Menschen

„JEDER SOLLTE IRGENDWANN MAL SEINEN EIGENEN KOMPASS NEU JUSTIEREN“

Dieter Könnes, geboren und aufgewachsen am Niederrhein, ist vieles: Hörfunk- und Fernsehmoderator, Coach, Redner und Familienvater. Vor allem aber ist er ein Kämpfer. Für die Rechte von Verbrauchern und seit gut einem halben Jahr auch für Hochwasserbetroffene im Ahrtal. 34 Frühjahr 2022 · top magazin BONN menschen nach gefragt Sein Engagement und die Regelmäßigkeit, mit der er die von der Flut zerstörten Gebiete besuchte und weiterhin besucht, haben ihn verändert. In welcher Hinsicht, verrät der Moderator im Top Magazin-Interview.


 

Top: Die meisten kennen Sie vermutlich aus Ihrer eigenen Sendung Könnes kämpft, in der sie Betrugsmaschen von Behörden oder Unternehmen aufdecken, die Verbraucher an der Nase herumführen. Werden Sie manchmal auf der Straße angesprochen und um Rat oder Hilfe gebeten?

Dieter Könnes: Ja, entweder werde ich angesprochen, ob ich helfen kann oder gefragt, für oder gegen was ich aktuell kämpfe. Es geht mir manchmal wie Anwälten oder Steuerberatern auch, wenn ich beispielsweise bei Freunden oder Bekannten eingeladen bin. Dann kommt jemand und sagt: „Hör mal Dieter, ich hab‘ da mal eine Frage.“ Dann weiß ich meistens, dass den Leuten etwas wirklich auf der Seele brennt.

Top: Wonach suchen Sie Themen für Ihre Sendung aus?

Dieter Könnes: Es ist wichtig zu wissen, wer am Ende der Abnehmer ist. Für mein Format Könnes kämpft, das im WDR ausgestrahlt wird, muss ich mir immer die Frage stellen: Ist es ein Verbraucher Thema? Hat es eine Allgemeingültigkeit und ist das Thema gesprächswertig? Unpassend für meine Sendung sind Familienangelegenheiten oder private Rechtsstreitigkeiten.

Top: Man kennt Sie als Fernsehmoderator. Sie sind Freiberufler, aber auch noch in anderen Bereichen aktiv. Was machen Sie neben den Fernsehjobs?

Dieter Könnes: Ich stehe nicht nur vor, sondern auch hinter der Kamera. Gemeinsam mit meinem Partner bieten wir Industrie- und Imagefilme an. Dann werde ich oft als Moderator für off air Veranstaltungen wie Firmenfeiern oder Podiumsdiskussionen gebucht. Außerdem habe ich jetzt Ende des Jahres mit ein paar Mitstreitern den Verein Robin Gut e.V. gegründet.

Top: Robin Gut? Ist da der Name Programm?

Dieter Könnes: Ja, tatsächlich ist es so. Robin Gut ist eine Initiative für mehr Nachhaltigkeit. Bekanntlich gibt es keinen Planeten B, aber leider tun wir immer noch so. Es gibt aber viele Privatleute, Firmen oder andere Initiativen, die längst erkannt haben, dass wir in Sachen Nachhaltigkeit einen deutlichen Zahn zulegen müssen. Und die wollen wir vorstellen, vernetzen und im besten Sinne positiv darauf aufmerksam machen. Ganz aktuell sind wir mit unserem jungen Verein an einer Baumpflanzaktion im Ahrtal beteiligt. Am besten meinem Dieter Könnes TV Moderator Kanal auf Facebook folgen, da verpasst ihr nichts.

Top: Puh, das ist ja schon eine ganze Menge. Was machen Sie, wenn Sie nicht moderieren, Verbraucherfallen aufdecken oder durchs Ahrtal radeln?

Dieter Könnes: Manchmal könnte der Tag bei mir tatsächlich 48 Stunden haben, weil ich sehr viele Ideen im Kopf habe und nicht weiß, wie ich sie in eine richtige Reihenfolge bringen soll. Dann gehe ich am liebsten in die Natur. Ich bin am Niederrhein groß geworden, in Viersen, wo ich noch immer lebe und mich auch heimisch fühle. Anfang des Jahres habe ich mein altes Elternhaus umgebaut, das ist für mich der perfekte Rückzugsort. Da ich in meinem Beruf immer wieder mit vielen Menschen zu tun habe, genieße ich es sehr, in meinem Garten zu entspannen.

Top: Hobbymäßig sind Sie sehr sportlich unterwegs, haben in Köln Sport studiert und später als Sportjournalist gearbeitet. Womit fing die Liebe an?

Dieter Könnes: Genau, Sport war immer das, was mich am meisten angetrieben hat. Ich bin von Haus aus Handballer, habe das früher sehr leistungsorientiert betrieben und in der dritten Liga gespielt. Mittlerweile spiele ich nur noch sporadisch. Vor ein paar Jahren habe ich mit Tennis angefangen, und wenn es die Zeit erlaubt, gehe ich gerne laufen, weil ich da den Kopf frei bekomme. Im Winter fahre ich Ski. Nicht zu vergessen: mein Kegelclub Pro Familia (lacht). Wir hatten jetzt 25-jähriges Jubiläum und der Name ist Programm, mittlerweile gibt es mehr Kinder als Clubmitglieder.

Top: Nach dem Sportstudium arbeiteten Sie zunächst beim lokalen Hörfunk und wechselten dann zum Fernsehen: WDR, ARD, DSF, Sport1 und Sky. Seit 12 Jahren moderieren Sie die Servicezeit und seit 10 Jahren ihr eigenes Format. Wie hat sich das eine aus dem anderen ergeben?

