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Menschen

So bunt ist Neuss

Kulturelle Vielfalt – eine Bereicherung für die Gesellschaft


Wenn Integration nicht-deutschstämmiger Menschen in Neuss gelingt, ist das zu einem nicht unerheblichen Teil ein Verdienst der städtischen und freien Kultureinrichtungen. Für Harald Müller, Leiter des Neusser Kulturamtes, ist das Thema Interkultur ein wichtiges Anliegen: „Seit zehn Jahren beschäftigen wir uns verstärkt damit, Menschen unterschiedlicher Ethnien und Religionszugehörigkeiten den Zugang zu unseren kulturellen Einrichtungen und Veranstaltungen zu erleichtern. Durch den Zustrom der Flüchtlinge in den letzten beiden Jahren hat das Thema Integration eine besondere Dynamik entwickelt. Aber wir dürfen natürlich auch die Menschen, die seit vielen Jahren hier leben, nicht außer Acht lassen. Rund ein Viertel aller Neusser Bürgerinnen und Bürger hat eine Migrationsbiographie, in anderen Städten ist der Anteil noch größer. Auch ihnen frei von ethnischen und sozialen Barrieren Angebote kultureller Bildung zu machen, gehört zu unseren vordringlichen Aufgaben.“

Dabei wird Müller seit eineinhalb Jahren von Deniz Elbir unter stützt. Elbir ist Beauftragter für Interkultur im Kulturamt. Der gebürtige Neusser mit kurdischen Wurzeln hat sein Abitur an der Janusz-Korczak-Gesamtschule gemacht und Germanistik sowie Kommunikations- und Medienwissenschaften studiert. Für Harald Müller ein Glücksfall: „Deniz Elbir hat durch seinen persönlichen Hintergrund und die damit verbundene migrantische Sichtweise einen besonderen Zugang zu den verschiedenen Communities. Das erleichtert unsere Interkulturarbeit erheblich.“ Es habe einige Zeit gebraucht, bis man in der Verwaltung gemerkt habe, dass schöne Prospekte und Flyer von der migrantischen Bevölkerung gar nicht wahrgenommen werden. Daher müsse man sich aufgrund der ganz anderen Kommunikationsstrukturen die Frage stellen, wie man die Menschen erreichen kann, so Müller. Viel funktioniere über Mund-zu-Mund-Propaganda und soziale Netzwerke.

„Deniz Elbir hat die notwendigen Kontakte und die nötigen Soft-Skills, er denkt deutsch, aber man sieht es ihm nicht an. Als Muslim besucht er immer wieder alle fünf Neusser Moscheen und ist in den Communities bestens vernetzt. Viele Migranten reagieren auch mit Stolz: Einer von uns sitzt in der Kulturverwaltung, weiß was wir brauchen und kümmert sich um unsere Belange.“

Als Mittler zwischen Verwaltung und Migrantenschaft fungiert Elbir auch in der Arbeitsgemeinschaft Interkultur, einer Plattform für Mitglieder der städtischen und freien Kultureinrichtungen und interessierten Mitarbeitern der Verwaltung, die sich zu diesem Themenfeld austauschen möchten.

 

RAUM DER KULTUREN

2014 wurde in Neuss der Verein Raum der Kulturen e.V., ein Dachverband für alle interkulturell tätigen Menschen, Vereine und Einrichtungen, gegründet. Er dient als ideeller Überbau und Infrastruktur für die Kommunikation und Zusammenarbeit mit den Vereinen migrantischer Herkunft. Die aktuellste Initiative ist der Aufbau einer Mediathek innerhalb der Stadtbibliothek zu den Themen Migration, Flucht und Vertreibung. Gemeinsam mit dem Kulturamt werden im Schulterschluss mit dem Vorsitzenden des Raum der Kulturen e.V. Hamdi Berdid verschiedene gesellschaftsrelevante Themen beleuchtet, wie beispielsweise zu den bikulturellen Beziehungen.

 

Von rechts nach links: Gisela Hohlmann (stellvertretende Bürgermeisterin Stadt Neuss) und Generalkonsul des Königreichs Marokko Jamal Chounaibi mit Gästern der Ausstellung „Drucke und Handschriften aus fünf Jahrhunderten. Die Sammlung der Gesellschaft für Kultur und Wissenschaft des Mahgreb.”

 

Mit vielen anderen Akteuren der Interkultur hat das Neusser Kulturamt das Modellkonzept „Neue deutsche Stadtgesellschaft“ entwickelt. Es soll Antworten auf wichtige Fragestellungen geben: Wie kann Kultur dazu beitragen, dass diese moderne neue Stadtgesellschaft funktioniert, und welche Bereicherung können die Migranten jeglicher Herkunft für unsere Gesellschaft sein? Ziel ist es, dem demo grafischen Wandel und den damit einhergehenden veränderten Lebensrealitäten der sich zunehmend diversifizierenden Stadtgesellschaft Rechnung zu tragen. Städtische und freie Kulturinstitute haben sich verpflichtet, Diversität im Programm, beim Publikum und auch beim Personal abzubilden.

