Menschen

Ungeschminkt – Der Mann hinter Frl. Wommy Wonder

Sie ist eine der schillerndsten Figuren der Stuttgarter Kabarettszene. Seit über 30 Jahren steht das kecke Fräuleinwunder auf der Bühne und begeistert sein Publikum mit einem Mix aus Travestie, Comedy und Chansons. So frech und schlagfertig Wommy auf der Bühne ist, so still und zurückhaltend ist Michael Panzer – der Mann hinter der 2.42 Meter großen Kunstfigur. Im November feierte der Travestier-Star seinen 50. Geburtstag mit der großen, dreitägigen Gala „Fifty-fifty … Halbzeit!“ im SpardaWelt Eventcenter.


Michael Panzer

top: Herr Panzer, am 8. November 2017 hatten Sie Ihren 50. Geburtstag. Wie alt ist eigentlich Frl. Wommy Wonder?

Panzer: Das kann ich gar nicht so genau beantworten. Wommy als Figur gibt es mindestens seit 1984, allerdings hatte ich davor schon zwei oder drei Auftritte, die aber „anonym“ waren, ohne Namen. Wenn man es also so sieht, ist Wommy heute 34 Jahre alt. Wobei das auch nicht stimmt, weil sie ja quasi schon erwachsen war, als sie das erste Mal auf einer Bühne stand. Auf jeden Fall altern Wommy und ich gemeinsam.

 

top: Bei Ihrer Geburtstagsgala „Fifty-fifty … Halbzeit!“ wurden Sie auf der Bühne von namhaften Kollegen wie Musicalstar Kevin Tarte, SWR-Moderatorin Tatjana Geßler oder Kabarettist Thomas Schreckenberger unterstützt. Wie haben Sie persönlich Ihre Feier erlebt?

Panzer: Ich war schlichtweg überwältigt von der Reaktion des Publikums, von den hochkarätigen Gästen und vor allem von den kleinen Sondereinlagen, mit denen sie mich überrascht haben. Daran werde ich noch ewig denken.

 

top: In der ganzen Region Stuttgart kennt man Frl. Wommy Wonder. Fühlt sich da der Mann hinter Wommy etwas zurückgestuft?

Panzer: Nein, ganz im Gegenteil. Ich finde das sogar sehr angenehm, denn so kann ich mich ja einigermaßen unbeschadet durch meinen Alltag bewegen. Mich erschreckt es eher, wie viele Menschen mich dennoch ungeschminkt erkennen. Meistens an meinem Lachen und an meiner Nase (lacht).

 

top: Wie sehr unterscheiden Sie sich charakterlich von Wommy?

Panzer: Nicht grundsätzlich. Wommy ist kecker, Michael schüchterner, der Humor ist bei beiden gleich – nur dass Michael real ist und Wommy „nur“ eine Figur, die außerhalb der Bühne nur auf Galas, Events und Roten Teppichen Existenzberechtigung hat, sonst nirgends.

 

„Wommy ist nur eine Figur!“

 

top: Seit über 30 Jahren steht Frl. Wommy Wonder auf der Bühne. Was ist ihr Erfolgsrezept?

Panzer: Das kann ich Ihnen leider nicht ausreichend beantworten. Wenn ich dieses Rezept hätte, könnte ich daran feilen und es noch verbessern. Ich könnte mir aber vorstellen, dass es mitunter daran liegt, dass Wommy, wie eben schon angesprochen, mit mir altert und wir gemeinsam Erfahrungen sammeln. Vielleicht liegt ein Teil des Erfolges auch darin begründet, dass ich nie ganz vorne war. Überregionale Medien beachten mich eher weniger, im Gegensatz zu anderen deutschen Travestie-Künstlern.

 

Die Künstler der Geburtstagshow

top: Stimmt es eigentlich, dass ein Putzfrauenstreik an Ihrer Schule Sie damals zu Ihrem ersten Auftritt auf einer Bühne inspirierte?

Panzer: Nein, nicht so ganz. Der Auftritt mit Parodien auf Modern Talking und Denver-Clan bei jenem „verhängnisvollen“ Faschingsball 1984, bei dem schlussendlich Frl. Wommy Wonder das Licht der Bühne erblickte, hätte auch so stattgefunden. Aber dieser Putzfrauenstreik hat mich auf jeden Fall zu einer eigenen Putzfrauen-Figur inspiriert, die auch heute noch in gereifter Form als Elfriede Schäufele Hauptbestandteil meiner Programme ist.

 

top: Sie sind auf der schwäbischen Alb geboren und aufgewachsen, haben katholische Theologie und Germanistik mit Schwerpunkt auf alten Sprachen studiert und schlossen Ihr Studium mit Staatsexamen ab. Einen Weg, den man so nicht unbedingt erwarten würde, wenn man Sie als Frl. Wommy Wonder auf der Bühne sieht.

Panzer: Ich muss dazu sagen, dass ich den Lehrberuf nie praktiziert habe. Aber rückblickend kann ich behaupten, dass das Studium für meine heutige Bühnentätigkeit eine sinnvolle Ergänzung war und ein Ventil ist. Außerdem komme ich in Wahrheit eher vom Oberland als von der schwäbischen Alb … aber ein bisschen Flunkerei muss sein.

 

top: Und Sie sind im selben Ort und sogar im selben Krankenhaus geboren wie Mario Gomez?

Panzer: Da haben Sie gut recherchiert. Allerdings weiß ich das auch erst, seit mal bei „Wer wird Millionär?“ gefragt wurde, welcher bekannte deutsche Fußballspieler im oberschwäbischen Ort Riedlingen geboren wurde. Aufgewachsen ist Mario aber im Nachbarort Unlingen.

