Menschen

Schützenfeste in der Nachkriegszeit von der „Trümmerzeit“ ins „Wirtschaftswunder“


Blick auf den Neusser Markt 1945

 

Schützenfestplakat von 1948, gefeiert wurde nur zwei Tage.

„Das ‚tausendjährige Reich‘ ist nicht mehr! Zurückgeblieben ist ein zerschlagenes, in Besatzungszonen aufgeteiltes Deutsch­land. ‚Bedingungslose Kapitulation‘ been­dete den fürchterlichsten aller Kriege. Es war ein Krieg, der nicht nur durch die kämpfenden Heere, sondern auch durch die fürchterlichen Bombardierungen der deutschen Städte mit ihren schrecklichen Auswirkungen für die Zivilbevölkerung entschieden wurde. Zerstörte Städte und Dörfer, verwüstete Kunstwerke, ein gren­zenloses Flüchtlingselend, ein Heer Gefalle­ner und Vermisster, das ist die Schluß­bilanz des dritten Reiches, das Überbleibsel von Großdeutschland.“ – Mit diesen schonungslosen Worten beschrieb der Schriftführer des Grenadierzuges „Münsterchor“ die Situation nach dem Zweiten Weltkrieg. Für die Neusser endete die Kriegszeit mit dem Einmarsch amerikanischer Truppen am 2. März 1945. Die Befreier kamen in eine Stadt, in der die Kriegsschäden deutlich sichtbar waren: Bei 136 Luftangriffen war vor allem die Innenstadt stark beschädigt worden. Der Marktplatz, „die gute Stube der Schützen“, lag in Trümmern: Wo das Rathaus gestanden hatte, klaffte eine Lücke, das Quirinusmünster war schwer beschädigt und vom städtischen Museum standen nur noch einige Säulen.

 

Die „modernen“ Zeiten wurden auch beim Fackelzug thematisiert, hier Fackelmotiv „Boogie Woogie – der neue Volkstanz“.

 

Die Menschen mussten sich mit Hunger und Kälte, einem neuen Regierungs system und dem Wissen um die Verbrechen, die in den vergangenen Jahren geschehen waren, auseinandersetzen. In vielen Familien trauerte man um Angehörige oder bangte noch um die Rückkehr von Vermissten und Kriegsgefangenen. Das Leben war aus den Fugen geraten und das Überleben für viele ein Kampf. Aber man sehnte sich zurück nach den gewohnten Strukturen aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg und der nationalsozialistischen Herrschaft. Und dazu gehörte es auch, die gewohnten Feste wieder feiern zu können, vor allem das Schützenfest, das das Leben in Neuss bis heute in den Dreischritt „vör die Dag“, „op die Dag“ und „no die Dag“ gliedert. Im Rückblick berichtete der spätere Stadtdezernent Heinrich (genannt Harry) Arns, dass sich einige Mitglieder des alten Komitees bereits 1945 im engsten Kreise zu Besprechungen bei Josef Derstappen trafen. Aber noch war an ein Schützenfest nicht zu denken: Die Alliierten hatten zunächst jegliche Vereinstätigkeit und die Durchführung von öffentlichen Feiern verboten. Erst nach und nach erhielten die einzelnen Organisationen wieder die Erlaubnis, ihre Aktivitäten aufzu nehmen.

Schützenkönig Willy Klöcker mit Ministerpräsident Karl Arnold bei der Parade 1949. Das Zepter war das Königsgeschenk von Schützenkönig Robert Lonnes.

 

