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Mensch & Kultur

Albin Braig und Karlheinz Hartmann im Interview

Seit 32 Jahren stehen Albin Braig und Karlheinz Hartmann gemeinsam auf der Bühne in der Komede-Scheuer der Mäulesmühle. Durch ihre legendären Rollen als Hannes und der Bürgermeister wurden sie zum Spitzenduo der schwäbischen Comedy. top magazin sprach mit Karlheinz Hartmann, Albin Braig und dessen Sohn Bastian über schwäbische Mundart, vertauschte Rollen und die Verleihung des Bundesverdienstordens durch Ministerpräsident Winfried Kretschmann.


 

„Mit unserem Beruf

spart man sich den Gang

zum Psychiater“

 

top: Herr Braig, Herr Hartmann, Sie waren Schulfreunde und gründeten nach Ihren Ausbildungen gemeinsam ein Elektronikunternehmen. Wie kam es dann zu Ihrer aktuellen Tätigkeit als Schauspieler in der Komede-Scheuer?
A. Braig: Man könnte sagen, dass mein Vater, Otto Braig, daran nicht unwesentlich beteiligt war. Er gründete 1968 die Komede-Scheuer in der Burkhardtsmühle und wir traten dort gemeinsam auf. Ungefähr vier Jahre später holten wir meinen Freund Karlheinz Hartmann als Verstärkung ins Ensemble und seit 1985 spielen wir gemeinsam in der Mäulesmühle. Mein Vater war es übrigens auch, der den ersten Sketch zu Hannes und der Bürgermeister schrieb.

Karlheinz Hartmann, Albin Braig und Bastian Braig im Gespräch mit top magazin-Redakteur Boris Mönnich (2.v.re)

Karlheinz Hartmann, Albin Braig und Bastian Braig im Gespräch mit top magazin-Redakteur Boris Mönnich (2.v.re)

top: Kaum vorstellbar, dass sich zwei Menschen so lange kennen und beruflich wie privat immer noch zusammen harmonieren. Verraten Sie uns doch bitte, wie so etwas funktioniert.
A. Braig: Ganz einfach: Man muss immer die nötige Distanz untereinander bewahren, aber auch gleichzeitig die Distanz zu sich selbst nie verlieren. Auf gut schwäbisch heisst das nix anderes, als sich selber net so ernschd zu nehma.

 

top: Sie haben gerade schon die zwei bekanntesten und beliebtesten Figuren Ihres Ensembles angesprochen, nämlich Hannes und der Bürgermeister. Woher nehmen Sie nach so vielen Jahren immer noch die Inspiration, um neue Sketche und Geschichten mit den beiden zu schreiben?
A. Braig: Abgesehen davon, dass ich die nicht alle alleine schreibe, sondern Co-Autoren habe, die mir dabei helfen, kommen die Situationen meistens direkt aus dem echten Leben. Mein Sohn Bastian hatte zum Beispiel schon mehrere tolle Ideen. Man sitzt irgendwo zusammen, ist lustig drauf und dann kommt das einfach. Diese Ideen werden gesammelt und wenn ich mal spielfrei habe, also Urlaub, schreibe ich aus dem gesammelten Material die Sketche. Es gibt aber auch Situationen, die so unmöglich sind, dass gerade daraus etwas lustiges entsteht. Zum Beispiel, wenn mir mein Veschperbrot auf den Boden gefallen ist und gerade als ich es aufheben will, fällt mir ein, dass ich es ja schon vor fünf Minuten gegessen hab … Verstehen Sie, was ich meine? So eine Situation ist eigentlich eine Unmöglichkeit, aber sie zeigt auch gleichzeitig den Prozess des Älterwerdens. Und daraus lässt sich natürlich hervorragend ein lustiger Sketch schreiben.

top: Durchaus verständlich, ja. Wie sieht denn ein gemeinsamer Arbeitstag von Ihnen beiden aus?
A. Braig: Eigentlich fast immer gleich: Mittags um 15 Uhr treffen wir uns, dann wird geprobt, geprobt und geprobt. Gegen 17 oder 18 Uhr fahren wir dann ins Theater oder zu unseren jeweiligen Gastspielen.

Karlheinz Hartmann und Albin Braig mit der Hausband: „Herrn Stumpfes Zieh & Zupf Kapelle“

Karlheinz Hartmann und Albin Braig mit der Hausband: „Herrn Stumpfes Zieh & Zupf Kapelle“

top: Mir fällt gerade auf, dass Ihre Rollen hier im Interview irgendwie anders verteilt sind, als auf der Bühne: Dort sind Sie, Herr Hartmann, eigentlich der Aufbrausendere von beiden, haben aber bis jetzt in unserem Gespräch noch gar nichts gesagt. Wieviel von Ihnen beiden steckt denn wirklich in Ihren Bühnencharakteren?
Hartmann: Als Bürgermeister muss ich mich ja ständig über den Hannes und andere Dinge aufregen. Und so ist das bei mir auch im echten Leben: Wenn mich etwas aufregt oder beschäftig, dann kann ich durchaus laut werden.
A. Braig: Das ist doch gerade das Spannende an unserem Beruf, diese gegenteilige Charakterdarstellung auf der Bühne zu präsentieren. Wer im echten Leben eher dominant und laut ist, kann dort leise und schüchtern sein und umgekehrt. Man könnte fast sagen, dass man sich so den Psychiater spart, weil man ständig verschiedene psychische Ebenen annimmt und dadurch ausgeglichener durchs Leben geht.

