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Eine Frau geht über Grenzen

Miriam Meckel und die Optimierung des Gehirns


Nach vielen Jahren des Reisens ist die Publizistin wieder in Düsseldorf zu Hause und genießt das Leben in der alten Heimat.

 

Miriam Meckel hat sich für ihr Buch „Mein Kopf gehört mir“ auf eine spannende Reise begeben. Die führte sie „in die schöne neue Welt des Brainhacking“. Das klingt erst mal harmlos. Da ahnt man kaum, wie viel Mut ihr die Bereitschaft abverlangte, sich riskanten Experimenten mit unbekanntem Ergebnis auszuliefern. Sie ließ sich Stromstöße durch den Kopf jagen  – mit beängstigenden Folgen. Sie verbrachte 24 Stunden in einer geräuschisolierten Dunkelkammer, verlor eine Dioptrie an Sehschärfe und war danach völlig erschöpft. Und sagt dennoch: „Jeder einzelne Versuch hat sich gelohnt.“ Das verkraftet nur, wer eine inspirierende Mission hat. Für Miriam Meckel war es ein ganzes Bündel an Fragen, die sie schon lange umtreiben, gespeist von der Erkenntnis, dass der technologische Vorwärtsdrang vor dem Gehirn nicht Halt macht. Wie lässt sich das Denken optimieren? Bis zu welcher Grenze wollen wir gehen? Und was passiert, wenn die Gedanken nicht mehr frei, sondern frei verfügbar sind?

Die Publizistin, Professorin für Kommunikationswissenschaft und Herausgeberin der „Wirtschaftswoche“ recherchierte drei Jahre für ihr Buch. Dabei begegnete ihr „eine dämonische Mischung aus Fortschrittseuphorie und Untergangsszenario“. Ihre Spurensuche glich einer Gratwanderung. Deutlich erhellten sich die positiven Konsequenzen einer Gehirn-Perfektionierung: Sie kann durch Implantate Querschnittsgelähmte in die Lage versetzen, physische Beweglichkeit und damit Lebensqualität zurückzuerlangen. Menschen, die nicht mehr sprechen können, verhilft sie wieder zu der Fähigkeit, zu kommunizieren. „Wenn wir die Möglichkeiten im medizinischen Bereich oder auch bei der Bildung nutzen, erzielen wir ermutigende Ergebnisse“, sagt Miriam Meckel. Aber da sind eben auch die Albträume, die der schier unbegrenzte Fortschritt auslöst. Hirnimplantate könnten es in Zukunft ermöglichen, dass jeder die Gedanken anderer Menschen lesen kann. Wem gehören sie dann noch?

Über all das sprechen wir an einem sonnigen Tag im „Bastian’s“ am Carlsplatz. Am Vorabend hatte Miriam Meckel eine Lesung in Benrath, ihrer alten Heimat. Ihr gelang in der Buchhandlung Dietsch eine gute Mixtur aus lebendigem Erzählen und Passagen aus „Mein Kopf gehört mir“. Im angeregten Publikum saß auch ihr Vater, katholischer Theologe und ehemaliger Rektor des Annette-von-Droste-Hülshoff-Gymnasiums, das sie besuchte. War das nicht schwierig? „Ich stand schon unter besonderer Beobachtung und musste mich vermutlich nach strengeren Maßstäben durchkämpfen“, antwortet sie, „aber es ging ganz gut.“ Ihr Masterstudiengang kündet von breit gestreuten Interessen: Kommunikationswissenschaft, Politologie, Sinologie und dazu noch Jura. „Der Punkt bei mir ist, dass ich mich für Vieles begeistern lasse und einfach lospresche“, sagt sie. „Dann häufen sich die Dinge und ich muss gucken, dass ich Ballast abwerfe. Allerdings hatte ich immer die sehr klare Vorstellung, Journalistin zu werden und als Auslandskorrespondentin zu arbeiten, am liebsten in China. Deshalb hielt ich es damals schon für sinnvoll, Chinesisch zu studieren, auch wenn der spätere Wirtschaftsaufschwung noch nicht absehbar war.“

Es kam dann alles ein klein wenig anders. Nach ersten Einsätzen bei verschiedenen Fernsehsendern wurde Miriam Meckel als damals jüngste Professorin für Kommunikationswissenschaften an die Universität Münster berufen. Später war sie Sprecherin der Landesregierung unter Ministerpräsident Clement, bei seinem Nachfolger Steinbrück Staatssekretärin für Europa, Internationales und Medien. So jung, so schön, so schlau, das trug ihr Bewunderung ein. „Aber genauso viel Abneigung und Neid“, korrigiert sie. „Ich habe mein Leben lang polarisiert, das hat sich bis heute nicht geändert.“

 

 

Wie stark das Thema ihres Buches „Mein Kopf gehört mir“ (PIPER) fasziniert, spürt die Kommunikationswissenschaftlerin bei vielen Lesungen.

