Wirtschaft

Dr. Hoffmeister-Kraut im Gespräch mit top magazin

Digitalisierung, Mobilität, Start-ups, Fachkräftemangel und Wohnungsbau: Auf der Agenda von Baden-Württembergs Wirtschaftsministerin Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut stehen eine ganze Reihe brisanter Themen. Wo die gebürtige Balingerin die größten Herausforderungen für das Land sieht und wie diese gemeistert werden können, verrät sie im Gespräch mit top magazin.


 

„Wir befinden uns

in einem Strukturwandel“

 

top: Frau Dr. Hoffmeister-Kraut, Sie sind nun etwas mehr als ein Jahr als Ministerin für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau im Amt. Wie fällt Ihre bisherige Bilanz aus?
Hoffmeister-Kraut: Das Amt bereitet mir große Freude, ich habe mit vielen Themen zu tun, die für die Zukunft des Landes von großer Bedeutung sind. Ich nenne hier nur die Stichworte Digitalisierung, Mobilität, Start-ups, Fachkräftemangel und Wohnungsbau. Baden-Württemberg ist ein Wirtschaftsland – und die Wirtschaft braucht eine starke Stimme in der Landesregierung.

top: Als Quereinsteigerin kennen Sie die Unternehmensseite persönlich aus Ihren eigenen Erfahrungen bei Morgan & Stanley, Ernst & Young und Bizerba. Geht man da anders an die Politik heran?
Hoffmeister-Kraut: Ich denke schon, weil man eben seine ganz eigenen Erfahrungen aus der Wirtschaft miteinbringt. Man kennt die Herausforderungen eines Unternehmens aus der täglichen Praxis und kann so unter Umständen auch neue politische Lösungsansätze finden beziehungsweise entsprechend veränderte Rahmenbedingungen setzen, die bis weit in die Gesellschaft hinein ausstrahlen.

top: Haben Sie einen Moment gezögert, das Amt anzunehmen?
Hoffmeister-Kraut: Ich habe mir schon Bedenkzeit erbeten und mich mit meiner Familie sowie mit politisch erfahrenen Freunden beraten. Der Entschluss, diese Herausforderung anzunehmen, stand aber dann relativ schnell fest.

top: Sie haben Ihre Entscheidung also nicht bereut?
Hoffmeister-Kraut: Nein, keinen Moment. Ich betrachte es als große persönliche Chance, die Zukunft unseres Landes aktiv mitzugestalten. Außerdem mag ich es, Verantwortung zu übernehmen – und die ist in meinem Ressort nicht gerade klein.

Top-Magazin-Stuttgart_Wir-befinden-uns-in-einem-Strukturwandel-2top: Auch die Herausforderungen für das Land sind nicht gerade klein, wenn man nur mal die Abstimmung der Briten für den Brexit und die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten nimmt. Wie stark ist durch diese Entwicklung der freie Handel zwischen Deutschland respektive Baden-Württemberg und Großbritannien sowie den USA gefährdet?
Hoffmeister-Kraut: Angesichts der internationalen Wertschöpfung, die sich in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat, kann ich mir nur schwer vorstellen, dass der Freihandel in seinen Grundfesten erschüttert wird. Zwar haben die protektionistischen Strömungen in einigen Staaten deutlich zugenommen. Und als starkes Exportland kann uns das auch nicht unberührt lassen, Baden-Württemberg exportiert schließlich 42 Prozent seines Bruttoinlandsproduktes. Insgesamt sind wir mit unseren Produkten aber sehr gut aufgestellt und absolut konkurrenzfähig, zumal auch das Preis-Leistungsverhältnis stimmt. Die mitunter kritisierte Globalisierung hat viel Wohlstand für die Menschen geschaffen. Dafür lohnt es sich zu kämpfen.

