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Mensch & Kultur

Atalla Ayan vom Stuttgarter Opernensemble im Interview

„Wir sind hier in Stuttgart eine richtige Familie“


Das Stuttgarter Opernensemble

Der brasilianische Tenor Atalla Ayan hat in den letzten Jahren eine steile internationale Karriere gemacht. Seit 2012 ist der heute 31-Jährige Mitglied des Stuttgarter Opernensembles. Nach überaus erfolgreichen Debüts in Strauß‘ Operette „Die Fledermaus“, Mozarts „Don Giovanni“ oder Puccinis „La Bohème“ hat ihn das Publikum schnell ins Herz geschlossen. In dieser Saison ist er als Faust in der gleichnamigen Oper von Charles Gounod, als Lenski in Tschaikowskys „Eugen Onegin“ und als Ismaele in Verdis „Nabucco“ auf der Bühne zu erleben. top magazin traf den sympathischen Sänger für ein Gespräch in der Stuttgarter Oper, die 2016 nach zehn Jahren von den Kritikern der Zeitschrift „Opernwelt“ wieder einmal zum „Opernhaus des Jahres“ gewählt wurde.
Top: Herr Ayan, wann haben Sie denn Ihre Liebe zur Musik entdeckt?

Ayan: Schon als Teenager habe ich in Brasilien zu Hause liebend gern gesungen, allerdings keine Klassik, sondern eher Popularmusik. Meine Heimat hat ja eigentlich keine Operntradition, es gibt nur sehr wenige Opernhäuser, auch im Radio hört man kaum Opernmusik. stuttgarter-opernensembles_ayan_interview3Ab und an laufen aber Aufnahmen von Luciano Pavarotti oder Andrea Bocelli – und deren Art zu singen hat mich ungemein fasziniert. Das habe ich dann auf Familienfesten aller Art nachgeahmt und mich schließlich am Konservatorium meiner Heimatstadt Belém beworben. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich aber noch keineswegs die feste Absicht, von Beruf Opernsänger zu werden. Ich hätte mir genauso gut ein wissenschaftliches oder medizinisches Studium vorstellen können. Am Ende ist es dann doch die Musik geworden.
Top: Über die Metropolitan Opera in New York, das Teatro Comunale in Bologna und weitere Stationen kamen Sie dann 2012 nach Stuttgart und sind hier seitdem Ensemblemitglied. Was macht den Unterschied von Stuttgart zu anderen Opernhäusern aus?

Ayan: Die Atmosphäre hier am Haus ist traumhaft gut und somit eine ganz ausgezeichnete Grundlage für Opernsänger. Wir brauchen eine solche Wohlfühl-Atmosphäre für die Entfaltung unserer Stimme. Wir sind hier in Stuttgart eine richtige Familie, hier wird perfekte Team- und Aufbauarbeit geleistet. Das gilt für die Entwicklung einer Karriere ebenso wie für die Tatsache, dass eine neue Produktion quasi gemeinsam entwickelt wird. Das schafft eine viel intensivere Auseinandersetzung mit dem Werk und dem, was man tut.
Top: Spiegelt sich das auch in der Reaktion des Publikums wider?

Ayan: Meiner Ansicht nach schon. Ich liebe das Stuttgarter Publikum ganz besonders. Zum einen, weil es ein sehr aufmerksames, gebildetes und begeisterungsfähiges Publikum ist – zum anderen, weil der Applaus für eine Sängerin oder einen Sänger hier wirklich von Herzen kommt und ehrlich gemeint ist. Man applaudiert in Stuttgart nicht einfach, weil es einem gefallen hat, sondern weil damit eine persönliche Identifikation mit der Leistung des jeweiligen Künstlers zum Ausdruck gebracht wird. Dadurch entwickelt sich eine ganz besondere Nähe zum Publikum, das die Ensemblemitglieder zudem genauestens kennt.
Top: Die italienischen Komponisten habe es Ihnen ganz besonders angetan.

Ayan: Stimmt. Das liegt aber nicht nur daran, dass Verdi, Puccini, Donizetti & Co. stuttgarter-opernensembles_ayan_interview2Paraderollen für lyrische Tenöre geschrieben haben, sondern auch an dem hohen Maß an Lebensfreude, das in diesen Werken zum Ausdruck kommt und meinem Naturell sehr entgegen kommt. Durch Pavarotti und andere große Tenöre haben italienischen Opern sehr früh mein Herz berührt und erobert. Ich mag Rollen wie zum Beispiel Puccinis Rodolfo oder Donizettis Nemorino aber nicht nur wegen der Musik, sondern auch wegen ihres Charakters, den es auf der Bühne schauspielerisch darzustellen gilt.
Top: Und Wagner?

Ayan: Ich hatte bislang noch nirgends eine Wagner-Rolle inne. Meine Ehrfurcht vor diesem Komponisten ist groß, zumal ich dafür auch noch besser Deutsch können müsste. Es sind wahre Kraftakte, die ein Sänger hierbei vollbringen muss. Vorstellen könnte ich mir vielleicht einmal die Rolle des Lohengrin. Wenn es mir also erlaubt sein sollte, diese Rolle eines Tages einmal zu übernehmen, würde ich nicht Nein sagen.
Top: In Stuttgart sind Sie nun als Faust in der gleichnamigen Oper von Charles Gounod zu erleben. Ist das Ihr erster Gounod?

