Wirtschaft

Wo Wellen, da Bewegung

Interview mit Dirk Wellen, RONDO-FOOD-Chef und 1. Vorsitzender des Crefelder HTC


 

In der Wirtschaft kennt man ihn als geschäftsführenden Gesellschafter von RONDO FOOD. Im Sport gehört er am Niederrhein sowie auf bundesweiter und auch internationaler Ebene zu den wichtigen Protagonisten im Hockey. Und wer oder was ist er sonst, dieser Dirk Wellen (57)? Das Top Magazin Niederrhein sprach mit ihm auch über private Dinge wie Kindheit, Jugend, Heimat und Krefeld. Über Aha-Erlebnisse und Hundesnacks, Verantwortung und Engagement, Bewegung und Entwicklung …

 

 

Herr Wellen, was bedeutet Ihnen  Krefeld?

Dirk Wellen: Ganz viel: Geburtsort, Schule und Sport, Wohnort, Eltern, Familie und Kinder, Freunde, Familienunternehmen, Entwicklung und Mitgestaltung … Bewegung.

 

Da müssen wir einhaken: Bewegung?

Ja, wenn ich so etwas wie ein Lebensmotto habe, dann beschreibt es das Wort Bewegung am besten – also körperlich und geistig beweglich bleiben und für Bewegung in vielen Bereichen sorgen. In meinem Falle ist das dreierlei: das jahrzehntelange Engagement als aktiver Hockeyspieler und heute als Vorsitzender des Crefelder HTC, das Mitwirken unserer Firma RONDO FOOD bei dem noch recht jungen „Aktionsplan Wirtschaft für Krefeld“ und die Förderung von jungen, besonders talentierten und ambitionierten Hockeyspielerinnen und -spie-lern beim CHTC. Letzteres ermöglichen wir – aus Dankbarkeit und in Würdigung der Jugendförderung durch meinen Vater – über die Gerd-Wellen-Sportstiftung, die es seit 2006 gibt. 

Sie selbst wurden u.a. 1981/1982 Junioren-Europameister bzw. Junioren-Weltmeister mit dem deutschen Feld-hockey-Team. Warum braucht man heute eine Gerd-Wellen-Sportstiftung, um international erfolgreiche Spiele-rinnen und Spielern aus den eigenen Reihen hervorzubringen?

Die jungen Ausnahmetalente beim CHTC, die bei WM oder Olympia spielen können, brauchen spezielle Förderung. Dank der Stiftung ist es uns möglich, haupt-amtliche Trainer zu beschäftigen sowie alles rund um Training, Management und Medizin auf einem professionellen Level zu halten. Auch eine spezielle  Videosoftware, die die Spiele aufzeichnet und eine sofortige Auswertung ermöglicht, kostet.  Erfolge haben wir schon früher gehabt. Jetzt zahlt sich unser Engagement noch mehr aus: 2008 und 2012 Olympia-Gold für Matthias Witthaus in Peking und London und ebenfalls in London 2012 Gold für Oskar Deecke und Linus Butt. 2018 bei den Spielen in Rio gab es für die deutschen Damen und Herren zumindest Bronze. Vom CHTC waren Oskar Deecke, Linus Butt und mein Sohn Niklas Wellen auf dem Siegertreppchen.

 

 

Aber Sie bringen auch andere Krefelder Freizeit- oder Leistungssportler in Bewegung …

Ja, dank der Stiftung konnten wir den Bewegungspark im Stadtwald zwischen Rennbahn und der Tennisanlage des TV 03 Schwarz-Gelb realisieren. Dort haben wir an acht Stationen moderne Geräte installiert, die verschiedene Trainingsmöglichkeiten bieten. Vom Stangenparcour für Leistungssportler bis hin zu leichteren Geräten, die auch von älteren Leuten oder Kindern genutzt werden.

Eigene Erfolge, Erfahrungen und Know-how – warum sind Sie eigentlich nicht Trainer, vielleicht sogar Hockey-Bundestrainer geworden?

