Lebensart

Andere Länder andere Hochzeits-Sitten


Schauplatz Gharb Sahel, ein kleines Dorf keinen ganzen Kilometer nördlich des Assuan-Staudamms: Mit Einbruch der Dunkelheit zerfetzen Böller die Ruhe im staubigen Gassengewirr zwischen Nil und ägyptischer Wüste. Mehr und mehr lachende Menschen jeden Alters strömen den Hügel hinauf der kleinen beständig hupenden Blechlawine entgegen. Der Autor dieser Zeilen folgt der Masse bis zu einem großen Innenhof mit Bühne, von der aus die frisch Vermählten im blassen Neonlicht etlicher Leuchtschlangen auf die tanzende Menge hinab lächeln.

Die arabischen Beats dröhnen aus ansehnlichen Boxen und auch Hochzeitsfotografen geben sich die Ehre. Die Damen und Herren der Schöpfung tanzen nicht getrennt voneinander. Und anstelle eines züchtigen Hijabs trägt Frau zwar Kopftuch, aber so bunt, wild geformt und voluminös wie die Schwerkraft erlaubt und der Goldschmuck bis hin zur ge piercten Nase mitsamt Kette wird mit Stolz getragen. Anstelle der verpönten alkoholischen Getränke wehen Haschisch-Schwaden hinüber und irgendwer filmt tanzend alles auf dem Tablet mit. „So feiern wir in Nubien Hochzeit“, raunt mir ein Besucher in akzentfreiem Englisch zu während ein Hochzeitsgast eine Ansprache hält, die mehr als einen Gast zu genervtem Augenrollen verleitet. Fast so wie Daheim, denke ich grinsend – nur völlig anders und doch nicht wirklich konservativer.

 

 

Tausend Kilometer nordwestlich im Grenzgebiet zu Libyen schaut das eine Woche später ganz anders aus: Auf Anraten des Fahrers wird schnell ein Kilo Zucker als Gastgeschenk gekauft ehe man mich in einen mit Teppichen aus gelegten Innenhof führt, in dem eifrig Tee gekocht wird. Von den Frauen hört man nur Geschnatter von jenseits der Mauer. Wildes Gehupe kündigt die Ankunft des Bräutigams an, der unter neugierigem An drang im Haus verschwindet. Kameras sind nicht erwünscht. Obwohl in der Oase bei Farafra bis zum Einbruch der Dunkelheit mehrere hundert Gäste auflaufen – inklusive Würden trägern und Parteifunktionären von Sozialisten bis Mus limbrüdern – und so opulent gespeist wird als sei es das letzte Mal, lässt sich das Paar nicht blicken. Gesprochen und diskutiert wird unter den Vertretern der Großfamilien viel, doch erst zu später Stunde greifen die Wüstensöhne zu Langstöcken und führen im Rhythmus der klatschenden Zuschauer einen archaischen Tanz auf, der hierzulande als orientalisches Aikido durchgehen würde. Vom Hochzeitspaar keine Spur. So feiert man also unter Beduinen Hochzeit. Nur: Was passierte da vor dem Offensichtlichen hinter dem Schutz der Wände? Am großen Tag badet und schminkt eine Verwandte die Braut, bemalt sie an Händen und Knöcheln mit Henna-Farbe und verlässt das Haus noch vor Ankunft des Ehemanns. Bereits Wochen vor der Hochzeit wird das Liebesnest ausstaffiert, und viele Monate oder sogar Jahre zuvor lässt der Junggeselle Goldschmuck für die Zukünftige anfertigen und schickt ihr zu Feiertagen Aufmerksamkeiten.

Wenn Bräuche in ein und demselben Land aufgrund kultureller Eigenarten schon so variieren, wie ist es dann erst weltweit? In Rumänien war es früher üblich, dass der Bräutigam mit Unterstützung seiner Freunde den Brautkranz aus dem höchsten Baum der Gegend klauben musste, der vorab von Freunden der Braut dort befestigt wurde.

 

 

Im benachbarten Bulgarien musste die Braut vor der Hochzeit in eine mit heißen Kohlen befüllte Wanne springen… Dagegen klingt die am Tag vor der Trauung übliche Ganzkörperrasur der Braut in der römischen und griechischen Antike ziemlich harmlos. In Mexiko übernehmen die Hochzeitsgäste fest zugeteilte Aufgaben – spezifisch ausgewählte Freundinnen der Braut verknüpfen etwa das Trau(m)paar mit einem symbolischen Seil, halten die 13 Münzen, die der Bräutigam nach der Weihe durch einen Priester als Symbol für Vertrauen, Zuversicht und finanzielle Sicherheit der Braut übergibt. Und eine andere, tja, die wird von der Braut auserwählt als Ansprechpartnerin bei Eheproblemen aller Art.

In Brasilien geht es (fast) europäisch zu, der Junggesellenabschied „Chá de Bar“ gerät höchst feuchtfröhlich und kommt selten ohne Stripperin aus – am Ende des Pendants „Chá de Panela“ geht es ähnlich zu, wobei der Abschluss oft mit einem Nacktfoto der Braut gekrönt wird, die eine Schärpe mit der Aufschrift „Gut, dass du morgen heiratest“ tragen darf.

Abseits von Großstädten siegt individuelle Hochzeitskultur zumindest im Moment noch über die globale Monokultur. Weidetiere, Grundbesitz oder kostbarer Schmuck sind als Mitgift abseits großer Städte in Nordafrika und im Nahen und Mittleren Osten auch heute noch unverzichtbar, schließlich hängt dort der soziale Status und der Wohlstand ganzer Familien davon ab – mancher soll ja auch hierzulande nicht nur auf die Eine oder den Einen, sondern auf „gute Partien“ schielen…

Je weiter man sich in Richtung Süden und weg von Metropolen bewegt, desto länger dauern im Schnitt auch die Hochzeitsfeiern: im Mittelmeer-Raum sind sie im Schnitt doppelt bis drei Mal so lang wie in Deutschland, im Yemen und in Indien können sie auch gern mal eine Woche dauern. Ausgerechnet im farbenfrohen Fern-Asien, wo es sonst kaum bunt genug sein kann, fällt nicht jede Hochzeit spektakulär aus.

In einem buddhistischen Tempel auf Bali werde ich Zeuge, wie ein ganz in einfachem Weiß gekleidetes Paar im Beisein von Bekannten Lebensmittel als Opfer gaben darreicht, Räu cher kerzen anzündet und kurz betet. Ob ein paar Fotos okay seien, frage ich sie – prompt gefolgt von der Frage, ob ich denn die Hochzeitsfotos mailen könne… „Buddha hat keine Vorschriften für Zeremonien hinterlassen, wir dürfen Christen, Muslime oder Hindus heiraten“, erklärt mir der Bräutigam lächelnd. „Bei uns steht Harmonie zwischen Stärken und Schwächen im Vordergrund und wir feiern ganz einfach nur heute mit unserer Familie und ein paar Freunden.“

Und die Moral von der Geschicht’: Wahre Liebe braucht keinen opulenten Luxus.

Artikel von www.top-magazin.de/neuss