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Der Philosoph, der in der Küche schreibt

Richard David Precht über seine Visionen und sein Wohlgefühl in Düsseldorf


Auf einmal war er da, und alle Welt horchte auf. Vor zehn Jahren katapultierte sich Richard David Precht mit seinem philosophischen Exkurs „Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?“ in die öffentliche Wahrnehmung. Ein schöner, schlauer Mann mit längerem Haar, unfassbar eloquent und in der Lage, komplizierte Zusammenhänge mit verblüffend klaren Worten zu vermitteln. So, dass jeder sie verstehen kann. Seitdem ist der Philosoph nie mehr aus den Medien verschwunden. In seiner Fernsehsendung „Precht“ diskutiert er alle zwei Monate im ZDF mit anderen klugen Köpfen über brennende Fragen des Lebens. Gerade erschien nach zwei Jahren Pause der zweite Band „Erkenne dich selbst“ seiner dreiteiligen „Geschichte der Philosophie“ (Goldmann) und stürmte sofort an die Spitze der Sachbuch-Bestsellerlisten. Dazwischen veröffentlichte der Autor und gefragte Redner noch Werke wie „Anna, die Schule und der liebe Gott“ zum deutschen Bildungssystem oder „Tiere denken“. In Talkshows übernimmt der 53-Jährige gern die Rolle eines pragmatischen Visionärs. Als Honorar-Professor unterrichtet er Philosophie an der Leuphana Universität Lüneburg und an der Hochschule Hanns Eisler in Berlin.

Und auch in Düsseldorf, wo er seit drei Jahren lebt, setzt Richard David Precht Meilensteine. In diesem Herbst füllte er in Windeseile das Schauspielhaus mit seinen Vorträgen zu den wichtigsten Kernthemen unserer Zeit. Vor Weihnachten steht noch ein Termin aus: „Über Geschichten und Pläne – Die Zukunft der Gesellschaft“ (17. Dezember, 11 Uhr, ausverkauft). Nach seinem Podiumsgespräch mit dem Schriftsteller Navid Kermani im Frühjahr habe ihm Wilfried Schulz diese Möglichkeit eröffnet, erzählt Precht. Wegen seines vollen Terminkalenders habe er zuerst gezögert, „aber dann war der Intendant so charmant, dass ich einwilligte.“

 

In seiner ZDF-Sendung „Precht“ diskutierte der brillante Redner zuletzt mit der türkischstämmigen Anwältin und Frauenrechtlerin Seyran Ateş.

 

Besser, man bereitet sich sorgfältig vor auf ein Interview mit Richard David Precht. Er gibt einem zwar nicht das Gefühl, es eilig zu haben. Aber er antwortet derart pointiert und schnell, dass es von Vorteil ist, bei seinem letzten Satz die nächste Frage gleich parat zu haben. Bloß keinen Leerlauf riskieren! Schlag auf Schlag, so gefällt es ihm. Liegt ihm ein Thema am Herzen, greift er es mit Begeisterung auf. Etwa die fortschreitende Digitalisierung: „Egal, wo und zu wem ich spreche, das treibt alle um“, sagt er. „Ob es Designer, Medienleute, Zuhörer von Banken, Versicherungen und Logistikunternehmen sind, aus der Holzindustrie oder aus der Fleischwirtschaft: Alle wollen wissen, was die Digitalisierung für ihre Kinder und die Gesellschaft bedeutet.“ Von der Politik seien vorerst keine Lösungen zu erwarten, besonders nicht nach dem themenlosen Wahlkampf 2017, dem zweiten hintereinander. Dabei befänden wir uns in einem immensen gesellschaftlichen Umbruch. „Er ist am ehesten zu vergleichen mit dem gewaltigen Wandel, der sich im 18. und 19. Jahrhundert durch die Industrialisierung vollzog, bei der aus einem Volk von Bauern ein Volk von Fabrikarbeitern wurde“, führt Precht aus und skizziert das Bild einer Gesellschaft, in der es für viele Menschen bald keine Arbeit mehr geben wird. So richtig schlimm sei das aber nicht: „Es ist doch ein uralter Traum der Menschheit, von blöder Arbeit erlöst zu werden. Warum sollte das also nichts Gutes sein? Es passt eben nur nicht zu den etablierten Spielregeln unserer Leistungsgesellschaft, die darauf beruhen, dass jeder eine bezahlte Tätigkeit ausübt. Ich plädiere für das Grundeinkommen. Es entschärft die Folgen der Digitalisierung und bietet Chancen für ein selbstbestimmtes Leben.“

Mit derselben Leidenschaft nimmt er die deutsche Schulmisere ins Visier. „Kinder kommen neugierig auf die Welt, alle haben das Bedürfnis, laufen und sprechen zu lernen“, postuliert der Philosoph. „Wir aber haben ein Bildungssystem erschaffen, bei dem Kindern die Neugier ausgetrieben wird. Das darf einfach nicht passieren.“

