Wirtschaft

Überfluss im Überdruss

Leistungsdruck, Reizüberflutung, Freizeitstress, Komplexität des Alltags und immer wieder: Zeitmangel. Der Mensch in der modernen Gesellschaft kommt an seine Belastungsgrenzen. Was niederdrückt und eine Last darstellt, wirkt sich nicht nur körperlich, sondern auch seelisch aus. Eine gute Gelegenheit, um über Möglichkeiten der „Ent-Lastung“ zu denken.


 

Verzicht zu üben ist nicht neu. In vielen Religionen gehört es mit zu den traditionellen Ritualen. Das kaum noch eingehaltene Fasten während der Passionszeit gehört zum Beispiel dazu. Allerdings passen Entlasten, Verzicht, Bedacht nicht so sehr in eine Konsumgesellschaft. Dennoch scheint es wiederum zum menschlichen Wohlbefinden zu gehören, wenn das Leben übersichtlich, klar und genügsam ist. So erklärt sich auch, dass dem Trend des „weniger ist mehr“ immer mehr Aufmerksamkeit gewidmet wird.

 

Vor knapp 20 Jahren brachte der deutsche Autor, Karikaturist und evangelische Pfarrer Werner Tiki Küstenmacher zusammen mit dem Zeitmanagementexperten Lothar J. Seiwert den inzwischen in 40 Sprachen übersetzten und millionenfach verkauften Ratgeber „Simplify your life – einfacher und glücklicher leben“ heraus. Der Gedanke, der dahinter steht, ist: Je komplizierter und unübersichtlicher das Leben um einen herum ist, umso stärker ist das Gefühl, die Kontrolle über das eigene Leben zu verlieren. Um sich wieder frei und selbstbestimmter zu fühlen, entwickelten die Autoren ein Prinzip, nachdem man Schritt für Schritt in acht Stufen, die Übersicht in seinem Leben wiedergewinnen kann und somit auch mehr Selbstzufriedenheit. Die Stufen führen vom Äußeren ins Innere und werden bildlich beschrieben als Stufentorte, die nach oben hin immer schmaler wird:

1. Sachen

2. Geld

3. Zeit

4. Gesundheit

5. Mitmenschen

6. Partner

7. Ich

8. Spiritualität

 

Weitere Bücher der Reihe entstanden. Und es wurde außerdem ein Beratungsdienst eingerichtet. „Simplify your life“ wurde zur eingetragenen Marke.

Ordnen und aufräumen sind wesentliche Merkmale, wenn es darum geht, das Leben einfacher zu gestalten. Die Japanerin Marie Kondo geht sogar einen Schritt weiter und behauptet, dass Menschen durch richtiges Aufräumen innerlich zufriedener und glücklicher werden können. Ihre Bücher zum Thema „Magic Cleaning: Wie richtiges Aufräumen Ihr Leben verändert“ sind mittlerweile in 27 Sprachen übersetzt
und ebenfalls zu weltweiten Bestsellern geworden. Ihre Methode unterteilt sie in fünf überschaubare Bereiche:

 

  • Alles auf einmal, in kurzer Zeit und perfekt aufräumen
  • Alle Dinge zum Aufräumen werden auf einem Haufen gesammelt
  • Entscheiden, was behalten wird aufgrund der Frage: Macht es mich glücklich, wenn ich diesen Gegenstand in die Hand nehme?
  •  Jeder Gegenstand, den man behält, bekommt seinen Platz zugewiesen
  •  Alle Dinge müssen dort richtig verstaut werden

 

Ganz entscheidend für die Methode von Marie Kondo ist es, sich die Frage zu stellen:

„Macht es mich glücklich, wenn ich diesen Gegenstand in die Hand nehme?“

Die Dinge, bei denen sich ein Glücksgefühl einstellt, dürfen behalten werden und bekommen einen eigenen Platz sorgfältig zugewiesen. Das andere kommt weg, wenn auch achtsam mit einem Dankeschön und dafür, dass es sich irgendwann einmal für einen persönlich als nützlich erwiesen hat.

