Wirtschaft

Logistik: Immer in Bewegung

Der Rhein-Kreis Neuss gilt als Logistik-Hotspot


 

Logistik – Jeder kennt den Begriff und hat zumindest eine vage Vorstellung von seiner Bedeutung: Irgendetwas mit Transport… Aber was ist Logistik genau?
Logistik begegnet uns fast überall, an jedem Tag, rund um die Uhr. Es ist mehr als der Warentransport von A nach B, das Ein- und Auslagern von Waren oder die Paketzustellung am Samstagvormittag.
Etabliert hat sich mittlerweile die kurze und präzise Definition des Begriffs, die E. Grosvenor Plowman zugeschrieben wird: Logistik ist die Sicherung der Verfügbarkeit des richtigen Gutes, in der richtigen Menge, im richtigen Zustand, am richtigen Ort, zur richtigen Zeit, für den richtigen Kunden und zu den richtigen Kosten.

 

Logistik – ein Motor für die Wirtschaft

Mit einem Umsatz von rund 260 Milliarden Euro ist Logistik der drittgrößte Wirtschaftszweig in Deutschland: Über Straßen, Schienen und Wasserstraßen werden jährlich 4,3 Milliarden Tonnen Waren bewegt. Rund 3 Millionen Menschen arbeiten in der Branche, wie das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) mitteilt.

„Logistik ist mehr als der reine Transport von Waren. Zur Logistik gehört genauso das Generieren von Wertschöpfung“, erklärt Thomas Klann. Der Neusser gilt als ausgewiesener Logistikexperte. Er leitet den Arbeitskreis Logistik der MIT Neuss, ist Mitglied in der MIT Bundeskommission Verkehr und ist unter anderem Mitbegründer und Vorstandsmitglied der Logistikregion Rheinland.

Warentransport und Lagerhaltung alleine generieren dabei noch keine Wertschöpfung, zudem werden sie in anderen europäischen Ländern häufig deutlich günstiger angeboten. „Erst durch komplementäre Dienstleistungen entsteht Mehrwert. Mit sogenannten Value-added Services sorgen Logistikdienstleister für mehr Kundenzufriedenheit“, erläutert Klann. So wird beispielsweise Kleidung, die in Ballen gepresst aus Asien kommt, aufgebügelt, ausgezeichnet und verpackt. Bei Smartphones müssen Werkseinstellungen und Bedienungsanleitungen den europäischen Gegebenheiten angepasst werden. „All das macht heute kein Hersteller mehr selbst. Kaum eine Branche kann auf logistische Dienstleistungen in irgendeiner Form verzichten“, beschreibt Klann Wertschöpfungsketten in der Logistik.

Zur Logistik gehört auch die Beförderung von Personen. Ohne funktionierende Logistikketten könnten Reisende, genau wie Waren, ihr Ziel nicht erreichen.

 

 

Der Rhein-Kreis Neuss gilt als Logistik-Hotspot

Die Lage, eine sehr gute Infrastruktur und das große Marktpotenzial in der Region haben dafür gesorgt, dass die Lo gistik-Branche im Rhein-Kreis ausgezeichnete Bedingungen vorfindet. Von den logistischen Systemen profitieren die verarbeitende Industrie und der Handel, sie erreichen Exportquoten von über 50 Prozent.

Thomas Klann arbeitet in Neuss unter anderem im städtischen Ausschuss für Planung und Stadtentwicklung sowie im Ausschuss für Wirtschaft und Liegenschaften. Im Themenkreis „Urbane Logistik“ des Bundesverbandes Logistik (BVL) erhält Klann wichtige Impulse für die lokale Aufgabenstellung in Neuss. Zwischen den Zeilen sei immer wieder zu hören, die Logistikbranche verbrauche zu viel Fläche im Verhältnis zur Anzahl der geschaffenen Arbeitsplätze. „Damit haftet ihr ein Image an, das so nicht richtig ist“, bedauert er. „Die Politik ist dahingehend gefordert, sich in die logistischen Prozesse innerhalb der glo balen Wirtschaft hineinzudenken. Die verarbeitende Industrie wird zunehmend ins Ausland verlagert, dafür ist hier das Know-how von Logistikdienstleistern gefragt.“

Nicht alle Logistiker benötigen Flächen in der Größen ordnung wie sie beispielsweise Amazon, DHL und Schenker brauchen. „Es gibt viele mittelständische Unternehmen in der Branche, für die im Rhein-Kreis Neuss noch genügend überschaubare Flächen zur Verfügung stehen“, betont Klann.

