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Engagement mit Herz

Jenny Jürgens gründete vor acht Jahren das Projekt „Herzwerk - Aktiv gegen Armut im Alter“, das sich ausschließlich über Spenden finanziert. Als Partner gewann die Schauspielerin das Deutsche Rote Kreuz. Inzwischen lebt sie überwiegend auf Mallorca, kehrt aber immer wieder in ihre Wahl-Heimat Düsseldorf zurück, um ihre Arbeit fortzusetzen. 2016 erhielt Jenny Jürgens für ihre vorbildliche Initiative den NRW-Landesverdienstorden.


„Wer teilt, beschenkt sich selbst“, sagt Jenny Jürgens. „Herzwerk“ hilft den Bedürftigen schnell und unmittelbar.

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Berührende Begegnungen, die ihr Leben bereichern. Häufig sucht Jenny Jürgens den Kontakt mit ihren Schützlingen.

Das starke Bedürfnis, ihrem Leben eine Wende zu geben, kam keinesfalls wie der berühmte Blitz aus heiterem Himmel. Es war ein schleichender Prozess. Seinen Anfang nahm er um ihren 40. Geburtstag herum, daran erinnert sich Jenny Jürgens noch sehr genau. „Ich wollte etwas Sinnstiftendes tun“, sagt sie. „Für mich war immer spürbar, dass die Schauspielerei allein mich menschlich nicht erfüllte. Dieses Gefühl verstärkte sich in dieser Zeit. Meinen Beruf, den ich ja liebte, empfand ich zunehmend als anstrengend. Das setzte mir sehr zu.“ Wie die Weichen schließlich zu stellen waren, ergab sich durch ihren damaligen Mann Thomas Druyen. „Wer 17 Jahre mit einem Soziologen verheiratet ist, der Altersforschung betreibt und sich intensiv mit dem demografischen Wandel beschäftigt, bekommt allein durch die Gespräche mit ihm einen offenen Blick für die Nöte alter Menschen“, sagt sie. „In der Kette der Hierarchie stehen sie an letzter Stelle. Viele sind in einer Weise verarmt, wie wir uns das nicht vorstellen können. Dabei hätten sie doch nach einem oftmals harten Leben ein würdevolles Ende verdient. Das werden wir uns auch eines Tages wünschen, wenn wir in diese Phase eintreten. Und wie dankbar werden wir dann sein, wenn uns jemand mit Empathie betrachtet.“

OB Thomas Geisel war Schirmherr der Fotoausstellung „Auf den zweiten Blick“ 2016 im Rathaus.

OB Thomas Geisel war Schirmherr der Fotoausstellung „Auf den zweiten Blick“ 2016 im Rathaus.

Im Wissen um die dramatische Welle, die mit einer zunehmend alternden Gesellschaft auf uns zurollt, gründete Jenny Jürgens 2009 in ihrer Wahl-Heimat Düsseldorf die Initiative „Herzwerk“ und gewann im Deutschen Roten Kreuz einen engagierten Partner. „Ohne diese großartige Unterstützung hätte ich meine Arbeit nie leisten können“, sagt sie. Arbeit, das bedeutet für sie als Initiatorin vor allem das Sammeln von Spenden. Sie setzt sich mit ihrem bekannten Namen dafür ein, dass ihr Projekt die benötigten Finanzspritzen erhält. Jede Spende ist willkommen, eine Riesensumme wie kürzlich die 30.000 Euro vom Lions Club Hösel sind dabei die absolute Ausnahme. Dann geht es darum, das Geld sinnvoll zu verteilen. Was mitunter gar nicht so einfach ist. „Der organisatorische Aufwand für dieses Projekt ist enorm“, stellt Jenny Jürgens klar. Man dürfe nicht einfach jemandem Bargeld in die Hand drücken, das könnte die Bezüge über die Grundsicherung gefährden. Also versucht sie mit dem DRK unter Einhaltung der bürokratischen Regeln andere Wege zu finden, um unmittelbar und schnell zu helfen. Dafür müssen Anträge gestellt und die Bedürftigkeit bescheinigt werden. Oft genug geht es bei den Wünschen um Kleinigkeiten, die für die Betroffenen unerschwinglich sind:  eine Brille, neue Zähne, die Bezahlung der Stromrechnung, die Reise zu Verwandten in einem entfernten Ort, einen Friseurbesuch, eine Karte für Theater oder Konzert. „Eben alles, was mit Alltag und normalem Leben zu tun hat“, fasst Jenny Jürgens zusammen.

