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ROMANAUTORIN WIDER WILLEN

Dass ein Roman verfilmt wird, ist nichts Ungewöhnliches. Umgekehrt allerdings schon. Die Wachtbergerin Susanne Fuß schreibt ihre Drehbücher zu Romanen um. So wie auch ihr jüngstes Werk „In Zeiten des Tulpenwahns“, das im März erschienen ist und vom Ruhland-Verlag für den Deutschen Buchpreis 2021 eingereicht wurde. Warum Hollywood nicht ganz unschuldig daran ist, verrät uns die Autorin in einem Interview.


 

Top: Wie kommt man dazu, ein Drehbuch zum Roman umzuschreiben?

Susanne Fuß: Ich habe vier Drehbücher geschrieben und damit zig Produktionsfirmen abgeklappert. Aber ohne Referenzen oder „Vitamin B“ ist man trotz professioneller Betreuung leider chancenlos. Irgendwann meinte dann ein Coach zu mir: „Mit Drehbüchern in Deutschland ist es schwierig. Schreib doch einfach Romane!“

 

Top: Und war das dann auch so einfach?

Susanne Fuß: Nicht wirklich. Jeder Roman hat mich Blut, Schweiß und Tränen gekostet (lacht). Es fällt mir eben wesentlich leichter, Dialoge zu schreiben als Prosa. Außerdem ist mir die Anonymität als Drehbuchautorin, die im Hintergrund bleibt, viel lieber. Da bin ich freier als beim Schreiben von Romanen. Aber ich nahm die Herausforderung an.

 

Top: Dabei hätte es eines Ihrer Drehbücher fast auf die Kinoleinwand geschafft …

Susanne Fuß: In der Tat. Nachdem ich zwei Produktionsfirmen gefunden hatte, die mein Drehbuchprojekt „Tulpenwahn“ verfilmen wollten, kam die Hiobsbotschaft aus Hollywood. Dort war mit der Verfilmung des Romans „Tulpenfieber“ von Deborah Moggach begonnen worden. Die Filmproduzentin machte mir sofort unmissverständlich klar, dass wir niemals dagegen ankämen, zumal es sich um fast identische Titel handelte. Da habe ich meine „Tulpen“ schweren Herzens eingekellert.

 

Top: Kannten Sie das Buch denn nicht?

Susanne Fuß: Doch, aber ich hatte es bei meiner Recherche nur im Antiquariat gefunden und war davon ausgegangen: Das verfilmt keiner, da es schon zehn Jahre alt und die Geschichte sehr vorhersehbar war. Dass die britische Autorin auch Drehbücher schreibt, wusste ich nicht. Ebenso wenig, dass sie später einen Filmhit gelandet hatte. Natürlich wurde ihr „Tulpenfieber“-Buch daraufhin neu aufgelegt und dann eben auch verfilmt.

 

Top: Dennoch gab es für „Ihre“ Tulpen ein Happy End …

Susanne Fuß: Ja, allerdings erst nach einer längeren Odyssee. Nachdem ich zwei Kriminalkomödien veröffentlicht hatte, habe ich mich ans Umschreiben meines Tulpen-Drehbuchs gewagt. Als die ersten 30 Seiten des Manuskripts gleich bei sieben Literaturagenten auf Interesse stießen, habe ich den Roman natürlich zu Ende geschrieben. Doch leider hat meine Literaturagentur ihn nicht vermitteln können.
So habe ich mich dann selbst darum gekümmert und landete bei einem kleinen Independent-Verlag. Alles lief gut – bis wenige Wochen vor der Veröffentlichung der Verlagseigner starb und das Verlagsgeschäft eingestellt wurde. Das war natürlich ein absoluter Schock. Doch dann bekam ich ein Angebot vom Ruhland-Verlag, der meinen Roman gleich für den Deutschen Buchpreis 2021 einreichte.

 

Susanne Fuß wurde 1968 in Bad Godesberg geboren, besuchte das Amos-Comenius-Gymnasium in Pennenfeld und studierte an der Bonner Universität Anglistik, Amerikanistik und Komparatistik. Anschließend war sie als Wissenschaftliche Dokumentarin im Rundfunk und beim Deutschen Musikrat tätig. Seit 2012 schreibt sie Drehbücher und Romane und arbeitet als freiberufliche Lektorin und Übersetzerin. Susanne Fuß ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt mit ihrer Familie in Wachtberg.

 

Top: Warum wurde das Buch unter Ihrem Mädchennamen Susanne Thomas veröffentlicht?