top: 2016 konnte Baden-Württemberg erneut seinen Spitzenplatz im Vergleich der Bundesländer behaupten. Die bedeutendste Warengruppe „Kraftwagen und Kraftwagenteile“ verzeichnete allerdings einen Exportrückgang von 7,2 Prozent. Wird sich dieser Rückgang durch die anhaltende Diesel-Problematik noch weiter verschärfen?
Hoffmeister-Kraut: Es gibt keine Hinweise, dass der Exportrückgang mit der aktuellen Diskussion um den Diesel zusammenhängt. Trotz der kleinen Delle kommen wir immer noch auf einen Spitzenwert beim Export. Zweifelsohne befindet sich der Bereich der Mobilität aber momentan in einem großen Umbruch beziehungsweise einem Technologie- und Strukturwandel. Darauf sind wir gut vorbereitet. Wir verfügen in Baden-Württemberg über eine starke industrielle Basis, über innovative Unternehmen und gut ausgebildete Fachkräfte. Insofern bin ich fest davon überzeugt, dass wir gestärkt aus diesem Wandel hervorgehen.

top: Hat die deutsche Automobilindustrie nicht viel zu lange auf den Diesel gesetzt und die Elektromobilität schleifen lassen?
Hoffmeister-Kraut: Der Diesel hat einen ganz wesentlichen Beitrag dazu geleistet, die CO2-Emissionen zu mindern. Die modernen Euro-6-Diesel unserer Hersteller sind als Übergangstechnologie nach wie vor unverzichtbar. Insofern halte ich auch nichts vom „Diesel-Bashing“ – das schadet Baden-Württemberg, den Firmen und den Arbeitnehmern. Gerade hier am Standort besteht großes Potenzial und Know-how für die Entwicklung und den Bau sauberer Dieselmotoren. Der Anteil der Elektromobilität wird in den nächsten Jahren mit Sicherheit weiter ansteigen. Welche Technologie sich dann durchsetzt, wird sich zeigen. Das lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht seriös sagen. Entscheidend wird sein, wie groß im Markt die Nachfrage nach elektrisch angetriebenen Fahrzeugen tatsächlich ist. Ich sehe diesen Prozess daher nicht als Revolution, sondern als Evolution.

 

„Die mitunter kritisierte

Globalisierung hat viel

Wohlstand für die Menschen

geschaffen. Dafür lohnt es

sich zu kämpfen.“

 

top: In elektrisch angetriebenen Fahrzeugen werden viele Zulieferteile nicht mehr benötigt. Stehen damit nicht viele Arbeitsplätze gerade in Baden-Württemberg auf der Kippe?
Hoffmeister-Kraut: Es ist unbestritten, dass mit der Elektrifizierung und Digitalisierung der Mobilität sowie der Fahrzeuge große Veränderungen einhergehen. Das kann sich selbstverständlich auch auf die Beschäftigung auswirken. In Sachen Personal ist beim direkten Vergleich der Komponenten Verbrennungs-motor versus Elektromotor in diversen Studien oftmals von einem Faktor 7 zu 1 die Rede. Um für den bevorstehenden Transformationsprozess gerüstet zu sein, müssen deshalb von Wirtschaft und Politik die richtigen Maßnahmen eingeleitet und umgesetzt werden. Meiner Meinung nach werden wir diesen tiefgreifenden Strukturwandel nur im engen Dialog und durch ein miteinander abgestimmtes Vorgehen erfolgreich bewältigen. Gemeinsam mit Fahrzeugherstellern und Zulieferern aus Baden-Württemberg sowie Vertretern der Gewerkschaften, des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbauer, der Wirtschaftsregion Stuttgart und der Landesagentur „e-mobil BW“ haben wir deshalb einen Transformationsbeirat ins Leben gerufen. Themen in diesem Gremium sind zum einen die Veränderung von Beschäftigungspotenzialen und Wertschöpfungsketten sowie die damit verbundenen Anforderungen an die Qualifikationen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Zum anderen geht es auch darum, passende Strategien zur Zukunftssicherung des Standorts Baden-Württemberg zu entwickeln.

