Kultur

Adam Fischer: „Ein Werk hat immer neue Wahrheiten“

Ab der neuen Saison hat die Tonhalle bis vorerst 2020 einen neuen Ersten Konzertdirigenten: Der Ungar Adam Fischer gilt als Dirigent von Weltrang an großen Opern- und Konzerthäusern. Er wurde international bekannt durch seine Interpretationen der Wiener Klassik. Sein hohes Amt wird er in Düsseldorf mit Mahlers 7. Symphonie in Verbindung mit Joseph Haydn antreten.


Adam Fischer - Konzerthaus

Ein Gespräch mit dem Dirigenten

TOP: 2010 haben Sie Ihre Position als GMD der Oper Ihrer Heimatstadt Budapest wegen der Einmischung der rechtskonservativen Regierung niedergelegt. Wie politisch sollte ein Musiker sein?

Adam Fischer: Für mich ist es ein Prinzip, bei Verletzungen von Bürger- und Menschenrechten nicht zu schweigen. Leider bringen solche Engagements viel weniger, als ich erhofft habe. Primär ist es meine Aufgabe und mein Wille, Musik zu machen.

TOP: Im Mai 2014 haben Sie in der Tonhalle mit großem Erfolg das Mozart-Requiem dirigiert. Mit diesem Sonderkonzert wollten Sie auf das Schicksal der Sinti und Roma während der NS-Zeit aufmerksam machen. Planen Sie ein weiteres Konzert mit konkretem sozialpolitischem Kontext in der Tonhalle?

Adam Fischer: Es ging mir damals vor allem um „Zurechtlügen“ in der Geschichte. Das passiert auch in Europa immer noch. Ukraine und Russland verformen und verleugnen die geschichtlichen Tatsachen so, wie es die aktuelle Politik gerade braucht. Am 8. März 2016 planen wir ein Sonderkonzert wahrscheinlich gegen die Unterdrückung der Frau. Der 8. ist nämlich der Internationale Frauentag.

TOP: Tonhallen-Intendant Michael Becker betont immer wieder, eine intellektuelle Vorbildung solle keine Voraussetzung zum Konzertbesuch sein. Passt dazu Ihr Wunsch, die Menschen mit der Musik zum Nachdenken zu bringen – oder wäre Nachempfinden das passendere Wort?

Adam Fischer: Musik ist nonverbal, ein Ausdruck der Empfindungen. Dennoch macht Kenntnis des aufgeführten Werkes auch fürs Publikum das Konzert zum größeren Erlebnis. Wichtig sind fürs Publikum und für uns Musiker, immer wieder Neues zu entdecken. Wir Musiker bringen die Partitur zum Klingen. Ich bin immer wieder beeindruckt über das Engagement der Hörer, wenn sie mir von ihrem Eindruck erzählen. Da lerne ich immer wieder dazu. Das Grundproblem der klassischen Musik ist, dass sich das Grundrepertoire nicht erneuert und man Werktreue und Hörerlebnis immer wieder gegeneinander abwägen muss, als wär’s das erste Mal. Ein Werk hat immer neue Wahrheiten.

TOP: Welche neuen Hörerlebnisse gibt‘s, wenn Sie im November Ihren Mahler-Zyklus starten?

Adam Fischer: Mahler hatte eine stürmische Seele und hat dies mit einem sehr großen Orchester ausgedrückt – neu für die damalige Zeit. Daraus ist mittlerweile eine Mahler-Rezeption nach dem Motto „je lauter, desto besser“ geworden. Das halte ich für falsch. Mahler hat ja auch viel Kammermusik geschrieben – mit leisen Tönen. Das darf man auch bei einem 150-Personen-Orchester nicht vergessen. Ich werde mich bemühen, laut und leise zu berücksichtigen. Da ich ja auch Haydn dirigiere, könnte als meine Faustregel gelten: Mahler wie Haydn spielen – und umgekehrt.

TOP: Werden Sie sich als Tonhallen-Chefdirigent auch musikalischen Genres wie Jazz, Avantgarde und Pop widmen?

Adam Fischer: Ich habe in München mal in einem Konzertprogramm den Rockmusiker Frank Zappa mit Bartók kombiniert, hatte mir aber eine größere Resonanz davon versprochen. Wichtig ist, die junge Generation für Musik zu begeistern, ihr Impulse zu geben. So werde ich beispielsweise auch Konzerte für Kinder dirigieren. Ich verstehe mich als „Botschafter“, nämlich die Erfahrungen aus meinen internationalen Produktionen weiterzugeben – auch an die Tonhalle, für die ich ja auch künstlerischer Berater bin.

TOP: Sie erhoffen sich, von den Düsseldorfer Symphonikern auch etwas zu lernen. Wie könnte das aussehen?

Adam Fischer: Ich habe das Orchester als offen und aufnahmefreudig kennen-gelernt. Technisch und musikalisch ist es ja sowieso A-Klasse. In einer Partnerschaft muss man immer flexibel sein und aufeinander eingehen, sich anpassen und miteinander entwickeln. Die Konzerte müssten also gut werden. Sonst ist es die Schuld des Dirigenten.

TOP: Düsseldorf ist nun bis vorerst 2020 Ihre Heimat. Liegt Ihnen die rheinische Mentalität mit Karneval und Altbier?

Adam Fischer: Ans Altbier muss ich mich noch gewöhnen. Dem Karneval gegenüber sind wir offen, obwohl meine Frau Doris in Hamburg lebt. Da ich so viel unterwegs bin, haben wir bisher noch keine konkreten Wohnungspläne.

TOP: Haben Sie vielleicht schon „Lieblingsplätze“ hier?

Adam Fischer: Das Rheinufer finde ich sehr schön. Das sehe ich von meinem Dirigentenzimmer in der Tonhalle aus und freue mich jedes Mal darüber.

Fotos: Susanne Diesner

Artikel von www.top-magazin.de/duesseldorf