Kultur

200 Jahre Krefelder Wälle – die spannende Geschichte des Architekten von Vagedes


Grundrissplanung der vier Wälle nach Vagedes

 

Krefeld rückt 2019 ins Rampenlicht der Architektur: Neben 100 Jahre Bauhaus gilt es auch 200 Jahre Vagedes zu feiern – der Architekt aus Münster ist der Vater der Krefelder Wälle, die bis heute in einem langgestreckten Rechteck die Krefelder Innenstadt einschließen. So war der 27. Mai 1819 ein entscheidendes Datum für die Seidenstadt: urbanes Leben nach den Plänen eines Architekten und Stadtplaners des Neoklassizismus.

Der aus Münster stammende Architekt Adolph Anton von Vagedes, einstiger Schüler des Jean-Nicolas-Lois Durand an der École polytechnique in Paris, galt als sehr kreativ. Als er von Krefeld angefragt wurde, war er bereits seit 1809 in Düsseldorf als Großherzoglicher Bergischer Baudirektor tätig. Einzig noch heute in der Landeshauptstadt erhalten ist sein letzterbautes Werk, das Ratinger Tor. Seit 1818 erhielt Vagedes die Ernennungsurkunde zum preußischen Regierungsbaurat.

An jenem 27. Mai 1819 wurde die Kabinettsorder für die Genehmigung der vier Wälle erteilt, einem Rechteck, das von vier Boulevards eingeschlossen wird. Diesem Datum ging eine intensive Vorplanung von gut zwei Jahren voraus. Für Krefeld entwarf Vagedes einen ehrgeizigen Stadtplan, der deutschlandweit noch heute einzigartig die vier Wälle fokussiert.

 

Vision trotzt dem Not- und Hungerjahr 1817

Grundlage bot dabei die im 18. Jahrhundert von der Architektenfamilie Leydel vorhandene klassizistische Prägung, die Vagedes vollendete. Die Abrundung des noch nicht vollzogenen Rechtecks zum Castrum bot sich ihm regelrecht an. Seine Vision schreckte nicht vor dem 1817 bekannten Not- und Hungerjahr zurück. Vielmehr sah sein Plan eine Vergrößerung der Stadt um das Dreifache vor. Warnende Stimmen aus der Stadt, wie die von Friedrich Heinrich von Conrad von der Leyen, wonach das geplante Gelände erst nach Jahrhunderten ausgebaut sein würde, überhörte der Stadtplaner und sollte Recht behalten. Vagedes ging es in seinem Bebauplan hauptsächlich um den zukünftigen städtebaulichen Organismus der Stadt.

Geradlinige Struktur ist einmalig Große Ladenstraßen, die die wichtigsten Knotenpunkte der Stadt mit dem sie umgebenden Verkehrsnetz einbinden sollten, ganz nach dem holländischen Prinzip der geradlinigen Straßenführung, sahen die Entwürfe von Vagedes vor. Die vier Straßen sollten von Bäumen gesäumt werden, den Wällen. Charakteristisch war die rechteckige Blockstruktur des künftigen Stadtgrundrisses. Innerhalb dessen ordnete er symmetrische Plätze an, deren äußere Begrenzung die Wälle boten. In Deutschland ist diese geradlinige, geschlossene Struktur, noch heute einzigartig. Ihre Form erinnert an die Kaiserstadt Peking aber auch an die Quaderstruktur aus den USA. Einzige Abweichung, die Vagedes für zulässig erachtete und in die Planung integrierte, war eine schräge Einbuchtung, die an der Altstadtkirche St. Dionysius begann. Vagedes hatte ebenso den Wegeverlauf der seinerzeit bereits bestandenen Lindenstraße im Südwesten und die im Süden gelegene Neusser Straße in seine Entwurfsplanung einfließen lassen.

 

Kaiser-Wilhelm-Museum am Westwall um 1910.
Das Museum wurde 1894 bis 1896 gebaut, und zwar mit prachtvoller Freitreppe. Der vorgelagerte Karlsplatz war beliebter Markt-und Kirmesplatz.

 

Ostwall-Boulevard um 1940 Gartenbaumeister Maximilian Friedrich Weyhe und sein Sohn Wilhelm August übernahmen die Bepflanzung. Holländischen Linden, Platanen, Rot- und Weißkastanien, verschiedene Ahornarten und amerikanische Eichen sind noch heute typische Baumarten der Wälle. Stadtgärtner Haack gestaltete die Blumenbeete um die Brunnen und Denkmäler mit Canna, Riesenhanf, Riesenmais oder schwarzer Perilla. Fast alle Denkmäler (De-Greiff-Säule, Moltkedenkmal, Carl-Wilhelm-Büste oder das Ludwig-Friedrich-Seyffardt Denkmal) wurden im Krieg zerstört oder bei Straßenausbaumaßnahmen in den 1950er Jahren leider abgerissen.

