Ruhrrevier

Kumpelland auf dem Weg in die Moderne

Das Ruhrgebiet wird auch in Zukunft eine starke Region bleiben


Lichtspiele im Zollverein-Kubus, ein 2006 errichtetes, architektonisch innovatives Hochschulgebäude in Essen. Er steht am Eingang der Hauptzufahrt zum Gelände des Weltkulturerbes Zeche Zollverein an der Gelsenkirchener Straße und wurde von der japanischen Architektin Kazuyo Sejima und ihrem Kollegen Ryue Nishizawa des Tokioter Architektenbüros SANAA entworfen. Der Bund Deutscher Architekten zeichnete den Zollverein-Kubus 2010 mit dem Architekturpreis Nike in der Kategorie „beste städtebauliche Symbolik“ aus. Die BDA-Jury urteilte: „Souveräne Zurückhaltung und Selbstbewusstsein lassen das Bauwerk in eine ebenso angemessene wie spannungsreiche Wechselwirkung mit dem Welterbe-Ensemble der Nachbarschaft treten.

 

Olympia 2032 im Ruhrgebiet? Es ist wohl keine Frage der Durchführbarkeit oder des Größenwahns, sondern des Mutes. Olympia bedeutet die einmalige Chance, endlich den Beweis anzutreten, sich internationale Projekte zuzutrauen und Gastgeber für die Jugend der Welt zu sein. Mut hat Deutschlands größter Ballungsraum immer bewiesen. Und doch hält sich das Klischee über der Region wie ein Damoklesschwert: Dabei sind die Zeiten der Tristesse – bei allen aktuellen Problemen in der Welt – endlich vorbei, denn in den vergangenen 40 Jahren hat sich ein gewaltiger Wandel vollzogen: Mein Revier war für mich nie grau! Es war schwarz wie Ruß auf der einen und doch auch grugagrün und baldeneyseeblau auf der anderen Seite. Kein Moloch trotz der Fülle, der Enge, der Masse an Häusern, Straßen, Autos, Menschen. Menschen mit Ecken und Kanten, Typen, Menschen mit Charme und Witz, sowohl westfälisch zurückhaltend, sturköpfig gar und wiederum rheinisch fröhlich. Menschen in einem Schmelztiegel vieler Nationen, die hier leben, arbeiten, ihr Glück gefunden haben oder auch aus vielerlei Gründen strandeten. Menschen mit Emotionen, Problemen, Hoffnungen und Träumen in einer Region so groß wie ein Riese, wie ein fauchender Drache. Dynamisch, romantisch, idyllisch und voll von wunderbaren Momenten, von magischen Orten und miesen Drecksecken. Eine Region der 1000 Feuer, der Kumpel und ihrer Familien. Eine Landschaft mit Äckern, Flüssen, Halden, Schloten, Seen. Westfälisch und rheinisch, polnisch und italienisch, türkisch und chinesisch. Das Land der roten Erde ebenso wie ein Land, ausgehöhlt wie ein großer Käse, 1000 Meter tief. Eine Region aus Kohle und Stahl, Milch und Honig – wild und romantisch zugleich, deftig und direkt, zuverlässig und ehrlich – Kumpelland eben.

 

Hier zu leben und zu arbeiten ist keine Strafe, wie viele südlich des Mains glauben, sondern eine Herausforderung. Kein Grund für Tristesse, denn hier muss niemand Trauer tragen. Wer hier lebt, liebt die Vielfalt, den Trubel, die Ups and Downs, die der Alltag mit sich bringt. Die Menschen haben hier nicht geerbt, keine höfischen Hinterlassenschaften wie in den noblen Residenzen, hier schufen sie sich in den vergangenen 200 Jahren ihre Welt aus eigener Kraft. Vom Dorf zur Metropole Ruhr. Das macht sie so sympathisch. So herrlich offen und robust. Vom Kumpel bis zum Ruhrbaron. Fast 350 000 Arbeitsplätze gingen mit der Kohle und dem Stahl verloren. Menschen wurden arbeitslos, manche viele lange Jahre lang. Doch sie steckten keine Stadtteile in Brand, warfen keine Steine in die Fenster der Ruhr-barone: Die Menschen im Ruhrgebiet verzweifelten nicht, sie stiegen wie Phönix aus der Asche empor und schufen sich einen dynamischen Ballungsraum, der Vorbild für andere Regionen wurde.

 

Hier wurde geschuftet und geschwitzt und gutes Geld verdient, als die Förderräder sich drehten und die rotgelbe Eisenglut wie aus einem Vulkan aus den Hochöfen strömte. Kumpel wurden sie bewundernd genannt, ganze Kerle. Eine einmalige Region mit einer langen Historie und mächtigen Frauen an der Spitze, weder gesichts- noch geschichtslos: Fürstäbtissinnen sorgten 1000 Jahre für Frauenpower, als Gleichberechtigung noch ein Traum der Suffragetten war. Eine uralte Region – gleichzeig modern, neugierig, mit hochkarätigen Universitäten, Forschern, Studenten aus aller Welt. Eine Kulturlandschaft mit hervorragenden Freizeitmöglichkeiten von A wie Aalto-Oper bis Z wie Weltkulturerbe Zollverein. Dabei täglich behaftet mit all den Problemen, die ein riesiger Ballungsraum mit über fünf Millionen Menschen in 53 Städten produziert. Gewalt und Drogen, organisiertes Verbrechen und Familien-Clans. Dreigeteilt in drei Regierungsbezirke und doch aus einem Guss: Mein Revier.

 

Und immer wieder völlig anders als andere denken. Heimat und Zank-apfel und Sorgenkind zugleich. Immer wieder von Klischees überfrachtet und doch authentisch: Und mittendrin Essen, die Metropole des Reviers. Wer hätte gedacht, dass heute rund 48 000 Menschen in Essen allein in der Medizinbranche arbeiten? Ja, der Wandel an der Ruhr ist menschengemacht! Hier konnte sich der heute übliche „Immer-Schlimmerismus“ nicht so leicht niederlassen. Hier zählen immer noch Fakten und keine Fake-News, hier stirbt die Wahrheit nicht so leicht, hier geht sie zwischen alternativen und echten Realitäten nicht verloren.
Ein Problem – die Verödung der Innenstädte. Schon heute müssen Lösungen auf den Tisch, die den Tod der Cities verhindern. Was geschieht mit dem Überhang aus der Verkaufsfläche des Einzelhandels? Benötigen wir noch die riesigen Bürotürme bei einer zunehmenden Home-Office-Entwicklung? Diese Fragen sind schon jetzt geklärt, bevor der Untergang Realität geworden ist. Dazu müssen die Protagonisten an einen Tisch, um gemeinsam das Problem zu lösen und finanzierbare Alternativen zu entwickeln.

 

Die Vision der Zukunft ist deutlich zu erkennen: Wenn das Ruhrge-biet auf die fatale Kirchturmpolitik verzichtet und als Einheit, als dynamischer Ballungsraum auftritt, nachhaltige Gemeinsamkeiten entdeckt und ohne Neid auf den jeweils anderen operiert – wie 2010 bei der Kulturhauptstadt Europas – dann hat die Region eine große Zukunft. Denn das Kapital des Ruhrgebiets sind seine Menschen – ein internationaler Melting Pot of Nations. Klein-Manhattan, wie Patrioten es schon vor 25 Jahren durchaus ernsthaft bezeichneten.

Artikel von www.top-magazin.de/ruhr