Wirtschaft

Bonn ist wandelbar. Und wunderbar. Von der ehemaligen Hauptstadt zum angesehenen Wissenschafts-Standort.

1991 fiel die Entscheidung. Ein schwarzer Tag für Bonn. Zumindest dachten das damals alle. Parlament und Regierung sollten künftig ihren Sitz an die Spree verlegen. Rheinromantik adé. Über 30 Jahre sind seitdem vergangen. Die Sorge in der Bevölkerung vor einem wirtschaftlichen Absturz oder davor, dass Bonn in ein tiefes Loch fallen würde, war groß. Doch die Ängste von damals haben sich nicht bewahrheitet. Ganz im Gegenteil.


Die DLR, das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt

 

Bonn floriert. In der Nähe des ehemaligen Regierungsviertels sind mit Post und Telekom gleich zwei Konzerne von internationaler Tragweite angesiedelt, die Einkommen in Bonn sind vergleichsweise hoch, die Arbeitslosigkeit niedriger als in anderen Städten, das kulturelle Angebot vielfältig und lebendig. Vor allem im Forschungsbereich hat Bonn den Strukturwandel mit Bravour gemeistert und sich einen ernstzunehmenden Ruf erarbeitet. Nicht zuletzt mit Hilfe der Gelder aus dem Bonn-Berlin-Ausgleich. Einrichtungen wie das Max-Planck-Institut für Neurobiologie – caesar, das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt DLR oder die Fraunhofer-Institute in Sankt Augustin, die gemeinsam eines der großen Informatik-Forschungszentren in Deutschland bilden, haben längst internationale Reputation und sind federführend in ihren Bereichen. Neben den Forschungsinstituten sind in Bonn mehrere große wissenschaftliche Organisationen wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) oder der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) und viele mehr beheimatet. Auch die Bonner Universität zählt zu den bedeutendsten Forschungsuniversitäten in Deutschland und genießt weltweit ein hohes Renommee. Eine Auswahl:

DLR – Raumfahrtagentur

Die DLR, das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt, ist das Forschungszentrum der Bundesrepublik Deutschland für Luft- und Raumfahrt. Im Bonner Süden hat die DLR ihren Sitz. Von hier aus werden deutsche Weltraummissionen organisiert und geplant sowie Strategien für die Raumfahrtpolitik entwickelt. In insgesamt 55 Instituten tüfteln 10.000 Mitarbeiter an einer gemeinsamen Mission: Erde und Weltall zu erforschen und Technologien für eine nachhaltige Zukunft zu entwickeln. Neben Luft- und Raumfahrt geht es auch um Energie und Verkehr, Sicherheit und Digitalisierung. Ziel im Bereich der Raumfahrt ist es unter anderem, Lösungen für eine Verbesserung des Klimawandels und -schutzes zu finden, Kommunikationstechnologien weiter auszubauen und das Interesse junger Menschen an der Raumfahrt zu wecken.

 

Max-Planck-Institut für Neurobiologie – caesar

Hier, am Max-Planck-Institut für Neurobiologie des Verhaltens – caesar, soll die grundlegende Frage geklärt werden, wie das Gehirn verschiedene Verhaltensweisen bei Säugetieren steuert. Diese Verknüpfung zwischen Gehirn und Verhalten bezeichnet man als „Neuroethologie“. Die besondere Schwierigkeit hierbei besteht darin, dass die Verknüpfung zwischen Hirnfunktion und Verhalten nur am lebenden Tier untersucht werden kann. Untersuchungen am aktiven Gehirn sind technisch sehr kompliziert. Gelingt es, diese technische Hürde zu überwinden, könnten Fragen beantwortet werden wie zum Beispiel, wie das Gehirn ein Modell seiner Umwelt entwirft, wie es Entscheidungen trifft oder wie es komplexes Sozialverhalten ermöglicht.

 

Fraunhofer-Institut IAIS: KI, Big Data, Maschinelles Lernen

Das Fraunhofer-Institut für Intelligente Analyse- und Informationssysteme IAIS am Standort Sankt Augustin unterstützt Unternehmen und Organisationen dabei, ihre Daten zu bündeln, zu verarbeiten und zu managen. Das IAIS gliedert sich in verschiedene Abteilungen. Im Bereich Cognitive Perception geht es darum, mittels Künstlicher Intelligenz Sprache, Audiosignale, Bilder und Videos zu erkennen, um damit z.B. autonome Fahrzeuge im Straßenverkehr oder Roboter, die mit Menschen zusammenarbeiten, zu programmieren. Beim Machine Learning werden Lernalgorithmen für Computer erstellt, die heute in vielen Bereichen als Motor der Digitalisierung zählen, z.B. bei Logistik und Medizin. Die Abteilung Big Data Infrastructures entwickelt geschützte Räume (sogenannte software-container) für große Datenmengen. Das soll den Zugang zu KI erleichtern und den Datenaustausch fair, sicher und nachvollziehbar machen.

 

Max-Planck-Institut für Radioastronomie

Was ist ultra-dichte Materie und wie wirken fundamentale Kräfte wie der Magnetismus und die Gravitation? Zahlreichen Fragen der fundamentalen Physik werden hier durch radioastronomische Messmethoden untersucht. Zum Beispiel mit dem Radioteleskop in Effelsberg, das wirklich einen Besuch wert ist! Die Forschungsgruppe am MPI sucht und studiert insbesondere schnell-rotierende Neutronensterne, um – unter anderem – Tests der Allgemeinen Relativitätstheorie und alternativer Gravitationstheorien durchzuführen. Ebenfalls wird die Milchstraße weiter erforscht und entfernte Galaxien werden beobachtet. Was nach Science fiction und Star Wars klingt, vermittelt in Wahrheit fundierte wissenschaftliche Erkenntnisse über den Kosmos sowie kosmischen Magnetismus.

