Genuss

Mit Wein- und Wortwitz

Süffig, finessenreich und niemals trocken präsentiert Wein-Kabarettist Ingo Konrads seine Pointen. Mit Top Bonn sprach der Remagener über die komischen Seiten der Weinwelt, virtuelle Wein-Erlebnisse und welchen Wein-Fauxpas er für den allergrößten Frevel


 

„Nachdem sie den Wein gleich einem Waschmaschinengang bei 60 °C Buntwäsche im Mund umhergeschleudert haben, spucken sie ihn wieder aus! Das gute Zeug! Für mich ist das auch irgendwie Alkoholmissbrauch.“

Ingo Konrads über die Rituale einer Weinprobe

 

 

Top: Herr Konrads, sind Sie eigentlich ein Kabarettist mit Wein-Know-how oder ein außergewöhnlich humoriger Weinexperte?

Ingo Konrads: Ich bin eher Kabarettist mit einer besonderen Leidenschaft für Wein. Mein Interesse für den Rebensaft hat sich schon während meines Studiums in Bonn ausgebildet, als ich wandernd die Weine vom Mittelrhein, der Ahr und der Mosel entdecken konnte. Zudem habe ich immer große Freude daran gehabt, Menschen zum Lachen zu bringen. Nach meinem „seriösen“ Berufsleben als Eventmanager war es da nur konsequent und stimmig, beide Leidenschaften zusammenzuführen.

 

Top: Was macht die Weinwelt zu einem idealen Comedy-Sujet?

Ingo Konrads: Es ist die Vielfalt. Das beginnt bei den mitunter erstaunlichen Phänomenen aus der Kulturgeschichte des Weins, geht weiter über persönliche Erlebnisse bis hin zu den Verhaltensweisen von Menschen bei unterschiedlichen Trinkanlässen, die bei genauerem Hinsehen urkomisch sind. Und da steht eine gesellige Weinprobe natürlich an erster Stelle.

 

Top: Welche Weinproben-Rituale nehmen Sie besonders gerne aufs Korn?

Ingo Konrads: Man muss nur mal aus einer gewissen Distanz eine Weinprobe beobachten. Wie zum Beispiel gestandene Manager brav befolgen, was die Winzerin oder der Winzer ihnen ansagt. Andächtig versetzen sie das Glas in eine kreisförmige Bewegung. Das hat in aller Ernsthaftigkeit und in aller Stille zu erfolgen. Kurz darauf kippen alle Nasen vornüber synchron ins Glas, und ein dem Schnauben nicht unähnliches Geräusch setzt ein. Schließlich ergießt sich der kostbare Tropfen auf erwartungsfrohe Zungen. Und dann kommt – gerade bei Profis – das Ungeheuerliche: Nachdem sie den Wein gleich einem Waschmaschinengang bei 60 °C Buntwäsche im Mund umhergeschleudert haben, spucken sie ihn wieder aus! Das gute Zeug! Für mich ist das auch irgendwie Alkoholmissbrauch.

 

Top: Auch der Wein-Fachjargon hat mitunter skurrile Perlen zu bieten.

Ingo Konrads: In der Tat. Den Modebegriff „trinkig“ finde ich sehr lustig. „Der Wein ist trinkig“, was soll das denn heißen? Trink ich ihn oder trink ich ihn net? Ein Freund von mir sagt immer, der Wein habe „einen geringen Schluckwiderstand“, das gefällt mir schon deutlich besser. Und dann gibt es noch die schönen Euphemismen, wenn man weniger qualitätvolle Eigenschaften positiv zu beschreiben versucht: Gleitet der Wein zum Beispiel wie Essig durch die Kehle, sprechen die Profis gerne von einer „säurebetonten Kreszenz“. Ein gerade noch trinkbarer Wein wird als „grundehrlich“ charakterisiert. „Dropsig“ gefällt mir auch gut, schmeckt also wie aromatisierte Fruchtbonbons aus der Kindheit.

