Wirtschaft

Einblicke: „Tatsächlich sind leider gerade wir in Deutschland so etwas wie Weltmeister in der Produktion von Verpackungsabfällen.“

Müll ist kein Thema, mit dem wir uns gerne beschäftigen. Und das, obwohl ihn jeder produziert. 250.000 Tonnen Abfall kommen jährlich in der Bonner Müllverwertungsanlage an. Die Inhalte stammen aus der schwarzen Tonne von Privathaushalten und dem Gewerbe.


Fernwärmerohre zum benachbarten Heizkraftwerk

 

Der Greifer umfasst je nach Zusammensetzung rund drei bis fünf Tonnen Abfall, die in einem der drei Kessel der Anlage für knapp 20 Minuten verbrennen.

Top: Frau Kutsche, In der Bonner MVA landen die Inhalte sämtlicher Bonner Restmülltonnen. Wie viele Bonner kennen diesen Ort hier?

Saskia Kutsche: Es gibt einige Interessierte, die die MVA in der Vergangenheit schon bei Führungen oder anderen Events kennengelernt haben. Unter dem Strich sind das aber dennoch zu wenig Bürgerinnen und Bürger. Obwohl in der letzten Zeit das Bewusstsein der Gesellschaft für einen verantwortungsvollen Konsum angestiegen ist, haben wir dennoch das Gefühl, dass sich die Gesellschaft in dieser Hinsicht spaltet. Die einen gehen achtsamer mit Ressourcen um, kaufen beispielsweise bewusster ein oder beteiligen sich an Sharing-Plattformen. Andere wiederum produzieren – vielleicht auch bedingt durch die Pandemie – mehr Abfall als zuvor. Wir bemerken keinen Rückgang der Abfallmengen, sondern eher einen leichten Anstieg!

Top: Wenn Sie unterwegs sind, haben Sie dann immer Ihren To-Go-Mehrwegbecher dabei?

Saskia Kutsche: Ja! (Lacht) Tatsächlich bin ich in dieser Hinsicht in den letzten Jahren ein wenig zum Öko geworden. Ich achte persönlich sehr darauf, wenig Verpackungsmüll zu produzieren und finde das absolut essentiell, unabhängig von meinem Beruf.

Top: Herr Becker, Sie wurden von Kollegen anderer Müllverwertungsanlagen ein wenig belächelt, weil sie langfristig das Ziel verfolgen, sich selbst abzuschaffen. Inwiefern?

Manfred Becker: Richtig, ein Unternehmen, dass sich selbst überflüssig machen will, klingt verrückt, oder? Wir sehen uns langfristig als Interimslösung auf dem Weg zur Zero-Waste-Gesellschaft. Natürlich klappt das nicht in fünf Jahren, auch nicht in zehn Jahren. Aber wir denken seit ein paar Jahren intensiv darüber nach, wie die nächsten 30 Jahre aussehen sollen. Stichwort Klimaneutralität, Abfallvermeidung bis hin zur Low-Waste-Society.

 

 

Top: Vor genau 30 Jahren wurde die Müllverwertungsanlage in Betrieb genommen. Wie feiern Sie dieses Jubiläum?

Saskia Kutsche: Der Tag der Inbetriebnahme jährt sich am 05.05.2022. Das werden wir auf jeden Fall mit unseren Kolleginnen und Kollegen feiern. Ob unter den Einschränkungen der Pandemie eine größere Feier im Sommer mit der Öffentlichkeit möglich ist, prüfen wir gerade. Davon losgelöst planen wir auch eine Reihe von kleineren Events – online und vor Ort. Wir denken da an Diskussionsrunden mit Experten, Barcamps und Sharing-Events wie zum Beispiel ein Kleidertausch oder Flohmarkt. Alle Events werden über unsere Social- Media-Kanäle angekündigt.

Top: Vor 30 Jahren war die MVA eine der modernsten in Europa. Bezog sich das auf niedrige Emissionswerte?