top: Bei Hannes und der Bürgermeister gibt es viele Parallelen zu den beiden großen Comedy-Ikonen Stan Laurel und Oliver Hardy. Eine davon: Der „dumme“ Hannes ist eigentlich der Schlauere von beiden. Ist das Zufall oder Absicht?
A. Braig: Natürlich ist das gewollt, denn sonst würde das alles nicht funktionieren. Der Hannes repräsentiert ja insgeheim das gemeine Volk, von dem unsere Politiker oft denken, dass es blöd wäre. Dem ist aber mit Nichten so. Im Gegenteil, der Hannes isch hälenga schlau und führt den Bürgermeister zu seinem Wohl. Beide brauchen sich gegenseitig und könnten nicht ohne einander. Sind wir doch mal ehrlich, jeder andere Bürgermeister würde so einen Typen wie den Hannes im hohen Bogen rausschmeißen. Und um genau das zu verhindern, muss der Hannes dafür sorgen, dass „sein“ Bürgermeister noch möglichst lange im Amt bleibt.

top: Ein Erfolgsrezept der Komede-Scheuer ist die Mundart. Leider ist es heutzutage aber so, dass Dialekte nicht mehr den gleichen Stellenwert haben, wie früher. In Schulen wird zum Beispiel fast nur noch hochdeutsch gesprochen. Wenn man sich aber Ihre Programme anschaut, die eigentlich immer ausverkauft sind, hat man den Eindruck, die Mundart ist beliebter denn je. Wie erklären Sie sich diese Ambivalenz?

A. Braig: Das ist in der Tat sehr verblüffend. Denn erstaunlicher Weise ist der Dialekt auch bei den jungen Menschen immer noch sehr beliebt. Wir haben jedes Jahr mehr junge Menschen im Publikum sitzen, denen das gefällt und die das auch verstehen, was da gesprochen wird. Eventuell fühlen sich diese dadurch mehr heimatverbunden … Ich kann es Ihnen aber leider nicht wirklich sagen, woran das liegt. Wenn es um die junge Generation geht, kann Ihnen mein Sohn Bastian bestimmt mehr erzählen …
B. Braig: Also, in meinem Bekanntenkreis ist es etwas völlig normales, schwäbisch zu sprechen. Wir leben in Baden-Württemberg und hier ist das nun mal so. Ich habe festgestellt, dass sich eher die Menschen seltsam vorkommen, die hier leben und nicht mit Dialekt reden können oder wollen.

 

„Manche Dinge lassen

sich im Dialekt einfach

besser ausdrücken.“

 

top: Würden Sie behaupten, dass sich bestimmte Dinge im Dialekt leichter sagen lassen, als auf hochdeutsch?
A. Braig: Auf jeden Fall. Vor allem beim Theater ist das so, wenn man präziser sein muss, also wenn die Pointen auf den Punkt genau passen müssen. Der Dialekt bietet entscheidend mehr Facetten an, als die hochdeutsche Sprache. Es gibt auch mehr Begrifflichkeiten, die auf bestimmte Dinge zutreffen. Besonders im schwäbischen gibt es viele Worte, die man sonst gar nicht sagen kann. Dialekte sind auf jeden Fall eine tolle Sache.
Hartmann: Wobei man aber anmerken muss, dass wir uns nicht um die schwäbische Dialekterhaltung kümmern, sondern mir schwätzed halt so, wie mir des sonschd au mached. Man muss ja bedenken, dass in fast jeder Region von Baden-Württemberg ein anderer Dialekt gesprochen wird. Da würd oinen ja koin Mensch mehr verstande.

top: Seit einigen Jahren eifern Sie als Sohn ihrem Vater und Großvater nach, Herr Braig, und stehen mit auf der Bühne der Komede-Scheuer. War das für Sie schon immer klar, das Sie das mal machen wollen?
B. Braig: Ich bin da ja schon als Kind hineingewachsen und mein Opa und mein Vater waren für mich in gewisser Weise schon immer Vorbilder. Schon als kleiner Bub war ich vom Theater fasziniert und irgendwann habe ich dann meinen Vater gefragt, ob er mal einen passenden Sketch schreiben und ich mitspielen könnte. Der hieß dann „Computerviren“ und zeigte so eine typische Situation mit dem Vater am Computer, der das alles nicht versteht und der Sohn erklärt ihm das. Ja, und so hat sich das dann über die Jahre weiterentwickelt. Mittlerweile produziere ich ja auch mit meiner Filmproduktionsfirma die Auftritte für den SWR.