 

Sie mag jetzt nicht länger über ihre Karriere reden. Lieber erzählt sie, wie wohl sie sich nach 15 Jahren im Ausland und in wechselnden Städten (darunter als Professorin in St. Gallen) inzwischen wieder in Düsseldorf fühlt. Nie hätte sie mit einer Rückkehr gerechnet. Bis sie das Angebot von der „Wirtschaftswoche“ erhielt, die Chefredaktion zu übernehmen. „Ich saß im Bett und dachte lange darüber nach. Düsseldorf? Das kam mir vor wie ein Rückschritt. Doch als ich einfach mal in mir nachgespürt habe, fühlte es sich plötzlich gut an, das war richtig schön. So etwas wie Heimat und Zugehörigkeit.“ Es erwies sich als richtige Entscheidung. „Ich bin Rheinländerin, mag den Humor, die Entspanntheit, die Umgangsweise. Auch mein Kiez im herrlich durchmischten Unterbilk ist super.“

Düsseldorf bedeutet aber auch die häufige Trennung von ihrer Frau, der Polit-Talkerin Anne Will, die in Berlin wohnt. Sehen sie sich oft genug? „Wir kriegen das schon hin. Ich pendle viel. Aber wenn man sich auf die Arbeit konzentriert, braucht man ja auch Zeit für sich allein.“

Lesungen, Vorträge, Konferenzen, Auslandsreisen: ein ausgefüllter Alltag. Und immer wieder auch ein Aufbruch in unbekannte Regionen, zu stark sind ihre Neugier und das Bedürfnis, Grenzen auszuloten. Oder sie zu überschreiten wie beim „Brainhacking“ am MIT in Boston. Das Experiment, mit Strom ihr Gehirn anzukurbeln, habe ihr zugesetzt, gibt Miriam Meckel zu. Ebenso der Versuch, die Wirkung von Ritalin zu testen. Das Mittel gegen Hyperaktivität, mit dem sich amerikanische Studenten bei permanentem Schlafentzug mehr Konzentration fürs Lernen verschaffen, bekam ihr nicht. Ihr Fazit: „Es ist eine absurde Idee, das Gehirn mit einem Medikament zu boosten, bei mir hebelte es die Kreativität aus.“

Faszinierend war dagegen die Erfahrung, wie sich mittels einer Elektrodenhaube allein durch die Konzentration auf einzelne Buchstaben ganze Wörter und Texte denken lassen und in Schriftform auf einer Tafel erscheinen. „Der Erfolg hat mich überwältigt. Das Verfahren ist sensibel, aber es funktioniert.“ Sie berichtet von dem weltweiten Wettlauf, mit sehr viel Geld entsprechende Apparaturen zur Vernetzung von Gehirnen (Neuro-links) zu entwickeln. Auch vor dem Hintergrund, dass Wissenschaftler befürchten, die menschlichen Gehirne könnten schon bald von künstlichen Intelligenzen überholt werden. Das Gehirn als Kampfgebiet  – mit den Schlagzahlen schneller, besser, effizienter. Der Autorin sind die Gefahren bewusst. „Das Gehirn zu manipulieren bedeutet, die Persönlichkeit zu manipulieren. Wir werden einander fremd. Wüsste jeder, was der andere denkt, ginge der soziale Kitt verloren.“ Sie findet aber, und das ist auch das Anliegen ihres Buches, dass es nicht schaden kann, wenn wir die Mechanismen unseres Gehirns verstehen. Wenn wir vorbereitet sind auf das, was die Zukunft möglich macht und uns beizeiten eine Meinung bilden können. Möchte Miriam Meckel lange leben? „Ehrlich gesagt, ja“, kommt es ohne Zögern. „Ich würde es wahrscheinlich sogar wagen, mir ein Implantat einpflanzen zu lassen. Weil ich es spannend finde, dieses unbekannte Land in meinem Kopf zu erkunden.“

Kommunikation ist der rote Faden ihres beruflichen Lebens. Bei allem, was auf sie einstürmt, was sie zu erforschen begehrt – ganz ohne Stopptaste geht es auch bei der umtriebigen Miriam Meckel nicht. Dann zieht sie sich für einige Tage zurück, am liebsten in die Wüste. Und immer allein. „Das hat etwas von mystischem Erleben“, sagt sie. „Bei mir herrscht sonst dauernd Kirmes im Kopf, da sind solche Erfahrungen reinigend. Schön, wenn man sagen kann, das Wägelchen hält jetzt mal an, ich gucke einfach auf den Horizont. Dann fällt einem auch wieder etwas ein. Zum Beispiel das Thema für ein neues Buch.“

 

Bei „Bastian‘s“: Miriam Meckel im Gespräch mit Top-Magazin-Autorin Regina Goldlücke.
Artikel von www.top-magazin.de/duesseldorf