Kultur & Architektur

Krone, Kreuz und Schwert

Der Domschatz zu Essen trägt seinen Namen zu Recht: Die älteste plastische Marienfigur, goldene Kreuze aus ottonischer Zeit, eine reich verzierte Krone und das kostbare scharf geschliffene Schwert machen die Sammlung der Domschatzkammer zum echten Schatz. Von praktisch unschätzbarem Wert. Nicht nur durch Gold und Edelsteine. Auch durch die Geschichte(n), die das Stift und die Stadt damit verbinden. Vom tiefsten Mittelalter bis in die heutige Zeit – ein Buch mit vielen Facetten.


Essener Krone – Westdeutschland, 2. Hälfte des 11. Jahrhunderts. Jedes Jahr an Maria Lichtmess wurde die Goldene Madonna mit dieser Krone gekrönt.

 

Buchdeckel des Theophanu-Evangliars: Essen, 1039/1058, Elfenbein: Köln, 2. Viertel des 11. Jahrhunderts. Der mit Goldblech verkleidete Eichenholzdeckel diente als Einband des Theophnu-Evangeliars.

 

Um 980. Die Goldene Madonna, so genannt wegen ihrer vollständigen Bekleidung mit Goldblech, ist das bedeutsamste Kunstwerk des Essener Domschatzes und das wichtigste mittelalterliche Kunstwerk des Ruhrgebietes.

 

Agraffe mit Rehkitz – Französisch-burgundisch, um 1400. Die insgesamt 16 erhaltenen Agraff en des Domschatzes gehören zu den rar überlieferten Schmuckstücken des Mittelalters

 

Es ist die Geschichte von zwei Heiligen, von Cosmas und Damian, und von zwei starken Frauen, Mathilde und Theophanu. Die einen, Ärzte im frühen Orient, die für ihre Heiler-Arbeit hingerichtet und dann geheiligt werden, die anderen Frauen aus kaiserlichem Geschlecht. Die einen werden bis heute als Patrone des Doms zu Essen verehrt, die anderen haben als Äbtissinnen Stift und Land geführt und kirchliche Schätze gestiftet.

 

Das erste Jahrtausend nach Christus ist noch nicht vorbei, da entsteht Mitte des 9. Jahrhunderts eine religiöse Frauengemeinschaft. Gründer ist Altfrid, der spätere Bischof von Hildesheim, und er legt damit den Grundstein für das spätere Stift und die heutige Stadt Essen. Von Stund an leben fast ein Jahrtausend lang hier Frauen im Stift.

 

Die Goldene Madonna in der linken Seitenkapelle des Doms

 

Die Klöster jener Zeit sind Bildungsinstitutionen – und Keimzellen der Macht. Die Damen lernen dort Lesen, Schreiben und die Lateinische Sprache, ein Privileg, dass in dieser Zeit allenfalls den Männern vorbehalten ist. Die Äbtissinnen regieren nicht nur das Kloster, sondern auch das Leben darum herum. Ein Reichsfürstentum entsteht, als die weltliche und die geistliche Macht zusammenfallen, weiß Andrea Wegener, die heutige Hüterin des Essener Domschatzes. Das Stift erlebte, im ausgehenden 10. und 11. Jahrhundert, die bedeutenste Blütezeit. Denn weil die Klöster damals auch helfen, den Fürstenhäusern ihre Macht zu sichern, werden die Damen der vornehmen Geschlechter mit Bedacht in der Region platziert.

So trägt es sich zu, dass Mathilde als Enkelin von Otto dem Großen aus dem Kaiserhaus ins Essener Stift an der Ruhr kommt. Als Äbtissin führt sie von 970 bis 1011 das Stift und bringt als Kaiser-Enkelin nicht nur den berühmten Namen sondern auch den nötigen Reichtum mit, den sie in sakrale Schätze zu Ehren Gottes steckt. Und sie setzt sich damit auch ihr eigenes Denkmal, hinterlässt mehr als nur ein unschätzbar wertvolles Stück.