Er selbst erlebte es im Elternhaus anders und ist froh darum. „Bei uns ging es turbulent und anregungsreich zu“, sagt er. „Uns wurde viel Bildung vermittelt, aber in einem spielerischen, alltäglichen Umgang. Das waren günstige Voraussetzungen für ein Leben, in dem man seine von innen gesteuerte Motivation nicht so schnell verliert. Auch nicht durch die Schule.“ Richard David Precht, in Solingen geboren und aufgewachsen, hatte stark links geprägte Eltern. Der Vater war Industrie-Designer bei Krups, die Mutter engagierte sich sozial. „Ich kann die Wege meiner Eltern gut nachvollziehen“, sagt er. „Der Vietnamkrieg hatte sie beeinflusst und gegen die USA eingenommen, und das völlig zu Recht.“ Die Familie adoptierte zu drei leiblichen noch zwei Kinder aus Vietnam. Über seine Jugend im Dunstkreis der DKP schrieb Richard David Precht das vergnügliche Buch „Lenin kam nur bis Lüdenscheid – Meine kleine deutsche Revolution“ (2005), das 2007 verfilmt wurde.

 

Richard David Precht beim Gespräch mit Top-Magazin-Autorin Regina Goldlücke

 

Fast 30 Jahre lebte er in Köln, bis er der Liebe wegen nach Düsseldorf zog. „Das reichte dann aber auch, ich kannte jeden Winkel in der Stadt“, fügt er hinzu und kommt auf die Rivalinnen am Rhein zu sprechen. „Bei der Lebensqualität schneidet Düsseldorf besser ab. In manchen Bereichen steht Köln positiver da“, glaubt er. „In erster Linie beim Karneval. Oder dass die Menschen noch eine Spur herzlicher sind. Und das Kölsch schmeckt mir deutlich besser als Altbier.“ Damit seien die Pluspunkte aber auch schon abgehakt, zumal es in der Kölner Kultur einen erschreckenden Niedergang gebe. Vieles spreche heute für Düsseldorf: „Wenn ich mir nur einmal die hiesige Gastronomie angucke oder die Art, wie mit dem Rhein umgegangen wird.“ Er lebt gern in der Stadt, schwärmt aber häufig aus – zu Vorträgen, Vorlesungen und seiner Fernsehsendung. Im November war die türkischstämmige Anwältin und Frauenrechtlerin Seyran Ateş zum Thema „Wozu braucht der Mensch Religion?“ bei ihm zu Gast. „Es gibt die üble Regel, dass einmal im Jahr eine Frau dabei sein muss“, erklärt er. Also hätte er gern mehr davon? „Nein, weniger“, entfährt es ihm. „Wahrscheinlich mache ich mich jetzt wahnsinnig unbeliebt. Aber es müssen bestimmte Kriterien erfüllt sein für diese Sendung, und dafür haben wir in Deutschland zu wenig Frauen.“ Aber gibt es nicht eine Garde junger intelligenter Wissenschaftlerinnen? „Ja, aber die lassen sich nur sehr schwer einladen. Erstens kommen sie nur, wenn sie sich einer Sache ganz sicher sind. Und zweitens sprechen sie ein absolut unverständliches universitäres Fachchinesisch. Das mag der Zuschauer nicht.“ Precht ist ein Gegner der Frauenquote: „Ich bin der Überzeugung, dass Frauen sich in fast allen Bereichen der Gesellschaft ohnehin durchsetzen, ihr Siegeszug ist unaufhaltsam. Am Ende bleiben nur noch Fußball und Stahlindustrie als männliche Domänen übrig. Ich bin zum Teil feministisch erzogen und stehe sicher nicht im Verdacht, ein Vorurteil zu haben. Aber mit der Quote tut man den Frauen keinen Gefallen. Aus ihrer Perspektive finde ich sie sogar ein bisschen unwürdig.“

Bedenkt man, wie unermüdlich und vehement Richard David Precht seine Thesen in die Öffentlichkeit trägt, taucht eine Frage auf: Glaubt er, in all den Jahren etwas erreicht zu haben? „Die Antwort darauf fällt mir schwer“, gibt er zu. „Ich habe vielleicht Erfolg, aber möglicherweise keine Wirkung. Es könnte jedoch sein, dass der stete Tropfen den Stein höhlt. Irgendwann kommt die Bruchstelle. Vielleicht sollte ich weniger ungeduldig sein.“

Momentan schreibt Richard David Precht am dritten Teil seiner Philosophie-Geschichte. „Mein Schreibtisch steht in der Küche“, berichtet er. „Und da meine Lebensgefährtin tagsüber nicht da ist, breite ich mich dort am liebsten aus.“ Er hält inne und lacht. „Der Philosoph, der in der Küche arbeitet. Das habe ich bisher noch keinem erzählt.“

Artikel von www.top-magazin.de/duesseldorf