Business

Wir brauchen eine lebendige Agenturszene

Führende Agenturen machen sich stark für Düsseldorf


Vier kreative Köpfe suchen gemeinsam nach Lösungen, um das Image der Werbestadt Düsseldorf aufzupolieren.

 

Als Medien- und Kreativstandort spielt Düsseldorf eine herausragende Rolle. Einige der weltweit größten Marketing- und Kommunikationsagenturen mit globaler Vernetzung sind hier ansässig, oft schon seit Jahrzehnten. Ihrem beständigen Erfolg ist die glänzende Reputation von Beratung, Kommunikation und Marketing am Rhein zu verdanken. Dennoch sehen die führenden Köpfe hiesiger Agenturen Handlungsbedarf: Wichtige Branchenevents haben Düsseldorf verlassen; die kreative Start up Szene ist in Düsseldorf eher verhalten und junge Talente glauben, in Berlin, Hamburg oder im Ausland ein lebendigeres und inspirierenderes Umfeld für ihre ersten Karriereschritte zu finden. Um diesem Trend entgegen zu wirken, haben sich renommierte Werbeagenturen in Düsseldorf zusammengeschlossen: Darunter große Marken wie BBDO Düsseldorf, DDB Group Germany, McCann Worldgroup oder Saatchi & Saatchi. Gemeinsam suchen sie nach Lösungen, das Image der Werbestadt Düsseldorf aufzupolieren. „Wir machen uns im Namen unserer Branche für den Wirtschaftsstandort stark. Schließlich gewinnen wir alle, wenn wir die Stadt für die besten Talente der Branche attraktiver machen.“

Eine der Offensiven trägt bereits Früchte. Die Karrieremesse „adday/adnight“ im Mai 2018, eine deutschlandweite Veranstaltungsreihe, initiiert vom GWA, dem Verband deutscher Kommunikationsagenturen, lockte 600 Teilnehmer nach Düsseldorf, doppelt so viele wie im Vorjahr. Die Werbeagenturen präsentierten sich dem Werbenachwuchs mit Messeständen, Impulsbeiträgen und interaktiven Formaten und informieren über die Karriereaussichten in der Kommunikationsbranche. Ein vielversprechender Start, sich künftigen Herausforderungen zu stellen und sie zu bewältigen. Beim Gespräch mit den Organisatoren wird aber auch deutlich, dass dies auf Dauer nicht genügen wird. „Was das betreute Werbebudget betrifft, hat der Standort nichts eingebüßt“, sagt Christian Rätsch, CEO bei Saatchi & Saatchi. „Aus diesem Blickwinkel ist Düsseldorf die größte Werbestadt Deutschlands. Was jedoch nicht für die Anzahl von Agenturen und Mitarbeitern gilt, da liegt Hamburg vorn. Problematisch ist aber tatsächlich der mangelnde Zugang von willigen, motivierten, experimentierfreudigen jungen Menschen. Darunter leiden wir alle miteinander.“ Man müsse notgedrungen Talente an anderen Standorten ansprechen und dazu überreden, nach Düsseldorf zu kommen. „Das“, sagt Christian Rätsch, „ist unseres Standorts nicht würdig. Das müssen wir ändern.“ Christoph Pietsch, CMO der DDB Group Germany, schlägt selbstkritische Töne an. „Berlin mischt beispielsweise als kreativkultureller Magnet in den weltweiten Top Five mit, in diese Epizentren wollen die Talente. Wir haben es wahrscheinlich über Jahre hinweg vernachlässigt, die positiven Facetten unserer Stadt ins rechte Licht zu rücken. Denn davon gibt es reichlich, von Hochkultur bis Karneval.“

