Kultur

Unsere Geschenke sind von unschätzbarem Wert

Weihnachten steht vor der Tür, an den Feiertagen sind die Kirchen so voll wie sonst im ganzen Jahr nicht. Doch wie ist es eigentlich um den Zustand der katholischen Kirche in Stuttgart bestellt? Und was muss sich unter Umständen ändern, damit die Gottesdienste wieder stärker besucht werden und sich wieder mehr junge Menschen für den Priesterberuf entscheiden? top magazin sprach darüber mit dem Stuttgarter Stadtdekan Monsignore Dr. Christian Hermes.


 

top: Herr Dr. Hermes, Kirchengebäude stehen bis heute oft im Zentrum einer Stadt oder Kommune – siehe Domkirche St. Eberhard in Stuttgart in der Königstraße. Doch Kirche hat viele Wirkungsorte, die oftmals nicht so prominent sichtbar sind. Welche Wirkungsorte hat die katholische Kirche in der Stadt Stuttgart?

Hermes: Auf den ersten Blick wird man Kirche in der Tat immer mit den Kirchengebäuden identifizieren. In Stuttgart haben wir 42 deutsche katholische Kirchengemeinden, aber auch 28 Gemeinden und Gruppen anderer Muttersprachen. Der Stuttgarter Katholizismus ist also sehr international aufgestellt. Darüber hinaus haben wir natürlich noch viele weitere Wirkungsorte in der Stadt. Das Marienhospital zum Beispiel ist eine hoch anerkannte und beliebte Klinik, wir haben hier in der Königstraße das Haus der Katholischen Kirche als Leuchtturmeinrichtung, das St.-Agnes-Mädchen-Gymnasium ist ein freies Gymnasium in Trägerschaft der katholischen Kirche, der Caritasverband ist mit seinen 2.600 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern das größte Sozialunternehmen dieser Stadt. Aber auch in Kirchen- und Kinderchören engagieren sich viele Menschen ganz großartig. Kurzum: Von der Wiege bis zur Bahre gibt es eigentlich keine Lebensbereiche und sozialen Milieus, wo wir nicht präsent und nah am Puls der Zeit sind.

 

top: Diese Vielschichtigkeit der Kirche vor Ort ist auch Gegenstand des Prozesses Aufbrechen, den Sie mit in Gang gebracht haben. Dabei wurde intensiv über Zielsetzungen und Aufgaben der Kirche in Stuttgart gesprochen. Wie sieht dieser Prozess aus?

Hermes: Als ich 2011 Stadtdekan wurde, habe ich gemeinsam mit den Gremien zunächst einmal alle Maschinen auf Stopp geschaltet, weil klar war, dass wir uns strukturell, inhaltlich und wirtschaftlich neu aufstellen müssen. Zu diesem Zweck haben wir in den Gremien und Gemeinden viele Gespräche geführt. Was dabei herausgekommen ist, haben wir als Zielsetzung zusammengefasst: „Wir sind Kirche in der Stadt, wir sind Kirche für die Stadt und wir sind Kirche für alle Menschen dieser Stadt.“ Diese drei Punkte sind mir sehr wichtig – gerade in einer Diözese, die sehr stark ländlich geprägt ist. Stuttgart ist in dieser Diözese, abgesehen von Ulm oder Heilbronn, der einzig wirklich urbane Raum. Deshalb müssen wir die Realitäten der Stadt ernst nehmen. Es ist hier nicht wie in Tigerfeld auf der Schwäbischen Alb und auch nicht wie in Ravensburg. Die Menschen in Stuttgart nutzen ihren Raum ganz anders. Es gibt viele verschiedene Ebenen, die wir auch als Kirche zur Kenntnis nehmen müssen.

 

top: Wie hat man sich das im Einzelnen vorzustellen?