 

Rheinische Friedrich- Wilhelms-Universität Bonn

Die Uni Bonn zählt derzeit zu einer von elf deutschen Exzellenzuniversitäten und hat mehr Excellenzcluster als jede andere deutsche Hochschule. Hier lernen rund 35.000 Studenten in 200 verschiedenen Studienfächern. Das Angebot erstreckt sich über sieben Fakultäten und reicht von Agrarwissenschaft bis Zahnmedizin. 1989 und 1994 erhielten zwei ehemalige Absolventen und Forscher der Uni Bonn den Nobelpreis. Abgesehen vom Lern- und Lehrniveau liegt die Uni herrlich nah am Rhein und ist sehr geschichtsträchtig. Das barocke Residenzschloss der früheren Kurfürsten von Köln bildet heute das Hauptgebäude der Uni mit geisteswissenschaftlichen Fakultäten. Das Poppelsdorfer Schloss war früher Lustschloss und Sommerresidenz der Kurfürsten und beherbergt heute Biologie und Geowissenschaften.

 


 

„Zuerst war es ein Schock. Aber Bonn hat seine Chance genutzt und sollte es weiterhin tun.“

 

Bonn-Berlin-Entscheidung am 20. Juni 1991 war ein Schock für uns Bonner. Sie fiel mit nur 338 zu 320 Stimmen sehr knapp aus. Aber immerhin sah der „Berlin- Antrag“ auch eine „faire Arbeitsteilung“ mit Bonn vor. Dazu verabschiedete der Bundestag am 26. April 1994 das Berlin- Bonn-Gesetz, das festlegte, „die Wahrnehmung von Regierungstätigkeiten in der Bundeshauptstadt Berlin und in der Bundesstadt Bonn zu sichern“. In diesem Gesetz ist die seit über zwanzig Jahren erfolgreiche Praxis von acht Bundesministerien mit erstem Dienstsitz in Berlin und sechs Ministerien mit erstem Dienstsitz in Bonn verankert. Darauf hatte besonders Helmut Kohl gedrängt – gerade weil er für Berlin gestimmt hatte. Bonn als Regierungssitz ist Grund für die Ansiedlung von über 20 Bundesbehörden, darunter viele von herausragender Bedeutung wie das Bundeskartellamt, die Bundesnetzagentur, der Bundesrechnungshof, Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte und die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungen BAFIN. Der Bund ist nach wie vor der größte Arbeitgeber in Bonn. Das sollten alle bedenken, die den Titel „Bundesstadt“ leichtfertig beiseiteschieben. Besonders im Wissenschaftsbereich zeigt sich die Magnetwirkung des ersten Dienstsitzes des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung. Vor allem deshalb haben z. B. die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die Hochschulrektorenkonferenz oder der Deutsche Akademische Austauschdienst ihren Sitz in Bonn. Wichtig ist auch das inzwischen in der Max-Planck-Gesellschaft arbeitende Center for Advanced European Studies and Research CAESAR. Es wurde 1994 vom Bund mit einem Stiftungsvermögen von 370 Mio € gegründet. Das war ein Drittel der Mittel aus der wesentlich von Kohl initiierten „Vereinbarung Ausgleichsmaßnahmen für die Region Bonn“ vom 29. Juni 1994 mit einem Fördervolumen von immerhin 1,437 Mrd €. Daraus wurde die Hochschule Bonn- Rhein-Sieg ebenso finanziert wie Institute an der Bonner Universität, die ICE- und S-Bahn-Anbindung des Flughafens Köln/ Bonn und das Arp-Museum. Auch dass Bonn heute UN-Stadt ist, geht auf diesen „Bonn-Ausgleich“ zurück. Schon vor dem Berlin-Bonn-Beschluss waren die Post und Telekom privatisiert worden. Dabei drängte gerade Helmut Kohl sehr darauf, dass die privatisierten Unternehmen ihren Sitz in Bonn behalten. Er wollte die Bodenhaftung der Konzernzentralen sicherstellen und hielt nichts davon, wenn sie sich in Metropolen wie Hamburg, Frankfurt oder München ansiedeln. Kohl sorgte auch dafür, dass die von ihm bereits 1983 auf den Weg gebrachten Museen „Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland“ und „Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland“, deren Bau kurz vor der Wiedervereinigung begonnen hat, in Bonn blieben und wehrte alle Versuche der Verlagerung nach Berlin ab. Bonn und die Region haben den Schock des Berlin-Beschlusses auch deswegen gut überstanden, weil die Berlin-Befürworter beim Bonn-Ausgleich Wort gehalten und wir die damit verbundenen Chancen genutzt haben. Ausruhen darf man sich darauf nicht, sondern muss immer wieder neue Chancen nutzen. Das vom Bund massiv geförderte Beethoven-Jubiläum 2020 hat gezeigt, dass dazu auch die konsequentere Profilierung Bonns als Beethovenstadt gehören sollte.

 

Stephan Eisel war in der Zeit des Umzugsbeschlusses und der Ausgleichsverhandlungen stv. Leiter des Kanzlerbüros bei Helmut Kohl und Kreisvorsitzender der Bonner CDU. Später hat er Bonn als Bundestagsabgeordneter in Berlin vertreten.

Artikel von www.top-magazin.de/bonn