Wirtschaft

Kiri schlägt Eiche

Der „Wunderbaum“ aus Asien wächst und gedeiht am Niederrhein bei und steckt voller ökologischer und ökonomischer Superlative.


 

Spielen Sie ab und zu Tischtennis oder E-Gitarre? Paddeln Sie mit eigenem Kanu über niederrheinische Flüsse, surfen Sie auf Fuerteventura oder fegen Sie lieber mit Ski und Snowboard über die Piste? Egal, ob nur eines oder mehreres davon zutrifft – es kann gut sein, dass hier und da Kiri im Spiel ist. Nein, nicht der gleichnamige Schmelzkäse ist gemeint, sondern das Holz vom Kiribaum, auch Kaiserbaum oder Paulownia genannt. Bleiben wir aber mal beim Begriff Kiri – ist griffiger und klingt auch exotischer. Was er in der Tat ist, denn seine ursprüngliche Heimat hat der Kiri in Süd-Ost-Asien.

 

Kiri vom Niederrhein

Der Kiribaum bzw. die Gattung Paulownia fand bereits vor rund 100 Jahren seinen Einzug nach Europa, zunächst als Ziergehölz in Schlossgärten und Parks. Seit mehr als zwei Jahren aber ist der Kiri uns Niederrheinern viel näher, als wir denken. Er wächst und gedeiht quasi in der Nachbarschaft – in einer ehemaligen Gärtnerei in Kehn, auf halber Strecke zwischen St. Tönis und Vorst. „WeGrow“ heißt das Unternehmen, dass sich dort angesiedelt hat: In den Gewächshäusern stehen Tausende von Kiri-Setzlingen ausgewählter, europäisch geschützter Sorten in Reih und Glied. Hier, in der Zentrale von WeGrow, das von den beiden Geschäftsführern Peter Diessenbacher und Allin Gasparian gegründet wurde, wird geforscht und gezüchtet. Hier wachsen die Jungpflanzen heran – und das in atemberaubendem Tempo:„Kiri-Babys“ sind nach nur drei Monaten um die 1,70 Meter groß, zum ersten Geburtstag können sie stolze fünf bis sechs Meter erreichen. Der Kiri ist damit der schnellstwachsende Nutzbaum der Welt. Zum Vergleich: Die deutsche Eiche braucht für eine solche Höhe beinahe zehn Jahre.

 

 

Der Baum als Investition

Aber der Kiri steckt die Eiche auch in einem weiteren Aspekt in die Tasche: Sein Holz weist eine gute Stabilität auf, ist dabei aber sogar leichter als Balsaholz – weswegen der Kiri als „das Aluminium unter den Bäumen“ gilt. Alles zusammen macht die Pflanze nicht nur zum bestaunten „Wunderbaum“, sondern zum lukrativen Geschäftsgegenstand. Denn der Kiri wächst auf von WeGrow bewirtschafteten Plantagen in Deutschland und seit einiger Zeit auch in Spanien heran. „Insgesamt über 400 Hektar werden im Auftrag unserer Investoren bewirtschaftet“, erklärt Allin Gasparian von WeGrow, „im Rahmen der von uns initiierten vier Vermögensanlagen mit einem gesamt platzierten Kapital von über 20 Millionen Euro haben wir mehr als 250.000 Kiribäume produziert und gepflanzt.

Die Plantagen begleiten wir als landwirtschaftliches Unternehmen bis zur Ernte und dem Holzabsatz.“ Die Investition – Einstieg ist bei 5.000 Euro ca. 67 Bäume – ist auf zehn bis zwölf Jahre angelegt; solange braucht der Kiri, bis er für verschiedene Anwendungen verarbeitet werden kann: für Möbel, Fassaden und Außenbereiche im Hausbau, Holzböden, im Boots- und Flugzeugbau, für Surfboards und Kanus, Ski, im Konstruktions- und Messebau, für Musikinstrumente. Die von WeGrow hergestellten leichten Mehrschichtholzplatten aus Kiriholz wiegen die Hälfte der herkömmlichen Platten und treffen mit ihren Eigenschaften auf großes Interesse der Verarbeitungsindustrie insbesondere im Mobilitätsbereich.

 

Erste Aussaat im Studentenzimmer

„Der Kiri ist also ein echtes Multitalent“, fasst Geschäftsführer Peter Diessenbacher zusammen, der als Student der Landwirtschaft mit Samen aus aller Welt auf der Fensterbank seiner Studentenbude seine ersten eigenen Kiri-Pflanzen züchtete. Weil das Zimmer und auch ein gemietetes Gewächshaus bald nicht mehr ausreichten, erstellte er zusammen mit Allin Gasparian, die in Bonn Volkswirtschaft studiert hatte, einen Businessplan. So entstand 2009 WeGrow, das sich bislang drei Sorten beim Europäischen Sortenamt hat schützen lassen.

Peter Diessenbacher: „WeGrow ist der Erfinder der eigenen geschützten Kiribaum-Sorte NordMax21®. Für den kommerziellen Anbau in Deutschland und Europa übernehmen wir mit unseren Plantagen die Gestaltung der nachhaltigen Holzproduktion der Zukunft. Dank der sterilen Laborbedingungen in Tönisvorst sowie dem Einsatz innovativer IT-Lösungen und umweltfreundlicher LED-Belichtungstechnologien können wir die Produktion vitaler, sortenreiner und gesunder Pflanzen gewährleisten.“ In absolut keimfreien Vermehrungs-Trays passen jeweils 126 Pflanzen. In einem Karton kann das Unternehmen 2.500 Pflanzen transportieren. „Auf eine einzige Euro-Palette verladen, bewegen wir somit bis zu 30.000 Jungpflanzen“, rechnet Peter Diessenbacher vor.

 

 

Nachhaltig und fair

WeGrow will in seinen Plantagen weltweit beste Kiriholz-Qualitäten nachhaltig und fair produzieren. Schließlich leben heute über sieben Milliarden Menschen auf der Welt, die täglich Produkte aus Holz verbrauchen. „Wir bei WeGrow wollen dazu beitragen, die nachhaltige Holzversorgung der Zukunft außerhalb unserer natürlichen Wälder so sicher und umweltschonend wie möglich zu gestalten. Ökonomisch und ökologisch ausgewogene Kiri-Projekte zu entwickeln und zu realisieren, ist unser Weg zu diesem Ziel.“

Zum guten Schluss: Wer in die Materie und das Wesen des Kiris eintaucht, landet unweigerlich bei seinen Wurzeln. In Asien ist der Baum ein Star, seine Blüte ziert das Wappen Japans, wo er auch „Baum des Glückes“ genannt wird. Und weil die Japaner(innen) ihren Kimono so sehr lieben, werden Kimonoschränke traditionell aus Kiri-Holz geschreinert – feuersicher, denn das Holz ist schwer entflammbar.

Artikel von www.top-magazin.de/niederrhein