Kultur

Japan auf dem Weg zur Moderne – 99 Kimonos im DKM


 

„99 Luftballons auf ihrem Weg zum Horizont“ besang Popkünstlerin Nena als Friedenslied im Kalten Krieg der 1980er-Jahre, 99 Kimonos zeigt nun fast 40 Jahre danach das Duisburger Museum DKM als Zeichen für die 160-jährige deutschjapanische Freundschaft. Und in dem Jahr, als die japanische Hauptstadt Tokio als Gastgeber Athleten aus aller Welt bei der Olympiade und den Paralympics empfängt – in einer durch die Pandemie nahezu bizarren Zeit. Das passt zum Titel der Ausstellung im Museum DKM: „Omoshirogara“ bedeutet so viel wie „Bizarre Muster“ als Sinnbild für Japans Weg zur Moderne.

Denn einst, vor 160 Jahren also, erzwingen die Westmächte mit Kanonenbooten vor der Küste des Reiches den Wandel in Japan. Es beginnt ein Prozess der rapiden Modernisierung des gesamten Lebens. Nur eines bleibt als Konstante: Der Kimono. Darauf bildet sich der Wandel künstlerisch in den Mustern ab – und die Geschichte des modernen Japans lässt sich anhand dieses einzigartigen Kleidungsstücks rekonstruieren. Zum Ende des 19. Jahrhunderts werden die Muster „bizarr“: Eisenbahnen, Schlachtschiffe, Flugzeuge, Kino, Mickey Mouse, Postkarten oder auch Zeitungsberichte über militärische Heldentaten. Dann zelebrieren die 1920er-Jahre einen optimistischen Internationalismus mit Zeppelin und auch schon Olympischen Spielen. In den 1930er-Jahren verdüstern sich die Farben und Symbole, als Japan mit Nazi-Deutschland und dem faschistischen Italien paktiert. So werden im Museum DKM nicht etwa beliebige Kimonos gezeigt: Im Mittelpunkt stehen die 99 Stücke einer einzigartigen Sammlung der Textilhistorikerin Yoshiko Inui aus Sapporo. Die Kimonos fungieren als Spiegel der politischen und gesellschaftlichen Veränderungen Japans seit dem Freundschaftsvertrag zwischen Japan und Preußen von 1861. Präsentiert wird der Kimono als viel mehr als nur ein Kleidungsstück: Als Tagebuch einer Nation, ein Bilderbogen, gespickt mit krassen Mustern, Geschichten, Nachrichten und Träumen.

 

Erika Kobayashi, Her, 2019, Pencil, ink, Japanese ink, cotton paper, 56.0×45.7 cm. Photo: Shu Nakagawa Courtesy of the artist and Yutaka Kikutake Gallery

 

Dirk Krämer und Klaus Maas, die Gründer und Namensgeber des Museums DKM, haben die große Japan-Ausstellung mit viel Herzblut für ihr Haus an der Duisburger Güntherstraße auf die Beine gestellt. Neben den einzigartigen fernöstlichen Gewändern zeigt die Ausstellung, kuratiert von Roger M. Buergel, Miwa Negoro und Mariko Mikami, bis Ende Februar 2022 Werke der zeitgenössischen Künstler:innen Yu Araki, JongOk Ri, Kei Takemura, Yuichiro Tamura und Erika Kobayashi. Diese Werke, die Miwa Negoro und Mariko Mikami ausgewählt haben, bilden eine unverzichtbare Einführung in das Weiterleben der japanischen Historie zwischen der Meiji-Restauration (ab 1868) und dem Ende des Pazifischen Krieges (1945). Die Ausstellung wird gefördert von der Japan-Foundation und dem Auswärtigen Amt.

 

JongOk Ri, Zero, 2015, pencil, ink, acrylic on paper, 91 x 155cm. Courtesy of the artist

 

Klaus Maas und Dirk Krämer zeigen in ihrem Duisburger Privatmuseum die Ausstellung Omoshirogara zum 160-jährigen Jubiläum deutschjapanischer diplomatischer Beziehungen

 

 

Roger M. Buergel, Kurator der Ausstellung

OMOSHIROGARA ist die zweite Ausstellung, die Roger M. Buergel für das Museum DKM entwickelt. Die erste Schau, Barely Something (2010), galt der künstlerischen Verbindung von westlichem Modernismus und chinesischer Tradition bei Ai Weiwei. Außerdem planen Dirk Krämer und Klaus Maas weitere Ausstellungen Buergels für das Museum DKM, die globale Verflechtungen zwischen Asien, Afrika und Europa zum Gegenstand haben.

Artikel von www.top-magazin.de/ruhr