Ruhrrevier

Bauernhöfe statt Agrarfabriken

Regionalität ist ein Stück des neuen Bio. Sagt Oberbürgermeister Thomas Kufen. Und er weiß: Das ist sogar mitten in einer echten Großstadt möglich. Bauernhöfe in Essen, dem Tierwohl immer verpflichtet.


Opa – darf ich dem Oberbürgermeister jetzt auch mal ein paar Tiere zeigen? Also los, dann schauen wir mal …

 

Hereinspaziert in eine echte gemütliche Bauernküche: Bei Günter Maas, dem fünften in der Dynastie der Maas-Hamm, ist Gastfreundschaft ganz selbstverständlich. Hier muss der hohe Besuch aus dem Rathaus Platz nehmen zwischen dem Hof-Herrn und Mathilde. Denn, so lernt Thomas Kufen am rustikal gedeckten Tisch, der Mittelhamms-Hof ist ein klassischer Mehrgenerationenbetrieb, da hat natürlich auch die dreijährige Enkeltochter schon ihren festen Platz. Mitte der 1990er-Jahre hat Günter Maas seinen Betrieb auf Bioland umgestellt, erzählt er dem Oberbürgermeister. Seither ist Tochter Paula Maas als ausgebildete Tierärztin auf dem elterlichen Hof fast arbeitslos. „Die Tiere sind hier dank der natürlichen Haltung meistens gesund“, lacht Mathildes Mutter, die selbst mit ihren drei Geschwistern im wunderschönen stattlichen Bauernhaus groß geworden ist.

 

Kuhstall und Arbeitsgerät nach alter Väter Sitte: Auf dem Mittelhamms-Hof wird den Tieren von Hand die Kleegrassilage vorgelegt, die draußen auf den eigenen Feldern wächst. So wie Bioland das Futter auch vorschreibt.

 

Nicht nur Kühe leben auf dem Mittelhamms-Hof, auch Schweine, Hühner und Schafe bevölkern die rustikalen Ställe, denen man auf einen Blick ansieht, dass sie weit weg sind von jeder Massentierhaltung oder gar Agrarfabrik. Hier haben die Vierbeiner noch Namen. Zum Beispiel die wirklich gewichtigen Milchkühe, sie heißen Alba, Zenzi oder eine auch Diva. „Die kann ich auch alle einzeln auseinanderhalten und kenne sie wirklich beim Namen, so oft wie ich mit ihnen umgehe“, lächelt Günter Maas. Bei ihm sind die 40 Kühe und 50 Jungtiere zu Hause, für Milchwirtschaft und natürlich auch am Ende zum Schlachten. Aber auf dem Mittelhamms-Hof können sich die Verbraucher vorher ansehen, wie natürlich und damit zufrieden Kuh und Schwein, Huhn und Schaf hier leben dürfen. „Das ist ein wichtiger Aspekt der nachweislich regionalen Lebensmittelproduktion,“ lobt OB Thomas Kufen.

 

Lene heißt das kleine Schäfchen, das es Thomas Kufen ganz besonders angetan hat. Insgesamt zwölf Lämmer und drei erwachsene Tiere gehören als Fleisch- und Milchschafe zu dem Bioland-Betrieb.

 

Was für eine Schweinerei – neugierige Rüsselnase, schmutzige Schlappohren und echte Ringelschwänze, das sind die Markenzeichen des echten Ruhrtaler Freilandschweines. Auf dem Friedrichshof in Kettwig macht Alexander im Brahm als Jungunternehmer mit dieser alten Rasse einen großen Schritt hin zur natürlichen Tierhaltung. In großen Ausläufen mit viel Stroh und noch mehr Platz für den Bewegungsdrang, plus der unvermeidlichen Suhle mit tiefem Schlamm, haben 800 Schweinchen den tierischen Himmel auf Erden. „Für mich als Stadtkind ist das alles ein echtes Erlebnis“, lacht Thomas Kufen und scheut es auch nicht, sich ganz nah den Schnüffelnasen der quiekenden Vierbeiner zu stellen. Mitten in so einer quirligen Herde kann man schließlich auch als OB noch etwas lernen: „Woran erkennt man ein Männchen?“ Ganz einfach: „Das kann saufen und pinkeln gleichzeitig“, lacht der Jungbauer, der sich über die Chance zum eigenen Unternehmertum auf dem Friedrichshof der Familie freut. Und natürlich darf er dabei auf die elterliche Unterstützung von Annette und Einhardt im Brahm zählen. Sie tragen selbst schon lange mit klassischer Schweinemast zur regionalen Versorgung bei und freuen sich nun, offen für die neuen Ideen, über die Freilandhaltung von Sohn Alexander.