Hermes: Ich vergleiche das gerne mit Kultureinrichtungen. So wie diese Stadt eben nur eine Oper hat, können wir bestimmte Einrichtungen in Stuttgart auch nur einmal haben. Das Hospiz St. Martin zum Beispiel könnte nicht eine einzelne Kirchengemeinde machen. Es gibt die Ebene der Kirchengemeinde, die muss ganz nah bei den Menschen im jeweiligen Stadtviertel sein, noch kleinräumiger als im Stadtbezirk. Dann gibt es die mittlere Ebene, auf der wir Dinge wie Finanzen und Immobilien bündeln, damit wir vor allem die Ehrenamtlichen an der Basis nicht ständig mit Verwaltungsaufgaben belästigen müssen. Und dann gibt es die Stadtebene, auf der wir – worüber ich sehr glücklich bin – mit unseren Mitteln solche Leuchtturmprojekte realisieren wie das Hospiz, das Haus der Katholischen Kirche oder das Zentrum für Spiritualität an St. Fidelis. Im Übrigen wollen wir das erwähnte Hospiz ja auch noch in Richtung Trauerpastorales Zentrum erweitern. Da sind wunderbare Dinge möglich geworden. Darüber hinaus sind wir auch insofern Kirche für die Stadt, als unsere sozialen Dienste für alle Menschen offen stehen. Auch unsere rund 3.500 Kita-Plätze in der Stadt sind für alle Kinder dieser Stadt, nicht nur für die katholischen.

 

„Mit einem einfachen ‚Weiter so‘ oder kleinen Korrekturen links und rechts wird es nicht gehen.“

 

top: Tatsache ist, dass sich zu den Gottesdiensten in zahlreichen Kirchen oft nur eine Handvoll Gläubige einfinden. Wie schätzen Sie diese Entwicklung ein? Fehlt da etwas auf der einen oder anderen Seite des Altars?

Hermes: Ein wesentliches Merkmal unserer jüdisch-christlichen Tradition ist, dass diese Religion immer unterwegs war beziehungsweise auf dem Weg ist. Und man sollte immer wieder auch bedenken, dass das erste Heiligtum ein Zelt war, das mitgetragen wurde. Die Steinwerdung der Kirche fand erst später statt. Im Neuen Testament wird davon gesprochen, dass die Kirche aus lebendigem Stein gebaut werden muss. Von daher ist für mich ganz klar, dass alle Gebäude für uns als Kirche – sie mögen kunsthistorisch und architektonisch noch so bedeutsam sein – immer auf den eigentlichen Zweck der Kirche ausgerichtet sein müssen. Es ist kein Selbstzweck, dass wir Gebäude erhalten. Wir sind keine Stiftung Denkmalpflege, sondern eine Glaubensgemeinschaft.

Freilich ist bei uns in der westlichen Welt schon seit vielen Jahrzehnten ein fortschreitender Prozess der Säkularisierung, der Entkirchlichung und des Zusammenbruchs einer Art von Volkskirche zu beobachten. Für Menschen aus Afrika, dem Nahen Osten oder Asien ist es unvorstellbar, dass ein Mensch keine Religion hat. Bei uns gehört Religion für viele Menschen gerade nicht mehr zu ihrem Leben dazu. Damit müssen wir umgehen. Dadurch verändert sich auch die Form von Kirche. Es gibt nicht mehr den sozialen Zwang, in die Kirche zu gehen, wie ihn die Volkskirche kannte. Wir haben jetzt eine Kirche der Freiwilligkeit. Und das ist gut! Wer kommt, der kommt freiwillig. Um wieder mehr Menschen für unsere Sache zu gewinnen, müssen wir kräftig in die Pedale treten. In diesem Punkt passiert mir in meiner Kirche zu wenig. Ich finde es immer wieder deprimierend, wie die Oberhirten einfach so weitermachen – vielleicht auch aus einer Hilflosigkeit heraus – und denken, irgendwie wird es schon weitergehen. Ich bin überzeugt davon, dass wir als katholische Kirche alle Kräfte bündeln und die besten Ideen sowie die besten Leute zusammensammeln müssen, um das, was unser Evangelium aufträgt, in unserer Gesellschaft zum Leuchten zu bringen. Mit einem einfachen „Weiter so“ oder kleinen Korrekturen links und rechts wird es nicht gehen.

 

Gabriela Rothmund im Gespräch mit Christian Hermes

top: Vieles ist vielleicht auch nicht mehr zu leisten, weil die Kirche ähnlich wie die Wirtschaft unter einem zunehmenden Fachkräftemangel leidet. Was kann man dagegen tun?

