Lebensart

Pelagischen Inseln

Im März 2015 wurde Lampedusa kurzfristig zum Epizentrum der Flüchtlingskrise. Wer das südlichste Eiland Italiens und die anderen „Pelagischen Inseln“ auf diesen Aspekt reduziert, verpasst eines der spektakulärsten weil ursprünglichsten Reiseziele vor der Küste Italiens.


 

Giuseppe Mancini rollt mit den Augen. Zu oft hat er in den vergangenen zehn Jahren, Fragen zu dem Thema beantworten müssen. „Sorry, das war ganz schlimm, aber seit Jahren kommen allenfalls vereinzelt Leute an und die Flüchtlingsunterkunft steht meistens leer“, entgegnet der Unternehmer höflichgenervt und zündet sich eine neue Zigarette an. „Hier ist es ruhiger als auf dem Festland und auch ruhiger als bei euch.“ Mit diesen Sätzen fasst er das Gefühl einer ganzen Insel zusammen, die von außen betrachtet mit einem Image-Problem zu kämpfen hat.

 

Ebenso wie Berichte zu den Ausschreitungen beim G20-Gipfel nicht Hamburg repräsentieren, zeigen auch Nachrichten und Reportagen zu den Unruhen auf Lampedusa nur Szenen, die mit dem Lebensalltag auf der südlichsten Insel Italiens nicht viel zu tun haben. Ein Trittbrett zwischen den Kontinenten war Lampedusa schon in der Antike, nur haben munter wandernde Völker wie Griechen, Römer, Byzantiner und Araber deutlich weniger Spuren auf der zwanzig Quadratkilometer großen Insel hinterlassen als etwa auf Malta.

Der Zauber der Pelagischen Inseln geht von ihrer Ursprünglichkeit aus und einem sympathischen Tagesrhythmus: Noch bevor Ausflugsboote am Morgen ablegen, haben die Fischer im Hafen bereits allerlei Meeresfrüchte und Schwertfische ausgeladen und flicken wie schon vor Jahrzehnten ihre Netze bis die Mittagshitze einsetzt. Dann suchen selbst Hunde und Katzen schleunigst einen schmalen Schattenplatz vor einer der Feigenkakteen-Hecken oder den verschachtelten Hausfassaden. Schatten spendende Bäume gibt es auf der sonnenverbrannten Insel nur dort, wo sie bewässert werden.

Etwa in der Fußgängerzone rund um die zentralen Palazzos mit ihren schmucken Eiscafés und Restaurants. Bis zum späten Nachmittag verfällt die größte der Pelagischen Inseln in eine kollektive Siesta. Die wenigen Strände platzen dann aber zumindest während der langen italienischen Sommerferien aus allen Nähten.

 

Wer also nicht gerade erleben möchte, wie sich die Inselbevölkerung von rund 5000 Einwohnern kurzfristig verdoppelt, meidet diese Wochen oder ist clever genug, antizyklisch zu planen. Während sich der Traumstrand vor der Isola di Conigli („Kaninchen-Insel“) in ein Meer aus bunten Sonnenschirmen verwandelt, ist man am besten auf der Sitzfläche eines Piaggio-Rollers aufgehoben und erkundet so Lampedusa auf die italienischste Art überhaupt.

Die klassische Tour beginnt direkt an der Hafeneinfahrt am „Sonnentor“, welches ein Nadelöhr zwischen Afrika und Europa symbolisiert und an die vielen verunglückten Schiffbrüchigen nach dem Arabischen Frühling erinnert. Von dort aus reicht ein gut ausgebautes Straßennetz vom besiedelten Ostteil bis zur nördlichen Steilküste am Leuchtturm von Capo Grecale und umläuft von dort aus die gesamte Hügelland bis zur lieblicheren Südküste. Die wenigen natürlichen Grüngürtel, die es praktisch nur dort gibt, hat die Regionalregierung vorausschauend unter Schutz gestellt und so müssen Aktivurlauber dort bei der Erkundung auf festes Schuhwerk und Rucksack mit reichlich Sonnenschutz und Trinkwasser umsatteln.

 

Ein Blick vorab in die überall erhältlichen Inselkarten lohnt sich: Einige Wanderungen in den mit würzig duftender Macchie bewachsenen Canyons führen zu versteckten Kies-Buchten. In den Nachmittagsstunden verlassen dann auch die Besuchermassen die Baia di Conigli, sodass man die kristallklaren Fluten bis zum Ende der Badezeit um Punkt 19 Uhr nur mit wenigen anderen teilen muss. Danach gehört die Bucht den Meeresschildkröten, die nach Einbruch der Dunkelheit zur Eiablage auf den Strand kriechen.

Wer die behäbigen Panzerträger aus nächster Nähe sehen möchte, legt vor dem Abendessen in den Trattorien am Hafen einen Besuch in der nahe gelegenen Schildkröten-Auffangstation im alten Fähr-Terminal ein. Fast täglich liefern dort Fischer Tiere ab, die Haken verschluckt haben und von einem Team aus ehrenamtlichen Umweltschützern und Ärzten operiert, aufgepäppelt und einige Tage später wieder zurück ins Mittelmeer entlassen werden. Mehr als 30 Studenten vom Festland kümmern sich täglich meist um ebenso viele Tiere – ein Knochenjob, der allein von der Liebe zu den Tieren befeuert wird. „Wir finanzieren uns allein durch Spenden, deshalb öffnen wir unser Krankenhaus jeden späten Nachmittag bis in die Abendstunden für Touristen“, berichtet Daniela Freggi als Leiterin der überfüllten Einrichtung. „Einige Fischer bringen uns regelmäßig Sardinen vorbei damit wir die Schildkröten füttern können und auch mein Einkommen als Lehrerin gilt ihnen.“ Mangels Stromversorgung wird allabendlich im Schein von generatorbetriebenen Lampen operiert und wenn zu viele Tiere eintreffen, müssen die gesünderen von ihnen eben in Wäschewannen ausweichen.

