Kultur

Willkommen zurück, Sönke Wortmann!

Der Regisseur über seine neue Arbeit am D‘haus, seine erste Fernsehserie und sein Düsseldorf-Gefühl.


Rendezvous am Küchentisch: Sönke Wortmann (M.) mit den Autoren von „Willkommen“, Sarah Nemetz und Lutz Hübner

 

Mit der Inszenierung der Komödie „Willkommen“ kehrte Sönke Wortmann nach einer Pause von 18 Jahren ans Düsseldorfer Theater zurück. Welche Gefühle löste das bei ihm aus? „Es kam mir gar nicht wie eine echte Rückkehr vor“, sagt er. „Die meisten Leute waren mir so neu wie die derzeitige Spielstätte. Aber ich fand es schön, wieder in diesen Theaterkosmos einzutauchen.“ Mit großem Erfolg, wie es sich zeigte. Seit der Premiere am 4. Februar war bisher noch jede Vorstellung des bissigen Stücks von Lutz Hübner und Sarah Nemitz ausverkauft. Mit den Autoren verbindet Sönke Wortmann auch die Zusammenarbeit bei „Frau Müller muss weg“. Er inszenierte das Bühnenstück fürs Berliner „Grips“-Theater und führte Regie bei dem gleichnamigen Kinofilm. Schon deshalb reizte ihn das Angebot für das Projekt in Düsseldorf. „Das war vor einem Jahr“, erzählt er. „Da gab es das Stück noch gar nicht. Ich dachte, ich könnte es zuerst lesen, bevor ich zusage. Zu meiner eigenen Überraschung erfuhr ich, dass ich mich sofort entscheiden musste. Selbst der Termin der Uraufführung stand bereits fest.“

Also begnügte er sich vorerst mit den wenigen fertigen Seiten. „Die haben mich sofort begeistert, und der Rest dann irgendwann auch. Der Vertrauensvorschuss für die Autoren hat sich gelohnt.“ Er sei froh und ein wenig stolz, Teil des fulminanten Theaterauftakts unter dem neuen Intendanten Wilfried Schulz zu sein. „Ich sah hier schon viele gute Stücke, und vor allem sah ich lauter tolle Schauspieler. Schulz und seine Mitarbeiter haben beim Formen des Ensembles ein sicheres Gespür bewiesen“, sagt Sönke Wortmann. Deshalb sei es ihm auch leicht gefallen, eine stimmige Besetzung für „Willkommen“ zu finden. Weil ein türkischer Darsteller gebraucht wurde, den es im Ensemble nicht gab, verpflichtete er als Gast den Schauspieler Serkan Kaya. Ein vielseitig talentierter Künstler, der den Regisseur in Berlin als Udo Lindenberg im Musical „Hinterm Horizont geht´s weiter“ und im Bonner Theater als „Woyzeck“ beeindruckt hatte. „Er ist der perfekte Typ für diese komödiantische Rolle, sympathisch und schlagfertig. Wenn er auftritt, geht die Sonne auf. Damit rechnen die Zuschauer an dieser Stelle nicht.“

Lutz Hübner und Sarah Nemetz verarbeiten die „Flüchtlings-Problematik“ auf humorvolle Weise. Schauplatz des Geschehens ist eine Wohngemeinschaft. Es entbrennt eine hitzige Diskussion, ob man ein leeres Zimmer einem Flüchtling überlassen soll. Konträre Meinungen und Empfindlichkeiten prallen aufeinander, Vorurteile werden aufgespießt, seltsames Gedankengut entlarvt. „Man muss dieses ernste Thema von allen Seiten beleuchten“, glaubt Sönke Wortmann. „Dazu gehört auch die Komödie. Über das Lachen und ohne belehrenden Zeigefinger erreicht man die Menschen leichter. Ein bisschen fühlen sie sich ertappt und überlegen vielleicht, wie sie sich in dieser Situation verhalten würden.“ Es sei die Kunst der Autoren, die Figuren so zu skizzieren, dass man sie verstehen könne und sie aus ihrer Sicht auch Recht haben. Der Regisseur fügte bei „Willkommen“ eine Videosequenz ein, die den Schauspieler Peter Simonischek beim Telefonieren in Hollywood zeigt. Die Kulisse sei authentisch, versichert Wortmann. Man habe die Szene bei der Verleihung der „Golden Globes“ im Januar gedreht, als Simonischek, Hauptdarsteller in „Toni Erdmann“, mit dem Filmteam nach Kalifornien gereist war.

