Kultur

Wie spooky ist der Niederrhein? – Eine Gruselreportage

Der Herbst ist die Zeit, in der die Menschen ihre im Sommer leichtherzig abgeworfene, immer ein bisschen mit der Schwermut allen Seins gewürzte Spiritualität wiederentdecken. Während man im Juli mit gruseligen Geistergeschichten kaum jemanden hinter dem ohnehin kalten Ofen hervorlockt, sieht das im November schon ganz anders aus. Ein knisterndes Kaminfeuer, ein Ohrensessel, ein Band Erzählungen aus der Feder Edgar Allan Poes …


Eine Top-Reportage über Geister und Gruselorte.

Als Kulisse vor den Fenstern einer gemütlichen Bibliothek, in der ein behaglich beängstigter Hausherr niveauvolle Gruselstorys schmökert, macht sich der Niederrhein so gut wie kaum eine andere herbstliche Kulturlandschaft: Einsame, über schwarze Totwasser geneigte Trauerweiden, Felder, Wiesen und Deiche im Nebel, ein Strom, der von vielen Mythen flüstert …

Wussten Sie … dass rund acht Prozent der deutschen Bevölkerung an böse Geister glauben? In den westdeutschen Bundesländern sind es sogar zehn Prozent.
(Quelle: IfD Allensbach, 2012)

Wie aber sieht es in Sachen Spuk am Niederrhein mit den Fakten aus, sofern man im Zusammenhang mit als paranormal etikettierten Phänomenen von solchen überhaupt sprechen kann? Ist unsere Region so verwunschen, wie ihre zahlreichen, vereinzelt gelegenen Schlösser, Herrensitze und Gehöfte, ihre oft mittelalterlich geprägten Städte und Dörfer vermuten lassen? Das Top Magazin Niederrhein hat recherchiert und dabei entdeckt, dass die Sichtung echter Gespenster hierzulande wider Erwarten sehr selten ist. Trotzdem haben wir einige Orte gefunden und besucht, an denen sich mysteriöse, geradezu Gänsehaut verursachende Dinge abgespielt haben und zum Teil immer noch abspielen sollen.

Wusste Sie … dass der Begriff Spuk gewissermaßen am Niederrhein erfunden wurde? Das Wort hat niederdeutsche und niederländische Wurzeln.

 

Das verlassene Schloss Wolfskuhlen. Hier soll es spuken – daher ist das mysteriöse Gebäude in Rheinberg ein absoluter Anziehungspunkt für „Geisterjäger“ und Touristen. Es soll ein Kinderheim gewesen sein, wo bei einen Brand Kinder ums Leben kamen… denn die Schreie der Kinder seien noch heute zu hören.

 

Unser kleines niederrheinisches Gruselkabinett lässt sich über seine Gänsehautfunktion hinaus zumindest streckenweise als Ratgeber für Ausflüge und Spaziergänge lesen, wobei wir Sie bitten möchten, Privatbesitz zu achten. Sollten Sie tatsächlich einmal einem Geist begegnen, fragen Sie ihn doch bitte, warum er und seinesgleichen sich so ungern mit Journalisten unterhalten.

Schloss Wolfskuhlen – voll gruselig!

Schloss Wolfskuhlen am Rande der Ortschaft Budberg bei Rheinberg gilt vielen als gruseligste Stätte des Niederrheins und diese Ansicht hat durchaus etwas für sich. Die in Gänze verfallene Ruine ist über diverse Schleichwege und Trampelpfade erreichbar und seit Ende der 1970er-Jahre komplett verlassen, jedoch bis heute im Privatbesitz des seit dem 12. Jahrhundert bestehenden Adelsgeschlecht von Loë. Genau weiß man eigentlich nur, dass die von Loës bis in die 1950er-Jahre hinein hier gelebt haben und danach die RAG ein Bergwerkslehrlingsheim in dem dreistöckigen Herrenhaus einrichtete. Aber ortsansässige Gruselfreaks wissen es natürlich besser. Einst soll hier unter anderem nämlich ein Kinderheim ansässig gewesen sein, die Legende berichtet von einem verheerenden Brand, der sich mitunter auf geheimnisvolle Weise wiederholen soll, und von vielen Opfern, deren Klagerufe man bis heute in dunklen Nächten dort hören könne. Andere Geschichten wollen von Morden durch Betreuer wissen und von im heute völlig verwilderten Garten des Anwesens verscharrten Leichnamen. Auch die Nazis hatten – so hört man, wenn man denn möchte – irgendwie die Finger im Spiel.

