Society

Alles für die Tonne?! – Engagement gegen Lebensmittelverschwendung am Niederrhein

Der Salat welk, die Äpfel schrumpelig und der Weihnachtsmann aus Schokolade vom Vorjahr laut Mindesthaltbarkeitsdatum auf der Verpackung vermeintlich nicht mehr genießbar. Nicht nur in Großküchen, wie sie in Restaurants, Hotels und Imbissen zu finden sind, sondern auch in privaten Haushalten wandern Millionen Tonnen von Lebensmitteln in den Müll, weil sie als nicht mehr gut und appetitlich empfunden werden. Deutschlandweit sind es jährlich mindestens elf Millionen Tonnen, die entlang der gesamten Wert-schöpfungskette – von der Erzeugung bis zum Verbrauch – verschwendet werden.


„Nimm 3, zahle 2“-Angebote: eine von vielen Wegwerffallen

Im Alltag begegnet uns die Lebensmittelverschwendung auf unterschiedliche Art und Weise. Nicht selten beginnt sie mit der nicht vorhandenen Einkaufsplanung. Ohne einen Blick in den Kühlschrank geworfen zu haben, hasten wir nach Feierabend – meist mit Hunger im Bauch – in den Supermarkt. Dort lassen wir uns von Angeboten und großen Verpackungen mit extra viel Inhalt verführen und kaufen Produkte, ohne eine Idee zu haben, wie wir diese später zu einem Gericht verarbeiten. Zu Hause angekommen, verstauen wir die Einkäufe nicht immer ordnungsgemäß. Die neu eingekauften Lebensmittel werden im Kühlschrank vor bereits gelagerte Produkte gestellt und Gemüse, das kühl gelagert werden müsste, bei Zimmertemperatur verstaut. Doch nicht nur beim Einkauf und der Lagerung tappen wir regelmäßig in Wegwerffallen, auch bei der Zubereitung von Speisen und dem Verzehr sind wir oftmals verschwenderisch. Geschnittenes Gemüse, das für den Eintopf einfach zu viel war, oder gekochte Kartoffeln vom Vortrag werfen wir eher weg, anstatt sie kreativ weiterzuverarbeiten. Pro Kopf kommt man in Nordrhein-Westfalen auf eine Menge von rund 23 Kilogramm an verschwendeten Lebensmitteln jährlich.

Lebensmittelrettung übers Smartphone

Dass die Verluste weltweit reduziert und mehr Lebensmittel vor der Mülltonne gerettet werden müssen, haben sich in den vergangenen Jahren einige Unternehmen und Initiativen auf die Fahne geschrieben. Auch am Niederrhein findet ein Umdenken statt und das Engagement, Lebensmittel zu retten, steigt sowohl bei Verbrauchern als auch bei Unternehmen. So arbeitet beispielsweise die Supermarktkette real in der Markthalle Krefeld mit dem dänischen Startup Too Good To Go zusammen.

Die App, bei der sich insgesamt über 10.000 gastronomische Betriebe und über fünf Millionen Nutzer beteiligen, gibt es inzwischen in neun Ländern. Das Konzept ist einfach: User laden die App herunter, wählen ein verfügbares Angebot aus, bezahlen über die App und holen mit dem Kaufbeleg die Ware im jeweiligen Markt ab. Alle Anbieter bestimmen selbst, welche Produkte sie in eine „Too Good To Go-Tüte“ packen, sodass der Kunde erst bei der Abholung den genauen Inhalt erfährt. Neben der Markthalle Krefeld engagieren sich, dank der App, auch das Café Coffee Brew in Krefeld, das Restaurant Sushi & Söhne in Moers, die Bäckerei Berns in Kamp-Lintfort, Backwerk-Filialen in Viersen und Mönchengladbach sowie viele weitere Geschäfte gemeinsam mit ihren Kunden gegen Lebensmittelverschwendung.

Soziale Netzwerke helfen beim „Fairteilen“

Ganz ohne den Einsatz digitaler Medien geht es auch bei der 2012 gegründeten Initiative foodsharing nicht mehr, denn die Organisation der foodsharing-Community läuft über die Online-Plattform foodsharing.de. Hier vernetzen und koordinieren sich die Lebensmittelretter in den einzelnen Städten und Regionen, so auch in Krefeld.

foodsharing bietet verschiedene Optionen, aktiv zu werden: Entweder man meldet sich auf foodsharing.de als Foodsharer an und erstellt einen digitalen Essenskorb, man bringt übrig gebliebene Lebensmittel zu einem Fairteiler oder wird Mitglied in einer foodsharing- Facebookgruppe. Auf diesen Wegen überlässt man überschüssige Lebensmittel anderen Menschen und kann wiederum deren Lebensmittel für sich beziehen. Auch für Menschen, dies sich noch aktiver ehrenamtlich einbringen möchten, bietet die foodsharing-Plattform Möglichkeiten. Als sogenannter Foodsaver holt man zu bestimmten Zeitpunkten übrig gebliebene Lebensmittel von Wochen- und Supermärkten ab und „fairteilt“ diese.

Ohne Ehrenamt geht’s nicht

Neben der App Too Good To Go und der Initative foodsharing engagieren sich auch die gemeinnützigen Tafeln am Niederrhein gegen Lebensmittelverschwendung. Die Tafeln sammeln überschüssige, qualitativ einwandfreie Lebensmittel und verteilen diese an sozial und wirtschaftlich Benachteiligte. Freiwilliges Engagement ist dabei das Herzstück der Tafelarbeit. Als eine der größten ehrenamtlichen Bewegungen in Deutschland sind die Tafeln auf den Einsatz und Elan der vielen freiwilligen Helferinnen und Helfer angewiesen. Die Tafel in Viersen beispielsweise zählt 60 aktive Mitglieder, die entweder die gespendete Ware abholen oder bei der Ausgabe im Tafelladen mithelfen. Insgesamt versorgt die Viersener Tafel im Monat rund 1800 bedürftige Menschen mit Lebensmitteln, bietet einmal wöchentlich eine warme Mahlzeit an und unterstützt soziale Einrichtungen mit Lebensmitteln.

Lebensmittelrettung geht jeden an Ausreden, warum Lebensmittel weggeworfen werden, finden sich schnell. Deshalb sollten wir uns immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass unsere Verschwendung wirtschaftliche und ethische Folgen hat. Für die Herstellung werden kostbare Ressourcen benötigt, und während wir Lebensmittel wegwerfen, hungert weltweit eine Milliarde Menschen. Es heißt aktiv werden, denn dieses Engagement ist sicher nicht für die Tonne!

Artikel von www.top-magazin.de/niederrhein