top: Herr Braig, Herr Hartmann, seit Jahren lachen tausende von Menschen über Sie. Worüber können Sie sich amüsieren?
A. Braig: Also, solche Dinge wie Schadenfreude sind mir persönlich fremd. Kurt Felix wollte mich früher immer als festen Lockvogel für „Verstehen Sie Spaß“ haben. Einige Sachen habe ich auch für ihn gedreht, dann aber schnell gemerkt, dass das nichts für mich ist. Sehr lustig finde ich dagegen immer amüsante, intelligente Situationen mit Tiefgang.
Hartmann: Wir beide mögen Charlie Chaplin sehr gerne und am meisten seine bekannten Filme wie „Der große Diktator“, „Ein König in New York“ oder „Rampenlicht“. Da steckt Herz und Hirn drin, was uns beide sehr berührt.

top: Bleibt Ihnen eigentlich überhaupt noch Zeit für private Dinge bei so einem vollen Terminkalender?
B. Braig: Bei meinem Vater und Karlheinz bleibt da eher wenig Zeit über, bei mir ist das noch nicht ganz so extrem. Für Urlaub haben wir aber Gott sei dank alle noch Zeit.
A. Braig: Wobei man sagen muss, dass wir ja auch im Urlaub arbeiten … Also, ich zumindest, wenn ich Sketche schreibe und solche Dinge. Was aber auch nicht schlimm ist, da ich im Urlaub meist kreativer bin, als am Schreibtisch.

Albin Braig °li.˛ und Karlheinz Hartmann bekamen jüngst den „Verdienstorden des Landes Baden˜Württemberg“ von Ministerpräsident Winfried Kretschmann verliehen

Albin Braig (li.) und Karlheinz Hartmann bekamen jüngst den „Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg“ von Ministerpräsident Winfried Kretschmann verliehen

top: Anfang Mai wurde Ihnen Herr Hartmann und Herr Braig von Ministerpräsident Winfried Kretschmann der Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg überreicht. Wofür gab es denn diese höchste Auszeichnung genau?
A. Braig: Es ist üblich, dass das Land diesen Preis an Kulturschaffende vergibt – bei uns war das offensichtlich die besondere Leistung um den Erhalt der Mundart. Der Herr Ministerpräsident hat auch erwähnt, dass der Preis an das gesamte Ensemble der Komede-Scheuer geht. Und der Karle (Karlheinz Hartmann, Anm. d. R.) und ich haben ihn sozusagen stellvertretend entgegengenommen.

 

„Wir wollen auch noch

mit 90 auf der Bühne stehen.“

 

top: Sie haben auf Wunsch des Ministerpräsidenten bei der Verleihung als Hannes auch die Dankesrede für alle 22 Ausgezeichneten gehalten. Den Hannes dabei im Anzug zu sehen, war bestimmt eine einmalige Sache, oder?

A. Braig: Oh ja. Es war aber für die Anwesenden nicht ganz leicht zu erkennen, dass da eigentlich nach der Verleihung der Hannes mit dem Bürgermeister auf der Bühne stand und nicht die Herren Hartmann und Braig, die den Preis bekommen haben. Darum hat der Hannes ja auch erwähnt, dass er diesen Anzug, den er da getragen hat, im Second-Hand-Laden gekauft hat.

Die Komede-Scheuer

Die Komede-Scheuer

top: Kommen wir nun von Ihrer aktuellen Auszeichnung zum aktuellen Programm in der Komede-Scheuer, das den Namen „Bergkristall“ trägt. Erzählen Sie uns bitte etwas darüber.
A. Braig: Nun, am Anfang haben wir selber gar nicht gewusst, was wir da eigentlich spielen. Das hat sich erst mit der Zeit ergeben (lacht). Es geht darum, dass ein Psychiater ein Sanatorium in den Bergen an der Grenze zur Schweiz betreibt. Und dieser Psychiater glaubt, dass die Patienten zum ihm kommen, weil er die Fähigkeit besitzt, Menschen durch Hypnose in ihre Kindheit zurückzuführen. Dem ist aber nicht so, was einige lustige und urkomische Verwicklungen mit sich bringt. Ich möchte hier auch nicht zu viel verraten, aber am Ende klärt sich das Chaos natürlich auf, wie es sich für ein Lustspiel der Marke Komede-Scheuer gehört!
Hartmann: Wirklich? Also, ich habe bis heute noch nicht begriffen, worum es in dem Stück genau geht (lacht).

top: Wie lange möchten Sie denn noch so kreativ bleiben wie bisher? Oder anders gefragt: Haben Sie sich schon einmal Gedanken darüber gemacht, wann Sie aufhören möchten?
A. Braig: Mein Vater ist 84 Jahre alt geworden und stand in dem Alter immer noch auf der Bühne. Und da die Menschen heutzutage ja immer älter werden, habe ich mir vorgenommen, auch noch mit 90 Jahren auf der Bühne zu stehen. Bastian ist dann auch schon in Rente, dass passt.
Hartmann: Und wenn wir 90 sind, fahren wir zusammen in den Urlaub und lassen es so richtig krachen. 90 Jahre geht auf jeden Fall, denn Volksschauspieler werden ja bekanntlich immer besser, je älter sie werden.

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Artikel von www.top-magazin.de/stuttgart