Sabine Frank, Managing Director bei McCann Düsseldorf, hat beobachtet: „Wenn die jungen Talente erst einmal da sind, fühlen sie sich pudelwohl. Sowohl mit dem Angebot der Stadt als auch mit der lebendigen Agenturszene und den faszinierenden Aufgaben und Marken, die aus den Düsseldorfer Agenturen heraus betreut werden. Dann wundern sie sich, warum die Stadt im Ausland so wenig bekannt ist.“ Auch Christian Rätsch kennt dieses falsche Image: „Unsere Realität ist besser als ihr Ruf. Wir haben Mitarbeiter aus Brasilien, die sprechen von der Copacabana am Rhein.“ Brasilien beispielsweise sei ein Kernland für junge Talente, für die globales Arbeiten ohnehin selbstverständlich sei, bestätigt Steffen Gentis, Produktionschef der BBDO Group Germany. „Kreative aus New York kommen eher nach Berlin als nach Düsseldorf. Wir können aber am Rhein mit besonders attraktiven Kunden, einem besonderen Netzwerk und einem inspirierenden Umfeld punkten“, so Gentis. „Wir geben dem Nachwuchs viele Möglichkeiten. In Düsseldorf können die jungen Leute für große Marken arbeiten und sie finden zudem viele Gleichgesinnte.“ Entsprechend international gehe es in den Agenturen der Gruppe zu. „Bei uns an der Königsallee arbeiten Leute aus mehr als 30 Nationen“, sagt Gentis. Diese unterschiedlichen Kulturen setzten eine tolle Kreativität frei. „Das sollten wir noch häufiger herausstellen“, sagt der gebürtige Südafrikaner Gentis. Nach der „adday/adnight“ zieht Christoph Pietsch Bilanz: „Zu unserer großen Freude haben wir aus Branchensicht feststellen dürfen, wie die Messe von unterschiedlichen Playern unterstützt und getragen wurde. Von internationalen Netzwerken, Mittelstandsagenturen oder inhabergeführten Dienstleistern. Es gibt offenbar ähnliche Bedürfnisse.“ Sabine Frank stimmt ihm zu: „Sie eignete sich gut dazu, über Veränderungen in unserer Branche zu sprechen und Berufs- und Quereinsteigern zu zeigen, wie vielfältig und spannend die Aufgaben in der Kommunikationswirtschaft sind. Alle vier sind sich einig: „Wir müssen das Heft jetzt selber in die Hand nehmen.“ Erwünscht wäre dabei eine noch intensivere Unterstützung bzw. Zusammenarbeit durch und mit der Stadt, Politik und Wirtschaftsinstitutionen. „Es geht ja darum, einen für Düsseldorf sehr wichtigen Wirtschaftszweig zu fördern und nach vorn zu bringen. Die Kommunikationsbranche hat nicht nur eine große wirtschaftliche Bedeutung für die Stadt, sondern dient auch als kreativer Motor für eine lebendige, weltoffene und inspirierende Stadtkultur“, drückt es Sabine Frank aus.

 

Werber unter sich: Steffen Gentis (BBDO Germany), Christian Rätsch (Saatchi & Saatchi Deutschland), Sabine Frank (McCann Düsseldorf), Christoph Pietsch (DDB Group Germany, v.l.)

 

Christian Rätsch wird deutlicher. Er kritisiert das allzu „geschleckte Image“, das vom Marketing der Stadt gezeichnet wird: „Düsseldorf ist nicht nur die Kö, da wollen die Kreativen gar nicht unbedingt hin. Sie sind eher an Gegenpolen interessiert und suchen eine Reibung. Die sollten wir pflegen und ihr Raum geben.“ Einstweilen kümmert sich die Branche selber um positive Signale. Dazu gehört auch die von BBDO und deren Produktionstochter CraftWork veranstaltete Regie Lounge, Deutschlands wichtigster Branchentreff der Werbefilmer. In der Nachtresidenz, am 11. Oktober, werden rund 1.000 Besucher erwartet, es ist die 54. Ausgabe der Regielounge. „Das wird erneut ein Abend mit internationalen Regisseuren“, berichtet Steffen Gentis. „Die Agenturwelt aus ganz Europa wird in Düsseldorf zu Gast sein“. Christoph Pietsch möchte sich nicht nur mit den Teams anderer Agenturen stärker vernetzen. Zur Kreativszene gehören für ihn auch Unternehmer, Start-ups, Künstler, Medien und Wissenschaftler. Es gilt die kollektive, kreative Kraft der Region zu heben, damit es zu einem „wertschöpfenden Regelbruch“ kommen kann. Christian Rätsch hat Erfahrung bei Partnerschaften mit Wettbewerbern, man teilt sich gelegentlich einen Kunden und dessen Etat. „So könnte man es doch auch bei der Ausbildung junger Leute machen“, schlägt er vor und denkt dabei an eine Art Standortausbildung in mehreren Agenturen, die für eine stärkere Verwurzelung sorgt. Damit würde auch die Gründerszene aufblühen. „Wir sind alle gute Ausbilder“, unterstreicht Christian Rätsch. „Aber danach wandern viele ab und machen sich irgendwo selbstständig. Das ist bitter, denn dadurch verlieren wir doppelt. Einmal die jungen Gründer und zum anderen die Talente, die sie später einstellen.“ Auch hier sollte die Stadt in die Pflicht genommen werden und sich für Agenturgründer stärker verwenden. „Es geht uns ökonomisch gut, wir sind die Konzerne unter den Agenturen. Aber es muss auch etwas nachkommen“, fordert Christian Rätsch. „Wir brauchen in der Werbeszene eine lebendigere, coolere Substanz.“ Ein einstimmiges Credo also: Stadt, Politik und Agenturen sind mehr denn je gefordert, das kreative Potential der Region zu heben und zu hegen.

Artikel von www.top-magazin.de/duesseldorf