Einige Besucher des Schlosses Wolfskuhlen haben eigenen Angaben zufolge denn auch nicht nur Kinderschreie gehört, sondern wurden darüber hinaus geschockt von plötzlichen eiskalten Luftzügen im Inneren der Ruine, von unerklärlichen Geräuschen und gespenstischer Musik im Außenbereich und von auch nach vielen Versuchen nicht mehr anspringenden Fahrzeugen, als sie sich panisch entfernen wollten.

Besonders pikant: Schloss Wolfkuhlen soll der geographische Mittelpunkt eines negativen Pentagramms sein, dessen fünf Spitzen fünf weitere in der näheren Umgebung gelegene Schlösser markieren, darunter Schloss Lauersfort in Holderberg und Schloss Bloemersheim in Vluyn.

Fieselstraße – total paranormal!

Wie eine normale Moerser Altstadtkulisse liegt die Fieselstraße da. Doch im hinteren Teil zur Haagstraße hin verläuft eine kleine, sehr versteckt gelegene und nur Einheimischen bekannte Gasse parallel zu ihr. Diese enge Gasse ist voller Geheimnisse und gehört zum ältesten bewohnten Teil der Grafenstadt. Mysteriöse Zwergenbildnisse sind hier an einer Wand zu finden, auch ein Nachtwächter ist darunter. Besonders rätselhaft: Das an einem Mauervorsprung prangende Bild einer Frau mit Sonnenblume. Ist sie die Frau, von der der angebliche Fluch ausgeht?

 

Die Fieselstraße im Zentrum der Grafenstadt wirkt wie eine ganz normale mittelstädtische und in Teilen durchaus malerische Wohn- und Geschäftsgasse im Schatten des während der 1980er-Jahre erbauten Kauftreffs und der Verkaufsgebäude des Moerser Modegiganten Braun. Niemand, der hier im Licht des Tages entlangschlendert, käme auf die Idee, sich an einer Stätte paranormaler Ereignisse zu befinden.
Und doch ist die Fieselstraße dem Vernehmen spezieller Kreise nach zu späterer Stunde einer der spukträchtigsten Orte am gesamten Niederrhein. Mehrfach und über viele Jahre hinweg haben Anwohner von nächtlichem Hufgetrappel, von den Geräuschen ankommender und abfahrender Kutschen, von Stimmengewirr, von Lachen und Rufen berichtet. Sogar ein Nachtwächter, der die Menschen zu später Stunde lautstark ermahnt, das Licht zu löschen und sich zur Ruhe zu begeben, soll zu den akustischen Phänomenen gehören, die hier nachts schon zu vernehmen waren.

Bei unserem Besuch in der Fieselstraße hatten die Geister sich wohl eine Nacht freigenommen und leider war auch früher am Abend niemand bereit, mit uns über den nächtlichen Spuk zu sprechen, obwohl dieser sogar schon in der Lokalpresse Beachtung fand. Über den Ursprung der Wahrnehmung gespenstischer Aktivitäten dort lässt sich also nur spekulieren, ein ehemals an dieser Stelle gelegenes Kloster sowie eine kinderlose Anwohnerin, die den Grund und Boden auf ewig verfl ucht haben soll, spielen jedoch angeblich eine gewisse Rolle …

Haus Tervoort – das Geisterschloss!

Haus Tervoort – auch ohne Gruselgeschichte ist dieses Anwesen, vor allem an nebeligen Tagen, schaurig schön anzusehen.