„Die ganze Welt kann ich nicht retten. Aber ich will versuchen, sie für einige Mitmenschen etwas schöner zu machen!“

Nach acht Jahren zieht sie eine beglückende Bilanz: „Die ganze Welt kann ich nicht retten. Aber ich schaffe es, sie für einige Mitmenschen ein bisschen schöner zu machen. Ich habe meine Nische gefunden. Das könnten andere auch, und wenn es nur eine ganz kleine ist.“ Viele Momente bleiben in Erinnerung. „Es ist anrührend, wie die Beschenkten sich für ein neues Bett, einen Kühlschrank, eine Spülmaschine bedanken. Die menschlichen Begegnungen sind für mich immer am nachhaltigsten. Ich werde nie vergessen, wie eine alte Dame bei einer Weihnachtsfeier meine Hand gar nicht mehr loslassen wollte und einen Kuss darauf drückte.“

Für ihr Engagement erhielt die „Herzwerk“-Gründerin 2016 bei einer Feierstunde in Düsseldorf den NRW-Landesverdienstorden. „Sicher einer der Höhepunkte meines bisherigen Lebens“, sagt sie. „Ein ganz besonderer Tag. Ich war so stolz und fühlte mich so geehrt.“ Sie macht eine Pause, fügt dann hinzu: „Und wie schön, dass David auch dabei war.“

David Carreras steht für die zweite große Wende der letzten Jahre. Sie verliebte sich in den spanischen Regisseur, zog zu ihm nach Mallorca und heiratete ihn. Landleben pur: auf einem großen Grundstück hoch auf dem Berg, umgeben von einer ganzen Menagerie von Tieren, Eseln, Hühnern, Hunden. „Nach Hunden war ich schon als Kind verrückt“, erzählt sie. „Wir hatten immer einen. Danach gab es eine lange Unterbrechung, ich war viel unterwegs, das hätte nicht gepasst.“ Umso seliger ist sie jetzt über ihre kleine Arche Noah, zu der auch Stewart gehört, der aus einer Mülltonne gerettete Hamster. Achtsamkeit allen Geschöpfen gegenüber ist ihr heilig. „Ich putze auch bei jeder Spinne ums Netz herum“, sagt sie, „weil ich daran denke, dass sie daran vielleicht eine Woche gearbeitet hat. Und dann komme ich mit meinem nassen Lappen und mache alles kaputt.“

„Wir machen alles gemeinsam“: Mit ihrem Mann, dem spanischen Regisseur David Carreras, genießt sie das Landleben auf Mallorca.

„Wir machen alles gemeinsam“: Mit ihrem Mann, dem spanischen Regisseur David Carreras, genießt sie das Landleben auf Mallorca.

Jenny Jürgens genießt es, den Alltag mit ihrem Mann zu teilen: „Wir machen alles gemeinsam, kochen zusammen, hängen die Wäsche auf und unterhalten uns dabei. Das kannte ich früher nicht.“ Zum Leben auf der Insel gehören auch die beiden Söhne von David Carreras, aus zwei früheren Beziehungen. Mit ihnen wuchs Jenny Jürgens in die bislang ungewohnte Rolle einer Mutter hinein. „Mir ist bewusst, dass ich die nicht bin, die Kinder haben ja wunderbare Mütter. Ich war am Anfang sehr nervös, aber die Jungs haben es mir leicht gemacht und mir die Nervosität genommen.“ Das Familienleben empfindet sie als große Bereicherung. „Es ist turbulent, wir müssen viel organisieren, haben ein strammes Programm mit den Tieren, sind aber dennoch eine vergnügte Truppe. Mit David gibt es viel zu lachen, er ist ein richtiger Quatschmacher. Ich habe früher egomaner gelebt, der Beruf stand weitaus stärker im Mittelpunkt. Mir hat das damals auch gefallen, ich will das gar nicht werten.“ Was ihr dabei wichtig ist: Mit Thomas Druyen verbindet sie nach der Scheidung eine herzliche Freundschaft. Auch er ist inzwischen wieder verheiratet und wurde auf diese Weise ebenfalls Vater eines Sohnes.

„Jenseits der Schauspielerei habe ich mir eine sinnvolle Identität geschaffen.“

Familienbande: Die Geschwister Jenny und John hatten ein inniges Verhältnis zu ihrem Vater. Der große Künstler Udo Jürgens starb ganz plötzlich im Dezember 2014.

Familienbande: Die Geschwister Jenny und John hatten ein inniges Verhältnis zu ihrem Vater. Der große Künstler Udo Jürgens starb ganz plötzlich im Dezember 2014.

Nach wie vor kommt Jenny Jürgens oft nach Düsseldorf, ihre Wohnung hat sie behalten. Die Arbeit für ihr Projekt setzt sie unvermindert fort. Im März 2017 wurde in Bilk die „Herzwerkstatt“ eröffnet, eine Anlaufstelle für Senioren, an deren Finanzierung sich die Paul-und-Mia-Herzog-Stiftung beteiligte. Mit „Herzwerk“ aufhören? Undenkbar. „Ich habe mir jenseits der Schauspielerei eine Identität geschaffen, die mir sehr viel bedeutet“, sagt sie. „Auch wenn ich damit kein Geld verdiene.“ Sie kommt selbst darauf zu sprechen, dass sie bald eine finanziell unabhängige Frau sein wird, wenn das Erbe ihres 2015 verstorbenen Vaters Udo Jürgens endlich an sie und ihre Geschwister ausgezahlt wird. „Mein Leben ändert sich dadurch nicht grundlegend, ich werde mit dem Geld vernünftig umgehen“, beteuert sie. „Es wird aber entspannter, weil ich nichts mehr machen muss, was mir nicht behagt. Ich habe zum ersten Mal das Privileg, meine Entscheidungen in völliger Freiheit treffen zu können.“

Artikel von www.top-magazin.de/duesseldorf