 

Notorische Geldknappheit, Zerstörungswut durch zeitweise untergebrachte jugendliche Migranten – wenn die Italienerin beginnt, aus dem Nähkästchen zu plaudern, wird man dankbar, nicht im hintersten Außenposten eines Landes zu leben. Wenn es um den seit 2002 bestehenden Marinepark geht, kennt ihre Begeisterung aber keine Grenzen. „Warst Du schon mit der Delfin-Forschungsgruppe auf dem Meer? Que bello! Bevor Du zurückfliegst, musst Du raus zur Insel Lampione – da ist der Meeresgrund auch heute noch manchmal voller Haie.“ Was Meeresfreunde entzückt, muss Badeurlauber aber nicht schockieren. Die dritte und kleinste der Pelagischen Inseln ist ein unbewohnter Fels mehr als zehn Kilometer vor Lampedusa, der deutlich bessere Futterperspektiven bietet als magere Touristenschenkel am nächstbesten Strand.

 

Wer einmal das Mittelmeer wie in den 1950er-Jahren erleben möchte, muss nicht einmal ins Wasser steigen. Schildkröten und Delfine lassen sich auch im Bugwasser der Tragflächenboote blicken, die fast täglich zur vierzig Kilometer nördlich gelegenen Nachbarinsel Linosa aufbrechen. Weniger als 500 Menschen leben auf der schroffen Lava-Insel vom Wein- und Kapern-Anbau, Fischfang und einer überschaubaren Zahl von Touristen. Bis in die 1960er-Jahre gab es auf Linosa weder Strom noch Telefon oder Leitungswasser, für das heute eine Meerwasser-Entsalzungsanlage sorgt. Kaum ein Auto stört die meditative Ruhe auf der Insel, die mit ihren gepflegten bunten Häuserfassaden als verschlafenes italienisches Pendant zum ägäischen Touristen-Magneten Santorini durchgeht.

 

Im Gegensatz zur größtenteils kargen Nachbarinsel Lampedusa lässt der fruchtbare Lavaboden auf Linosa abseits der drei erloschenen Vulkane nicht nur den in Parzellen angebauten Wein, sondern auch Pistazienbäume sprießen. Gäbe es kein Mobilfunknetz und neben Wanderwegen durch die fruchtbaren Krater nicht auch sechs Kilometer asphaltierte Straßen, man bekäme den Eindruck, dass die Zeit irgendwo zwischen den Lesesteinmauern und schaukelnden Fischerbötchen stehen geblieben ist.

Das scheint auch für die Preise in der Trattoria da Anna im kleinen Hafen zu gelten, die sizilianische Antipasti und Pasta zum Dahinschmelzen servieren. Den Blick auf in der Abendsonne leuchtende Lavafelsen und die Milchstraße gibt es dann auch ohne Trinkgeld. Ganz egal ob Budget und Anspruch in Richtung Ferienwohnung oder Campingplatz deuten – für Ruhesuchende, die zum Glücklichsein nicht mehr als fünf Quadratkilometer Landfläche und hundert Meter schwarzen Sandstrand brauchen, ist der einstige Sklavenhändler- und Piraten-Stützpunkt nicht weniger als einer der ganz großen Geheimtipps im Mittelmeer.

 

Zwischen Ende September und Anfang Juni kehrt auch auf der größeren Nachbarinsel wieder Ruhe ein. Tägliche Flüge ab Rom, Mailand und Sizilien gibt es in der Nebensaison natürlich ebenso wenig wie tägliche Fähren zwischen den Inseln oder das volle gastronomische Angebot. Dafür sinken die Preise der Unterkünfte auch auf Schnäppchen-Niveau und die Lage im südlichen Mittelmeer tut ihr übriges: Die weiter nördlich üblichen starken Regenfälle im Winter fallen auf den Pelagischen Inseln meist spärlich aus und mit Ausnahme der ersten drei Monate im Jahr sinkt die Wassertemperatur, die im September an der Oberfläche maledivische Werte erreicht, nie unter 21 Grad. Sofern kein Sturm dazwischen kommt, sind Badefreuden selbst in der Vorweihnachtszeit keine Grenzen gesetzt. Ehe die nordafrikanische Sonne Lampedusa in eine felsige Steppe verwandelt, blüht die Insel wortwörtlich auf. Im zeitigen Frühjahr überziehen Wildblumen-Teppiche die Steppe und zur selben Zeit halten vor der Küste mehr als zwanzig Meter lange Finnwale die Biologen auf Trab.

 

Wenig paradiesisch sind allerdings Kosten und Logistik der Anreise selbst. Ohne Flugzeug-Wechsel in einer der italienischen oder sizilianischen Metropolen und Preisen ab 700 Euro in der Hauptsaison ist Lampedusa nicht zu erreichen. Auch die wenigen gutklassigen Hotels lassen sich ihre Ausstattung nicht zu knapp bezahlen, weshalb ein Selbstversorger-Bungalow mit Terrasse im Inselinnern vielleicht die bessere Alternative ist. Wer sich mit den Einheimischen versteht, bekommt dafür im Umkehrschluss empfehlenswerte Tipps. So wie etwa von der Schildkröten-Lady Daniela Freggi: „Schreib was Schönes über unsere Insel, sie verdient es“, meint sie zum Abschied und legt mit einem breiten Grinsen nach:

„Aber vergiss nicht, die Sache mit den Flüchtlingen zu erwähnen, sonst kommen am Ende noch zu viele Touristen.“

Artikel von www.top-magazin.de/neuss