Society

Klartext für Kinder

VON JEDEM EURO KOMMEN 97 CENT DIREKT BEI DEN KINDERN AN


„ Klartext für Kinder – Aktiv gegen Kinderarmut!“ aus Moers feiert 2018 sein zehnjähriges Bestehen.

„Unser Jubiläum werden wir begehen wie unsere Arbeit: leidenschaftlich und lautlos“, sagt Michael Passon mit dem Blick aufs neue Jahr. Dann, im Frühjahr, feiert der Verein Klartext für Kinder e.V. aus Moers sein zehnjähriges Bestehen. Michael Passon – im normalen Leben Re-daktionsleiter der WZ in Krefeld – initiier-te Klartext seinerzeit und leitet die Geschi-cke des gemeinnützigen Vereins seit eben zehn Jahren. Mit beachtlicher, positiver Wirkung, die zum Wohle der Kinder und Jugendlichen nicht abreißen darf.

Von der Idee zum Verein

Die Geschichte von Klartext für Kinder begann im Winter 2007 mit einem Weihnachtswunschbaum bei der NRZ/WAZ-Gemeinschaftsredaktion in Moers, die Passon schließlich über lange Jahre leitete. Die Spendenbereitschaft der Leserinnen und Leser war überwältigend: In kürzester Zeit wurden 150 Wünsche von bedürftigen Familien, deren Kinder so gut wie nichts haben, erfüllt. Damit nicht genug: „Unsere Redaktion in Moers erreichten auch nach Weihnachten weitere Geschenke – Spielzeug, Teddybären, Kleidung, Babynahrung, alles mögliche –, es war unglaublich“, erinnert sich Michael Passon. Als dann auch noch klar wurde, dass engagierte Leserinnen und Leser nahezu 5 000 Euro Bargeld abgegeben hatten, traf er eine Entscheidung: Diese Hilfsbereitschaft gegen Kinderarmut muss kanalisiert werden – ein Verein muss her, „Klartext für Kinder – Aktiv gegen Kinderarmut!“ war geboren.

Zahlen und Mitstreiter wachsen

Beinahe zehn Jahre später – mittlerweile ist Michael Passon Redaktionsleiter der WZ in Krefeld, aber nach wie vor engagierter Moerser – zählt Klartext für Kinder e.V. rund 300 Mitglieder, gut die Hälfte davon ist ehrenamtlich tätig. Sowohl in der täglichen Basisarbeit als auch am Lenkrad. Menschen wie Kassiererin Birgit Banze, Ehrenvorsitzender Reinhard Rosemann, Gudrun Tersteegen oder Schriftführerin Ursula Elsenbruch sind Klartextler der ersten Stunde. „Diese Menschen leisten zeitlich wie personell ganz hervorragende Arbeit, ohne die wir unseren Auftrag gar nicht erfüllen könnten“, lobt der Geschäftsführer. Auch die Zahl der Kooperationspartner in Bildungseinrichtungen, Gemeinde, Jugendhilfe und Einzelhandel ist über die Jahre hinweg gewachsen. Allein in 2016 konnte die Initiative Spenden und Mitgliedsbeiträge in Höhe von rund 145.000 Euro erzielen, gute 142.000 Euro davon wurden direkt in die Hilfe an bedürftige Kind in Moers, Neukirchen-Vluyn und Kamp-Lintfort investiert: 85.000 Euro wurden für beantragte Einzelhilfen aufgewendet, knapp 45.000 Euro flossen in Projekte wie die mobile Kindertafel, Wellcome in Kamp-Lintfort, Treff 55, Niederrheinschule oder die Box- und Fußballcamps. „Wir stehen für absolute Transparenz, halten die Verwaltungskosten so niedrig wie möglich und helfen ganz gezielt“, erklärt Michael Passon, „von jedem gespendeten Euro kommen 97 Cent direkt bei den notleidenden Kindern an.“

Klartext für Kinder – Konzert

Essen, quatschen, vertraut sein

Beispiel mobile Kindertafel: Der ehemalige Linienbus, der eine Küche, Essensausgabe und Wohlfühlraum auf Rädern bietet, steuert jede Woche an vier Tagen fünf Standorte in Moers und Kamp-Lintfort an. Das Essen wird in den Küchen örtlicher Gastronomen frisch zubereitet. Ehrenamtlich. Rund 150 Kinder bekommen so Woche für Woche ein warmes, gesundes Essen, wofür zu Hause das Geld fehlt. 20 bis 30 ehrenamtliche Helfer wechseln sich im Dienst auf dem Bus ab. „Diese Freiwilligen sind den Kindern vertraut. Sie quatschen, machen Späße und helfen den Jungs und Mädels, sind aber keine Pädagogen und geben deswegen auch keinen erzieherischen Rat“, sagt Michael Passon.