 

Vernetzung der Verkehrsträger Schiene, Straße, Wasserweg

Sanierungsbedürftige Brücken, überfüllte Autobahnen, innerstädtische Staus, hohe Schadstoffbelastung durch Autoabgase: Es gibt zahlreiche Gründe, nach alternativen Transportkonzepten zu suchen.

Forderungen, einen größeren Teil des Güterverkehrs von der Straße auf Schiene und Wasserweg zu verlagern, sind aktueller denn je. Die Entwicklung und Realisierung neuer Konzepte ist notwendig. Eine bessere Vernetzung unterschiedlicher Verkehrsträger wie auch die Nutzung moderner technischer Möglichkeiten im Kontext Logistik 4.0 wären ein guter Ansatz.

In dem Zusammenhang wurde auch immer wieder über den Eisernen Rhein diskutiert. Inzwischen ist eine Neuauflage der Güterzug-Expresslinie zwischen dem Hafen Antwerpen über Mönchengladbach ins Ruhrgebiet vom Tisch. Das Eisenbahn- Bundesamt hat gerade die dauerhafte Einstellung des Betriebes der Schienenstrecke zwischen Dalheim und der niederländischen Grenze beschlossen.

Die ‚Last Mile’ – Herausforderung für Städte und Logistiker Auch das geänderte Konsumverhalten – einkaufen gehen oder doch lieber im Internet bestellen und liefern lassen? – erfordert ein Umdenken. Seit rund zwanzig Jahren wächst der Umsatz durch E-Commerce jährlich um etwa zehn Prozent. Ein Wachstum, das nach Prognosen des BMVI weiter anhalten wird. Die Zunahme der Paketmenge führt zu Problemen auf der soge nannten „Last Mile“, dem Transport der Waren zur Haustür des Kunden. Für Anbieter und Dienstleister ist die letzte Meile die größte Herausforderung hinsichtlich einer ökonomischen Tourenplanung. Dieser innerstädtische Verkehr muss stadt- und umweltfreundlich gestaltet werden, ohne dadurch seine Funktionsfähigkeit zu verlieren. Hier sind Städte und Kommunen gefordert, gemeinsam mit der Wirtschaft innovative, nachhaltige Verkehrskonzepte zu erarbeiten, die eine effiziente Belieferung auf der letzten Meile ermöglichen.

 

Micro Hubs in Neuss: Ein Konzept für die Zukunft?

Anfang 2017 entwickelte der MIT Arbeitskreis Logistik in Zusammenarbeit mit der CDU ein Mobilitätskonzept für die Stadt Neuss, das unter anderem die Einrichtung sogenannter Micro-Hubs vorsieht. „Die Idee, dezentrale Depots von einem Zentral lager in Innenstadtnähe aus zu beliefern, ist vielversprechend. Micro-Hubs bilden die Grundlage für alternative Zustellvarianten. In Neuss gibt es einen ersten Projektansatz für das Einzugsgebiet zwischen Stadthalle und Hauptbahnhof“, erklärt Klann. „Die Niederlande machen es uns vor, und auch in Deutschland gibt es bereits Referenzkommunen. Hier sind es allerdings einzelne Unternehmen, die dann die letzte Meile per Kurier mit Lastenfahrrädern überbrücken.“ Ziel sei, möglichst viele Dienstleister einzubinden. Diese werden allerdings weiterhin ihre eigenen Systeme, Flotten und ihr Equipment nutzen. „Ein DHL-Paket durch UPS zustellen zu lassen, wird wohl nicht möglich sein. Denkbar ist zudem die Einrichtung von Paketstationen, an denen die Kunden ihre Pakete abholen oder auch durch individuelle Services zustellen sowie abholen lassen können“, blickt Klann in die Zukunft.

