Wirtschaft

Digitale Transformation

Was hat die übliche Abrechnung des Wasserverbrauchs auf Schätzbasis mit der Digitalisierung zu tun? Eine ganze Menge, findet Springer-Verlag-Manager Christoph Keese. Er war Hauptredner bei der 25. Ausgabe der Mönchengladbacher Wirtschaftsgespräche. Die Jubiläumsveranstaltung lockte rund 500 interessierte Zuhörer.


 

Der Digitalisierungsexperte Christoph Keese sprach bei den Mönchengladbacher Wirtschaftsgesprächen.

VERSCHLAFEN WIR DIE DIGITALE TRANSFORMATION?

„Silicon Germany – wie wir die digitale Transformation verschlafen.“ Diesen leicht provokanten Titel hatte Christoph Keese seinem Vortrag vorangestellt, dem rund 500 Gäste der Mönchengladbacher Wirtschaftsgespräche im Hugo Junkers Hangar folgten. Keese ist bei Axel Springer einer der Chef-Digitalisierer, der sechs Monate als Besucher im Silicon Valley lernen durfte und seitdem seine Erkenntnisse publiziert. Zu dem Event hatten die Industrie- und Handelskammer (IHK) Mittlerer Niederrhein, die Wirtschaftsförderung Mönchengladbach GmbH (WFMG), die Rheinische Post und die Stadtsparkasse Mönchengladbach eingeladen.

IHK-Präsident fordert schnelles Internet

„Die Unternehmen müssen ans schnelle Internet angeschlossen werden, um vom Megatrend Digitalisierung auch profitieren zu können“, stimmte IHK-Präsident Elmar te Neues das Publikum auf das Thema ein. Die Kommunen seien gefragt, den Ausbau des Glasfasernetzes anzustoßen und zu begleiten. Mönchengladbachs Oberbürgermeister Hans Wilhelm Reiners stimmte dem zu und versicherte, dass in vielen Bereichen der Breitbandausbau vorangetrieben werde. „In den Innenstädten von Rheydt und Mönchengladbach sind wir auf dem Weg, kostenloses W-Lan einzurichten.“

Geschätzter Wasserverbrauch ist von gestern

Christoph Keese teilte in seinem Vortrag die Auffassung, dass die notwendige Glasfaserinfrastruktur von essenzieller Bedeutung sei, damit die Digitalisierung in Deutschland zu einer Erfolgs-Story werde. Ein allgemeines Umdenken in der Gesellschaft aber sei mindestens genauso wichtig. Keese nannte als Beispiel die in Deutschland übliche Abrechnung des Wasserverbrauchs auf der Basis von Schätzungen: „Das ist im Zeitalter der Digitalisierung ein Anachronismus, wir haben die Technologien, um den Verbrauch zu messen und via Internet zu übertragen.“

Disruptoren erzielen mit wenig Kapital hohe Margen

Der Manager prophezeite, dass eine ganze Reihe von Geschäftsmodellen verzichtbar werde, weil sie von sogenannten disruptiven Technologien und Geschäftsmodellen vollständig verdrängt würden. Am Beispiel der Musikindustrie beschrieb er den Unterschied zwischen Innovation und Disruption: Der Wechsel von der Schallplatte zur CD war zwar innovativ, aber die Tonträgerproduzenten und Händler gab es weiterhin. Der Sprung von der CD zu Streaming-Diensten wie Spotify dagegen war disruptiv. Denn in diesem Modell haben CD-Presswerke und Geschäfte endgültig ausgedient.

 

Die Veranstalter der Mönchengladbacher Wirtschaftsgespräche und der Gastredner (v.l.): Jürgen Steinmetz (IHK Mittlerer Niederrhein), Denisa Richters (Rheinische Post), Dr. Ulrich Schückhaus (WFMG), Christoph Keese (Springer Verlag), Andree Haack (IHK Mittlerer Niederrhein), Hans Wilhelm Reiners (Oberbürgermeister), Elmar te Neues (IHK Mittlerer Niederrhein), Hartmut Wnuck (Stadtsparkasse Mönchengladbach) und David Bongartz (WFMG).

Die Veranstalter der Mönchengladbacher Wirtschaftsgespräche und der Gastredner (v.l.): Jürgen Steinmetz (IHK Mittlerer Niederrhein), Denisa Richters
(Rheinische Post), Dr. Ulrich Schückhaus (WFMG), Christoph Keese (Springer Verlag), Andree Haack (IHK Mittlerer Niederrhein), Hans Wilhelm Reiners
(Oberbürgermeister), Elmar te Neues (IHK Mittlerer Niederrhein), Hartmut Wnuck (Stadtsparkasse Mönchengladbach) und David Bongartz (WFMG).

 

„Typisch für Disruptoren ist: Sie erzielen mit wenig Kapital hohe Margen“, erklärte Keese. Beispielsweise besitze Uber, weltgrößter Fahrdienstleistungsanbieter, gar keine eigenen Fahrzeuge. Solche großen Plattformen erfüllten den „tieferen Kundenwunsch“: „Nervereien erkennen und Nervereien abbauen – darauf errichten die Plattformen ihre Imperien.“ Keese machte dem sehr genau hinhörenden Publikum Mut, die Herausforderungen anzunehmen: „Wir müssen beim Thema Digitalisierung mitspielen, es bietet so viele Chancen.“

In der anschließenden Gesprächsrunde mit dem Publikum, moderiert von Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart, wurde Keese danach gefragt, wie hierzulande auf die Herausforderungen reagiert werden sollte: „Die Versorgung mit Glasfaser durch private Investoren muss vorangetrieben werden, wir brauchen Raum für Gründer, etwa in Form von Co-Working Spaces, und wir benötigen mehr Wagniskapital, um mehr gute Geschäftsideen voranzutreiben.“

Artikel von www.top-magazin.de/niederrhein