top: Für Baden-Württemberg ist es von zentraler Bedeutung, die Chance der Digitalisierung zu nutzen, um die Spitzenstellung weiter auszubauen und langfristig zu sichern. Gerade der Mittelstand muss aber wohl noch stärker an das Thema Wirtschaft 4.0 herangeführt werden. Wie soll das aus Ihrer Sicht geschehen?
Hoffmeister-Kraut: Auf meine Initiative hin haben Anfang Mai über 20 Partnerorganisationen aus Unternehmen, Kammern und Verbänden, Gewerkschaften, Wissenschaft und Politik die „Initiative Wirtschaft 4.0 Baden-Württemberg“ gestartet. Mit der Initiative wollen wir die Unternehmen im Land und ihre Beschäftigten branchen-übergreifend bei der Digitalisierung unterstützen und den deutschen Südwesten als internationalen Premiumstandort für die digitalisierte Wirtschaft noch sichtbarer machen. In der Tat muss insbesondere der Mittelstand noch konsequenter beim Einstieg in das Thema Wirtschaft 4.0 und bei dessen Umsetzung unterstützt werden, um seine Stellung als starker Wirtschaftsfaktor und größter Arbeitgeber im Land auch in Zukunft zu sichern. Zu diesem Zweck haben wir die „Roadmap Wirtschaft 4.0“ erarbeitet, die neben zentralen Handlungsfeldern auch erste konkrete Aktivitäten enthält, um die Digitalisierung der Wirtschaft voranzubringen. Hierzu zählen zum Beispiel die Förderung regionaler „Digital Hubs“ und die modellhafte Erprobung einer Digitalisierungsprämie für kleinere mittelständische Unternehmen aus allen Branchen.

 

Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut im Gespräch mit Karin Endress und Matthias Gaul

Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut im Gespräch mit Karin Endress und Matthias Gaul

 

top: Was hat es damit auf sich?
Hoffmeister-Kraut: Die regionalen „Digital Hubs“ sollen Drehscheiben für digitale Innovationen, zugleich aber auch erste Anlaufstellen für Unternehmen bei Fragen der Digitalisierung sein. Außerdem sollen sie die Zusammenarbeit von bestehenden, insbesondere mittelständischen Unternehmen, Start-ups und weiteren Akteuren wie etwa Forschungs- und Transfereinrichtungen unterstützen. Mit der Digitalisierungs-prämie wollen wir branchenübergreifend kleinere mittelständische Unternehmen bei der Digitalisierung unterstützen – etwa bei Investitionen in Hard- und Software oder in die Qualifizierung der Beschäftig-ten. Entscheidend kommt es darauf an, bei der Digitalisierung alle Branchen des Landes mitzunehmen – die Industrie genauso wie die IKT-Wirtschaft, Handwerk, Handel, Freie Berufe, Gastgewerbe, die Dienstleistungswirtschaft insgesamt und die Bauwirtschaft.

top: Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat unlängst beklagt, in Baden-Württemberg gebe es zu wenige Start-ups junger Unternehmen. Sehen Sie das genauso?
Hoffmeister-Kraut: In der Tat könnte die Zahl der Unternehmensgründungen noch deutlich höher sein. Im Ländervergleich der Gründungsintensität schneidet Baden-Württemberg unterdurchschnittlich ab. Wir sind ein dezentral aufgestelltes Bundesland, bei uns passiert zum Beispiel viel in den Regionen Stuttgart, Karlsruhe, Tübingen, Freiburg oder Ulm – also dort, wo die großen Firmen angesiedelt sind. Wir wollen deshalb verschiedene Aktivitäten starten, um unsere Gründer-Szene besser zu vernetzen und sie besser wahrnehmbar zu machen.