Dieter Könnes: Ich habe damals begonnen, mit Yvonne Willicks die Servicezeit zu moderieren. Und da meine Kollegin sich um Haushaltsthemen gekümmert hat, überlegte der WDR mit mir gemeinsam, welchen Bereich ich zusätzlich übernehmen könnte. Am Ende fiel die Entscheidung auf Verbraucherthemen.

Top: Gab es ein Schlüsselerlebnis für Sie, nach dem Sie wussten, das ist jetzt mein Ding?

Dieter Könnes: Aus anfänglich kleineren Fällen entwickelte sich mit einem Mal eine größere Sache. Eine Frau wurde per internationalem Haftbefehl gesucht, weil sie mit dem Verkauf von Lebensversicherungen betrogen hat. Der Schaden ging – wie sich hinterher herausstellte – wohl in die Millionen. Das war dann meine erste längere Reportage mit dem Ergebnis, dass wir diese Frau auch gefunden haben. Durch diesen Fahndungserfolg habe ich gemerkt, dass es mich wahnsinnig reizt, solche Themen zu vertiefen und zu sehen, was man alles erreichen kann. Heute kann ich sagen, dass mein Format so vieles im Leben für mich relativiert. Durch die Geschehnisse im Ahrtal ist das noch viel krasser geworden und ich stelle immer wieder fest, wie gut es uns eigentlich geht.

 Top: Sie sind seit Anfang August – also kurz nach der Flutkatastrophe – stark im Ahrtal engagiert, führen dort viele Gespräche und hören den Menschen zu. Ihr Youtube Kanal, der viele Bilder und Einzelschicksale zeigt, hat knapp 6.500 Abonnenten. Sie sagen, die Erlebnisse dort hätten Sie verändert. Inwiefern?

Dieter Könnes: Zwei Punkte sind hauptsächlich haften geblieben. Das eine ist tatsächlich eine gewisse Form von Demut. Du stehst da und schaust dir fassungslos diese Zerstörungen an, begleitest das über die Monate und siehst, wie langsam der Fortschritt vorangeht und es relativiert vieles, was man an Problemen für sich ausmacht. Beispielsweise sind Statussymbole für mich lange nicht mehr so wichtig wie früher. Ich stelle auch zunehmend fest, wie wichtig Glück und Zufriedenheit und vor allem Gesundheit sind. Und das zweite ist eine unglaubliche Dankbarkeit, die Menschen einem entgegenbringen, mit denen man sich beschäftigt – und dies, obwohl sie so schicksalhaft gebeutelt sind. Häufig sind die Menschen sehr selbstlos und herzlich, das beeindruckt mich sehr. Deshalb geht es mir wie vermutlich vielen anderen auch: Wir kommen, um zu bleiben, weil man hier noch eine ganze Menge erreichen und bewirken kann.

Top: Sieben Monate nach der Katastrophe ist eine Normalität an vielen Stellen noch meilenweit entfernt. Wie versuchen Sie den Menschen Mut zu machen?

Dieter Könnes: Ich war letztes Wochenende noch bei einem Mann, den ich im November schon besucht hatte. Erst jetzt wird sein Haus komplett entkernt. Ich habe in die Augen eines Mannes geguckt, der mit seiner Kraft am Ende scheint und nicht weiß, woher er noch den Lebensmut hernehmen soll. Und dann stehe ich für den Moment neben diesen Menschen und würde sie am liebsten in den Arm nehmen, tröste sie und rede mit ihnen, weiß aber genau, dass ich später wieder nach Hause fahre und in mein normales Leben zurückkehre. Und dieser Mann hat – wie viele andere auch – diese Situation seit über 7 Monaten. Daher ist es toll, dass noch immer so viele Helfer dort im Einsatz sind, weil sie eine Art Ersatz-Therapie übernehmen, indem sie einfach zuhören und mit den Leuten sprechen.

 

 

Top: Sie sind aktuell noch mindestens einmal wöchentlich im Ahrtal. Haben sich vor Ort persönliche Bindungen ergeben, mit denen Sie dort zusammenarbeiten und sich immer wieder begegnen?

Dieter Könnes: Ich habe durch mein Engagement im Ahrtal viele Menschen kennengelernt, die ich sonst nicht getroffen hätte. Beeindruckende Typen, Macher, Anpacker und Leute, die zum Teil sehr unkonventionell denken und leben. Einer davon ist Thilo Vogel von den Dachzeltnomaden, der mir auf eine unglaublich einfache Art und Weise klargemacht hat, dass man mit sehr wenigen Dingen im Leben zurechtkommen und zufrieden sein kann. Thilo hat klasse Ideen und aus seiner anfänglichen Idee zu helfen, ist eine richtige Hilfsorganisation entstanden, die extrem gut organisiert ist. Das finde ich tief beeindruckend. Die Dachzeltnomaden vermitteln Werte und einen Slogan: Das WIR zählt.

Top: Was haben Sie für sich persönlich aus den letzten Monaten an Erfahrung gezogen?

Dieter Könnes: Ich habe festgestellt, dass man sich auch im höheren Alter weit weg von irgendwelchen Schul- oder Studienzeiten hinterfragen sollte: Stimmt die Reise noch? Ich nenne das immer den Kompass justieren, gedanklich mal aus sich heraus zu treten. Ich hatte das Glück, dass sich mein Kompass im letzten Jahr durch berufliche und die Ahrthal Erfahrungen fast schon von alleine gelotet hat. Ich glaube, was uns lähmt in der heutigen Zeit, ist die Angst vor Veränderung. Die Gewohnheiten, die jeder hat, bedeuten häufig viel Sicherheit, aber oft ergeben sich ganz tolle neue Dinge, wenn man auch mal vom gewohnten Weg abweicht.

Top: Herzlichen Dank!

Artikel von www.top-magazin.de/bonn