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Frauen im Chefsessel: Jutta Zülow

Top-Interview mit Jutta Zülow, Vorstandsvorsitzende der Zülow AG. Sie führt ein Unternehmen mit über 300 Mitarbeitern und engagiert sich auf vielfältige Weise in Wirtschaft und Gesellschaft. Seit Oktober 2016 ist sie Vorsitzende des Allgemeinen Arbeitgeberverbandes Düsseldorf und Umgebung e.V. mit 1.700 Mitgliedsunternehmen. Bei der Wahl zum Düsseldorfer des Jahres 2016 gewann sie in der Kategorie Wirtschaft.


Jutta Zülow, Vorstandsvorsitzende der Zülow AG

„Manchmal bin ich sehr spontan“

Top Magazin: Sie haben das Unternehmen gemeinsam mit Ihrem Mann aufgebaut. Seit 2010  führen Sie es allein. Wie haben Sie diesen Neustart erlebt?

Jutta Zülow: Es war nicht wirklich ein Neustart für mich. Ich bin seit 1975 verantwortlich für Marketing, Vertrieb, Finanzen und Personalentwicklung. Als mein Mann 2010 tödlich verunglückte, war ich bereits seit zwölf Jahren im Vorstand. Ich kannte alle Kunden und hatte große Akzeptanz im Markt. Allerdings musste ich im technischen Bereich mehr Verantwortung übernehmen.
Die Zülow Unternehmensgruppe deckt die gesamte Bandbreite der  Daten- und Elektrotechnik ab, nach landläufiger Meinung eher eine Männerdomäne.

Ist das für Sie ein Nachteil?

Nein, auf keinen Fall. Ich wehre mich auch konsequent gegen eine Quotenregelung, weil ich fest davon überzeugt bin, dass wir das im Markt in der heutigen Zeit nicht mehr brauchen. Das ist vorbei. Frauen sind genauso akzeptiert mit ihrem Können wie Männer. Was zählt sind Geradlinigkeit und Fachwissen, ob Frau oder Mann spielt keine Rolle.  Ich komme aus einer Zeit, in der die Quote ein großes Thema war. Im Mathematikstudium war ich eine der ganz wenigen jungen Frauen, und später im Beruf hatte ich überwiegend mit Männern zu tun. Respektlosigkeit mir gegenüber habe ich nie erlebt. Wenn, dann galt sie immer gleichermaßen Männern und Frauen.

Auch kein Frauen-Bonus?

Nein, das auch nicht. Ich bin überzeugt davon, dass die Gleichberechtigung von Frauen heute normal und selbstverständlich ist. Und wenn etwas selbstverständlich ist, sollte man es auch nicht künstlich aufbauschen. Ich halte Quotengespräche eher für schädlich. Dass es wesentlich weniger Frauen in Führungspositionen gibt, hat andere Gründe. Ich habe schon öfter Frauen mehr Verantwortung geben wollen, die mir dann sagten: nein, das möchte ich nicht, ich bin wo ich bin zufrieden. Mehr Zeit für die Familie, für Sport, Ehrenämter, soziales Engagement,  es gibt unzählige Gründe dafür. Das gleiche höre ich aber auch von Männern. Die Pflicht von uns Unternehmern ist es, den Mitarbeitern die Möglichkeit zu geben, darüber zu reden und ihnen Optionen aufzuzeigen. Mir ist eine verantwortliche und nachhaltige Unternehmenskultur wichtig. Die Zufriedenheit und Motivation der Mitarbeiter trägt zum Erfolg des Unternehmens maßgeblich bei. Das zeigt sich in der relativ geringen Fluktuation. Der erste Lehrling aus dem Jahr 1972 ist immer noch bei Zülow beschäftigt.

Mit der Stiftung Tandem unterstützen Sie die Integration geistig behinderter Menschen durch Sport. Wie wichtig ist Ihnen soziales Engagement?

