Gesundheit

Zecken – gefährlich für Mensch und Tier

neue Arten und erhöhte Krankheits-Risiken


Ein alarmierender Beitrag der Universität Hohenheim
Bei 499 Menschen wurde im vergangenen Jahr eine Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) – Erkrankung diagnostiziert. Auch wenn die Zahl vermeintlich klein ist, so schlagen Forscher trotzdem Alarm.

 

FSME ist die häufi gste durch Zecken übertragene Virusinfektion. In Eurasien treten schätzungsweise mehr als 10.000 Erkrankungsfälle jährlich auf. 85 Prozent der Erkrankungsfälle traten in Bayern und Baden-Württemberg auf. Bayern meldete mit 239 Erkrankungsfällen die höchste Zahl seit Einführung der Meldepflicht durch das Infektionsschutzgesetz IfSG im Jahr 2001. Den deutlichsten Anstieg der Erkrankungsfälle habe es entlang des Alpenkamms gegeben. Auch in Baden-Württemberg sei die Zahl der Erkrankungen im Jahr 2017 ungewöhnlich hoch gewesen, bestätigt Dr. Rainer Oehme vom Landesgesundheitsamt Stuttgart.

Menschen gerade zu dem Zeitpunkt massiv ins Freie trieb, als die jahreszeitlich höchste Aktivität von Ixodes ricinus als der am weitesten verbreiteten Zeckenart stattfand.“

 

Neue Hot-Spots auch in Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin

Die Zeckenexpertin, Prof. Dr. Mackenstedt berichtet, dass sich die Hot-Spots der gemeldeten Erkrankungen gen Norden ausdehnen. „Einige Landkreise, die über Jahre hinweg Erkrankungen meldeten, blieben im vergangenen Jahr völlig unauff ällig. In anderen trat die Krankheit erstmals und gleich auch besonders gehäuft auf. Die Statistik zeigt uns ganz neue Hot-Spots in Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin. Zum allerersten Mal erhalten wir sogar Erkrankungsberichte aus den Niederlanden.“

 

Gefahr durch neu eingewanderte Zecken-Arten lässt sich noch nicht einschätzen

Bereits 2016 entdeckte die Zeckenforscherin Dr. Chitimia-Dobler vom Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr, München, dem Kooperationspartner der Uni Hohenheim auf eine in Deutschland neue Art – Ixodes inopinatus – die wohl aus dem Mittelmeerraum eingewandert ist. „Noch ist nicht klar, wie lange diese Art schon in Deutschland heimisch ist und ob sie als FSME-Überträgerin in Frage kommt. Wichtig ist dabei auch abzuklären, ob mit ihr nicht neue Krankheiten nach Deutschland gelangten, wie etwa das Mittelmeerfi eber“, so Prof. Dr. Mackenstedt. Im selben Jahr stießen die Parasitologen der Universität Hohenheim und Virologen des Instituts für Mikrobiologie der Bundeswehr und der Uni Leipzig erstmals auf das FSME-Virus in der in Deutschland zunehmend einwandernden Auwaldzecke (Dermacentor reticulatus).

Noch ist nicht einzuschätzen, welche Gefahren von den neuen Zeckenarten hierzulande ausgehen. Anhand eines Computermodells sollen künftig Prognosen zum Zecken-Risiko an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten erhoben werden. „Insgesamt haben wir fast 100 Standorte ausgesucht, an denen künftig dreimal im Monat Zecken gesammelt und untersucht werden. Dabei handelt es sich um ganz unterschiedliche Landklassen wie Mischwälder, Laub- und Nadelwälder, Agrarfl ächen oder Siedlungsräume“, so Prof. Dr. Mackenstedt.

An der Veterinärmedizinischen Universität in Wien werden diese Daten zusammengeführt und ergänzt – z.B. mit Klimadaten und anderen Phänomenen wie etwa, ob es ein Jahr mit Buchenmast war, in dem ein großes Nahrungsangebot auch den Wildtierbestand ansteigen lässt. „Die Auswertung soll uns Aufschluss geben, wie sich die Situation in Deutschland ändert, ob wir aus der Zeckendichte auch ein Krankheitsrisiko ableiten können oder wann und wo die FSME-Gefahr im kommenden Jahr besonders hoch sein könnte“, erklärt die Parasitologin.

Neben der Universität Hohenheim und der Veterinärmedizinischen Universität Wien bringen sich auch die TU Hannover, die Universität Leipzig, das Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr und die Firma Tickradar in die Feldstudie zur Bestimmung und Modellierung der Zeckendichte in Deutschland ein.