Saskia Kutsche: So ist es. Bereits damals waren die Bonner Entscheidungsträgerinnen und -träger sehr ökologisch und visionär unterwegs. Wir haben uns zum Beispiel seit 1992 strengere Grenzwerte für Stickoxide und Schwefeldioxide auferlegt als es der Gesetzgeber vorsieht. Auch nach einer Gesetzesverschärfung unterschreiten unsere Werte die Emissionsgrenzwerte deutlich.

 

Blick in einen der Verbrennungsöfen, rund 1000 Grad Celsius

 

Top: Außerdem verpufft die Wärme, die durch die Verbrennung entsteht, nicht einfach, sondern wird weiter genutzt.

Saskia Kutsche: Genau. Unsere MVA ist mit dem benachbarten Heizkraftwerk der SWB Energie und Wasser verbunden. Diese Kombination macht die Bonner Müllverwertung erst so nachhaltig – damals wie heute. Durch die nahe Anbindung können wir unseren Dampf, der durch die thermische Verwertung – also das Verbrennen des Restmülls – entsteht, nahezu ohne Wärme- und Energieverluste an das HKW liefern.

 

Blick in den Müllbunker aus der Leitwarte

 

Top: Um mal eine Vorstellung zu bekommen: Wie viele Müllautos kommen hier täglich an? Und wie viel Abfall ist das circa?

Saskia Kutsche: Hier rollen täglich rund 67 Fahrzeuge an mit einem durchschnittlichen Fassungsvermögen von 9,5 Tonnen. Insgesamt kommen somit 635 Tonnen Siedlungsabfall täglich an.

Top: Beschreiben Sie kurz das Prozedere: Der Abfallwagen leert alles in den Bunker. Und dann?

Saskia Kutsche: Wir verwerten in der MVA rund 250.000 Tonnen Abfall jährlich, davon sind rund zwei Drittel Abfälle von Haushalten aus Bonn und der Region, der Rest ist siedlungsähnlicher Gewerbeabfall. Die Abfälle werden drei bis fünf Tage im Bunker zur Homogenisierung durchmischt – damit alles gut brennt – und dann gelangen sie über Greifer in einen der drei Öfen. Die Öfen laufen 24 Stunden durchgehend an 365 Tagen im Jahr. Daraus gewinnen wir jährlich in etwa 500 Mio. kWh Dampf. Das reicht, um den Strombedarf von 19 000 Haushalten zu decken, sowie Wärme für 10 000 Wohnungen à 80 qm zu liefern.

Top: Am Ende bleibt ein Rest übrig. Was geschieht damit?

Saskia Kutsche: Bei der thermischen Verwertung bleiben wie bei jeder Verbrennung gezwungenermaßen Reststoffe übrig. Neben den Stoffen, die wir bei der Rauchgasreinigung herausfiltern, verbleibt noch Schlacke – ähnlich wie Asche beim Holzkohlegrill. Die Schlacke enthält noch einige wiederverwertbare Rohstoffe, die wir durch unser Tochterunternehmen refer im Entsorgungszentrum Lindlar herausfiltern und zurück ins Recycling führen.

Top: Nach wie vor stehen Sie vor großen Herausforderungen. Trotz des Versuches, in vielen Bereichen der Gesellschaft das Leben nachhaltiger zu gestalten, ist das Abfallaufkommen in den letzten 20 Jahren nicht gesunken. Woran liegt das?

