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“KLASSISCHE MUSIK IST DIE ULTIMATIVE UNPLUGGED EXPERIENCE“

Steven Walter ist Mitte 30 und Deutsch-Amerikaner. Am 1. November trat er seine neue Stelle als Intendant des Bonner Beethovenfestes an. Weshalb klassische Konzerte für ihn mehr sind als nur ein Hörerlebnis, verriet er dem Top Magazin im Interview:


 

Top: Herr Walter, wenn Sie zwei- bis dreihundert Jahre in die Vergangenheit reisen könnten, welchen Komponisten – abgesehen von Beethoven – würden Sie am liebsten treffen?

Steven Walter: Es gibt ja einen zweiten Bonner Komponisten, das ist Robert Schumann, der ist hier gestorben, in Endenich. Und den finde ich auch ungemein interessant als Figur, gerade seine umnachteten letzten Jahre. Er war psychisch ziemlich labil und hat ein bisschen – ähnlich wie Beethoven mit seinem Hörverlust – diese letzten Jahre des Leidens unglaublich spannend in der Musik ausgedrückt.

Top: Mit Beethoven verbindet Sie bereits eine längere Zuneigung?

Steven Walter: Ich bin Cellist, als Musiker aufgewachsen, da kommt man an Beethoven nicht vorbei. Beethoven ist ein Monolith in der Musikgeschichte und es geht darum, ihn immer wieder neu zu entdecken. Man kann ständig neue Zugänge dazu finden, das habe ich als Musiker viel machen dürfen und ich freue mich, das als Veranstalter auch zu machen. Denn es geht ja auch darum, wie die ganze Öffentlichkeit, für die wir da sind, einen Zugang zu Beethoven finden kann.

Top: Was fasziniert Sie so an klassischer Musik?

Steven Walter: Es ist die ultimative unplugged experience! Das Gefühl in einem großen Orchester zu sitzen – ich hatte das Glück als 16-Jähriger – und Teil eines solchen rauschhaften Klangerlebnisses zu sein, verändert die Gehirnchemie für immer und ist sehr prägend. Ich bin bis heute sehr aufgeschlossen für alle möglichen Genres. Außerdem bin ich auch halber Amerikaner und als solcher der Popkultur grundsätzlich zugetan. Von der Unterscheidung zwischen ernster und Unterhaltungsmusik halte ich nicht viel, Beethoven hat genauso unterhaltende Musik geschrieben. Was mich beruflich interessiert und was auch mein Job hier ist, ist Musik mit Kunst Anspruch zu vermitteln. Da kann man in die Vergangenheit gehen, ich liebe die Musik der Barock-Zeit, ich liebe aber auch vieles, was seit Beethoven entstanden ist, bis zu den Zeitgenossen. Ich glaube, es ist spannend, das Miteinander in den Kontext zu bringen.

Top: Die Frage, wie man klassische Musik für junge Leute attraktiv machen kann, beschäftigt Sie schon sehr lange. Wo liegt das Problem mit klassischer Musik, ist sie zu starr oder sind die Darbietungen zu wenig auf junge Leute abgestimmt?

Steven Walter: Musik ist ja selten nur Musik, sondern in einem sozial ästhetischen Zusammenhang, das heißt Musik wird von gewissen Öffentlichkeiten als ihre Musik wahrgenommen. Und das Problem von klassischer Musik – wenn man es als Problem sehen möchte – ist, dass sie einen stark bildungsbürgerlichen Anstrich bekommen hat. Das hat erst mal nichts mit der Musik zu tun, sondern mit gewissen Formaten und Repräsentationsmustern dieser Musik. Musik ist ja erstmal neutral, man kann sie einsetzen, wie man will. Ich glaube, wenn man jüngere Menschen erreichen will, muss man sehr viel von einem Erlebnis ausgehen. Und das Erlebnis eines tollen Konzertes mit einem Streichquartett oder mit einem Orchester, das ist schon sehr stark. Meine Generation aber auch die Jüngeren sind unglaublich offen, das sind kulturelle Allesfresser, aber man darf sie nicht belehren oder ihnen vermitteln, dass man erst mal ein Seminar belegen muss, um zu wissen, worum es in der Musik geht.

 

 

Man kann ein Konzerterlebnis anbieten auf höchstem Niveau und danach kann es hier an einem Off-Ort eine abgefahrene Performance geben

 

Top: Sie erhielten Auszeichnungen wie „Musiker des Jahres“ (2010) und „Kulturmanager des Jahres“ (2011). Hat sich hier ein Weg in Richtung Geschäftsführung bzw. Intendanz schon angebahnt?