Wie hier verquicken sich auch im Leben von Sönke Wortmann Theater und Film. Ein kompaktes Schaffen über Jahrzehnte. Es begann mit seinem urkomischen Kinodebüt „Allein unter Frauen“ (1991). „Der bewegte Mann“ war 1994 einer der erfolgreichsten deutschen Nachkriegs-Filme und machte Til Schweiger zum Star. Kaum weniger Resonanz hatte 2003 „Das Wunder von Bern“, ein Fußballfilm wie die Dokumentation „Deutschland. Ein Sommermärchen“ zur Weltmeisterschaft 2006. Die filmische Umsetzung des Bestsellers „Die Päpstin“ mit Johanna Wokalek war sein bislang aufwendigstes Projekt. „Ich bin dankbar für dieses Spektrum von der Komödie bis zum Historienfilm“, räumt er ein. Das Lob für seine Lebensleistung irritiert ihn dagegen ein wenig. „Lebensleistung? Ich fühl mich noch so jung und hab noch so viel vor.“

Dreharbeiten für „Charité“ in Prag: Den Regisseur umringen seine Hauptdarsteller Maximilian Meyer-Bretschneider (l.), Alicia von Rittberg, Matthias Koeberlin

Dreharbeiten für „Charité“ in Prag: Den Regisseur umringen seine Hauptdarsteller Maximilian Meyer-Bretschneider (l.), Alicia von Rittberg, Matthias Koeberlin

 


„Die reiche Kunst- und Kulturszene in Düsseldorf empfinde ich als anregend“


 

Immer wieder betritt der 57-Jährige Neuland. So auch mit dem Sechsteiler „Charité“, der vom 21. März bis zum 18. April im Wochenrhythmus ins Fernsehen kommt. Gedreht wurde zumeist in Prag, weil die benötigten Kulissen in Deutschland nicht mehr zu finden waren. Ein Mammutprojekt, ähnlich wie beim Film „Die Päpstin“. Und seine erste Serie. Um den historischen Hintergrund einordnen zu können, tauchte er tief in die Geschichte des legendären Berliner Krankenhauses ein, das für bahnbrechende medizinische Entwicklungen steht. „Ich war fasziniert“, sagt er. „Allein schon das Wort Charité hat einen Zauber. Wenn man sich da einliest, droht Suchtgefahr. Die Epoche der drei wilhelminischen Kaiser kam bei uns im Schulunterricht kaum vor. Dabei hat sie zwei Weltkriege beeinflusst und zeigt indirekt Auswirkungen bis heute.“

Wie unterscheidet sich die Arbeit mit den Schauspielern bei Bühne und Film? „Im Theater haben sie wesentlich mehr Zeit, eine Rolle zu entwickeln, und die brauchen sie auch“, antwortet Sönke Wortmann Vor der Kamera reiche es aus, den Text für die jeweilige Szene auf den Punkt zu beherrschen. Ist sie abgedreht, werde darüber nicht mehr nachgedacht, während es bei Bühnenproben bis zur Premiere immer wieder zu Änderungen kommen könne. „Der Anlauf ist hier weitaus länger“, erklärt er. „Als Filmregisseur profitiere ich von diesen Erfahrungen, sie machen mich entscheidungsfreudiger.“

Sönke Wortmann im Gespräch mit Top-Magazin-Autorin Regina Goldlücke

Sönke Wortmann im Gespräch mit Top-Magazin-Autorin Regina Goldlücke

 

Mit dem zweiten Teil des hoch gelobten Films „Lammbock“ kommt im Frühjahr ein weiteres Werk von ihm (als Produzent) ins Kino. Ende Juni folgt „Sommerfest“ nach dem Roman von Hubert Goosen. Der „Heimatfilm“, wie er ihn nennt, spielt im Ruhrgebiet, wo Sönke Wortmann seine Wurzeln hat. Er ist in Marl geboren, lebt seit Jahren mit seiner Familie in Düsseldorf, das ihm erfreulich „großstädtisch“ vorkommt. „Abgesehen von der Fülle guter Restaurants gefällt mir daran, dass es die Landeshauptstadt ist und es eine reiche Kunst- und Kulturszene gibt. Ein anregender Mix.“ Nur die Diskussion um die Existenzberechtigung des Schauspielhauses missfiel ihm: „Es gibt heilige Kühe, die man nicht antasten sollte. Das Central ist keine Dauerlösung. Ich hoffe sehr, dass wir bald in unser vertrautes Theater zurückkönnen. Dann wäre ich auch als Regisseur gern wieder dabei.“

Artikel von www.top-magazin.de/duesseldorf