Es ist für mich, wie übrigens für viele andere Menschen auch, eine Selbstverständlichkeit. Ich bin Mutter von zwei Kindern, die im Sport sehr erfolgreich waren und durch den Sport eine wunderbare Jugend hatten. Bei einer Sportveranstaltung kamen wir mit einer Gruppe  behinderter Sportler ins Gespräch, die uns erzählten, dass ihnen das Reisegeld für die Teilnahme an den Special Olympics fehle.   Die Aussage „Wir werden mit bestem Material ausgestattet, finden aber in euerem Leben nicht statt“, machte meinen Mann und mich tief betroffen. Wir gaben ihnen das Reisegeld, eine Summe, die die meisten von uns hätten aufbringen können. 2004 gründeten wir dann die ‚Initiative Tandem’, um Regelschulen und Förderschulen beim gemeinsamen Sport zu unterstützen und denen etwas zurückzugeben, die sich nicht selbst helfen können. Nach dem Tod meines Mannes überführte ich die Initiative in eine Stiftung mit dem Ziel, Nachhaltigkeit zu sichern. Mit vielen sehr großzügigen Spendern finanziert das Unternehmen Zülow zahlreiche Aktivitäten. Tandem bedeutet für mich und meine Familie, etwas von dem, was wir erlebt haben, zurückzugeben.

Einmal im Jahr veranstalten wir auf Gut Gnadental den Tandem-Tag, ein integratives Sportfest. Am 6. Mai 2017 zum zehnten Mal. Jedes Los geht eins zu eins in die Tandem-Kasse.

Es gibt noch weitere soziale Projekte, die Sie unterstützen…

In Neuss engagiere ich mich für Kompass D, eine Initiative von Neusser Unternehmen, die sich für die Aus- und Weiterbildung junger Flüchtlinge einsetzt. Kompass D finanziert Kurse, in denen neben der deutschen Sprache auch Allgemeinbildung vermittelt wird. Die 16- bis 25-jährigen Flüchtlinge erfahren, was es heißt, in einem demokratischen Land zu leben, Rechte und auch Pflichten zu haben. Sie hatten zum großen Teil keine Chance auf eine Schulbildung, sind zudem häufig traumatisiert. Wir hören erschütternde Berichte; da wird man bescheiden. Trotz mancher herber Erlebnisse macht diese Arbeit Freude und Mut.

Mein Engagement ist nicht unbedingt Gutmenschentum, sondern ein Beitrag für soziale Sicherheit. Wenn wir diese jungen Menschen nicht auffangen, sondern sie in Flüchtlingsunterkünften allein lassen, machen wir sie verführbar für kriminelle oder terroristische Aktivitäten. Ohne Struktur und Perspektive werden sie anfällig für Heilsversprechen.
Bilden Sie in Ihrem Unternehmen auch Flüchtlinge aus?

Wir stellen in jedem Jahr einen Ausbildungsplatz für einen jugendlichen Flüchtling zur Verfügung, dem es aufgrund seiner Biografie nicht möglich war, einen Schulabschluss zu machen. Unsere Erfahrung zeigt, dass diese jungen Menschen hoch motiviert sind, sich in Beruf und Gesellschaft zu integrieren, wenn man ihnen eine Chance gibt. Mit dem Abschluss der Ausbildung haben  sie dann auch einen Schulabschluss. Zurzeit macht ein Flüchtling aus Eritrea ein Einstiegsqualifizierungsjahr, um die Sprachdefizite auszugleichen. Und im Sommer bekommt er einen Ausbildungsplatz bei uns. Dieses Engagement erlebe ich bei allen Beteiligten, bei Berufsschulen, Unternehmen und Betrieben.

Mit dem Projekt „Wirtschaft pro Schule“ sind Sie seit vielen Jahren erfolgreich…

Seit 14 Jahren machen wir mit diesem Projekt Werbung für unsere Ausbildungsplätze und Berufe. Es ist kein soziales, sondern ein wirtschaftliches Projekt, das in Düsseldorf  und Neuss sehr gut läuft. Als Unternehmer gehen wir in die Schulen und stellen uns vor, die Schüler kommen in die Unternehmen und schauen sich dort um. Eine klare Win-win-Situation.