Beispiel Sportcamps: In allen drei Städten – Moers, Neukirchen-Vluyn und Kamp-Lintfort – veranstaltet der Verein seit mehreren Jahren Fußballcamps, die von ehemaligen Bundesliga-Profis unterstützt oder sogar geleitet werden. Mehr als 20 Fußballcamps haben bereits stattgefunden – jedes Jahr sind rund 150 Kinder dabei, deren Eltern das Geld für eine Mitgliedschaft in einem Fußballverein fehlt. „Leider ist die Rechnung eine einfache“, erklärt Michael Passon, „Kinderarmut ist immer auch Elternarmut.“

Noch etwas neuer, aber immer beliebter sind die Boxcamps, von denen Klartext für Kinder bislang sechs veranstaltet hat. Die Kooperation mit dem ABC Rheinkamp in Moers läuft derart gut, dass gerade geprüft wird, ob ein regelmäßiges, freies Training für arme Kinder eingerichtet werden kann. Kicken und boxen gegen die Armut? „Absolut ja“, sagt der Klartext-Geschäftsführer, „denn Armut bedeutet nicht nur Hunger, sondern auch fehlende Teilhabe.“ Wer nichts hat, kann nicht dabei sein. Wer nicht dabei ist, wird nicht gesehen. Es entstehen Parallelwelten – die, die alles oder zumindest genug haben, und die, die nichts haben. Jedes vierte Kind in Deutschland ist arm oder von Armut bedroht.

Klartext für Kinder – Boxen

Sachleistung statt Bargeld

Ein wesentliches Merkmal des Klartext für Kinder e.V. ist, dass an bedürftige Eltern ausnahmslos Sachleistungen ausgegeben werden. Pro Woche landen bis zu 30 Anträge auf unterschiedlichste Hilfe bei dem Verein. Hinweise auf eine Notlage kommen zumeist von Schulen und Kitas oder aus der Sozialarbeit, weil die Menschen in diesen Berufsfeldern ganz nah an den Kindern und Jugendlichen dran sind. Um sondieren zu können, wer welche Hilfe am dringendsten und in welchem Umfang braucht, hat Klartext für Kinder e.V. eine eigene Antragsgruppe eingerichtet, die sich mit jedem Fall beschäftigt und dann ganz konkret hilft.

5 Jahre Klartext für Kinder e.V.

Geschäftsführer Michael Passon (Mitte, stehend) und sein Vorstandsteam vom Klartext für Kinder e.V. engagieren sich seit fast zehn Jahren gegen Kinderarmut in Moers, Neukirchen-Vluyn und Kamp-Lintfort.

So, wie sich eine Gesellschaft stetig wandelt, will und muss auch der Klartext für Kinder e.V. flexibel bleiben und sich entwickeln. Michael Passon: „Wenn wir etwa sehen, dass an einem bestimmten Standort über einen gewissen Zeitraum immer weniger Kinder zur mobilen Kindertafel kommen – weil sich etwa die Mensaverpflegung in den Schulen verbessert hat – dann reduzieren wir die Fahrten oder geben den Standort ganz auf und suchen gegebenenfalls einen neuen.“ Am schönsten wäre natürlich, die Initiative könnte ihr Engagement ganz einstellen, aber diese Entwicklung sieht Michael Passon nicht: „Noch nicht, aber es tut sich etwas, wie beispielsweise beim Lenkungs- und Regelkreis Krefeld. Es gibt gute Ideen und Ansätze, dass Politik, Verwaltung und Gesellschaft für strukturelle Verbesserungen sorgen, die die Kinderarmut in Deutschland wenigstens eindämmen, weil sie an die Ursachen rangehen.“

Neue Mitstreiter und Helfer – auch für die wichtige Vorstandsarbeit im Klartext für Kinder e.V. – werden immer gesucht. Noch einmal Geschäftsführer Michael Passon: „Ich wünsche mir, dass wir auch jüngere Menschen zwischen 20 und 40 erreichen, die bereit sind und Spaß daran haben, Verantwortung zu übernehmen.“

klartext-fuer-kinder.de

 

 

Artikel von www.top-magazin.de/niederrhein