Lebensart

Neuss: dank Slalom-Pionieren ein Begriff im deutschen Motorsport

Mobilität hat in der heutigen Gesellschaft identitätsstiftende Bedeutung. Ein Auto ist nicht nur ein oft notwendiges und mehr oder weniger komfortables Fortbewegungsmittel, sondern für viele Benutzer besonders auch ein Spiegelbild ihres ganz persönlichen


Bilstein Cup, 1978

 

Hoier und Rieder mit ihrem Porsche 930 beim Gesamtsieg 1977 im Reinoldus-Rennen

Schönheit, Kraft, Eleganz und Schnelligkeit und nicht zuletzt auch Begeisterung für eine immer weiter fortschreitende Technologie machen welt-weit für Abermillionen Menschen über ihr eigenes Vehikel hinaus jedoch auch die Faszination des Motorsports aus. Wenngleich die durchaus erfolgreiche Hochzeit des Motorsports in Neuss mit 
bekannten Namen wie Jakob Helten, Horst Hoier und Manfred Kilian oder 
später auch international Frank Biela bereits längere Zeit zurückliegt, leben auch in der Quirinus-Stadt Liebhaber lauter Motorengeräusche und des Geruchs von Öl und Benzin ihre Leidenschaft für die Tüftelei am Detail immer noch aus.

„In den Köpfen der Menschen um die 
50 ist die Historie des Neusser Motorsports sicher noch präsent. Neusser, die 
15 oder 20 Jahre jünger sind, können 
zwar schnell die Vorstellung bekommen, dass es in ihrer Stadt nie Motorsport 
gegeben hat, aber die alten Hasen haben eine Menge erreicht“, sagt Siegbert Mäule-Helten, Mitglied im Neusser Motorsportclub (NMSC 1928 e.V.), 
zur Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte.

Bemühungen um eine 
besonders auch strukturell nachhaltige Wiederbelebung der hiesigen 
Motorsport-Szene sind aus 
Sicht von Jakob Heltens Schwiegersohn nicht leicht. 
„Die notwendigen Impulse scheitern oft an den 
finanziellen Mitteln, denn der Motorsport kostet mittlerweile eine Menge Geld“, beschreibt Mäule-Helten die Schwierigkeiten: „Die großen Rennserien sind inzwischen so sehr kommerzialisiert, dass Privatiers meist hinten runterfallen.“

 

Rallye Monte Carlo, 1969

 

Doch auch in grundlegender Hinsicht habe sich eine Wandlung vollzogen, findet Mäule-Helten: „Es gab eine unendliche Vielfalt an Reglementänderungen, und Mitte der 1990er Jahre setzte im Tourenwagen-Sport eine Entwicklung ein, so dass die Fahrzeuge in den Rennserien 
fast nichts mehr mit den Autos auf der Straße zu tun hatten. Aber wer eine Affinität zum Motorsport hat, der will sich 
mit seinem Auto auch im Alltag ein Stück weit darin wiederfinden.“

Als eine Nische hierfür hat sich die VLN Langstreckenmeisterschaft auf dem Nürburgring etabliert. Zu den Teilnehmern 
an dieser weltweit größten Breitensport-Rennserie auf dem berühmt-berüchtigten Eifelkurs in unterschiedlichen Klassen mit Fahrzeugen vom fast serienmäßigen Auto bis zum reinen Rennmobil gehörten aus dem Rhein-Kreis zuletzt noch der 
Dormagener Tim Scheerbarth und der Neusser Georg Goder. Zudem sind aus Neusser Sicht auch Mäule-Heltens 
Schwager Hubert im Kartsport, der Talentschmiede des Formelsports, und der frühere Toyota-Werksmotorenchef Uli Selhorst im historischen Rallye-Sport (Beifahrer bei der Rallye Köln-Ahrweiler) aktiv.