Susanne Fuß: Der Verleger war der Meinung, dass sich der Name „Susanne Fuß“ nicht gut verkauft. Für mich war das in Ordnung, da mein neuer Roman weder inhaltlich, zeitlich noch stilistisch etwas mit den ersten beiden Werken zu tun hat. Auf diese Weise konnte ich einen neuen Weg einschlagen.

Top: Worum geht es in Ihrem neuesten Buch?

Susanne Fuß: Mein Roman „In Zeiten des Tulpenwahns“ spielt im Holland des 17. Jahrhunderts. Es geht um den Gärtner und Tulpenliebhaber Nicolaes Verbeeck, der, um seine Tochter mit einer üppigen Mitgift auszustatten, sich dazu hinreißen lässt, aus seiner unschuldigen Sammelleidenschaft ein knallhartes Geschäft zu machen. Es geht um unterschiedliche Seh-süchte, die zuerst harmlos scheinen, dann aber eine verhängnisvolle Eigendynamik entwickeln und zu einem Wahn ausarten. Die Tulpenspekulationsblase bildet dabei den historischen Hintergrund und ist zugleich die zentrale Metapher.

 

Bilder des niederländischen Malers Jan Steen (re.) gaben der Autorin Susanne Fuß einen Einblick in das Alltagsleben der Menschen im 17. Jahrhundert. Tulpen waren zu dieser Zeit außerordentlich wertvoll – besonders die gestreiften (li.), da sie sehr selten und nur schwer nachzuzüchten waren.

 

Top: Was war beim Schreiben die größte Herausforderung?

Susanne Fuß: Die tausend Worte zu finden, die ein Bild ersetzen. In meinem Drehbuch sollte die Kamera immer wieder Szenen zeigen, die wie ein Ölgemälde wirken, das dann plötzlich zum Leben erwacht. Ich habe lange überlegt, wie ich den gleichen Effekt literarisch erzielen kann, und mich dann dafür entschieden, an ausgewählten Stellen die Szenerie wie ein Bild zu beschreiben und zwar im Präsens.

Top: Woher nehmen Sie das Wissen um diese Epoche?

Susanne Fuß: Neben der üblichen Literaturrecherche habe ich mir viele Gemälde aus dieser Zeit angesehen. Kaum eine Epoche ist so reich dokumentiert wie das „Goldene Zeitalter“ in Holland. Interessant waren für mich Genreszenen wie im Gasthaus, wo man ins Alltagsgeschehen eintauchen kann. Um meinen Roman mit Leben zu füllen, habe ich besonders die Werke des niederländischen Malers Jan Steen studiert.

Top: Worin lag damals die Faszination für Tulpen, dass astronomische Summen dafür bezahlt wurden?

Susanne Fuß: Das ist eine der zentralen Fragen, die ich mir auch gestellt habe. Die Preisgestaltung der begehrten gestreiften Tulpen hatte natürlich mit dem Seltenheitswert zu tun. Wir wissen heute, dass die Streifen durch eine Viruserkrankung hervorgerufen wurden, weswegen die Nachzucht schwierig war.

Ich habe aber noch eine andere Theorie: Es mag an der Farbigkeit der exotischen Blume gelegen haben, die damals selten war. Entsprechend findet man auf den Bildern dieser Epoche, die den Alltag der Menschen abbilden, keine leuchten-den Farben. Das können wir uns heute in unserer kunterbunten Welt kaum vorstellen, aber zu der Zeit wurde der Alltag wirklich durch die Farben Braun und Grau dominiert.

Top: Apropos heute – wie hat sich die Pandemie für Sie beruflich ausgewirkt?

Susanne Fuß: Keine Lesungen, virtuelle Buchmessen – das macht es einem Autor natürlich schwer, sein Werk zu vermark-ten. Auf Lesungen bekommt man ein unmittelbares Gespür dafür, wie das eigene Buch beim Publikum ankommt. Aber das Schreiben ist ja nur mein zweites Standbein. Zum Glück habe ich einen „Brotjob“, der nicht von der Pandemie betroffen war: Ich übersetze Doku-Serien aus dem Englischen ins Deutsche.

Top: Was ist Ihr nächstes Projekt – ein Drehbuch oder gleich ein Roman?

Susanne Fuß: Ich bleibe jetzt erst mal beim Roman, auch wenn das nächste Projekt ebenfalls ursprünglich ein Drehbuch war. In diesem Roman spielt die Musik eine entscheidende Rolle. Das wird noch einmal ein Stück komplizierter, weil ich hier die Wirkung von Musik wortreich und stimmungsgerecht beschreiben muss und die Arbeit nicht einfach an den Filmkomponisten delegieren kann. Aber man wächst ja bekanntlich mit seinen Aufgaben.

Artikel von www.top-magazin.de/bonn