 

top: Fast zweieinhalb Stunden dauert Ihre Verwandlung in Frl. Wommy Wonder. Ist dieser Schminkprozess für Sie so eine Art Hinübergleiten in den anderen Charakter?

Panzer: Ja, so könnte man das sagen. Es ginge sicherlich auch schneller, aber ich möchte mir die Zeit nehmen, in Ruhe von der einen in die andere Person zu schlüpfen.

 

top: Was ist eigentlich das Geheimnis von Wommys phänomenaler Oberweite?

Panzer: Mit Brust-OPs hat Wommy nichts am Hut (lacht). Ihre Oberweite bekommt sie ganz einfach durch Aquarium-Filterwatte. Das ist das ganze Geheimnis …

 

top: Trauen Sie sich als Wommy Dinge zu sagen, die Sie als Michael Panzer nicht sagen würden?

Panzer: Beide dürfen sagen, was sie wollen. Aber wenn man wie Wommy „zwischen den Geschlechtern“ steht, klingt vieles leicht philosophisch, was ansonsten eher pikant klingen könnte.

 

„Wommy steht zwischen den Geschlechtern.“

 

top: Haben Sie deswegen mit Frl. Wommy Wonder eine Figur geschaffen, hinter der Sie sich auf eine gewisse Art und Weise verstecken können?

Panzer: Das habe ich mich auch schon oft gefragt, kann es aber nicht sagen. Vielleicht müsste man diesen Aspekt einmal psychologisch ergründen.

 

top: Ich möchte jetzt gerne ergründen, wie der Privatmann Michael Panzer lebt?

Panzer: Bescheiden, zurückhaltend und unauffällig.

 

Frl. Wommy Wonder sang mit dem Musicalstar Kevin Tarte im Duett

top: Kann Wommy den Humor beider Geschlechter abdecken?

Panzer: Ja. Zumindest bei denjenigen, die ein feines Gespür für Humor haben und lachen möchten. Die Mario-Barth-Hardcore-Fraktion ist da gerne mal überfordert. Frauen sind unverkrampfter, weil sie im Alltag gewohnt sind, sich und ihre Rolle zu hinterfragen. Männer haben dagegen öfter Zugangsprobleme zu Travestie, aber wenn sie einmal über ihren eigenen Schatten springen, dann haben sie auch Spaß bei mir (lacht).

 

top: Gibt es eigentlich deutschlandweite Unterschiede, wie Travestie empfunden wird?

Panzer: Ja. Im Osten der Republik ist das der Straßenfeger, im Norden herrscht vornehme Zurückhaltung, aber eine Grundbereitschaft, sich darüber zu amüsieren. Im Rheinland feiert sich das Publikum dabei gerne mal selber und im Süden sind die Menschen für Travestie zu begeistern, wenn man ihnen entgegen kommt.

 

top: Wie wichtig sind für Sie persönlich Kritiken?

Panzer: Es kommt immer darauf an, wer etwas sagt, wann und vor allem mit welchen Worten. Wenn das einigermaßen nett formuliert ist und nicht ins Persönliche abdriftet, habe ich damit keine Probleme.

 

„Schwäbischer Humor ist sehr bodenständig!“

 

top: Am Ende eines jeden Programms schminken Sie sich zur Hälfte ab. Wird den Zuschauern dadurch nicht ein Teil der aufgebauten Illusion genommen, oder ist es genau das, was Sie damit erreichen wollen?

Panzer: In dieses Abschminken wird mehr Philosophie hineininterpretiert, als wirklich dahinter steckt. Ich wollte einfach etwas machen, was die anderen so nicht machen und habe mir das auch schützen lassen.

 

top: Sie leben in Stuttgart. Was gefällt Ihnen an der Stadt?

Panzer: Alles! Ich mag den schwäbischen Menschenschlag allgemein. Nur kultur- und kommunalpolitisch gäbe es Optimierungswünsche. Es wäre schön, wenn sich die Stadt und die Medien etwas mehr für die Kultur engagieren und auch mal das gut finden würden, was aus den eigenen Reihen der kulturellen Szene kommt. Leider habe ich auch oft das Gefühl, dass die Außenwirkung, die unsere schöne Stadt auf den Rest der Republik hat, immer noch etwas suboptimal ist. Aktuell wird sie doch nur mit der Feinstaubproblematik und Stuttgart 21 in Verbindung gebracht. Und uns Schwaben verbinden die anderen Bundesländer doch eigentlich nur mit Spätzle, Äffle und Pferdle sowie Kehrwoche, dabei haben wir viel mehr zu bieten. Der schwäbische Humor ist zum Beispiel sehr bodenständig und ehrlich, nicht wie in vielen anderen Regionen reiner Selbstzweck. Während sich der Kölner schon prächtig amüsiert, wenn im Saal das Licht ausgeht, will der Schwabe erst einmal für sein Geld begeistert werden. Und das ist auch gut so …

 

top: Welche Pläne und Wünsche haben Sie privat für die Zukunft?

Panzer: Ich mache keine Pläne, das erstickt einen nur. Wenn ich mir aber vom Schicksal was wünschen dürfte, dann ein wenig mehr Fairness und Respekt. Momentan ist man vor allem im Süden mit Travestie auf der Hackordnung ziemlich weit unten und hat mehr Pflichten als Rechte. Vielleicht gehe ich ja mal als schwäbische Märtyrerin für Travestie in die Geschichte ein, dann hätten meine Auftritte noch einen tieferen Sinn. (lacht).

Artikel von www.top-magazin.de/stuttgart