Ayan: Nein, ich hatte vor vielen Jahren schon einmal in Rio de Janeiro die Titelpartie von Gounods „Romeo & Juliette“ inne. stuttgarter-opernensembles_ayan_interviewDen Faust singe ich zum ersten Mal, es ist eine sehr anspruchsvolle Rolle. Gounod hat die Partie musikalisch so hervorragend geschrieben, dass einen die Rolle bei guter Technik und intensiven Proben wie auf Flügeln emporträgt. Frank Castorf bringt in Stuttgart eine sehr komplexe Inszenierung auf die Bühne – das ist für das Publikum wie für die Künstler eine echte Herausforderung.
Top: Herbst und Winter sind für Sänger erkältungstechnisch sicherlich eine riskante Zeit. Was tun Sie, um nicht krank zu werden und Ihre Auftritte zu gefährden?

Ayan: Einfach gar nicht daran zu denken, hat sich für mich als bislang beste Therapie erwiesen. Für mich ist das feucht-tropische Klima im Norden Brasiliens im Übrigen viel unangenehmer als das Wetter hier in Stuttgart.
Top: Was machen Sie, wenn Sie nicht am Opernhaus sind?
Ayan: Ich führe ein ganz normales Leben, gehe gerne aus und genieße das Leben in Stuttgart. Ab und an treibe ich auch Sport und gehe ins Fitness-Studio. Darüber hinaus bin ich ein großer Kunstfreund. Und in regelmäßigen Abständen besuche ich meine Tochter, die zurzeit in Moskau lebt.
Top: Wie geht es in Stuttgart für Sie weiter?

Ayan: In dieser Saison werde ich noch als Lenski in Tschaikowskys „Eugen Onegin“ und als Ismaele in Verdis „Nabucco“ auf der Bühne stehen. Danach wird man weitersehen. Ich bleibe dem Haus aber auf jeden Fall als Ensemblemitglied verbunden.


Opernhaus des Jahres 2016

„Diversität szenischer und musikalischer Handschriften, Stabilität im Ensemble und Betrieb – mit dieser Mischung lassen sich Berge versetzen“: So resümiert die Fachzeitschrift „Opernwelt“ das Ergebnis ihrer diesjährigen Befragung von 50 Opernkritikern aus dem In- und Ausland, bei der die Oper Stuttgart zum „Opernhaus des Jahres“ gekürt wurde. Als Begründung nannten Kritiker unter anderem ein „schier konkurrenzlose Premierenserie“, „Intensität, Aufführungsdichte, Repertoirepflege“ und schlicht: „eine sensationelle Spielzeit“. Darüber hinaus erhielt die der Oper Stuttgart seit vielen Jahren aufs Engste verbundene Bühnen- und Kostümbildnerin Anna Viebrock für ihre Ausstattung von Bellinis „Die Puritaner“ an der Oper Stuttgart sowie für die Ausstattung von Rossinis „Viaggio a Reims“ am Opernhaus Zürich sowohl den Titel „Bühnenbildnerin des Jahres“ als auch „Kostümbildnerin des Jahres“. „Die Ernennung zum ,Opernhaus des Jahres‘ gilt dem gesamten Haus“, freut sich Opernintendant Jossi Wieler. Der Geist, der damit ausgezeichnet und gewürdigt werde, entstehe über die Kunst und die vertrauensvolle Zusammenarbeit von Künstlerinnen und Künstlern sowie den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aller Gewerke und Abteilungen. Er sei geprägt von dem Bewusstsein einer gemeinschaftlichen Verantwortung und das Engagement jedes einzelnen belebe diesen Geist. „So gelingt es uns, die kollektive Kunstform Oper in höchster Qualität täglich immer wieder neu erlebbar zu machen.“


Zur Person

Der Tenor Atalla Ayan wurde in Belém (Brasilien) geboren und studierte Gesang am Conservatorio Carlos Gomes bei Prof. Malna Mineva. Ab 2007 folgten erste Auftritte am Theatro da Paz in Belém, am Theatro Municipal in Rio de Janeiro und an der griechischen Nationaloper in Athen. 2009/2010 war Atalla Ayan Mitglied des Young Artists Development Program der New Yorker Metropolitan Opera und gab 2011 sein Met-Debüt bei einem Galakonzert im Central Park. 2010/2011 war er Mitglied der Scuola dell’Opera Italiana des Teatro Comunale in Bologna. In der Partie des Sängers (Richard Strauss, „Der Rosenkavalier“) gastierte er in Genf und debütierte 2012 unter Christian Thielemann an der Semperoper. In den folgenden Jahren war er unter anderem als Ruggero (Puccini, „La rondine“) am Royal Opera House Covent Garden und an der Deutschen Oper Berlin zu hören, ebenso debütierte er als Rodolfo (Puccini, „La Bohème“) an De Nationale Opera in Amsterdam und als Alfredo Germont (Verdi, „La traviata“) in einer Inszenierung von Rolando Villazón in Baden-Baden. Zudem sang er 2015 erstmals den Nemorino (Donizetti, „L’elisir d’amore“) am Teatro alla Scala. 2016/17 ist Atalla Ayan unter anderem an der Bayerischen Staatsoper als Nemorino sowie an der Metropolitan Opera als Alfredo und als Christian in Franco Alfanos „Cyrano de Bergerac“ zu erleben. An der Oper Stuttgart wirkt er in Tschaikowskys „Eugen Onegin“ als Lenski, in Verdis „Nabucco“ als Ismaele und in der Titelpartie in der Neuinszenierung von Gounods „Faust“ mit.

Artikel von www.top-magazin.de/stuttgart