 

Kleines Bild: Theophanu-Kreuz, Essen, um 1040/45: Das Erscheinungsbild des Kreuzes wird druch den großformatigen Bergkristalll der Vorderseite bestimmt.
Großes Bild: Otto-Mathilden-Kreuz nach 983: Das Kreuz verdankt seinen Namen dem Stiferemail am unteren Kreuzstamm: Es zeigt Mathilde und ihren Bruder Otto.

 

Sie stiftet die Goldene Madonna, die heute noch erhaltene weltweit älteste Marienfigur. Die goldenen Madonna: Ein Holzkern mit Goldblechen ummantelt, die von feinsten Goldnägeln gehalten werden. Das Gesicht der Maria und des Jesus-Kindes bedeckt jeweils ein einziges großes Blech. Handwerkskunst der besonderen Art, die im Auftrag Mathildes ein Goldschmied aus der unmittelbaren Umgebung verrichtet. Da schreibt man das Jahr 980 und nur wenig später folgt ein goldenes Kreuz, heute das älteste und der Grundstock der vier bedeutenden Kreuze in der Schatzkammer. Wieder wird ein Holzkern mit Goldblech umhüllt und dazu reich mit Edelsteinen und Emaille verziert. Es ist das Otto-Mathilden-Kreuz, zeigt auf einer Abbildung am Fuß ein Bildnis der Äbtissin gemeinsam mit ihrem Bruder Otto, beide in der höfischen Kleidung des 11. Jahrhunderts. Mathilde lässt es nicht bei diesem einen Kreuz bewenden und gibt auch noch das nächste in Auftrag. Das heutige Erscheinungsbild ihrer Nachfolgerin Äbtissin Sophia zugeschrieben: Die Kreuzigungsszene in der Mitte wird an den Spitzen wieder auf wertvollem Emaille flankiert von den vier Evangelisten Markus, Johannes, Lukas und Matthäus.

 

Kleines Bild: Mathilden-Kreuz, Essen, um 1051/54: Das Kreuz zeigt die Wertschätzung Mathildes durch ihre zweite Nachfolgerin Theophanu
Großes Bild: Kreuz mit den großen Senkschmelzen: Essen, um 1000 bzw.  1020. Das Kreuz ist vermutlich wie das Otto-Mathilden-Kreuz eine Stiftung Mathildes.

 

Auf Sophia folgt Theophanu, 1039 übernimmt die Edle aus dem ottonischen Kaisergeschlecht, die Enkelin der Kaiserin Theophanu, die Äbtissinnenwürde im Essener Stift. Schon bald stiftet auch sie ein Kreuz: Der große ovale Bergkristall in der Mitte ist lässt den Blick zu auf Kreuzsplitter auf rotem Samt und macht das Besondere des Theophanu-Kreuzes aus. Das entsteht 1040/-45, bevor das Mathildenkreuz das Quartett um 1054 komplett macht. Wieder ist Theophanu die Stifterin, will mit der wertvollen Stiftung an die die große Vorgängerin Mathilde erinnern. Denn neben dem Gekreuzigten gibt es unten ein Bild der Mutter Gottes mit dem Kind – und dazu Mathilde, ihrem Andenken zu Ehren. Ganze 75 Jahre sind vergangen, seit Ottos Enkelin das 1. Kreuz kreiiert hat.

 

Essener Schwert: 2. Viertel/Mitte des 10. Jahrhunderts, goldene Griff und Scheidenbeschläge: um 1000. Die Prunkwaffe ist eines der wenigen mittelalterlichen Schwerter, die nicht als Bodenfund, sondern in einem Kirchenschatz erhalten geblieben sind.

 