 

Großprojekt zu Zecken-Lebensraum und -Verhalten

Daneben erforschen Prof. Dr. Mackenstedt und PD Dr. Gerhard Dobler die Lebensräume und Verhaltensweisen der Zecken. „Das erstaunliche ist, dass Zecken-Hot-Spots oft nicht größer als ein Fußballfeld oder nur halb so groß sind und über Jahre stabil bleiben“, erklärt PD Dr. Dobler. Der Mediziner ist Leiter der Abt. für Virologie und Rickettsiologie am Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr in München und des Nationalen Konsiliarlabors für FSME und auch Dozent an der Uni Hohenheim.

Zusammen mit Landschaftsökologen wollen die Zecken-Fachleute herausfi nden, ob die Hot-Spots typische Gemeinsamkeiten haben – etwa im Pfl anzenbestand oder in den Tiergesellschaften. „Eine Theorie ist, dass Nagetiere bei den Hot-Spots eine wichtige Rolle spielen. Nager sind ortstreu, was erklären würde, warum die Hot-Spots wenig wandern. Gleichzeitig befallen Zecken im Larvenstadium bevorzugt Nager und nicht Rot- oder Schwarzwild. Die Nager sind auch die Quelle, an der sich die Zecken die FSME-Erreger holen.“

 

Wie FSME das Verhalten von Zecken ändert

„Wenn Zecken einen Wirt suchen, wandern sie an Grashalmen nach oben und warten dort auf Warmblütler. Eine neue Studie aus Osteuropa deutet an, dass FSME-Viren dieses Suchverhalten von Zecken verlängern könnten“, berichtet Prof. Dr. Mackenstedt. Mittels Videoüberwachung wird festgehalten, wie lange und oft die Zecken im Laub nach oben oder unten krabbeln. Das Projekt ist Teil des Forschungskonsortiums „Tickborne encephalitis in Germany“ (TBENAGER) , das unter der gesamtwissenschaftlichen Leitung von PD Dr. Dobler steht. Zu den Mitgliedern gehören u.a. auch das Robert-Koch-Institut, das Friedrich-Löffler-Institut und die Landesgesundheitsämter Bayern und Stuttgart. Das Bundesforschungsministerium fördert das Projekt 5 Jahre lang mit insgesamt mehr als 4 Mio. Euro.

 

Zuverlässiger FSME-Schutz nur durch Impfung

Den zuverlässigsten Schutz bietet jedoch nach wie vor nur eine FSME-Impfung. Als Mediziner warnte PD Dr. Dobler davor, die Krankheit zu unterschätzen: „Zu den schweren Krankheitsverläufen gehören Lähmungen, Koma, Krampfanfälle, Defektheilungen und vereinzelt auch Todesfälle.“ Davon seien Erwachsene und Kinder gleichermaßen betroff en. Dagegen hätte die Impfstoff e eine fast 100 prozentige Wirkung, Komplikationen seien mit 1,5 Fälle bei einer Million Impfungen extrem selten. Trotzdem seien in Deutschland nur etwa 20 % der Bevölkerung geimpft. In Österreich sind es mehr als 80 %.

 

Infizierte Rohmilch birgt besonders hohes Erkrankungsrisiko

Gleichzeitig schützt die Impfung auch vor einer besonderen Art der FSME-Ansteckung – durch den Verzehr von infi zierten Rohmilch-Produkten. „Im Jahr 2016 machte ein Fall Schlagzeilen, bei dem zwei Menschen nach dem Genuss von Rohmilch-Käse aus Ziegenmilch erkrankten“, berichtet Prof. Dr. Mackenstedt. „Im vergangenen Jahr erkrankten 8 Personen nach dem Genuss von Ziegen-Rohmilch.“ Tatsächlich sei das Krankheits-Risiko nach dem Genuss von FSME-infizierter Rohmilch um das Dreifache höher, als nach dem Biss von infi zierten Zecken: „Von 100 Personen, die von infi zierten Zecken gebissen werden, bricht die Krankheit bei 30 Personen aus. Bei infi zierter Rohmilch beobachten wir den Krankheitsausbruch bei 100 von 100 Personen.“

In den 1950er Jahren seien FSME-Erkrankungen durch infi zierte Rohmilch deshalb vergleichsweise häufi g gewesen. Durch die Pasteurisierung von Milch sei die sogenannte „alimentäre FSME“ heute jedoch eher eine Randerscheinung.
Angesichts der zunehmenden Beliebtheit von Rohmilch betonte die Runde: „Wer Rohmilch-Produkte in einem Risikogebiet für FSME zu sich nimmt, muss FSME-geimpft sein!“ Dies schütze allerdings nicht vor anderen durch Rohmilch übertragene Krankheiten, weshalb pasteurisierte Milch aus Gründen der Lebensmittelsicherheit generell vorzuziehen sei.

 


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Artikel von www.top-magazin.de/niederrhein