 

Seidenbarone fürchten die Veränderung

Im Stadtzentrum waren vor allem die renommierten Seidenweberfamilien angesiedelt. Sie sahen in der Planung eine Beeinträchtigung und einen Eingriff in ihre Privatsphäre. Das sogenannte „Sackgassen“ Viertel der von der Leyens bildete für Vagedes im nördlichen Stadtteil ein Hindernis, was mit Straßendurchbrüchen korrigiert werden sollte. Für die moderne Stadtgestaltung gab es im Reich der Samt- und Seidenstoffe wenig Verständnis. Vagedes musste schließlich das von Martin Leydel erbaute Stadtschloss (das heutige Rathaus), den Verlauf der Lutherischen Kirchstraße sowie die Privatbebauung der von der Leyens zu seiner geplanten Weststraße (heute Westwall) berücksichtigen. Zur Vollendung der Castrumform mussten die Remisen im Park des Stadtschlosses der von der Leyens (das heutige Rathaus) angeschnitten werden. Es gab heftigen Widerstand. Die alteingesessenen Familien befürchteten zudem fremde Zuwanderer in dem von der Prominenz bewohnten Viertel.

 

Cappe boxt Vagedes‘ Pläne durch

Einige Fabrikanten-Etablissements standen der Umsetzung der Gestaltung der Nord-Süd-Ausrichtung entgegen. Aber Vagedes blieb eisern und scheute keine Konfrontation. Aus seiner Erfahrung mit der Planung der Düsseldorfer Alleestraße hatte er konkrete Vorstellungen, wie sich das Gewicht der Stadt zu verlagern hatte und wie der Städtebau diese Gewichtsverschiebung anzubahnen habe. Er widerstand den „Anstückelungswünschen“ der Instanzen. Einem klugsinnigen Zeitgeist, dem damaligen Landrats von Krefeld, Georg Phillipp Ludwig Karl Cappe, ist es zu verdanken, dass das Vorhaben gelingen konnte. Mit Sarkasmus und Ironie reagierte er auf die Widerstände der Gegner des Vagedes’schen Plans. Cappe erkannte für die Stadt die Notwendigkeit der durchgreifenden organisatorischen Gesamtlösung.

Die Genehmigung der Kabinettsorder vom 27. Mai 1819 sollte für Vagedes einzig bleiben, in seinem Amt als Regierungsbaurat einen seiner städtebaulichen Gesamtentwürfe durchzusetzen: Um 1840 wurden von bislang unbekannten Baumeistern die Vagedes’schen Pläne in die Tat umgesetzt. Die alten Stadtbefestigungen wurden abgerissen und die breit angelegten Boulevards (Nordwall, Ostwall, Südwall und Westwall) errichtet.

 

Plangestaltung des Friedrichplatzes

 

Die vier Wälle

Für den Ostwall sah Vagedes einen Prachtboulevard vor, der zum Flanieren und Betrachten einlädt, beinahe so, wie man es heute in Düsseldorf auf der Königsallee erlebt. Blumenbeete, Bäume, Denkmäler und Brunnen sind signifikant. Geschäfte und imposante Stadthäuser an den Seiten laden zum Verweilen und Wohnen wollen ein. Die Bepflanzung übernahmen zwischen 1838 und 1840 Gartenbaumeister Maximilian Friedrich Weyhe und sein Sohn Wilhelm August. Pflanzen wie die holländischen Linden, Rot- und Weißkastanien, aber auch Platanen, amerikanische Eichen und verschiedene Ahornarten wurzelten gut an. Der Stadtgärtner Haack bestückte in den 1850er-Jahren die Blumenbeete der vier Wälle mit Riesenhanf, Riesenmais, Canna oder schwarzer Perilla.