Bei den Schützen dauerte es mit der Wiederzulassung jedoch noch etwas länger: Denn diese hatten – nicht nur in Neuss, sondern in ganz Deutschland – ein besonderes Problem: Ihre Umzüge und Paraden, Uniformen und Ehrenzeichen und das Tragen von Waffen ließen sie wie militärische Organisationen erscheinen. Zudem war es schwierig, den britischen und amerikanischen Befehlshabern zu vermitteln, wofür diese Tradition eigentlich steht, da es in beiden Ländern kaum etwas Vergleichbares gibt. Aber die Neusser Schützen gaben nicht auf und eroberten sich nach und nach ihr Fest zurück: Sie betonten ihre religiösen Wurzeln und die jahrhundertealte Tradition, suchten sich Fürsprecher wie Josef Kardinal Frings und baten um persönliche Gespräche mit den Verantwortlichen. 1947 war es dann soweit: Nachdem die Scheibenschützen am 25. Juli bereits ihr Jakobusfest feiern durften, konnte auch der Neusser Bürger Schützen-Verein erstmals wieder durch die Stadt ziehen. Aber es gab viele Einschränkungen: Zugelassen waren nur die Chargierten als Abordnung des Regiments. Zusammen mit den Fahnenträgern, dem Komitee und dem Schützenkönig Robert Lonnes besuchten sie einen Gottesdienst im Quirinus-Münster und zogen dann über den Markt zum provisorischen Sitz der Stadtverwaltung an der Michaelstraße, wo Bürgermeister Josef Schmitz den Ehrentrunk der Stadt Neuss kredenzte. Dieser erste Auftritt der Schützen nach dem Zweiten Weltkrieg blieb als „Schattenkirmes“ und „Schweigemarsch“ in Erinnerung, denn etwas Entscheidendes fehlte: die Musik! Trotzdem säumten ein paar tausend Menschen die Zug strecke und zeigten, dass sie „ihr“ Schützenfest nicht vergessen hatten. Ein Artikel in der Rheinischen Post vom 27. August 1947 gibt einen guten Eindruck von der damaligen Stimmung:

„Was man in diesem Jahre in der Schützenstadt erlebte, war nur ein schwacher Abglanz der Vergangenheit. Diese ‚Schattenkirmes‘ sollte auch nur Erinnerung an eine glanzvolle Tradition und Auftakt für ein Wiederaufleben des Volksfestes in kommenden Zeiten sein. Die Neußer Schützen wollten wenigstens zeigen, daß sie noch da sind, und daß die Idee des Volksfestes noch lebt. Diesmal war es daher recht still in Neuß. Nicht dröhnten wie Anno dazumal am Samstagsmittag zur Eröffnung des Festes die Neußer Stadtkanonen von ihrer Stellung an der Hessentorbrücke. Nichts erinnerte an den historischen Fackelzug am Vorabend, der früher Tausende und aber Tausende nach Neuß rief, und auch in den Wirtschaften ging es durchweg bei bierartigem Getränk und Limonade sehr ruhig zu. Einzelne Züge hatten sich zwar hier und da in ihren Stammlokalen zusammengefunden. Aber die Stimmung wurde immer wieder getrübt, wenn der eine oder andere fröhliche Kamerad erwähnt wurde, der noch in Gefangenschaft fern der Heimat weilt oder überhaupt nicht mehr zurückkehrt.“

 

Vorbeimarsch am neuen König Willy Klöcker am Schützenfestsonntag 1948. Im Hintergrund sind die Ruinen des zerstörten Museums zu erkennen.

 

1949 erschien erstmals ein Programmheft. 1951 ein weiteres. Seit 1959 gibt der NBSV diese beliebten Hefte heraus.

In den nächsten Jahren ging es dann jedoch stetig voran. 1948 durfte zwar nur zwei Tage gefeiert werden, aber die Musikkapellen kehrten zurück ins Regiment, es gab wieder einen Fackelzug und es wurde nun auch der erste Schützenkönig nach dem Krieg ermittelt: Der Drogist Willy Klöcker schaffte es, den Vogel mit dem dritten Schuss herunterzuholen – mit der Armbrust, denn Gewehre blieben weiterhin verboten. Schützenkönig Robert Lonnes, der bereits seit 1938 regierte, konnte sein Amt endlich an einen Nachfolger weitergeben. Noch war vieles improvisiert: das Vogelschießen fand in den Anlagen des Restaurants Pfauenhof an der Hammer Landstraße statt und als Schützenhalle diente Krülls Autohalle an der Sternstraße. Doch ein Jahr später feierten die Schützen dann endlich wieder ein Fest in alter Tradition. Die Westdeutsche Zeitung urteilte schon zwei Wochen vor dem Fest nach dem Königsehrenabend „Es ist wie in alten Zeiten! Wo ist all das Leid, all der Jammer der vergangenen Jahre! Lachende Gesichter, Singen, Jubel.“

