Kultur

Wenn das Leben entgleist …

Die ökumenischen Bahnhofsmissionen in Deutschland bieten seit mehr als 120 Jahren Hilfe für Menschen in Notsituationen. Ihr Name mag wie aus der Zeit gefallen klingen, ihr Angebot ist es aber nicht. Denn Bahnhöfe sind im 21. Jahrhundert nicht mehr nur Mobilitätsknoten, sondern auch Treffpunkte für Heimatlose und Reisende aller Art. Auch die Bahnhofsmission Stuttgart bietet Migranten, Obdachlosen und allen anderen Menschen einen Platz, die sich in unserer Gesellschaft nicht mehr zurecht finden. top magazin war einen Tag lang vor Ort.


 

Die Räumlichkeiten der Bahnhofsmission

Mehr als 240.000 Menschen nutzen an Werktagen den Stuttgarter Hauptbahnhof, entsprechend belebt und hektisch geht es hier oft zu. Berufspendler, Schüler, Passanten und Reisende strömen in den Morgenstunden, zur Mittagszeit und auch abends durch die große Bahnhofshalle. Und keiner von ihnen beachtet an diesem kalten Novembermorgen gegen 8.30 Uhr das kleine blaue Schild mit dem achtspitzigen rosa Kreuz, dem Zeichen der Bahnhofsmission – außer uns. Eine Treppe führt nach oben. Dort halten wir uns links und stehen vor der großen Doppeltüre der Bahnhofsmission. Als wir eintreten, sind die wenigen Tische bereits besetzt. „Das sind alles Migranten aus Osteuropa“, erklärt uns Renate Beigert, die Leiterin der Bahnhofsmission. „Diese Menschen schlafen nachts im Schlosspark und kommen dann morgens zu uns, um sich hier aufzuwärmen.“ Es gibt Tee und Gebäck vom Vortag, das ein Bahnhofsbäcker der Mission gespendet hat.

 

Die Bahnhofsmission ist für alle Menschen da!

Seit Jahren steigt die Zahl der Hilfesuchenden mit multiplen sozialen Problemen. Oft sind diese Menschen wohnungslos oder befinden sich in prekären Lebensverhältnissen, viele davon mit gesundheitlichen Einschränkungen, psychischen Handicaps oder suchtkrank.

Einer davon, der heute die Bahnhofsmission besucht, ist Sven. Der 42-Jährige war früher drogenabhängig und ist heute das zweite Mal hier. Er versucht wieder Fuß zu fassen und in ein normales Leben zurückzufinden. „Es ist schön, dass es hier Leute gibt, die sich um einen kümmern“, erzählt er lächelnd. Vor allem zuhören ist ganz wichtig, ein offenes Ohr zu haben und ein paar nette Worte spenden. Und das nicht nur für Obdachlose oder Migranten. „Die Bahnhofsmission ist für alle Menschen da, die Hilfe brauchen“, erklärt Renate Beigert. „Egal, ob jemand den Weg nicht weiß, eine Fahrplanauskunft benötigt, sein Mobiltelefon aufladen oder sich einfach etwas ausruhen möchte – zu uns kann jeder kommen!“ Sogar einen bekannten deutschen TV-Star mit gebrochenem Bein haben die Engel mit den blauen Westen schon versorgt.

 

Keine barrierefreie Erreichbarkeit

Im Februar 2017 war es dann aber die Bahnhofsmission, die plötzlich auf Hilfe angewiesen war, berichtet uns Renate Beigert. Ein Brand zerstörte damals die blauen Container an Gleis 16. „Wir hatten vom einen auf den anderen Moment die komplette Grundlage für unsere Arbeit verloren“, erinnert sich die Diplom-Sozialpädagogin. „Alles war weg: Von den Computern bis zu den Telefonen, den Adressen und Kontaktdaten. Wir waren erst einmal vollkommen handlungsunfähig.“ Doch auf den Schrecken und die Paralyse folgte ein schnelles Umdenken, Handeln und Umorganisieren sowie eine Welle der Hilfsbereitschaft für die rund 70 Haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter der Stuttgarter Mission. Die Deutsche Bahn sowie Firmen aus Stuttgart und Umgebung spendeten Möbel, Material und Arbeitskräfte, um die Interimsräume schnellstmöglich einrichten und beziehen zu können. „Die neuen Räumlichkeiten sind zwar ein Glücksfall für uns“, erklärt Renate Beigert, „aber leider auch keine Dauerlösung, wie wir sie uns wünschen würden. Denn durch die Treppen sind wir nicht mehr barrierefrei erreichbar, außerdem nicht so nah an den Gleisen, wie vorher.“ Ein durchaus ernstzunehmendes Problem, denn nicht jeder, der Hilfe braucht, findet die Bahnhofsmission jetzt auf Anhieb. „Ich hoffe, dass wir bald in neue Räumlichkeiten ziehen können, die dann besser zu erreichen sind!“

