Kultur

Made in Japan

Von Sitten & Gebräuchen, Leibhaftigkeit und Bäuchen


Von den Japanern können wir uns eine Scheibe abschneiden – sprichwörtlich. Denn sie demonstrieren, wie man sogar mit Fettleibigkeit wahre Erfolge feiern kann. Nein, damit ist nicht Godzilla gemeint. Was hierzulande als gesellschaftliche Randgruppe diskriminiert wird, genießt im Land der aufgehenden Sonne Ruhm und Ehre: der schwergewichtige und wa(a)ghalsige Sumo-Ringer. Nix mit Body-Mass-Index-Wahnsinn, Kalorienreduktion und 08/15-Diäten – die Sumotori spachteln, was das Zeug hält. Verschrieben werden sogar Mastkuren aus protein- und fettreichen Eintöpfen (sogenannte Chankonabe). Mit Blick über den Tellerrand wäre das für eine Exportnation wie Deutschland kostbares Potential für sogenannte „adipöse Diversifikation“: Übergewicht als persönliche Karriere-Chance und gleichzeitig Entlastung des strapazierten Gesundheitssystems. Das könnte zum wahren Export-Hit avancieren, der selbst Helene Fischer magersüchtig aussehen ließe. Die Fraktion der Weight-Watchers müsste sich allerdings einem Perspektivwechsel unterziehen und ihre Gewichts-Skala einfach umdrehen. Frei nach dem Motto: Wer nicht wa(a)gt, der nicht gewinnt.

In Japan angekommen, sollten unsere schwergewichtigen Sumotori-Anwärter sich rasch integrieren. Dazu gehört, dass Nudeln dort weder gerührt noch geschüttelt, sondern inbrünstig lautstark geschlürft werden. Je geräuschvoller generell gegessen und getrunken wird, desto besser schmeckt´s. Diese Verhaltensweise dürfte für viele Zeitgenossen ohnehin keine große Umstellung bedeuten. Ebenso wie das kräftige Nasehochziehen, das durchaus zum guten Ton gehört. Das Reinigen der Nase in der Öffentlichkeit mit einem Taschentuch gilt in Japan nämlich nicht nur als unhöflich, sondern wird sogar als ekelerregend angesehen. Also, nicht schnäuzen – einfach Hochziehen oder den Raum verlassen. Eine nachahmenswerte Gesinnung ist da schon eher, dass man nichts aus dem Restaurant mitnimmt, wie z.B. Zucker, Salz, übriggebliebene Butterpäckchen sowie Öl- oder Essigfläschchen. Sind die Trinkgläser leer, füllt man seinem Gegenüber etwas ein, ohne sich selbst etwas nachzugießen … in der Hoffnung, dass jemandem anders auffällt, dass das eigene Glas leer ist. Übrigens ertränkt man den Reis nicht mit Soße, und in den Tee gibt man keinen Zucker. Der Umgang mit Stäbchen birgt Tücken, die über das eigentliche Geschick hinausgehen: Niemals darf man die Stäbchen senkrecht ins Essen stecken – dies ist Opfergaben für Tote vorbehalten. Man gibt auch kein Trinkgeld, es sei denn, man möchte das Bedienpersonal erniedrigen. Selbst das genetisch determinierte Dauerlächeln könnte dann einfrieren. Schließlich wird vorausgesetzt, dass der Service so gut ist, dass es keine extra Wertschätzung in Form von Trinkgeld benötigt.

Grundsätzlich sollte man in einem Gespräch mit einem Japaner übermäßigen Körper- oder Augenkontakt vermeiden und ein „Nein“ kategorisch aus seinem Sprachschatz streichen. Mit dieser direkten Ablehnung brüskiert man seinen Gesprächspartner. Apropos, Kontakt – bei einer Einladung ins persönliche Heim unbedingt pünktlich sein und ein Gastgeschenk mitbringen und den Wert des Geschenkes kleiner erscheinen zu lassen, als er ist. Bringt man ein teures Geschenk mit, so erhält man beim nächsten Treffen ein noch teureres. Absolut tabu bei Geschenken ist die Farbe Weiß, da sie – ungleich bei uns – als Farbe der Trauer steht. Also, weiße Rosen wären schon ein Dorn im Auge. Lieber was landestypisches – also kitschig. Und nicht zu viel Interesse für ein spezielles Stück in der Wohnung bekunden. Der Gastgeber könnte sich genötigt fühlen, es dem Gast zu überlassen. Gastfreundschaft gipfelt mancherorts sogar darin, dass man die Badewanne zuerst benutzen darf. Anschließend bloß kein Wasser ablassen, da alle Personen einer Familie immer das gleiche Badewasser benutzen. Wer möchte da nicht das letzte Glied in der Kette sein? Unsere teutonische Geselligkeit sollte nicht über die Stränge schlagen. Folglich gehören sarkastische Witze nicht zur Unterhaltung. Und die Zahl „vier“ ist absolut zu vermeiden, weil das Wort dafür sehr ähnlich, wie das Wort „Tod“ klingt – dramatisch bezeichnet als „Tetraphobie“. Somit dürfte das freundlich gemeinte Angebot „sollen wir eine Partie Doppelkopf spielen?“ nur mit einem eisigen Lächeln erwidert werden. Dann rasch reagiert mit einem freundlichen: „Sumimasen!“ Entschuldigen Sie bitte.

Peter Lengwenings

Artikel von www.top-magazin.de/niederrhein