Hermes: Es sind weniger christliche junge Leute da, die Kirchenbindung nimmt ab. Für viele ist beim Priesterberuf auch die zölibatäre Lebensform ein Stein des Anstoßes, ebenso die Frage des Zugangs von Frauen für kirchliche Ämter. Die katholische Kirche in der westlichen Kultur muss hierauf ganz schnell schlüssige Antworten finden. Warum sollen Menschen, weil sie Frau sind, von ganz wesentlichen Funktionen dieser Kirche ausgeschlossen sein? Das sieht man zwar in Afrika anders, aber in der westlichen Welt ist das nicht mehr akzeptabel. Wie kann das in einer Weltkirche zusammenkommen? Da haben wir hausgemachte Probleme. Andererseits sehen wir auch, dass wenn – wie in der evangelischen Kirche – diese Probleme gelöst sind, auch nicht alles plötzlich wächst und gedeiht, sondern der Kern, so glaube ich, immer der sein wird, dass Menschen sich begeistern lassen durch diese Botschaft. Glaube funktioniert nicht ohne Glaube. Alles was wir jetzt an Modernisierung und Veränderung durchführen, läuft völlig ins Leere und ist hohler Aktionismus, wenn wir nicht die Begeisterung und die Lust an der Sache wecken. Es braucht nicht die Weitergabe der Asche, sondern des Feuers. Wenn wir das nicht schaffen, dann wird Gott sich wohl andere Formen suchen, wie er mit der Menschheit in Kontakt kommen möchte.

 

top: Wie kann man dann Ihrer Meinung nach die „Oberen“ dazu bewegen, mehr zu unternehmen? Oder muss das von „unten“ passieren?

Hermes: Die Erfahrung zeigt, dass der Druck von „unten“ bei den Menschen, die so strukturiert sind, dass sie vielleicht ängstlich sind, eher dazu führt, dass sie noch ängstlicher werden. Ich glaube, dass wir uns als Kirche insgesamt geistlich erneuern müssen. Und wir müssen uns Fragen stellen wie: Wer kommt denn in geistliche Ämter? Wer wird Priester? Wer geht in den Beruf des Pastoralreferenten? Sind das Menschen, die Ideen haben? Die den Mut haben, auf die Menschen in der Gesellschaft zuzugehen? Oder herrscht da ein Geist der Verzagtheit und der Mutlosigkeit? Der vor ein paar Jahren leider verstorbene Künstler und Regisseur Christoph Schlingensief, der sehr vom Katholizismus geprägt war, hat als Akt der Provokation eine „Kirche der Angst“ gegründet. Darüber müssen wir als Kirche wirklich gründlich meditieren: Sind wir als Christen in dieser Gesellschaft die Kirche des Mutes und der Hoffnung, oder sind wir ein verzagtes Häufchen, das nicht mehr weiß, wie es weitergehen soll, weil die alte große Herrlichkeit vorbei ist? Wir in Stuttgart wollen jedenfalls eine frische Kirche. Ich versuche, mit Menschen zum Beispiel aus Kunst, Wissenschaft und Kultur in Kontakt zu treten. Bislang habe ich damit noch nie schlechte Erfahrungen gemacht. Niemand signalisiert mir, dass man mit uns nichts zu tun haben will.

 

„Ich glaube, dass wir uns als Kirche insgesamt geistlich erneuern müssen.“

 

top: Sie hatten ja dieses Jahr auch einen Auftritt bei den jazzopen. Wie kam es dazu?

Hermes: Ich war mit Jürgen Schlensog ins Gespräch gekommen und habe ihn direkt gefragt, ob wir nicht mal etwas zusammen machen könnten. Ich bin zwar kein Jazzexperte, aber ich mag Jazz. Und bei uns in der Kirche kommt diese Kunstform eher selten vor. Das Konzert hier im Dom mit Jason Moran und seiner Frau Alicia unter dem Motto „I have a dream“ war sehr berührend und so erfolgreich, dass wir fürs nächste Jahr schon wieder etwas in der Domkirche St. Eberhard planen. Es wird ein bekannter Mann am Klavier sitzen, aber mehr verrate ich noch nicht.

 

top: Sie sind ein Vertreter der Kirche, der sich klar auch zur Politik äußert – sei es im Vorfeld von Wahlen respektive zu rechtsradikalen Tendenzen in unserem Land und unserer Stadt. Wie politisch darf Kirche sein? Oder ist das gar ein Teil ihres Auftrags?