 

„Viele Start-ups in Baden-Württemberg

erfolgen mit dem Ziel der Gründung

eines Familienunternehmens

und nicht, um nach fünf Jahren den

Exit zu zelebrieren.“

 

top: Können Sie dafür konkrete Beispiel nennen?
Hoffmeister-Kraut: Wir werden unter anderem noch stärker als bislang die Gründung von Einzel- und Kleinstunter-nehmen unterstützen. Sie tragen insbesondere im Handwerk, im Handel und im Dienstleistungsgewerbe zur unternehmerischen Vielfalt, zu neuen Arbeitsplätzen und zu einem diversifizierten Dienstleistungs- und Warenangebot bei. 90 Prozent aller Unternehmen in Baden-Württemberg sind solche Mikrounternehmen mit weniger als 10 Beschäftigten. Mit unserem neuen Programm „MikroCrowd“ wollen wir der Gründungsdynamik in diesem Bereich einen neuen Schub geben. Mit dem von der L-Bank unterstützten Programm bekommen Kleinstgründer in Baden-Württemberg künftig genau das, was sie brauchen: ausreichend Startkapital und Know-how durch ein vorbereitendes Coaching in Business und Marketing. „MikroCrowd“ verzahnt neue und etablierte Formen der Gründungsfinanzierung, konkret ein L-Bank Darlehen mit einer Finanzierung durch Crowdfunding. Zielgruppe sind unter anderem junge Gründer und Querdenker aus web- und logistikbasierten Start-ups. Tatsache ist: Viele Start-ups in Baden-Württemberg erfolgen mit dem Ziel der Gründung eines Familien-unternehmens und nicht, um nach fünf Jahren den Exit zu zelebrieren. Das unterscheidet uns von vielen anderen Bundesländern. Nicht ohne Grund sind wir in der Fünf-Jahres-Überlebensbilanz von Start-ups bundesweit führend. Um diese Position noch weiter zu stärken, werden wir am 14. Juli auf einem großen Start-up-Gipfel unsere neue Gründer-Kampagne vorstellen.

Top-Magazin-Stuttgart_Wir-befinden-uns-in-einem-Strukturwandel-3top: Ihr Terminkalender dürfte prall gefüllt sein, Sie haben schließlich eine Menge Aufgaben vor sich. Wie sieht denn ein „normaler“ Tagesablauf bei Ihnen aus?
Hoffmeister-Kraut: Ich stehe früh auf, mache Frühstück für meine Töchter und bringe sie danach zur Schule. Anschließend fahre ich nach Stuttgart, dabei kann ich bereits Telefonate erledigen oder Akten und Post bearbeiten. Je nachdem, was ansteht, habe ich dann Termine im Ministerium, im Landtag oder ich bin vor Ort bei Unternehmen, Einrichtungen oder Verbänden. Es gibt viele Tage, an denen ich nicht vor 23 Uhr wieder zu Hause bin. Mein Arbeitstag ist also eng getaktet.

 


Zur Person

Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut wurde 1972 in Balingen geboren. Nach dem Abitur am Gymnasium Balingen studierte sie BWL an der Universität Tübingen, schloss als Diplom-Kauffrau ab und promovierte 2001 an der Universität Würzburg. Ihre Zeit in London begann Dr. Hoffmeister-Kraut bei der Investmentbank Morgan Stanley, danach arbeitete sie bis 2005 als Analystin bei Ernst & Young in London und Frankfurt. Sie ist seit 1998 Gesellschafterin der Bizerba SE & Co. KG in Balingen. Dort war sie von 2014 bis zu ihrem Amtsantritt als Ministerin im Mai 2016 Mitglied des Aufsichtsrats. Dr. Hoffmeister-Kraut engagiert sich außerdem in der evangelischen Gesamtkirchengemeinde Balingen, im Förderverein und Elternbeirat verschiedener Balinger Schulen, im Stiftungsrat der Psychiatriestiftung Zollernalb und im Beirat der Balinger Tafel. Seit Mai 2016 ist sie Mitglied des Landtags von Baden-Württemberg, am 12. Mai 2016 wurde Dr. Hoffmeister-Kraut zur Ministerin für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau des Landes Baden-Württemberg ernannt. Bis Mai 2016 war die verheiratete Mutter dreier Töchter Mitglied des Gemeinderats der Stadt Balingen und Mitglied im Kreistag des Zollernalbkreises.

 

Artikel von www.top-magazin.de/stuttgart