Kultur

Regen als sinnliches Erlebnis

In seinem Studio stellte der Düsseldorfer Fotograf Boris Zorn schon 256 Menschen für eine Porträtserie unter einen warmen Schauer.


 

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Er war 13 Jahre alt, als sein Onkel ihm eine Kamera schenkte. „Auf der Stelle verwandelte ich mein Kinderzimmer in ein Fotolabor“, erzählt Boris Zorn. „Ab da stellte sich nie mehr die Frage, was ich einmal werden wollte.“ Zielbewusst verfolgte er seinen Weg. Er absolvierte ein Praktikum bei einem Düsseldorfer Fotografen, blieb viel länger als geplant, konnte bei spannenden Produktionen assistieren und aus seinem Talent eine Profession entwickeln. „Meine Spezialität war es damals, auf analoge Weise Fotos zu machen, von denen man heute sagen würde, da war bestimmt Photoshop im Spiel“, sagt er. Schon bald fiel der junge Mann aus Geldern, der in Düsseldorf hängen blieb, in der Werbefotografie durch seine originellen Ideen und seine besondere Technik der Mehrfachbelichtung auf. Beim digitalen Umschwung, der die gesamte Branche revolutionierte, mischte er von Anfang an begeistert mit. Gleichzeitig vollzog er bei seinen Motiven eine Kehrtwende. Menschen erschienen ihm auf einmal viel spannender als Gegenstände. Mit zunehmender Leidenschaft porträtierte Boris Zorn Künstler und Wirtschaftsbosse. Dabei stellte er fest: „Meine Stärke liegt im konzeptionellen Denken. Ich sehe, was bei einem Charakter wesentlich ist. Diesen Blick kann man schärfen.“ Er hält wenig davon, seinen „Objekten“ bestimmte Gesten zu verordnen: „Wenn sie sich bei mir gut aufgehoben und sicher fühlen, kommt das ganz von allein.“

 

Und irgendwann tauchte dann der Einfall mit dem Regen auf, ausgelöst durch den Auftrag eines Chemiekonzerns zu einer neuen Dachabdichtung. „Ich verfügte über eine Blitztechnik, die Tropfen naturgetreu einfängt, und entwickelte schnell ein Konzept, was ich daraus machen könnte“, berichtet er. „Das war der Kick zu einer langen Serie.“ Mit Vehemenz setzte er seine Vision um, fotografierte in zwei, drei Monaten etwa 60 „Regenbilder“. Heute sind es weniger, er kommt auf maximal 15 Shoots pro Jahr. Den Regen macht er selbst. Wie das geht, zeigt Boris Zorn in seinem Wohn-Atelier in Flingern. Am Boden des Studios befindet sich ein niedriges Becken, ausgekleidet mit Teichfolie. Im Badezimmer füllt er warmes Wasser in die Wanne und legt eine Pumpe dazu, die er per Fernbedienung steuert. Ein Gartenschlauch leitet das Wasser in einen löchrigen Behälter über dem Becken: „Und dann regnet‘s halt.“ So einfach, wie es sich anhört, ist diese Arbeit aber nicht, es gehört eine Menge an Technik und Ausrüstung dazu. Die Blitzanlage friert die Tropfen des künstlichen Regens ein. „Sonst würde man nur Schlieren sehen.“ Zorn verwendet ein riesiges bewegliches Stativ, eine Lichtwanne und einen 80 Kilo schweren Generator.

 

Ob Wirtschaftsboss mit Herz oder Tanz auf dem Vulkan: Die Verfremdung durch den Regen holt in einer Atmosphäre des Vertrauens das Echte aus einem Menschen heraus.

Die ungewöhnliche Situation erleichtere es den Porträtierten, aus sich herauszugehen. „Die meisten Menschen wollen die Kontrolle behalten, wenn sie fotografiert werden und wirken dadurch künstlich. Der Regen macht sie innerhalb von Sekunden echt“, sagt Boris Zorn. „Wenn das Wasser über ihr Haar, ihr Gesicht und an ihrem Körper herunterläuft und ihre Kleidung dabei schwer wird, fühlt sich das unwahrscheinlich sinnlich an.“ Anfangs fand der Fotograf seine zumeist weiblichen Modelle über eine Agentur im Internet. Später entschloss er sich, den privaten Bekanntenkreis durchzuforsten und nach „Leuten mit einer interessanten Geschichte“ zu suchen. Bevor die Motive entstehen, wird erstmal in der Küche geredet. Dabei ergeben sich die Ideen auf fast spielerische Weise. 256 Menschen ließen sich bisher in seinem Studio berieseln. Öffentlich gezeigt hat Boris Zorn seine spektakuläre Regen-Serie bisher nie. Allzu viel Ehrgeiz scheint er nicht zu investieren, eine Galerie oder einen passenden Ort zu finden. „Irgendwann wird es sich ergeben“, glaubt er. Bei ihm entsteht schon wieder etwas Neues: In der Serie „Zwillingsbilder“ zeigt er zwei konträre Seiten eines Menschen.

 


 

Zur Person

Boris Zorn ist in Geldern aufgewachsen und wohnt seit seinem ersten Praktikum in einem Fotostudio in Düsseldorf. Er übernimmt meist Auftragsarbeiten für die Wirtschaft und porträtiert Persönlichkeiten. Über seine Serie „Regenbilder“ wurde in renommierten Fotomagazinen berichtet. Parallel entsteht die Reihe „Zwillingsbilder“.

Artikel von www.top-magazin.de/duesseldorf