Erfolge wie einst von Manfred Kilian 
oder Frank Biela sind allerdings seit geraumer Zeit eher Mangelware. Kilian prägte die Szene als Mechaniker, Fahrer, Tuner und Teamchef über ein halbes Jahrhundert und sorgte 1969 durch den Gewinn der Deutschen Slalom-Meisterschaft bundesweit für Schlagzeilen. Einen noch klangvolleren Namen machte sich Biela durch seinen Titelgewinn in der Deutschen Tourenwagen-Meisterschaft (DTM) 1991 und später im Langstreckenbereich durch insgesamt fünf Siege 
beim legendären 24-Stunden-Rennen von Le Mans.

Zum Begriff im deutschen Motorsport wurde Neuss allerdings Jahrzehnte vorher als Herzkammer des Slalomsports. Triebfedern dabei waren eben Kilian und 
Mitstreiter wie der langjährige NMSC-Vorsitzende Heinz Gilges und Jakob Helten. „Sie alle“, meint Mäule-Helten würdigend, „haben den Slalom in den 1960er Jahren groß gemacht und dafür 
gesorgt, dass Motorsport im bezahlbaren Bereich in Neuss etabliert wurde.“

 

Langstreckenpokal auf dem Nürburgring 1977

Tausende von Zuschauern bei zahlreichen Slalom-Veranstaltungen im Neusser Verkehrsgarten auf dem TÜV-Gelände an der Hammer Landstraße ließen vor wenigen Monaten auch Heinz Gilges mit berechtigtem Stolz auf die NMSC-Verdienste zurückblicken: „Wir haben den Slalomsport in Deutschland auf den Weg gebracht.“

Tatsächlich gilt der Slalom denn auch bis heute als ein Eckpfeiler der Vereinshistorie. Eine Fortführung der Tradition von Slalomrennen in Neuss scheiterte jedoch später an den finanziell wachsenden Anforderungen ebenso wie die weitere Ausrichtung eines internationalen Langstrecken-Rennens auf dem Nürburgring wie dem Pierburg-Preis in den 1980er Jahren.

Mittlerweile bildet der historische Rennsport mit Oldtimern (Fahrzeuge älter als 30 Jahre) und Youngtimern (älter als 20 Jahre) eine Kernsparte des Klubs. „Vor allem die Bedeutung des Youngtimer-Bereichs ist in den vergangenen Jahren gewachsen“, berichtet Mäule-Helten.

Aushängeschild der NMSC-Aktivitäten im Oldtimer-Touristik-Bereich ist die inzwischen alljährliche „Kul-Tour“. Zum 18. Mal lassen die Organisatoren im kommenden Spätsommer klassische und zum Teil noch aus der Vorkriegszeit stammende Automobile mit Stationen an kulturell 
bedeutenden Orten der Region – zur Freude von begeisterten Zuschauern und gleichfalls staunenden Passanten – durch den Rhein-Kreis rollen. „Boxenstopps“ wie auf dem Markt in Neuss und auch Dormagen bieten Liebhabern zahlreiche Gelegenheiten zum Austausch von Erfahrungen und Laien die oft einmalige Chance, lebendige Automobilgeschichte zu erleben.

„Wir wissen, dass sich viele Menschen in unserer Region jedes Jahr auf dieses Ereignis freuen“, sagt Mäule-Helten, der bei der schnitzeljagdartigen Oldtimer-Rallye gleichzeitig als Sprecher und Conferencier für das schaulustige Publikum fungiert. Die Bedeutung und der Stellenwert dieses Fixtermins im Neusser Motorsport-Kalender wachsen jährlich: „Wir freuen uns darüber, denn vorrangig wollen wir den Menschen ja auch Autos mit Geschichte und Geschichten näherbringen.“

 

 

Das Credo und der gesamte Charakter 
der Veranstaltung passen gut zum Traditionsbewusstsein der Veranstalter. „Neusser“, meint Mäule-Helten jedenfalls, „haben in der Historie des Motorsports eine Menge bewegt.“

Artikel von www.top-magazin.de/neuss