Erstens war das nicht mein Plan. Zweitens war schon recht früh klar, dass ich eines Tages Verantwortung für unser Familienunternehmen in nächster Generation übernehmen würde. Deswegen habe ich nach dem Zivildienst in Köln auch nicht Sport studiert, sondern BWL. 1894 hat Remigius Wellen in Krefeld als Unternehmer begonnen, dann haben wir über 100 Jahre lang Puddingpulver, Backmischungen und Backzutaten hergestellt. Nach meinem Einstieg ins Familienunternehmen kam die Neuausrichtung und wir haben auf Tier-Snacks für Hunde und Katzen umgestellt. 2019 wird unsere als RONDO FOOD bekannte Petfood-Produktion bereits 25 Jahre alt.

Und die Geschäfte laufen gut? Schließlich beschäftigen Sie 280 Mitarbeiter in Krefeld sowie 300 weitere an den Standorten in Halle (Saale) und im irischen Arklow.

Allein von 2015 bis 2017 ist die Zahl der von uns produzierten TiersnackPackungen von etwas mehr als 144 Millionen auf nahezu 169 Millionen gestiegen. Markt und Bedarf für Tiersnacks wachsen nach wie vor, und wir arbeiten an Ausbauplänen für den Standort Krefeld. Kopfschmerzen bereitet uns allerdings der Brexit. Großbritannien ist ein sehr wichtiger Markt für uns und leider weiß niemand, was künftig im Detail passieren wird – das betrifft im übrigen viele exportierende Unternehmen. Deswegen prüfen wir gerade die Machbarkeit eines Drei-Monats-Bestandslagers in England zur Überbrückung dieser unsicheren Zeiten im Handel und Vertrieb mit Großbritannien.

Kommt jetzt der Begriff der (lokalen) Verantwortung ins Spiel?

Auf jeden Fall. Als Krefelder Unternehmen ist uns die Bindung zu unseren Mitarbeitern sehr wichtig, und auch Krefeld als Stadt und Wirtschaftsstandort liegt uns sehr am Herzen. Deswegen unterstützen wir seit Jahren viele Projekte, die den Industrie- und Sport-Standort Krefeld fördern. Dazu sind wir gut vernetzt mit unseren Nachbarn und aktiver Partner des „Aktionsplans Wirtschaft für Krefeld“. Ob Fachkräftemangel heute oder Personalbedarf in Führungspositionen morgen – der Krefelder Mittelstand ist gut beraten, zusammen-zustehen und zusammenzuarbeiten, damit Krefeld an Attraktivität nicht nur nicht verliert, sondern dazugewinnt. Als Vorsitzender des CHTC trage ich gerne meinen Teil bei, Wirtschaft und Sport zu vernetzen – mit Nachhaltigkeit zugunsten Krefelds.

Wo haben Sie Ihre Jugend in Krefeld verbracht? Gibt es Orte, Lokale, Clubs, die Sie heute vermissen?

Als Sprössling eines sehr sportlichen Vaters war ich in meiner Kindheit und frühen Jugend vor allem draußen: Hockey- und Tennisplatz beim CHTC waren mein zweites Zuhause, und zum Kicken mit Freunden ging es in den Kaiserpark. Als Heranwachsender und danach war ich dort, wo wahrscheinlich alle waren: Wir haben damals viel Zeit im Zoozie‘z verbracht, als das noch am Westwall lag, oder im „Pferdestall“ an der St.-Anton-Straße. Heute vermisse ich davon nichts, aber damals war es schon eine schöne und lustige Zeit. Richtig klasse war es, wenn es auf die Schulferien zuging: Immer am letzten Schultag traf sich – gefühlt – die komplette Krefelder Schülerschaft am UdU, also Unter der Uhr an der Ecke Ostwall/Rheinstraße. Da ging mal richtig die Feierei und Post ab! Tausende von Schülern haben dann auch vorübergehend den Verkehr lahmgelegt. Es war einfach proppenvoll.

Gab es ein „Aha-Erlebnis“ in Ihrem Leben?

Ja, gab es … aber es war mehr eine „Aha“-Periode: meine Zeit als Zivildienstleistender. Da habe ich in Krefeld 18 Monate lang mit körperbehinderten Kindern und Jugendlichen gearbeitet und eine Menge über Hilfsbereitschaft, Akzeptanz und Bescheidenheit gelernt. Vor allem aber wurde mir – als einer der aus einer wohlbehüteten, an nichts  mangelnden und extrem sportlichen Familie kam – bewusst, dass das Leben auch komplett gegenteilig sein kann: voller Hürden und Schwierigkeiten, mit Problemen, die die Seele drücken, und das alles bei sehr eingeschränkter oder gar keiner körperlicher Bewegungsfreiheit. Dazu kam, dass meine Frau, mit der ich damals schon  zusammen war, in einem Kinderheim arbeitete. Auch sie wusste, von einigen schlimmen und traurigen Schicksalen und Kinder-Biografien zu erzählen … all dies hat mich tief beeindruckt und ich hab’s bis heute nicht vergessen, dass längst nicht alle Menschen auf der Sonnenseite geboren werden oder aufwachsen.