 

Mobile Hilfe am Bahnsteig

Die Leiterin der Bahnhofsmission Renate Beigert im Gespräch mit Karin Endress und Boris Mönnich

Mittlerweile ist es Mittag geworden. Sehr viel ist heute nicht los in der Bahnhofsmission. Ein paar Menschen mit Migrationshintergrund fragen nach einem warmen Tee oder nach heißem Wasser für ihre selbstmitgebrachten Tütensuppen. Oft geht es dabei laut und hektisch zu, da gewisse Sprachprobleme die Verständigung erschweren. „Wir artikulieren uns dann schon Mal mit Händen und Füßen“, lacht Renate Beigert, die sich gerade auf den Weg zu den Gleisen macht. Wir dürfen sie begleiten. Unterwegs erzählt sie uns, dass heute morgen eine Frau angerufen und die Mitarbeiter der Mission gebeten hat, sich um ihren 80jährigen Vater zu kümmern, der am Stuttgarter Bahnhof ankommt und in einen anderen Zug umsteigen muss. Es herrscht hektisches Treiben an Gleis 8, der Zug ist bereits da, von dem älteren Herrn aber weit und breit nichts zu sehen. Nach ein paar Minuten finden wir ihn schließlich, er ist gut zu Fuß und bestens gelaunt. Renate Beigert und wir begleiten ihn zu Gleis 10, von wo aus sein Anschlusszug abfährt. Der 80-Jährige freut sich über die Hilfe und spendet spontan 20 Euro für die Bahnhofsmission. Auf finanzielle Unterstützung sind die Engel mit den blauen Westen stets angewiesen, um ihre Arbeit bestmöglich zu machen und Menschen in Notlagen helfen zu können. Zwar wird die ökumenische Einrichtung vom evangelischen Verein für Internationale Jugendarbeit Württemberg (vij) und dem katholischen Verband für Mädchen und Frauensozialarbeit Diözese Rottenburg-Stuttgart (In Via) getragen, erhält auch Geld von der Stadt Stuttgart und den beiden Kirchen, aber wirklich ausreichend ist das nicht.

 

Große Belastungen für die Mitarbeiter

Als wir in die warmen Räumlichkeiten der Bahnhofsmission zurückkommen, ist auch Sven wieder da. Er möchte sich aufwärmen, bevor es für ihn wieder nach draußen in die Kälte geht. Den restlichen Tag über ist nicht mehr viel los. „Meistens ist es hier aber nicht so ruhig“, erklärt uns Renate Beigert. Denn Armut, Krankheit an Körper und Seele, Verzweiflung und keine Möglichkeit zur Hilfe stehen für die Mitarbeiter auf der Tagesordnung. Vor allem für die zahlreichen Ehrenamtlichen, die sich neben den wenigen Hauptamtlichen um die Bedürfnisse und Nöte der Menschen kümmern, ist dies eine enorme Belastung. Unser Tag in der Bahnhofsmission Stuttgart geht zu Ende. Wir haben heute eine andere Welt kennengelernt, jenseits von Wohlstand und Konsum, dafür aber mit jeder Menge Menschlichkeit und Mitgefühl.

 


 

BAHNHOFSMISSION MOBIL:

Die Bahnhofsmission bietet Hilfe bei Reisen im Regionalverkehr Baden-Württemberg für Erwachsene und Senioren an. Regelmäßig freitags und sonntags begleiten die Mitarbeiter der Bahnhofsmission auch reisende Kinder zwischen sechs und 14 Jahren in bestimmten Zügen der Deutschen Bahn und zwischen bestimmten Bahnhöfen.

 

Nähere Infos unter:

Bahnhofsmission Stuttgart
Arnulf-Klett-Platz 2
Hauptbahnhof
70173 Stuttgart

Tel.: 0711 / 29 29 95
Fax: 0711 / 2845211

www.bahnhofsmission.de
Email: stuttgart@bahnhofsmission.de

Öffnungszeiten:

Mo – Fr von 7 bis 21 Uhr

Sa, So und Feiertage 9 bis 21 Uhr

Spendenkonto:

BW Bank
IBAN: DE11 6005 0101 0002 8300 27
BIC: SOLADEST600
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Artikel von www.top-magazin.de/stuttgart