 

Verflixt – die Viecher beißen ja. Was den OB eher verwundert, kennt Alexander im Brahm als klassisches Verhaltensmuster. Leben die Schweine zu eng, beißen sie sich gegenseitig blutig und die Schwänze ab. Das Schicksal bleibt seinen Freilandschweinen erspart.

 

Keine Angst vor großen Tieren – wer dem Oberbürgermeister von Essen die Hörner zeigt, lernt Thomas Kufen kennen. Der lässt sich so schnell nicht ins berühmte Bockshorn jagen und bleibt freundlich. Und das als Stadtmensch mitten im Kuhstall.

 

„Echte Qualität hat ihren Preis“, daran hat Oberbürgermeister Thomas Kufen allemal nach der Tour zu Bauernhöfen in der Stadt Essen gar keinen Zweifel. Tierwohl und natürliche Haltung mit eigenem Futter ohne Einsatz von Chemie sind nicht zum Dumping-Tarif oder Billig-Preis zu haben. Denn hinter all dem steckt neben einer tiefen Überzeugung jede Menge Arbeit und ein hohes Maß an Aufwand.

Das ist auf dem Mittelhamms- oder dem Friedrichshof nicht anders als auf dem Klosterberghof. Der liegt versteckt in einem Naturschutzgebiet zwischen Feldern und Obstwiesen in Essen-Horst, unmittelbar an der Stadtgrenze zu Bochum. Auch hier gelten die strengen Bioland-Richtlinien – vom Kuhstall über die quirlige Hühnerfarm bis zur eigenen Gärtnerei. Bewirtschaftet wird der Klosterberghof vom Franz-Sales-Haus, er gibt 60 Menschen mit Behinderung neben der reinen Landwirtschaft Wohnen und Arbeit.

 

Eier von freilaufenden Hühnern, Gemüse aus eigenem Anbau und Bio-Obst gibt es im Hofladen am Klosterberghof

 

In der Landwirtschaft dreht sich so einiges um den großen Kuhstall mit den Limousin-Rindern, einer Robust-Rasse aus Frankreich, erfährt Thomas Kufen, der sich in Gummistiefeln mutig mitten unter die gehörnten Tiere wagt. Die leben hier nach strengem Bioland-Standard, nur im Winter im offenen Lauf-Stall, so lange wie möglich aber draußen auf den großen Wiesen rund um die wirklich schöne Anlage, leicht abseits der großen Stadt am „Weg am Berge“. „Die normale deutsche Kuh wird im Durchschnitt vier Jahre alt, hier bei uns können sie mit dieser natürlichen Haltung bis zum 20. Lebensjahr Kälbchen bekommen,“ erklärt Hubert Vornholt als Direktor des Franz-Sales-Hauses dem Stadtoberhaupt, was hier den Unterschied macht. Der bemisst sich auch an den Bioland-Richtlinien: Futter und Heu werden wie jegliches Futter selber gemacht, das Rindvieh kommt aus der eigenen Zucht.

 

Natürlich dient der Betrieb auch der natürlichen Fleischproduktion, erfährt der OB. Die Kälber werden kastriert, wachsen langsam und artgerecht auf beim Bio-Bauern Schulte-Stade in Hattingen, der auch einen eigenen Bio-Schlachthof betreibt. „Auf diese Weise gibt es natürlich nicht Fleisch in Massen, dafür aber aus artgerechter Aufzucht und mit höchster Qualität. Und das hat seinen ganz besonderen Wert“, ist der Oberbürgermeister begeistert von den regionalen Produkten aus seiner Stadt. Das gilt nicht nur für das Fleisch, auch für die Eier von den Hühnern aus Freilandhaltung und für das Bio-Gemüse aus der eigenen Gärtnerei. Zu haben ist das alles vor Ort im schönen Hofladen, der im Sommer noch durch ein Café ergänzt werden soll. Der Hofladen ist immer einen Besuch wert. Und wer Kühe in Aktion erleben möchte, ist am 22. April um 11 Uhr beim „Almauftrieb“ willkommen. Dann dürfen die Tiere nach dem Stall-Winter auf die Wiesen. Und das ist einfach Lebensfreude pur.

 

Artikel von www.top-magazin.de/ruhr