Hermes: Kirche kann gar nicht unpolitisch sein. Und zwar deshalb, weil die Kirche aus Menschen besteht und Menschen in politischen Zusammenhängen leben. Wenn Jesus von sozialer Gerechtigkeit spricht, von Wahrhaftigkeit, von Frieden, dann sind das sozial hochgradig relevante Wirklichkeiten. Diese in unserer Welt zu leben, sind wir als Christen aufgerufen. Insofern können wir da nicht gleichgültig sein. Wenn Menschen also behaupten: Kirche heißt für mich, dass ich mich aus der Politik raushalte, dann ist das zwar auch ein politisches Statement, aber keines, das – wie ich glaube – dem Evangelium entspricht. Klar, Kirche muss sich politisch dort raushalten, wo es um Sachthemen geht. In wirtschaftlichen und technischen Fragen haben wir keine bessere Erkenntnisquelle als die anderen. Was für uns als Kirche aber Thema sein muss, sind die Grundwerte, die berührt sind, die ethischen Kategorien. Da geht es dann um „die Ökologie des Menschen“, wie Papst Benedikt gesagt hat. Da geht es um Fragen der globalen Gerechtigkeit. Papst Franziskus ist in diesem Punkt ein großer Kämpfer, neben der Sorge um die Ökologie stellt er ja auch die Frage danach, was Solidarität auf dieser Welt bedeutet. Mit diesen Themen sind wir mitten in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung. Wenn wir uns da ängstlich zurückziehen, dann werden wir auch als nicht mehr relevant wahrgenommen.

 

top: Mittlerweile haben Sie wieder einen der größten und schönsten Weihnachtsmärkte direkt vor Ihrer Haustüre, und das Weihnachtsfest ist nicht mehr fern. Welche Chance hat die Kirche hier, ihre zentrale Botschaft zu verkünden?

Hermes: Gerade in der Weihnachtszeit sind viele Menschen wahnsinnig gestresst auch durch den Konsumwahn, der mit diesem Fest verbunden ist, aber genau der eigentlichen Botschaft entgegensteht. Denn die heißt ja nicht: Du hast eine Würde, wenn Du viel Geld für Geschenke ausgeben kannst, und Du hast keine Würde, wenn Du nicht konsumieren kannst. Sondern die Botschaft heißt: Gott wird Mensch, wirklich ein hilfloses Baby, die bloße Menschlichkeit. Und ob Du Millionen auf dem Konto hast und ob Du Dir alles kaufen kannst – diese Menschlichkeit ist ein unschätzbares Geschenk, das Dir an Weihnachten immer wieder in Erinnerung gerufen wird. Insofern sind die Kirchen dann doch sehr wichtig an Weihnachten, weil sie nicht der Ort der kauf- und umtauschbaren Geschenke sind, sondern jeder Mensch als geliebtes und wertgeschätztes Wesen ernst genommen wird. Insofern freue ich mich über jeden, der in der Adventszeit zu uns kommt – und da kommen sehr, sehr viele in die Kirche und zu unseren besonderen Angeboten hier im Haus. Ich spüre bei ganz vielen Menschen, gerade wenn sie so gestresst durch die Innenstadt rennen, dass sie sich bewusst sind, dass das, was ihnen weiterhilft und ihrem Leben Sinn gibt, tiefer liegen muss. Und dafür sind wir da. 

 


 

Zur Person

Christian Hermes, 1970 in Baden-Baden geboren, studierte von 1989 bis 1995 an der Eberhard-Karls-Universität in Tübingen katholische Theologie und Philosophie. Während seines Studiums verbrachte er außerdem ein Jahr in Paris und führte dort sein Studium an der Philosophisch-Theologischen Hochschule der Gesellschaft Jesu „Centre Sèvres“ sowie am Institut Catholique de Paris fort. Nach seinem Diplom 1995 arbeitete Christian Hermes als wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Philosophische Grundfragen der Theologie. Ab 1997 war er wissenschaftlicher Koordinator eines DFG-Graduiertenkollegs sowie theologischer Mitarbeiter und später persönlicher Referent von Bischof Walter Kasper. 1999 wurde er persönlicher Referent von Diözesanadministrator Weihbischof Johannes Kreidler und im Jahr 2000 von Bischof Gebhard Fürst. 2002 wurde er zum Diakon geweiht, 2003 erfolgte die Priesterweihe mit anschließendem Vikariat in Leutkirch und Tübingen. 2008 wurde er mit einer Dissertation über „Konkordate im vereinigten Deutschland“ promoviert. Zwischen 2007 und 2011 war Christian Hermes Pfarrer von St. Elisabeth und St. Clemens, 2010 wurde er stellvertretender Stadtdekan von Stuttgart. Seit 2010 ist er Vorsitzender des Aufsichtsrats des Caritasverbandes für Stuttgart e.V. und seit 2011 Stadtdekan von Stuttgart und Dompfarrer der Domkirche St. Eberhard. 2012 wurde ihm durch Papst Benedikt XVI. der Titel eines Päpstlichen Ehrenkaplans (Monsignore) verliehen.

Artikel von www.top-magazin.de/stuttgart