 

 

Top: Besonders lustig wird es zuweilen, wenn Profis auf Laien treffen. Zum Beispiel im Fachhandel. Welche Fragen können Weinhändler nicht mehr hören?

Ingo Konrads: Ganz vorne: „Haben Sie auch einen Riesling mit weniger Säure?“ Dann noch: „Kennen Sie diese Winzer ALLE?“ Und schließlich: „Welchen Wein schenkt man einer Frau?“

 

Top: Und mit welchem Wein-Wissen kann ich beim Smalltalk mit „Kennern“ punkten?

Ingo Konrads: Lassen Sie einfach in regelmäßigen Abständen die Begriffe „sortentypisch“, „Terroir“ und „mineralisch“ fallen. Das reicht.

 

Top: Welches ist Ihrer Meinung nach der größte Wein-Fauxpas?

Ingo Konrads: Einen großen Wein für viel Geld zu ersteigern, um ihn dann als Anlageobjekt in einem Tresor einzusperren und Jahrzehnte später wieder zu versteigern. Der wird niemals durch die Kehle eines Weinfans fließen. Was für ein Frevel!

 

Top: Zu Ihrem Repertoire gehören auch amüsante Weinrestaurant-Bewertungen, die Sie auf einschlägigen Onlineportalen finden. Welches sind Ihre liebsten Stilblüten?

Ingo Konrads: In München habe ich das hier gefunden, ganz köstlich: „Ich hatte zur Feier unseres Hochzeitstags im Weinhaus reserviert. Es war laut. Unglaublich laut. Ich musste meinen Mann fast anschreien, dass dieser mich hörte. Das wollte ich eigentlich ausnahmsweise am Hochzeitstag unterlassen.“ Ein Wirkungstrinker aus Köln formulierte seine Enttäuschung so: „Der Kellner war so langsam, dass für uns keine Möglichkeit bestand, betrunken zu werden.“ Fast poetisch klingt die Erfahrung dieses Orange-Wein-Kosters aus Frankfurt: „Leute, der Orange-Wein war eine schlechte Kopie eines halbgegorenen Apfelweins. Sauer wie die Enttäuschung, die man mit Fassung ertragen musste.“

 

Top: Ihr Programm hält nicht nur Lustiges, sondern auch Wissenswertes bereit. Zum Beispiel warum eine Standard-Weinflasche 0,75 Liter fasst.

Ingo Konrads: Ja, die Flaschengröße. Manche sagen, sie sei zurückzuführen auf die Menge Luft, die ein Glasbläser auf einmal in die Lunge nehmen konnte. Es kursieren auch andere Theorien: 0,75 Liter Wein sei die Menge, die ein Durchschnittsfranzose an einem Abend trinken würde. Andere wiederum versichern, es sei genau die richtige Menge für zwei Personen. Wir sehen, Wein bietet immer Gesprächsstoff für lange Abende.

 

Top: Sie kommen aus Remagen und haben die Weinberge des Ahrtals quasi vor der Haustür. Was zeichnet diese Anbauregion aus?

Ingo Konrads: Remagen selbst hat ja den großen Vorteil, gleich zwei exzellente deutsche Anbaugebiete vor der Nase zu haben: Den Mittelrhein und die Ahr. Letztere kann man bequem in 20 Minuten mit der Bahn erreichen. Die enge Talsituation mit den malerischen Dörfern, die schroffen Felshänge und die Miniparzellen in schwindelnden Höhen: Da kommen unmittelbar Urlaubsgefühle auf. Und wenn man dann noch von charmant rheinisch säuselnden Winzerinnen und Winzern einen Früh- oder Spätburgunder ins Glas bekommt, ist man dem Paradies schon sehr nah. Dieses weit nördlich gelegene Weinanbaugebiet hat unglaublich intensiv zu bewirtschaftende Steillagen. Wer dort Rotweine von derartiger Eleganz und Feinheit erschafft, hat es einfach verdient, in den Himmel gehoben zu werden.

 

Top: Welche Wein-Schätze lagern in Ihrem Keller?

