Lifestyle

Alessandro Michele – Der Messias von Gucci

Alle reden über Gucci. Und das liegt an ihm: Alessandro Michele. Er führt nicht nur das Luxuslabel zu neuen Höhen, sondern beeinflusst zurzeit die gesamte Mode. Dabei sind seine Kollektionen so schillernd exzentrisch, dass viele diesen Hype noch immer nicht verstehen. Gut, dann erklären wir ihn.


Für seine jüngste Show ließ Alessandro Michele in der Mailänder Gucci-Zentrale als Kulisse mehrere Operationssäle aufbauen

 

Guccis Cyborgs

Mit der Kollektion Herbst/Winter 2018/19 hat Alessandro Michele ein Meisterwerk abgeliefert. Bunt, phantasievoll, herrlich verrückt, voller Zitate und Anspielungen. Doch ist das nur die Oberfläche. Darunter steckt diese Botschaft: Identität ist keine voreingestellte Kategorie, sondern eine kulturelle und soziale Konstruktion. Jeder hat also die Möglichkeit, zu dem zu werden, der er wirklich sein möchte. Alessandro Michele nennt diese Kollektion „Cyborg“ – angelehnt an das gleichnamige Manifest der Wissenschaftstheoretikerin Donna Haraway; in der Michele-Interpretation: „der posthumane Mensch, eine biologisch nicht bestimmbare Kreatur, die sich ständig wandelt.“

Grenzenlos

 

Alessandro Michele sieht Kollektionen nicht als saisonal abgeschlossene Handlungen, sondern als einzelne Kapitel einer großen Erzählung. Ein weiteres Merkmal: Seine Mode hebt die Geschlechtergrenzen auf.

 

Keiner von uns hat das damals kommen sehen. Es fielen zunächst sogar ziemlich böse Worte über seine Mode. Meinte Gucci das wirklich ernst?

Zu unserer Verteidigung: So fängt man eigentlich auch keine Revolution an. Guccis Kreativdirektorin Frida Giannini, ohnehin in ihrer Abschiedssaison, war kurz vor der Präsentation der Männerkollektion Herbst/Winter 2015/16 vorzeitig entlassen worden. Und nun? Marco Bizzarri, Chef des Labels, wandte sich an einen Designer aus dem Team, den er sehr schätzte: Alessandro Michele. Ob er sich vorstellen könne, eine komplett neue Kollektion zu entwerfen – innerhalb von fünf Tagen? Michele stand gerade kurz davor zu kündigen, weil zwölf Jahre in der zweiten Reihe auch mal genug sind. Bizzarris Glück: Sein Vorschlag, das Unmögliche zu schaffen, traf auf einen, der nichts zu verlieren hatte.

Als wir am 19. Januar 2015 kurz nach 13 Uhr das ehemalige Kino „Diana“ an der Piazza Oberdan in Mailand, damals Heimstätte aller Gucci-Shows, verließen, hatten wir 36 Looks gesehen. Männer in Schluppenshirts, Spitzenpullis und Persianermänteln. Androgyn, romantisch, zart. Wir waren eher ratlos als euphorisiert und glaubten nicht, uns den Namen dieses Designers merken zu müssen. Zwei Tage später wurde Alessandro Michele offiziell zum Kreativdirektor von Gucci ernannt.

Im Februar stand bereits die nächste Show an: Womenswear. Wobei, ob da gerade eine Frau oder ein Mann vorbeilief, war nicht immer auszumachen. Die Mode? Ein poetischer, fast schon museal anmutender Vintage-Stil. „Wie hat es dir gefallen?“, wollte Guccis PR-Frau nach der Show wissen. „Er hat Mut und eine klare Vision“, schrieb ich so diplomatisch wie möglich zurück.

Vergiss alle Glaubenssätze!

Und dann ging alles ganz schnell. 2017 setzte das Magazin „Time“ Alessandro Michele auf die Liste der „100 einflussreichsten Menschen der Welt“. Im selben Jahr lagen die Gucci-Umsätze bei 6,21 Milliarden Euro, ein Plus von rund 40 Prozent gegenüber 2016. Um ein Teil zu besitzen, gehen Menschen, die sich Gucci eigentlich gar nicht leisten können, an ihre Ersparnisse. Einstiegsdroge: das T-Shirt mit Logo für 350 Euro. Zudem werden Micheles Entwürfe rauf und runter kopiert. Längst spricht man von einer Guccifizierung der gesamten Mode.

Wie konnte all das passieren?

Die Antwort ist komplex. Als Einstieg vielleicht dieser Satz: „Die Mode ist ein Gefängnis mit dicken Mauern geworden und ich gebe ihr die kreative Freiheit zurück.“ Das sagte Alessandro Michele in seinem ersten großen Deutschland-Interview, das im Februar in der „Süddeutschen Zeitung“ (SZ) erschien. Er bezeichnet darin das System als „krank“, weil das Marketing dem Designer vorschreibe, welche Sachen er zu entwerfen habe. Die Modewelt sei zudem eine Blase, in der sich alle ähneln. „Und alle paar Jahre taucht jemand auf, der sich nicht an diese Konventionen hält.“ Aktuell: er.

Man könnte seiner Mode diese Präambel voranstellen: Vergiss alle Glaubenssätze! Dass das Label ein Erbe hat, welches es zu respektieren gilt. Dass es zwei Geschlechter gibt. Dass eine Kollektion eine gewisse Ordnung braucht. Dass man den Zeitgeist bedienen muss. Dass Hoch- und Subkultur unvereinbare Welten sind.

Sein Vater war eine „Schamane“

Aufgewachsen ist Alessandro Michele in Monte Sacro am Stadtrand Roms. Seine Mutter arbeitete bei einer Filmgesellschaft und schwärmte für die großen Hollywooddiven. Wenn sie abends ausging, kleidete sie sich genauso mondän wie ihre Vorbilder Bette Davis oder Lauren Bacall. Der Vater war Techniker bei der Fluglinie Alitalia. Doch seine wahre Leidenschaft lag in der Poesie, der Musik und der Kunst. Und er konnte die Stimmen vieler Vögel imitieren, lebte zudem ohne Uhr, weil er es ablehnte, die Zeit in Stunden und Minuten zu unterteilen. Alessandro Michele nennt ihn einen „Schamanen“. „Er sagte mir, wenn du dich von der Idee gelöst hast, dass Zeit existiert, wirst du für immer leben“, erinnerte er sich 2016 im Magazin „The New Yorker“. Er selbst rebellierte als Kind gegen alles und jeden, seine Eltern ließen ihn gewähren.

 

Die Show vor der Show: Gucci-VIPs bei der Präsentation der neuen Herbst-Winter-Kollektion im Februar in Mailand: v. l. Amiaya, Michael Clark und Chloë Sevigny
Artikel von www.top-magazin.de/niederrhein