 

Lange leerstehenden Objekten aus alter Zeit dichtet der Volksmund gerne den einen oder anderen Spuk an, vor allem wenn diese immer mehr zur Ruine werden. Im Falle von Haus Tervoort in Moers war und ist diese Tradition so lebendig, dass es seit 2010 ganz hochoffiziell ein Geisterschloss ist. Damals war das Ruhrgebiet Kulturhauptstadt Europas und Haus Tervoort aufwendig inszenierter Endpunkt der Magical Mystery Tour, die sich im Rahmen des Großevents mit den geheimnisvollen und mystischen Seiten unserer Region beschäftigte. Während andere Grusel-Locations, wie etwa Schloss Wolfskuhlen bei Rheinberg, mit entsprechenden Storys aufwarten können, gibt es über das ursprünglich bereits im 12. Jahrhundert angelegte Anwesen keine konkreten Horror-Geschichten zu erzählen, jedenfalls keine uns bekannten. Die verfallenen Gebäudeteile machen das mit ihrer – vor allem an nebeligen Herbsttagen – unvergleichlich schaurigen Atmosphäre jedoch mehr als wett. Von allen besuchten Locations ist Haus Tervoort aus unserer Sicht die mit dem höchsten Gänsehautfaktor.

Schwanenburg – Obacht, die weiße Frau!

Schwanenburg – seit Jahrhunderten heißt es, dass auf der Schwanenburg gelegentlich die weiße Frau erscheine. Wenn dies passiere sei ein Toter zu beklagen. Auch wenn es sich um eine Gruselgeschichte handelt – interessant ist doch, dass von der Klever weißen Frau eine städtische Akte existiert.

 

Sie ist ein Klassiker der Gruselkultur und taucht in vielen Schauerromanen aber auch in den Erlebnisberichten verschiedenster Geisterjäger aus verschiedensten Zeiten auf: Die weiße Frau.

Ein besonders hartnäckiges Exemplar dieser eigentlich recht scheuen Gattung soll sich seit vielen Jahrhunderten in der Schwanenburg zu Kleve herumtreiben. Erstmals schriftlich verbrieft wurde die Erscheinung 1704 durch einen gewissen Johann Kayser, der allerlei über den damals schon seit vielen Generationen mündlich überlieferten Habitus der Frau festhielt. Zum Beispiel kündigte laut Kayser ihr Erscheinen oft einen Todesfall an.

Rund hundert Jahre später beschäftigte sich der Chronist Gustav von Velsen, Verfasser des Standardwerkes „Die Stadt Cleve, ihre nächste und entferntere Umgebung, vormals und jetzt“, intensiv mit den Geschichten über die weiße Frau auf der Schwanenburg. Von ihm stammt die Annahme, es handele sich bei der Geistererscheinung um Beatrix von Cleve, die Gemahlin des Schwanenritters Elyas. Von Velsen beschreibt ihr Äußeres genauer, sie gehe stets tief verschleiert und trage ein weißes Faltenkleid sowie ein großes Schlüsselbund an der Seite. 1816 ist der Schriftsteller Zeuge der Schilderung zweier Gefangener, denen die weiße Frau nachts nach eigener Aussage in ihren Zellen erschienen war, ein Vorgang, der sogar bei der Stadt Kleve aktenkundig wurde.

Bis heute gibt es immer wieder Berichte über die Erscheinung. Mal ist es eine einfache Näherin oder eine Bedienstete, denen die weiße Frau begegnet, mal sind es – wie hinter vorgehaltener Hand behauptet wird – prominente Gäste, die sich jedoch aus Rücksicht auf den eigenen Ruf nicht trauen, sich öffentlich zu ihren Erlebnissen auf der Schwanenburg zu bekennen. Wer den Hintergrund der mittelalterlichen Gralsrittersagen auf dem Schirm sowie seinen Lohengrin parat hat und wer zudem weiß, dass der Legende nach eben der Schwanenritter Elyas der Großvater Gottfried von Bouillons gewesen sein soll, der wird dem Charme einer geisterhaften Begegnung mit der vielleicht wirklich noch immer auf Erden wandelnden Beatrix kaum widerstehen können.

Die Öffnungszeiten der Schwanenburg und das Angebot der thematischen Führungen finden Sie unter:
klevetourismus.de.

 

Artikel von www.top-magazin.de/niederrhein