Kaiser Ottos Enkeltochter weiß sehr wohl auch ihren Stand zu schätzen und schenkt dem Stift neben hochgeschätzter sakraler Kunst ein nicht minder bedeutsames wertvolles Symbol Macht: Ein großes Schwert, geschmiedet aus härtestem Damaszener Stahl, das selbst Waff enexperten mit seiner Perfektion beeindruckt. Es kommt wohl aus dem Kaiserhause ins Stift, und wird hier unter weiblicher Ägide bewahrt und aufgewertet, Denn die wertvolle Waffe gilt als Reliquie, war nicht nur offenbar im echten Kampfeinsatz sondern soll der Legende nach auch Cosmas und Damian einst hingerichtet haben. Ob es wahr ist, liegt in den Tiefen der Jahrhunderte begraben – im Stift jedenfalls wird um das Jahr 1000 herum unter Mathildes Leitung eine aufwändige Goldscheide für das Schwert geschaffen. Das Schwert wird als Zeichen der Macht bei Prozessionen vorangetragen.
Wenn der kirchliche Kalender besondere Feste wie Mariä Lichtmess am 2. Februar vermerkt, dann dann spielt vermutlich die Goldene Madonna bereits im 11. Jahrhundert eine große Rolle. Dann wird die Goldene Madonna vorangetragen, und die ziert ab Mitte des 11. Jahrhunderts eine wertvolle Krone. Sie ist bis heute erhalten, reich verziert mit Edelsteinen, und gilt als die älteste erhaltene Lilienkrone, benannt nach den prägnanten Aufsätzen, überhaupt.

 

Agraffe mit Männerfigur und Tier Französisch-burgundisch, um 1400 Frauen wie Männer schmückten damit auf vielfältige Art und weise ihre Gewänder, Kopfbedeckungen und Gürtel.

 

Theophanu gilt als die Stifterin des wertvollen Schmuckstücks, und ihr wird auch der kostbare Buchdeckel zugeschrieben. Das Elfenbein in der Mitte zeigt Geburt, Kreuzigung und Himmelfahrt Jesu und ist eingefasst von Goldblechen mit Christus, Engeln, Aposteln und der Mutter Gottes mit den beiden weiblichen Heiligen Pinnosa und Walburga. Und auch Cosmas und Damian, die Stifts- und heutigen Dom-Patrone von heute, haben schon damals ihren Platz auf dem kostbar gestalteten Evangeliar.

War es noch Äbtissin Theophanu oder schon ihre Nachfolgerin Swanhild, die das kostbare Armereliquiar auch noch aus ottonischer Zeit stiftete? Diese Frage, weiß Andrea Wegener als Hüterin des Domschatzes, lässt sich heute nicht mehr defi nitiv klären. Klar ist dagegen, dass das die Nachbildung von Arm und Hand mit dem goldenen Medaillon darauf zu den ganz besonderen Schätzen der Sammlung gehört.

Geschaff en wird das außergewöhnliche Stück wohl in der Mitte des 11. Jahrhunderts – ein symbolischer Arm, eben um eine Arm-Reliquie des Heiligen Basilius würdig aufzubewahren. Das Reliquiar stellt gleichzeitig das liturgische Gewand eines Bischofs jener Zeit dar: In feinster Handwerkskunst zeigen die Silberbleche die Stoff muster. Aus einem breiten Mantelsaum, Goldbleche auf Holzkern, erhebt sich ein enganliegender silbernen Handschuhmit seinem goldenen Medaillon auf dem Handrücken. Ein Zeitzeugnis der besonderen Art, denn solche Handschuhe gab es überhaupt erst ab Mitte 10. Jahrhunderts. So gilt das Reliquiar aus der Essener Domschatzkammer als eine der frühesten Darstellungen solch eines Bischof-Handschuhs. Ein Kleinod der Goldschmiedekunst aus jener Zeit, das den Äbtissinnen einst auh diente, um zu segnen. Das textile Gegenstück zum Handschuh aus Edelmetall ruht in Werden in der Schatzkammer. Ob es als Vorlage gedient hat? Das ist möglich, aber nicht verbrieft. Sicher ist dagegen, dass es außer diesem heute kaum noch ein erhaltenes Armreliqiuar gibt. Eines der Exponate also, die dazu beitragen, dass Essen die weltweit bedeutendste Sammlung ottonischer Schatzkunst sein eigen nennt. Weiland aber, im tiefen Mittelalter, als all diese Kunstwerke entstanden, galt als der eigentliche Schatz und Reichtum der Klöster und Stifte die Sammlung an Reliquien. Erst der Besitz einer Reliquie rechtfertigte überhaupt den Bau eines Gotteshauses. Für den Bau der Ursprungskirche Essens im 9. Jahrhundert waren dies eben die Reliquien der beiden Heiligen Cosmas und Damian. Dafür ließ Beatrix von Holte, Äbtissin im ausgehenden 13. und beginnenden 14. Jahrhundert Reliquiere fertigen: Ein weiteres Armreliquiar, das ungewöhnlichste und größte Armreliqiuar seiner Zeit. Die Hand aus Edelmetall hält ein Türmchen, dort oben in der Spitze und im Arm selbst sind in roten Samt gehüllte Reliquien. Dass der Arm zweifelsfrei dieser Stifterin zugeschrieben werden kann, belegt eine Inschrift: „Beatrix ließ mich fertigen“. Ein Bildnis zeigt dazu Beatrix in gotischer Architektur – so hat sie sich selbstbewusst auch als Bauherrin verewigen lassen. Ihr erklärt Andrea Wegener, schreibt man heute die gotische Umgestaltung der Stiftskirche im 13. Jahrhundert zu.