Auch das Internet wird als Medium zur Verbreitung des Trends genutzt. Seit fünf Jahren lebt die junge Berlinerin Ekaterina Polyakova minimalistisch und lässt insbesondere die junge Generation an ihren Erfahrungen in ihrem You-Tube-Kanal teilhaben. Unter „Minimal Mimi“ erklärt sie, unter welchen Aspekten sie ihre Garderobe bis auf wenige Teile reduziert hat, wie sie ihre Wohnung mit dem für sie Nötigen eingerichtet hat, wie sie Müll vermeidet und mehr. Knapp 20.000 Abonnenten verfolgen die Erfahrungen der 29-Jährigen, ihre Videos werden bis zu 70.000 Mal geklickt. Dieser selbst gewählte Minimalismus ist für sie kein Verzicht, sondern eine bessere Art zu leben. Der Freiraum, den sie sich dadurch schafft, gibt ihr die Möglichkeit, achtsamer mit sich selbst und der Umwelt umzugehen, lautet ihr Fazit. Anders als bei „Simplify your life“ und „Magic Cleaning“,wo es eher um den eigenen Lebensalltag geht, kommt bei Ekaterina Polyakova ein weiterer Gesichtspunkt hinzu, weshalb sie ihren Konsum reduziert und ihren Alltag bewusster gestaltet: Sie möchte nachhaltiger leben, denn die Umwelt zu schützen ist für sie ein weiterer wichtiger Beweggrund.

Das deckt sich mit den Erkenntnissen des Wirtschaftsgeographen und Zukunftsforschers Daniel Anthes, der den Trend in zwei Hauptströmungen unterteilt. Zum einen in die Gruppe derjenigen, die etwas für sich persönlich tun wollen, für die eigene Gesundheit, die sich vom Konsumzwang befreien wollen und wegen ihres eigenen Wohlergehens ihr Leben vereinfachen wollen. Die zweite Gruppe hat gesellschaftlich-politische Beweggründe. Ihr Interesse ist es nicht allein, auf Konsum zu verzichten und achtsamer zu leben. Um die Umwelt nachhaltiger zu gestalten, engagieren sie sich in unterschiedlichen Gruppen und Vereinen. Sie sehen es auch als ihre Aufgabe an, zu informieren, Mitmenschen zu sensibilisieren und fordern zum Mitmachen auf.

Der Experte engagiert sich selbst und wurde in diesem Jahr mit dem Preis „Zu gut für die Tonne!“ des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft ausgezeichnet für das Frankfurter Projekt „ShoutOutLoud e.V.“. Die Initiative setzt sich seit mehreren Jahren gegen Lebensmittelverschwendung ein und plant, demnächst ein „Foodtruck“ auf die Straßen der Stadt zu schicken, in dem mit geretteten Lebensmitteln gekocht wird.

Es gibt fünf Gründe, sich für „weniger ist mehr“ zu entscheiden:

01. Ausmisten schafft neue Freiräume. Durchschnittlich besitzt man rund 10.000 Gegenstände, das nicht nur Wohlstand bedeutet, sondern auch Ballast.

02. Reparieren schafft Werte. Dinge, denen man Zeit widmet, indem man sie repariert oder erneuert, haben eine tiefere Bedeutung als wenn etwas neu angeschafft wird.

03. Bewusst zu essen ist ein Genuss. Gemüse und Obst zur jeweiligen Saison und regional einzukaufen, bedeutet sich auf die nächste Ernte zu freuen und ist schmackhafter.

04. Selbstbeschränkung gibt Raum für Kreativität. Durch den Verzicht zum Beispiel auf unnötige Termine, bleibt mehr Zeit für Ideen und das, was einem persönlich wichtig ist.

05. Minimalismus spart unüberlegt ausgegebenes Geld. Was gespart wird, kann für fair produzierte Kleidung oder Naturprodukte eingesetzt werden.

Bleibt noch die Überlegung, warum eine konsequente Umsetzung schwerfällt. Die Gründe liegen zum einen in der Entwicklungsgeschichte des Menschen. Als Sammler und Jäger, selbst noch zu Beginn des Industriezeitalters, gab es Überfluss in dem heutigen Sinne nicht. Es gehörte zur Überlebensstrategie, mehr als nötig zuzulassen für dürre Zeiten, die immer wieder eintraten. Neben dem Bestreben zum
Überleben kommt als zweiter Faktor noch hinzu, dass es viele Menschen als Verlust empfinden, wenn sie etwas weggeben. Diese unangenehme Handlung aktiviert im Gehirn die gleiche Region, in der auch das Schmerzempfinden verarbeitet wird. In einem Fernsehinterview formulierte es der Neurologe Prof. Christian Elger von der Universitätsklinik Bonn folgendermaßen:
„Entsorgen tut weh.“

Artikel von www.top-magazin.de/bonn