Saskia Kutsche: Aus unserer Sicht ist das ein sehr vielschichtiges Problem. Grob würde ich es in ein politisches, ein wirtschaftliches und soziokulturelles Problem aufgliedern. Einerseits wird durch die verschiedenen Abfalltonnen, die vor unseren Haustüren stehen, suggeriert, dass alles, was nicht in die graue Tonne geht, zu 100% stofflich recycelt wird. Dem ist aber nicht so. In jeder dieser Tonnen sind erhebliche Mengen enthalten, die am Ende doch wieder verbrannt werden müssen. So gibt es beispielsweise zahlreiche Fehlwürfe wie den fettverschmierten Pizzakarton im Papiermüll, der die Tageszeitung durch Kontakt ebenfalls vom Recycling ausschließt. Auch haben Verpackungen heute zunehmend komplexe Aufgaben zu erfüllen (Hygiene, Haltbarkeit, Sichtbarkeit, mechanischer Schutz während des Transports …). Dies führt zu Materialien, die nur schwer oder gar nicht wieder trennbar sind. Tatsächlich sind leider gerade wir in Deutschland so etwas wie Weltmeister in der Produktion von Verpackungsabfällen. Des Weiteren ist seit Jahren eine Zunahme von sogenannten Single-Haushalten zu beobachten. In einem solchen Haushalt fallen naturgemäß spezifisch – also pro Kopf – mehr Abfälle an, als es in einem Mehrpersonenhaushalt pro Kopf der Fall ist. Als ein Kernproblem würde ich persönlich reklamieren, dass in der Bevölkerung ein unzureichendes Bewusstsein für die Auswirkungen des Abfallaufkommens gegeben ist. Wichtig ist, dass die Leute verstehen, dass wir nicht „unseren“ Abfall verwerten, sondern den der Menschen aus Bonn, dem Rhein-Sieg-Kreis und dem Kreis Ahrweiler. Wir verwerten thermisch, was nach dem Konsum übrig bleibt. Wer weniger Abfälle verbrannt haben möchte, kann das am leichtesten vermeiden, indem diese gar nicht erst entstehen. Darauf machen wir aufmerksam und zeigen Alternativen auf. Zum Beispiel auf unseren Social-Media- Kanälen geben wir hierzu hilfreiche Tipps, die keinen oder kaum Mehraufwand bedeuten.

 

Jochen Moll an seinem Arbeitsplatz, dem Greifer

 

Top: Mit Ihren Kollegen planen Sie ein Projekt, um „näher ran an die Bürger“ zu kommen. Der Standort der MVA soll dabei eine große Rolle spielen. Wie kann ich mir das vorstellen?

Saskia Kutsche: Die Wahrheit ist: Mit Abfall beschäftigen sich die wenigsten Bürgerinnen und Bürger gerne in ihrer Freizeit. Oft ist es eher: Produkt konsumieren, Mülltonne auf, Abfall rein, Mülltonne zu, Problem gelöst. Dem ist aber natürlich bei weitem nicht so. Wenn wir wollen, dass sich dieses Bewusstsein ändert, müssen wir miteinander in Austausch gehen. Hierfür haben wir eine ganzheitliche Zukunftsversion. Sie heißt bonNova. bonNova ist der Weg der MVA als Interimslösung zu einem Unternehmen, das den Bewusstseinswandel in der Gesellschaft aktiv vorantreibt und sich für Umweltschutz einsetzt. Stellen Sie sich vor, Sie fragen sich an einem Freitag der Zukunft, was Sie am kommenden Wochenende machen möchten und ein Besuch der MVA erscheint als perfekte Idee. In unserer Vision bonNova repariert man in einer entspannten Umgebung defekte Haushaltskleingeräte, trinkt dabei Kaffee, während die Kinder in der Wartezeit an der Fassade entlang klettern. Ganz nebenbei erfahren Sie etwas darüber, was mit Ihrem Abfall nach der Abholung zu Hause geschieht und wie Sie für eine ökologischere Zukunft ihn zukünftig sogar vermeiden können. Ganz ohne Mehraufwand, aber bei einem entspannten Tag mit Familie und Freunden. Wir wollen Menschen erreichen, ohne uns ihnen aufzuzwingen. Wir wollen nicht missionieren, sondern freundschaftlich in Austausch kommen und Denkanstöße geben.

Top: Herzlichen Dank!

 

 


 

Informationen zum Jubiläum und
den Veranstaltungen auf den
Social-Media-Kanälen @mvabonn sowie unter:
www.swb-verwertung.de

 

 

Saskia Kutsche, 27, PR- Managerin, ist seit 2019 Teil der Unternehmensentwicklung der MVA Bonn GmbH.  Ihr liegt die Ausrichtung der MVA als nachhaltige und umweltfreundliche Abfallverwertungsanlage am Herzen.

 

 

Manfred Becker, 61, Geschäftsführer der MVA Bonn GmbH und des kommunalen Entsorgungszweckverbands REK, ist seit rund 30 Jahren für die MVA tätig und engagiert sich unter anderem für eine abfallarme Zukunft.

Artikel von www.top-magazin.de/bonn