Ingo Konrads: Ein paar edle deutsche Rieslinge und Spätburgunder. An einem gewöhnlichen Abend trinke ich aber meist essensbegleitend einen ehrlichen Weißwein und in der Zeit, in der mein Auto Winterreifen trägt, Rotwein. Preislich zwischen sechs und zehn oder auch mal zwölf Euro. Aber es gibt auch Abende, da mache ich mir einen ganz besonderen Wein auf. Manche Tropfen brauchen keinen Anlass, sie sind der Anlass.

 

Top: Sie mussten mit Schrecken feststellen, dass Ihr Sohn – aufgewachsen in einem Haushalt mit erlesen gefülltem Weinkeller – zum Abstinenzler herangewachsen ist. Konnten Sie ihn mittlerweile mit Ihrer Leidenschaft anstecken?

Ingo Konrads: Ich habe ihm mal heimlich ein Mon Cherie untergejubelt, damit er sich wenigstens ein bisschen an den Alkoholgeschmack gewöhnt. Aber Spaß beiseite: Die heutige Jugend trinkt nicht mehr so viel wie wir damals. Das ist auch gut so. Dennoch würde ich mir wünschen, dass er irgendwann die große Kultur entdeckt, die sich im Laufe der Jahrtausende um den Wein entwickelt hat. Wobei ich sagen muss, dass er das Alter ja noch vor sich hat, in dem die meisten den Wein entdecken.

 

 

„Wenn man sich auf einen Wein wirklich einlässt, kann man tatsächlich für einen Moment eins werden mit der Landschaft, der Geschichte und den Menschen, die ihn gemacht haben. Hört sich pathetisch an, ist aber so.“

 

Top: Anekdoten wie diese erzählen Sie gerne bei Kurzauftritten, Dinnerbegleitungen oder im Rahmen eines abendfüllenden Programms … dann kam Corona. Mit ­vino-virtuell.de setzen Sie seither auf digitale Wein-Unterhaltung. Wie dürfen wir uns das vorstellen?

Ingo Konrads: Als im letzten Jahr das Quasi-Auftrittsverbot für uns Künstler kam, war ich zunächst etwas bedrückt und ohne Inspiration. Dann kam mir die Idee, Wein-Erlebnisse online anzubieten. Seit Oktober 2020 läuft es von Monat zu Monat besser. Viele Menschen sehnen sich danach, abends zusammenzukommen. Zum Genießen, zum Quatschen und zur Unterhaltung. Das geht momentan ja nur virtuell. Mit solchen Veranstaltungen geben wir dem Samstagabend seine Würde zurück. Er war auch vorher der klassische Erlebnis­abend. Auch Firmen fragen immer öfter an, um nach Online-Konferenzen noch gemeinsam Spaß zu haben. Sogar private Geburtstage laufen online. Wir senden den Gästen vorher Wein- und Bierpakete und sogar Genussboxen mit Leckereien zum Essen nach Hause. Und zur vereinbarten Zeit schalten wir uns dann zum Feiern und Lachen zusammen. Die Leute sind begeistert.

 

Top: Ob virtuell oder live: Sie sind der Mann mit dem grünen Schal. Was steckt hinter dem charakteristischen Accessoire?

Ingo Konrads: Als ich vor rund zehn Jahren als Künstler anfing, dachte ich mir, dass es gut sei, ein unverwechselbares Attribut zu verwenden. Damals war Franz Müntefering noch oft in den Medien. Er trug stets einen roten Schal. Das brachte mich auf die Idee, einen weingrünen Schal anzuschaffen und ihn bei jedem Auftritt zu tragen. Daraus ist dann tatsächlich ein echtes Markenzeichen geworden. Ich betrat vor Jahren mal, privat wohlgemerkt, ohne Schal eine Weinhandlung am Kaiserstuhl. Ich war nie zuvor in dem Ort oder in dem Laden gewesen. Da sprach mich der Verkäufer an und fragte: „Tragen Sie nicht sonst einen grünen Schal?“

 

Artikel von www.top-magazin.de/bonn