nachfolger ist Tamas Detrich.

Tamas Detrich ist Amerikaner ungarischer Herkunft und wurde 1959 in New York geboren. Er erhielt seinen ersten Ballettunterricht zunächst an der National Academy of Ballet and Theater Arts, später unter David Howard am Harkness House of Ballet in New York und schließlich an der John-Cranko-Schule in Stuttgart, wo er 1977 seinen Abschluss machte. Im gleichen Jahr wurde er Mitglied des Stuttgarter Balletts, wo seine technischen und darstellerischen Fähigkeiten schnell Beachtung fanden: Im Jahr 1980 wurde er zum Solisten befördert, ein Jahr später zum Ersten Solisten. In den 25 Jahren beim Stuttgarter Ballett tanzte er alle Hauptrollen in John Crankos Balletten und begeisterte die Zuschauer weltweit mit seinen Darstellungen. Im Jahr 1987 erhielt Tamas Detrich den Kritikerpreis von Santiago de Chile als „Bester Künstler“. 1998 wurde er zum Kammertänzer ernannt, im Herbst 1999 erhielt er den John-Cranko-Preis. Zu Beginn der Spielzeit 2001/02 wurde er, zusätzlich zu seiner Tätigkeit als Tänzer, Ballettmeister beim Stuttgarter Ballett. Am Ende der Spielzeit verabschiedete sich Tamas Detrich mit John Crankos Onegin von der Bühne, ab der Spielzeit 2002/03 wirkte er ausschließlich als Ballettmeister.

Im Jahr 2004 ernannte ihn Reid Anderson außerdem zum stellvertretenden Künstlerischen Leiter des Stuttgarter Balletts, die Ernennung zum stellvertretenden Ballettintendanten folgte im Jahr 2009. Im Juli 2015 wurde Tamas Detrich vom Verwaltungsrat der Staatstheater Stuttgart einstimmig zum Nachfolger Reid Andersons gewählt. Tamas Detrich ist verheiratet mit der ehemaligen Ersten Solistin Marion Jäger und Vater von Zwillingen.

Artikel von www.top-magazin.de/stuttgart