Wer ist/war der Held Ihrer Kindheit?

Bei mir war das ganz klar Björn Borg. Nicht nur, weil er einer der erfolgreichsten und besten Tennisspieler aller Zeiten war, ein Kämpfer, ein Könner, ein ehrlicher Sportler und weitestgehend frei von Skandalen. Für mich war er auch eine echte StilIkone. Ich fand ihn mit seinen langen Haaren und den FilaKlamotten einfach absolut cool, ein geiler Typ eben! – Alte Fotos belegen übrigens, dass ich mir damals auch die Haare habe sehr lang wachsen lassen. (lacht)

Wo wir gerade bei Sportlern als Helden sind: Bei den Olympischen Spielen in London 2012 lief uns Steffi Graf über den Weg, weil wir zufällig im selben Hotel untergebracht waren. Sie ist für mich ebenfalls eine Heldin. Weil sie in ihrer privaten und sportlichen Zeit neben Unmengen von Erfolgen auch eine ganze Menge Tiefschläge einstecken musste – Stichwort: Steuerskandal ihres Vaters, der dafür ins Gefängnis musste. Ich finde es beeindruckend, wie sie aus all dem herausgekommen ist, mit Agassi seit 17 Jahren glücklich ist, eine Familie mit Kindern gegründet hat, sich für traumatisierte Kinder einsetzt … und einfach als anständiger Mensch lebt. Solchen Menschen bringe ich viel Respekt entgegen.

Was würden Sie, mit Ihrer heutigen Erfahrung, anders entscheiden?

Oh weh, … da ist sie, die Frage aller Fra-gen (lächelt) … Ich sag mal: nichts … oder zumindest nichts Entscheidendes. Alles ist gut, wie es ist. 

 


SEKT ODER SELTERS?

 … der Top-Fragenklinker mit Dirk Wellen

 

Katze oder Hund?

Eindeutig Hund, wir haben sogar zwei davon. Katze ginge nicht, da ich dagegen allergisch bin.

 

Kaffee oder Tee?

Beides. Ich starte in den Tag immer mit grünem Tee, später dann im Büro oder unterwegs gibt es den einen und anderen Kaffee.

 

Dusche oder Badewanne?

Ganz klar Dusche. Als immer noch aktiver Sportler normal. Meine Güte … wann war ich das letzte Mal in der Wanne? Kann mich nicht erinnern.

 

Strand oder Schnee?

Knifflige Frage, die bei Urlaubsplänen eine entscheidende Rolle spielt. Ginge es ausschließlich nach mir, würde ich den Schnee inklusive Sport stets vorziehen. Langlauf etwa finde ich toll. Meiner Frau zuliebe geht’s dann aber auch schon mal in den Strandurlaub, da bekommt ja man auch beides: Ent- spannung und Bewegung.

„Tatort“ oder Netflix?

Einfach: „Tatort“.

 

Fahrradtour oder Spaziergang?

Na ja, Spaziergänge kommen natürlich vor, aber eine Radtour ist mir weitaus lieber. Ich schwinge mich supergern aufs Mountainbike, das ist mein Ding.

 

Buch oder Hörbuch?

Buch, denn ich kann schneller lesen als hören. Klingt erst mal komisch, ist aber logisch: Das Auge fliegt schneller über Worte und Sätze als Hörbuch- Geschichten ins Ohr kommen. Und trotz des Tempos genieße ich das auch … wobei meine Frau sich bzw. mich fragt, wie ich Lese-„Genuss“ bei einem Buch über Trainingsmethoden empfinden kann … (lacht)

 

Rotwein oder Weißwein?

Muss ich mich wirklich entscheiden? (lacht) … na gut, dann wohl eher Rotwein.

 

Artikel von www.top-magazin.de/niederrhein