 

IHK, Städte und Dienstleister arbeiten zusammen

Das Mobilitätskonzept fand Anfang 2018 die Zustimmung aller Ratsfraktionen. In einem nächsten Schritt wird die Verwaltung ein Konzept erarbeiten und umsetzen. Partner des Micro-Hub- Projekts ist die IHK Mittlerer Niederrhein, in deren Zuständig-keitsbereich auch Mönchengladbach und Krefeld liegen.
Thomas Klann ist zuversichtlich, dass die Umsetzung der Pla-nung in den kommenden zwei Jahren erfolgen kann. „Wir haben mit vier großen Paketdienstleistern gesprochen. Alle sind sehr in-teressiert. Jetzt müssen die Rahmenbedingungen erarbeitet wer-den“, so Klann. Ergänzend ist er mit Start-Ups im Dialog, die einen On-Top-Service wie beispielsweise die Lieferung emissionsfrei zu unüblichen Tageszeiten anbieten. „Aktuell ist rund ein Drittel der Kunden unzufrieden mit den Services. Mal kommt ein Fahrer nicht rechtzeitig, mal werden Retouren nicht angenommen, mal blockiert ein 12-Tonner die Straße, um ein kleines Päckchen aus-zuliefern. Unser Ziel: Die Paketkunden besser zu versorgen.“

 

Der Elektromobilität gehört die Zukunft

Thomas Klann mit NRW Verkehrsminister Hendrik Wüst

Schneller, individueller, ökonomischer, ressourcenschonender und zuverlässiger: Diesen Anforderungen werden sich Zustelldienste stellen müssen. Gute Ansätze gibt es mittlerweile: Mit einer Flotte eigens entwickelter Elektro-Vans beliefert der niederländische Online-Supermarkt Picnic jetzt auch Kunden in Neuss, Meerbusch und Kaarst. Per App bestellte Ware wird ohne Liefer-gebühren direkt ins Haus gebracht, sofern sie am Vorabend bis 22 Uhr bestellt wurde. Dabei setzt Picnic auf Nachhaltigkeit: Die Elektro-Vans fahren nach von Algorithmen bestimmten und täglich optimierten festen Routen.

Auch DHL trägt den Anforderungen einer modernen Logistik Rechnung. In Zusammenarbeit mit der RWTH Aachen wurde der Streetscooter entwickelt. Der Elektrotransporter wird in verschiedenen Varianten vom Post-Tochterunternehmen Streetscooter GmbH gebaut, weiterentwickelt und in zwischen auch ins Ausland verkauft. Demnächst fahren damit britische Milchmänner leiser und umweltfreundlicher: Die Firma Milk & More hat von der Deutschen Post 200 Elektrofahrzeuge gekauft. Ein Nacht eil, der in Kauf genommen werden muss, ist der begrenzte Laderaum. In Kürze sollen die ersten autonom fahrenden Stromer unterwegs sein.

 

Dieselverbot und Drohnen über Allerheiligen?

Das Dieselfahrverbot stellt die Logistikbranche vor große Herausforderungen. Fast ausnahmslos sind es Diesel-Fahrzeuge, mit denen Lieferverkehre abgewickelt werden. Ausnahmegenehmigungen für gewerbliche Verkehre wird es nur kurzfristig geben. Die Elektromobilität und die Brennstoffzellentechnologie gehören zu den wichtigsten Schlüsseltechnologien für den nachhaltigen Verkehr der Zukunft. Elektrofahrzeuge tragen insbesondere kurzfristig im städtischen Kontext dazu bei, Emissionen und Lärm zu reduzieren.

Alternativ käme der Einsatz von Drohnen in Frage, was allerdings in Ballungsräumen nicht sinnvoll ist und sich nur in ländlichen Gebieten bewähren würde, so zum Beispiel für die Lieferung dringend benötigter Medikamente. Bis aber über Aller heiligen die ersten Drohnen Päckchen ausliefern, wird wohl noch etwas Zeit vergehen.

Artikel von www.top-magazin.de/neuss