Steven Walter: Ich bin da total reingestolpert. Als Musiker habe ich begonnen, ein Festival zu gründen, das Podium Esslingen, um ein konkretes Problem für mich zu lösen, nämlich, dass man als Musiker selten Gelegenheit hat, die Strukturen des Musikschaffens und das große Ganze zu gestalten. Denn die Bedingungen, unter denen ich als Musiker auf der Bühne sitze, hängen von so vielen anderen Faktoren ab, die ich gar nicht kontrollieren kann. Für mich war es wichtig, mit Freunden zusammen diesen Gestaltungsraum zu erobern – und dann ist man plötzlich in einer anderen Rolle. Das habe ich 12 Jahre gemacht und dann kam der Anruf aus Bonn. Ich habe es nicht darauf angelegt, Intendant zu werden, aber wenn ich jetzt gefragt bin mit meinen künstlerischen Ansätzen, dann ist es eine tolle Herausforderung und eine Ehre, das groß zu machen, denn das Beethovenfest Bonn spielt wirklich in der Champions League der Musikfestivals.

Top: Sie haben mal gesagt, Sie würden für ein Klassikkonzert jubelnde junge Leute um die Bühne herum stehen sehen, ein DJPult und eine Lichtshow. Klingt super, aber auch ziemlich revolutionär. Erwartet uns so was für das Beethovenfest?

Steven Walter: (Lacht) Wenn man zurückgeht zu Beethovens eigenen Veranstaltungen in Wien, das waren eigentlich so Konzerte. Da fand ein ernster Konzert- Teil statt und dann eine große Feier hinten dran. Und dieses Feierliche – es heißt ja auch Beethovenfest – mit heutigen Mitteln ins Leben zu rufen, das finde ich schon toll. Also ich finde, man kann auch Partys feiern beim Beethovenfest.

Top: Was, glauben Sie, ist die größte Herausforderung, die im Rahmen des Beethovenfestes auf Sie zukommt?

Steven Walter: Eine große Herausforderung ist die Frage, wie es gelingen kann, das Publikum so zu diversifizieren, dass es näher ran kommt an die Realität, die wir in einer diversen Stadtgesellschaft wie Bonn heute haben. Unser Kernpublikum ist schon eher das gebildete Klassikpublikum, für das wir natürlich weiterhin super Angebote machen werden! Aber das Schöne am Festival-Format ist ja, dass man Parallelitäten schaffen kann. Man kann ein Konzerterlebnis anbieten auf höchstem Niveau, bei dem dieses Publikum zur Geltung kommt und parallel oder danach kann es hier an einem off-Ort eine abgefahrene Performance geben. Das ist gleichermaßen Problem wie auch Chance unserer heutigen Gesellschaft, dass es so wenig Anlässe gibt, so etwas Gemeinsames zu spüren. Deshalb ist es mein Anspruch, mit dem Beethovenfest eine Plattform zu erfinden, wo man sich gegenseitig begegnen kann. Man unterschätzt auch oft die Leute, es gibt ältere Menschen, die sehr aufgeschlossen sind und plötzlich in irgendwelchen Clubs erscheinen, das finde ich großartig. Ebenso großartig finde ich, wenn irgendein junger Hipster ein ernstes klassisches Konzert besucht, weil er vielleicht von Beethoven woanders abgeholt wurde.

Top: Zum Fest reisen Künstler und Musiker aus der ganzen Welt an. Wird dann meistens englisch gesprochen oder sprechen Sie zufällig auch chinesisch oder russisch …?

Steven Walter: Wenn ich es auswählen könnte, dann sicherlich chinesisch. Das ist ein Wahnsinns-Markt, sowohl auf der Musiker-, als auch auf der Publikums-Seite. Aber leider nicht. Ich bin bilingual aufgewachsen, das ist ein großes Geschenk, mit Englisch kommt man schon ziemlich weit. Ansonsten habe ich ein bisschen Schulfranzösisch in Ansätzen gelernt, aber da kann man nicht von „fließend“ sprechen.

Top: Sie haben amerikanische Wurzeln, wuchsen in Schwaben auf, lebten dann lange in Oslo, Berlin und Stuttgart und jetzt hier. Wo ist Ihre Wahlheimat?

Steven Walter: Ich habe vier Jahre in Oslo gelebt und dort mein Grundstudium Cello gemacht. Aus mir verborgenen Gründen fühle ich mich dem Nordischen sehr verbunden. Dieses skandinavische Lebensgefühl mit dem raueren Wetter und dem Meer und der Natur, das fasziniert mich sehr. Abgesehen davon bin ich natürlich geprägt von der transatlantischen Beziehung, meine ganze Familie lebt in den USA und ich habe meine Kindheit im Sommer dort verbracht. Im Gegensatz zu meinen beiden Geschwistern fühle ich mich kulturell am deutschesten, bin mit klassischer Musik, Thomas Mann und Rilke aufgewachsen, aber mich interessiert auch sehr die amerikanische Popkultur. Meine Wahlheimat wäre aber vielleicht Skandinavien, auch wenn ich mich jetzt schon im Rheinland sehr wohl fühle!

Top: Herzlichen Dank!

 

 

 

Artikel von www.top-magazin.de/bonn