Blick in die ottonische Sammlung der Domschatzkammer

 

Weniger groß und opulent, dafür klein, wirklich fein und ebenfalls unschätzbar wertvoll sind die kleinen Broschen, Agraffen, wie sie in der Kirchenkunst heißen. Eine ganze Sammlung der feinen Schmuckstücke nennt der Essener Domschatz sein Eigen. Entstanden sind sie wohl um 1400 herum in Frankreich und zeugen von allerhöchster Goldschmiedekunst. Figürliche Darstellungen, florale Muster, die Abbildung ganzer Szenen in feinster Handarbeit, gekrönt mit wertvollem-Emailüberzug gelten sie als Kleinode. Allein ihr Weg ins Essener Frauenstift liegt im Dunkeln – wahrscheinlich wurden sie von vermögenden Gönnern den Stiftsdamen geschenkt oder von diesem Amt ins Stift gebracht. Gedient haben sie zu ehren des Heiligen Masus, ein Priesterheiliger aus dem Auxerre des 4. Jahrhunderts, Seine Reliquien waren in einem Schrein und in einer Büste aufb ewahrt und diese Büste schmückte lange eine Schärpe voll der edlen Agraffen.

 

Das Armreliquiar des hl. Basilius und das Armreliquiar der Beatrix von Holte Westdeutschland, 2. Hälfte des 11. Jahrhunderts und Rheinland um 1300 Reliquiare in Form von Körperteilen sind seit dem 5. Jahrhundert bezeugt. Die ältesten Arm-reliquiare stammen aus dem frühen 11. Jahrhundert.

 

Seine allerletzte große Blütezeit erlebt das Essener Frauenstift im Barock, Anfang und Mitte des 18. Jahrhunderts. Aus dieser Zeit stammt die Barockisierung der Kirche. Glaube und Hoff nung, zwei Figuren von 1730, zeugen noch immer in der Anbetungs-Kirche St. Johann davon. Denn wieder zeigen die Stiftsfrauen mit Äbtissin Franziska Christine von Pfalz Sulzbach den Mut und Willen, ihre Kirche neu auszustatten, der Zeit anzupassen. Bis heute, erzählt Andrea Wegener, sind Überreste dieser Umgestaltung in Dom, Domschatzkammer und Anbetungskirche erhalten. Auch wenn die Ära der Frauen 1802 endet, und das Gotteshaus später im II. Weltkrieg schweren Schaden nimmt. Glück im Unglück: Der Westbau, um 1000 von Mathilde in Auftrag gegeben, und die Krypta im Osten von Theophanu sind bis heute erhalten. Was zerstört ist, wird nach dem Krieg wieder aufgebaut, auch dank des eigens gegründeten „Münster Bauvereins“, der 2017 seinen 70. Geburtstag feiert. Die Stiftskirche, seit 1958 nun Domkirche, ist eben Keimzelle des Glaubens. Und bis heute in der modernen Stadtarchitektur immer noch sichtbares Denkmal seiner starken Gründer-Frauen.

 

Agraffe mit Männerfigur und Tier Französisch-burgundisch, um 1400 Die Stiftsfrauen waren bis auf die eihneitliche Chorkleidung welchlich gekleidet und besaßen offensichtlich auch Agraffe

 

Artikel von www.top-magazin.de/ruhr