Als Krefeld 1849 einen Hauptbahnhof erhält, folgte eine Plananpassung, die die Verlängerung des Ostwalls in südlicher Richtung ausmachte. Mit der Eröffnung des Bahnhofs erlangte der Wall eine gesteigerte Attraktivität und wurde zum begehrten Wohngebiet. Zeitzeugen – einige restaurierte Patrizierhäuser – erinnern heute daran, dass entlang der schattigen Alleen hauptsächlich wohlhabende Familien lebten. Auch der Südwall glänzte mit idyllischen Verweilplätzen, Cafés, Restaurants und prächtigen Jugendstilbauten. Die etablierten Fabrikantenfamilien hatten sich mit ihrem neuen Stadtbild arrangiert und nutzten fortan die Boulevards ihrer Stadt. Der Westwall empfängt in seiner Mitte das Kaiser-Wilhelm-Museum. Urbanes Leben hatte sich inmitten der Wälle angesiedelt und prächtig entwickelt. Vergnügungsviertel im Süden, Einkaufsviertel in der Mitte und im südöstlichen Teil, Schulen, Kindergärten und karikative Einrichtungen sowie Wohnkultur sind heute vermehrt im westlichen Teil angesiedelt. Der Nordwall wurde in der Neuzeit verlegt. Wer heute zwischen Polizeipräsidium, IHK und Landgericht verkehrt, der ist auf dem Nordwall – ohne Mittelstreifen – unterwegs.

2019 – Jubiläum und Handlungsbedarf Und heute? Der Landschaftsverband Rheinland hat der Stadt Krefeld die Empfehlung gegeben, eine Denkmalbereichssatzung zu erstellen, um den Denkmalwert des Ensembles der Wälle entsprechend zu behandeln. Heute lässt sich eher aus der Vogelperspektive diese einzigartige Architektur und Bauplanung erahnen. Wer sich auf die Wälle begibt, für den wird nicht auf den ersten Blick die Einzigartigkeit ersichtlich. Wie Unkraut hat sich an einigen Ecken und Enden oder gar mittendrin die Struktur wildwuchernd verändert. Die ursprüngliche Geradlinigkeit wurde unachtsam verstellt und durchbrochen. Mal ist es nur ein schiefer Stromkasten, mal sind es einfach in die Achse gestellte Abfallcontainer für Glas und Kleidung, mal eine querwachsende Hecke, die den Blick verwehrt. Eigentlich nur Kleinigkeiten, aber diese bieten den Anstoß des Handlungsbedarfs. Schnell vermüllt die Stadt, längst haben sich die wohlhabenden Familien vom Südwall in entlegenere Stadteile zurückgezogen. Der dortige, heutige Kulturenmix ist Problem und Chance zugleich.

 

Plakataktion 2018 von der Initiative Stadtkultur Krefeld

 

Die Wälle wieder wichtig machen Die Initiative Stadtkultur Krefeld engagiert sich mit Hinblick auf das Jubiläumsjahr für die Erhaltung der vier Wälle und mobilisiert die Stadt, endlich aktiv zu werden. „Wir sind zwar Gestalter, aber keine Architekten“, so Prof. Siegfried Gronert, Mitinitiator der Initiative Stadtkultur Krefeld. Der Professor der Bauhaus-Universität in Weimar betont die Wichtigkeit.

„Nach 2019 sollte etwas Sichtbares bleiben!“ Die engagierten Krefelder um die Design-Professoren Harald Hullmann und Siegfried Gronert sowie der Kunstlehrer Thomas Müller wünschen sich zum Jubiläumsjahr dreierlei: eine sichtbare Pflege der Wälle, ein profi liertes Gestaltungskonzept, das als zeitgenössische Architektur dem Rückgrat der Stadt gerecht wird, und temporäre künstlerische Installationen auf den vier Eckwällen der Wälle, um diese zu markieren.

Ohne Vagedes hätte Krefeld vermutlich nicht die Bedeutung als Bauhaus-Stadt bekommen. Gronert führt aus: „Die Erweiterung der Stadt ist eng mit der ökonomischen Entwicklung der Seidenindustrie verbunden.“ Hätte die Vereinigung der Seidenweber nicht ihren Sitz in Krefeld gehabt und wäre die Stadt nicht durch die Seide zu Reichtum gekommen, dann hätte Vagedes hier nicht seine Ideen verwirklicht. Und Ludwig Mies van der Rohe, der große Architekt der Bauhaus-Ära, hätte keine Villen für die Seidenbarone und kein Gebäude für die Verseidag hier gebaut. Auch gestalterisch sieht er Verbindungen: „Vagedes’ Grundriss ist ein Beispiel für die geometrische Struktur des Neoklassizismus. Die geometrische Formensprache griff die Bauhaus-Lehre in modernisierter Form wieder auf.“
Wird Krefeld die internationale Aufmerksamkeit, die im Bauhausjahr auf sie gerichtet ist, nutzen können, um die Besonderheiten ihrer Geschichte wieder in den Fokus zu rücken? Warten wir’s ab, 2019 wird’s zeigen.

Artikel von www.top-magazin.de/niederrhein