Jutta Zülow mit Claudia Monréal bei der Verleihung des „Düsseldorfer des Jahres“

Jutta Zülow mit Claudia Monréal bei der Verleihung des „Düsseldorfer des Jahres“

Mit dem „Gnadentaler Unternehmer Tisch – GUT“ haben Sie 2003 eine Veranstaltungsreihe ins Leben gerufen,  die sich inzwischen fest etabliert hat. Wer wird eingeladen?

Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, Menschen wie du und ich, auch Menschen, die nicht mehr arbeiten, aber trotzdem die Gespräche bereichern. Ich lade auch meine Nachbarn ein. Wichtig ist die Mischung der Gäste. Bei den meisten Veranstaltungen dieser Art trifft man immer wieder auf dieselben Leute. Das ist nett, bringt einen aber nicht unbedingt weiter.

Ich lade regelmäßig Referenten ein, die zu einem bestimmten Thema Stellung beziehen. Bei der letzten Veranstaltung war Sigmar Gabriel hier. Im Interview mit Ulrich Deppendorf gab sich Gabriel ideologisch frei und sachlich, witzig und sehr authentisch. Es war ein toller Abend, an dem Gabriel beim Publikum sehr gewonnen hat, obwohl ein großer Teil vermutlich nicht zu seinen Stammwählern gehört. Der ehemalige Ford-Chef Bernhard Mattes war einer unserer Gäste im letzten Jahr, ebenso der Bundesvorsitzende der FDP, Christian Lindner.

Sie haben mit drei anderen Beteiligten eine GbR gegründet, um ein großes Sportevent zu ermöglichen…

Ja, da geht es um die Tour de France, der Grand Départ findet am 1. Juli in Düsseldorf statt. Um an dem Bewerbungsverfahren für die Durchfahrt durch Neuss am nächsten Tag teilzunehmen, mussten 50.000 Euro aufgebracht werden. Der Rat der Stadt Neuss war nicht bereit, dem Bürgermeister diese Ausgabe zu genehmigen. Die Argumente waren nicht sachlich, da habe ich gesagt, wenn es die Politik nicht macht, macht es die Wirtschaft. Manchmal bin ich sehr spontan. Ich halte es für eine großartige Gelegenheit: Die Tour beginnt in Düsseldorf und geht am 2. Juli, einem Sonntag, durch die Innenstadt von Neuss. Mit einem Rahmenprogramm rund um das Thema Mobilität wird dieser Tag zum Familientag. Ich bin sicher, die 50.000 Euro fließen allein durch die Mehreinnahmen der Gewerbesteuer in den Stadtsäckel. Wir werden ein halbes Jahr lang im Fokus aller Radsportfans sein. Chefs im Ring sind die Stadt Düsseldorf und die Tourveranstalter, aber wir sind intensiv miteinander im Gespräch.

Wie gestaltet sich die Sponsorensuche?

Das machen mein Sohn David als Geschäftsführer der GbR und Prof. Dr. Thomas Koblenzer. Ich werde aber häufig angesprochen. Die Suche nach Sponsoren ist gar nicht notwendig, die Menschen und Unternehmen fragen danach. Man muss ab und zu mal sa.gen: Das machen wir jetzt einfach, der Rest ergibt sich im Tun. Wir sollten als Bürger wieder lernen, nicht zu verhindern, son.dern mitzugestalten. Wenn wir nicht den Mut gehabt hätten uns zu verändern, würden wir heute noch in Höhlen sitzen und mit bunter Kreide Männchen malen…

Bleibt bei allen Engagements und Aktivitäten überhaupt Zeit für ein Privatleben?

Drei meiner Enkelkinder leben in München, vier in Borken. Ich bin also eine Reiseoma. Ständige Präsenz ist nicht alles, die Fami.lie ist sich auch über diese Distanz sehr nah. Trotzdem sehen wir uns recht häufig. Ich lade oft Freunde ein, koche gern. Und habe für alles Zeit, nichts kommt zu kurz, am wenigsten ich selbst. Das Wichtigste ist, für sich selbst seinen inneren Mittelpunkt zu defi.nieren, zu erkennen, wer man ist und wohin man gehört. So wie ich bin, ist für mich die Welt in Ordnung. Wenn man das geschafft hat, hat man auch offene Augen und Ohren für andere.

Artikel von www.top-magazin.de/duesseldorf