„Die städtische Kulturlandschaft hat einen immanenten Bildungsauftrag, der alle Mitglieder einer Stadtgesellschaft, unabhängig von Herkunft, sozialem Status, sexueller Orientierung und Religionszugehörigkeit, adressieren soll“, betont Müller. „Dabei arbeiten wir institutionsübergreifend mit städtischen Kultureinrichtungen, Teilbereichen der Stadtverwaltung, freien Kultureinrichtungen, Migrantenselbstorganisationen, Religionsgemeinschaften und Kunstschaffenden.“

 

MULTIPLIKATOREN AUS DEN COMMUNITIES

Die Erfahrungen der letzten Zeit zeigen, dass es unabdingbar ist, Partner in der Migrantenschaft zu gewinnen. „Die in fast allen Ethnien vorhandenen Strukturen wie Vereine, Initiativen oder besonders engagierte Einzelpersonen können als Multi plikatoren genutzt werden“, erklärt er. „Wir haben eine Vielzahl von Anknüpfungs punkten im Bereich der kulturellen Bildung wie zum Beispiel die Volkshochschule mit ihren Integrations- und Deutschkursen. Im Rahmen des Landesprogramms „Kultur und Schule“ gibt es in Neuss jährlich 60 Projekte, bei denen Künstler nachmittags in die Schulen gehen. Auch da werden dann natürlich viele Kinder migrantischer Herkunft erreicht.“ Etwa 45 Künstler beteiligen sich an unterschiedlichen Projekten, die den Unterricht ergänzen. Das reicht von Malerei, Bildhauerei, Theater, Tanz bis zu Videogestaltung, Fotografie und Musik. Für die Schüler sind diese Angebote kostenlos, die Teilnahme ist freiwillig.

Zahlreiche Künstler aus anderen Kulturkreisen bereichern die Neusser Kulturlandschaft: Die armenische Geigerin Lilit Tonoyan lebt in Neuss und ist vor zwei Jahren mit dem Kunstförderpreis ausgezeichnet worden. Der kurdische Musiker Hesen Kanjo reiste lange mit kurdischen Musikern um die Welt. Jetzt lebt er in Neuss und ist als Solist mit seinem Kanun, einem Saiten instrument ähnlich der Zither, erfolgreich. Ein großer Gewinn für das Clemens-Sels-Museum ist die Entdeckung einer Kunstpädagogin, die in Damaskus studiert hat, aus Syrien geflohen ist und in Neuss eine neue Heimat gefunden hat. Sie bietet Führungen auf arabisch und kurdisch an.

„In der ehemaligen Trafostation „Kunstraum Neuss“ wird demnächst der sehr interessante Künstler Babak Monazzami aus dem Iran ausgestellt“, erzählt Müller. „Schon lange in Neuss lebt zum Beispiel auch Cewad Merwani, der bereits einige CDs herausgebracht hat. Merwani sammelt seit 25 Jahren kurdisches Liedgut, von dem es bislang keine Niederschriften gab. Er hat in der Türkei, im Iran, Irak und Syrien geforscht, die Verschriftlichung des kurdischen Liedgutes zu seinem Lebenswerk gemacht und mittlerweile zwei Liederbücher herausgebracht. Ohne seine Arbeit könnte diese Kultur nicht erhalten werden.“

Das Kulturamt unterstützt Institutionen, die die interkulturelle Öffnung voranbringen, nicht nur mit der eigenen Expertise, sondern auch mit dem Etat, der dafür zur Verfügung steht. „Die Gesellschaft für Kultur und Wissenschaft des Maghreb hat alte Handschriften gesammelt und beschäftigt sich mit den frühen Verbindungslinien der damaligen islamischen Welt und Europas. Mit unserem Etat konnten wir dazu einen Katalog erstellen. Im RomaNEum wurden im Rahmen der Ausstellung alte Bücher und Handschriften gezeigt. Und plötzlich waren dort 60 Marokkaner, die über Social Media oder über Mund-zu-Mund-Kanäle davon erfuhren. Sie haben sicher nicht die Einladung zu dieser Ausstellung gesehen. Da hat man plötzlich einen ganz anderen Zugang zu Menschen, die vorher vielleicht noch nie einen Fuß ins RomaNEum gesetzt haben“, freut sich Harald Müller. Durch diese und noch viele andere Initiativen Neusser Organisationen, Verbände, des Kulturamtes und vieler Einzelpersonen wird interkulturelle Kompetenz gefördert und gebündelt.

Artikel von www.top-magazin.de/neuss