An der Parade 1949 nahm auch ein hoher Gast teil: Karl Arnold, der Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen, der sich auch in das Gästebuch des Vereins eintrug, das heute im Rheinischen Schützenmuseum Neuss aufbewahrt wird. Zum Fest 1949 erschien erstmals ein Programmheft, herausgegeben vom Verkehrsverein der Stadt Neuss mit einer Aufstellung des Regiments, vielen Fotos von 1948 und noch mehr Anzeigen der örtlichen Geschäftsleute. In diesem Heft findet sich der erstaunliche Hinweis, dass an der Parade 35 Grenadierzüge und 19 Jägerzüge teilgenommen haben, am Fackelzug jedoch sogar 41 Grenadierzüge und 24 Jägerzüge. Eine Antwort auf die Frage, warum die Beteiligung am Fackelzug höher war als an der Parade gibt ein weiterer Eintrag in der Chronik des Grenadierzuges „Münsterchor“. Dort heißt es für das Jahr 1949: „Die allgemeinen Bemühungen für das vaterstädtische Fest waren inzwischen soweit gediehen, daß das Fest mit Genehmigung der Besatzungs behörde wieder in der alten Weise aufgezogen werden konnte. An dem Fackelzuge beteiligte sich auch unser Zug. Leider mußte aber von einer weiteren aktiven Beteiligung abgesehen werden, da die notwendigen Anschaffungen, wie neue Gewehre, Uniform für den Flügel leutnant, Anzüge für die Grenadiere, noch nicht möglich waren. Die alten Ausrüstungen waren durch Kriegsereignisse vernichtet worden. Es war für die Zugmitglieder betrübend nicht aktiv mitwirken zu können, doch ging es noch manch anderen Zügen genau so. Mit Rücksicht auf die Zeitverhältnisse hatte aber das Komitee bestimmt, daß die Beteiligung dieser Züge an dem Fackelzug als aktive Teilnahme am Schützenfest sowohl für 1948 als auch für 1949 gelten solle.“

 

Schützenkönig Robert Lonnes spricht 1947 nach dem „Schweigemarsch“ durch die Stadt zu den Zuschauern.

 

Die fünfziger Jahre sind durch das sogenannte „Wirtschaftswunder“ gekennzeichnet; Illustrierte von 1953 „Das deutsche Wunder“.

Zwar hatte sich die Versorgungslage nach der Währungsreform am 20. Juni 1948 deutlich verbessert, aber noch waren Wintermäntel wichtiger als Schützenuniformen und so konnten sich viele Züge nicht entsprechend für die Parade mit Frack oder Jägerrock ausstaffieren. Der dunkle Anzug für den Fackelzug war da schon einfacher zu beschaffen und so war in diesen Jahren tatsächlich das Regiment während des Fackelzugs größer als bei der Parade.

Aber in folgenden Jahren lösten sich diese Probleme allmählich auf, die Nachkriegszeit ging über in die „Wirtschaftswunderzeit“ und die Feierfreude der Menschen stieg stetig an. Der Neusser Bürger-Schützen-Verein und das jährliche Neusser Bürger-Schützenfest nahmen an Größe und Bedeutung immer weiter zu – eine Entwicklung, die bis heute anhält.

Ab dem 28. Juli 2019 ist im Rheinischen Schützenmuseum Neuss die Sonderausstellung „Mit Petticoat und Holzgewehr. Schützenfeste zwischen Kriegsende und Wirtschaftswunderzeit“ zu sehen. Die Ausstellung blickt mit Fotos, Objekten und Dokumenten zurück auf die schwierigen Anfänge in der Nachkriegszeit und erinnert auch an die bunte, konsumfreudige und ein wenig schräge Zeit der Wirtschaftswunderjahre.

 

 

 

Das Königsschießen 1948 wurde mit einer Armbrust durchgeführt. Ganz rechts im Bild der spätere Schützenkönig Willy Klöcker.

 


 

Sonderausstellung im Rheinischen Schützenmuseum Neuss Mit Petticoat und Holzgewehr. Schützenfeste zwischen Kriegsende und Wirtschaftswunderzeit

28. Juli 2019 bis 8. März 2020
Rheinisches Schützenmuseum Neuss
Oberstraße 58–60
41460 Neuss

Öffnungszeiten:
Mi, So: 11.00 – 17.00 Uhr
Termine für Gruppen nach Vereinbarung
Tel.: +49 (0)2131 904144
info@rheinisches-schuetzenmuseum.de
rheinisches-schuetzenmuseum.de

Artikel von www.top-magazin.de/neuss